Zahnpasta-Pops und Bäranoia

Da saß ich nun also, vor mir ein schäumendes Gebräu, dessen schierer Anblick Skepsis in mir aufsteigen ließ: eine dunkelbraune Flüssigkeit, auf deren Oberfläche eine Kugel Vanilleeis trieb, die sich in rasanten Tempo dem Sprudel ergab. Flüchtig betrachtet wirkte wie das Ganze wie ein missglücktes Experiment aus dem Highschool-Chemielaboratorium. Hätte mich jemand um eine fachmännische Prognose gebeten, ich hätte spontane Hitzeentwicklung vorhergesagt.

Mit weit aufgerissenen Augen sah mich meine Freundin Erin an.

„Und?“ fragte sie.

Ich lächelte, biss die Zähne zusammen, führte das Glas zum Mund.

„Wie findest du es?“

Eine berechtigte Frage.

Trinkbar war es. Sicher. Auch konnte ich wider Erwarten keine Hitzeentwicklung feststellen. Keine Verätzungen im Mundraum. Jedenfalls nicht spontan. Das es aussah wie im Glas umherwirbelnde Kotze, war gewiss eine unangebrachte Assoziation meinerseits.

Aber dieser Geschmack!

Seither – und diese Szene liegt unterdessen gut anderthalb Monate zurück – frage ich mich, wer wohl auf die Idee kam, einen Zahnpasta-Pop zu erfinden. Noch mehr allerdings interessiert mich die Frage, welche Sorte Zahnpasta. Es liegt mir auf der Zunge. Im wahrsten Sinne des Wortes. Es ist eine ganz bestimmte Sorte. Und doch will mir nicht einfallen welche.

Wer kommt auf die Idee, ein Getränk zu entwickeln, das unverkennbar schmeckt wie Zahncreme, es in zwei Liter-Flaschen zu füllen und mit Kohlensäure zu versetzen?

Rootbeer.

Und, als ob das nicht schlimm genug wäre, warum in Gottes Namen Vanilleeis?

Ein Rootbeer-Float.

Eines der vielen Dinge, die ich in Kanada zum ersten Mal in meinem Leben tat.

Noch immer sah Erin mich an.

„Du magst es nicht“, mutmaßte sie.

„Es ist nicht so übel“, begann ich, ganz der Deutsche, konnte mir einen Nachsatz aber dann doch nicht verkneifen, „wenn man Zahnpasta-Pops mag.“

Erin nahm es mir nicht übel. Immerhin hatte ich, als ich bei ihr in Port Alberni, im Landesinneren Vancouver Islands war, bereits gelernt, alles, was mir widerfuhr, gorgeous, awesome und amazing zu finden, sodass meine gezügelte Rootbeer-Begeisterung nicht weiter schwer wog.

Port Alberni, Hafen

Port Alberni, Hafen

Anpassung fiel mir noch nie schwer.

(Für alle, die deshalb glauben, ich sei Opportunist und wähle womöglich diese komische Klientelpartei – ihr wisst schon, die, deren Namen nicht genannt werden darf: niemals!)

Erst gegen Ende meiner Zeit in Kanada, mehr jedoch, als ich bereits zurück in Deutschland war, fiel mir auf, dass diese Begeisterungs-Äußerungen eine positive Veränderung meiner Wahrnehmung bewirkten. Es ging nicht spurlos an mir vorüber, alles als fantastisch zu bezeichnen. Mein gesamtes Gemüt war positiver gestimmt. Diese Beobachtung fand ich bemerkenswert. Nie in meinem Leben hatte ich so lange Zeit im englischsprachigen Ausland verbracht.

Mir war klar, dass ich in meinen verschiedenen Fremdsprachen unterschiedliche Persönlichkeiten entwickelte – oder zumindest Facetten meiner Persönlichkeit stärker in den Vordergrund traten – mein englisches Ich kannte ich bislang allerdings nicht besonders gut.

Insofern freute ich mich, mich selbst kennen zu lernen – I am Elyseo, nice to meet you – no, not Aleesio, pretty close, though, it‘s Elyseo, yeah, Ay-lee-sayo, exactly – und festzustellen, dass ich diesen Ayleesayo in seiner positiven Art schnell zu schätzen lernte.

 Wald, Port Alberni

Port Alberni, Park

Nicht nur, weil ich meinen Rootbeer-Float nicht zur Neige leeren musste, war Port Alberni ein genialer Ort, allem voran, um zu schreiben. Meine Freundin Erin ist Highschool-Lehrerin, sodass sie einen geregelten Tagesablauf hatte, der mir jede Menge Zeit ließ, um zu schreiben. Ich hatte ein eigenes Zimmer, von dessen Fenster aus mein Blick über die Siedlung und die dahinter gelegenen Wälder schweifen konnte.

Mehr und mehr gewinne ich den Eindruck, dass ein schöner Ausblick meine Kreativität und Konzentrationsfähigkeit beflügelt. Zumindest arbeite ich besser, wenn ich eine ansprechende Aussicht habe.

Meinen kreativen Schub hatte ich also in Port Alberni. Dort beendete ich den ersten meiner vier Handlungsstränge, was dem schriftstellerischen Prozess ungemein Auftrieb gab.

Wenn ich nicht in meinem Zimmer saß und schrieb, ging ich im nahegelegenen Park spazieren. Lasst euch nicht täuschen, ein kanadischer Park fiele bei uns unter die Kategorie tiefste Wildnis.

Da ich dort zum ersten Mal alleine in der Natur unterwegs war, hieß es, mich meinen Bärenängsten zu stellen. Kein Wunder, dass diese voll durchbrachen, war doch das Erste, was ich beim Betreten des Parkes sah, ein Bärenwarnschild: ein Bär mit boshaft gefletschten Zähnen und heimtückischen Blick, der aussah, als hätte er nicht gefrühstückt – oder allenfalls schlecht, mit anschließender Verstopfung.

Beware of the bear

Port Alberni, Fluss II

Port Alberni, Fluss

Die Wahl war indes, ob ich mich fortan nur noch in Vorortsiedlungen herumtreiben oder meine Hasenherzigkeit überwinden wollte. Ich entschied mich für Letzteres.

Ein erstaunliches Stück Selbstbeobachtung.

Der Adrenalinspiegel steigt, ich wage mich in den Wald. Jeder Laut, jede Bewegung wird zur potentiellen Bedrohung.

Das? Was ist das? – Ach, nur ein Fels.

Und dort? Ja, genau, dort hinten? – Puuh, doch kein Puma. Zum Glück…

Elyseo da Silva, Port Alberni

Port Alberni, boat on the river

Interessanterweise fühlte ich mich immer dann sicher, sobald ich ein Terrain bereits einmal durchwandert hatte. Beim zweiten Mal hatte ich ja bereits die Erfahrung gemacht, dass es hier weder Bär noch Cougar gab. Diese sind schließlich an Orten festgewachsen, sodass es unmöglich war, dort welche zu treffen, wo ich zuvor keine getroffen hatte.

Obschon mir die Absurdität dieser Logik klar war, freute ich mich doch, dass ich dem Ort nach einer Weile mit einer gewissen Neutralität begegnen konnte, denn er war wunderschön.

Port Alberni, Park II

Port Alberni, Wald

Ein Gebirgsbach schoss unterhalb des schattigen Waldpfades vorbei, die Möwen balgten sich um Fisch, der Frühling erblühte in all seiner Schönheit.

Ab dem zweiten Tag begleitete mich dann noch Hündin Lilly, sodass ich das Gefühl hatte, eine streitmächtige Gefährtin an meiner Seite zu haben. Balsam für wildlife-geschundene Europäer-Nerven.

 Lilly

Dienstag Abend dann nahm Erin mich mit zum Kanufahren auf einem nahe gelegenen See. Selbstverständlich sah ich erneut meine körperliche Unversehrtheit in Gefahr, obschon die Alligatoren-Vorhersage keinerlei Alligatoren vorhergesagt hatte. Aber wer wusste schon, was einem auf so einem Boot nicht alles zustoßen konnte! Ohnehin gehört es zu meinen Grundeigenschaften, neuen Dingen zunächst mit dem gebührenden Misstrauen zu begegnen. Wo kämen wir denn sonst hin!

 Sproat Lake

Boot auf dem Sproat Lake

Zu viert bestiegen wir an jenem Abend das Boot. Alles, worauf es beim Kanufahren ankommt, ist Rhythmus. Nicht unbedingt meine größte Stärke, zugegebenermaßen. Vermutlich stehe ich jeglicher Art sportlicher Betätigung nicht zuletzt aufgrund meiner Schulsport-Traumatisierung so skeptisch gegenüber. Schnell allerdings lernte ich, dass die Menschen in Port Alberni ausgesprochen wohlwollend sind.

Elyseo da Silva, Erin Riendl and friends, Kanu on Sproat Lake

Das begegnete mir in Kanada immer wieder: während ich in Deutschland stets das Gefühl habe, man müsse Aktivitäten im Zustand der Meisterschaft beginnen, erlaubten mir die Kanadier, Dinge noch nicht zu können. An diesem Ort war es einem erlaubt, Dinge zu lernen, ganz ohne dafür abschätzige Blicke einstecken zu müssen. Dies begriff ich auf unserer Kanu-Tour.

Mein Rhythmus-Gefühl erwies sich, wie vorhergesehen, als nicht perfekt. Auch bekam Erin einige Wasserspritzer ab, weil ich die Sache nicht im Griff hatte. Aber das war alles kein Problem. Im Gegenteil, ich bekam sogar ein Lob ab, dafür, dass ich mich gar nicht so schlecht anstellte.

 Löschflugzeug, Sproat Lake

Das Kanufahren machte einen Heidenspaß! Ein stahlblauer Himmel überspannte den Bilderbuch-See. Im Hintergrund lächelten uns die bewaldeten Berge zu. Wir paddelten eine Stunde und danach spürte ich Muskeln in meinen Armen und meinem Rücken, von deren Existenz ich bis dahin keine Ahnung gehabt hatte. Es war herrlich. Reines Glück durchpulste meine Adern.

Zum Glück habe ich Freunde, die mich bisweilen zu meinem Glück zwingen!

Elyseo da Silva, Sproat Lake

Die Tage in Erins Haus vergingen viel zu schnell. Zwar hatte ich mir vorgenommen, auf jeden Fall noch einmal dort hinzufahren, solange ich in Kanada war, doch natürlich kam es anders, als ich erwartet hatte.

Meine Rückkehr nach Port Alberni wird wohl ein wenig warten müssen.

5 Gedanken.

  1. wie gut, dass mir um 01.00 des nachts noch eingefallen ist, diese deine seite zu besuchen! nun ist es 02.06 und ich habe geschmunzelt, meine kinnlade aufklappen lassen und mir grüblerisch den kopf gekratzt. all diese erlebnisse und gedanken sind perlen die du auf deine lebenskette auffädeln darfst und welche dir für immer gehören.
    auf bald, hoffe ich, und wieso bekomme ich keinen newsletter mehr?
    stets die deine
    julie

    • Hallo Julie!!

      Freut mich, wenn ich Dich zum Schmunzeln und anderen unkontrollierten Gesichtsgrimassen veranlasse! Das mit dem Newsletter ist ein Problem: ich habe einen neuen installiert, weil ich keinen Zugriff auf den alten hatte (D. hatte das gemacht) – daher habe ich leider die Daten des alten Newsletters verloren. Also bitte NOCHMAL eintragen, link bestätigen und schon bist Du wieder dabei. (Spread the word!)

      Ich umarme Dich!!
      Elyseo

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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