Wie Gerhard Schröder meine bedingungslose Liebe zerstörte

Über kein Thema ist vermutlich so viel gesagt worden, wie über die Liebe, keines wurde derart vielfältig behandelt, zerpflückt, zerkaut, idealisiert und mit Vorgaben belegt, wie es denn gelebt, ja gar wie es empfunden werden müsse.

Bedingungslosigkeit sei hier beispielsweise als Schlagwort genannt, denn bedingungs­los, dass müsse die Liebe, folgt man der Ansicht zahlloser Mitmenschen, doch zumin­dest sein, um einen weiteren elementaren Anspruch erfüllen zu dürfen, der an sie gestellt wird, namentlich wahr zu sein.

Wieso nur jagt mir diese Vorstellung von „bedingungsloser“ Liebe regelmäßig kalte Schauer über den Rücken? Wenn ich genauer darüber nachdenke, muss ich Gerhard Schröder die Schuld zuweisen.

„Aber der Mann ist doch gar nicht mehr im Amt“, werdet ihr mir entgegenhalten, „außerdem – was hat der Kanzler denn in Gottes Namen mit der Liebe zu tun?“

Nun gewiss, zunächst einmal nichts und Gott lassen wir besser auch aus dem Spiel. Überhaupt mag es euch gänzlich unangebracht vorkommen, diesen unglaublich emotional beladenen Begriff Liebe auf das Feld der Politik übertragen zu wollen.

Um mich besser verständlich zu machen, will ich an dieser Stelle einen kleinen Exkurs in meine eigene Geschichte als Bürger dieser Bundesrepublik Deutschland einflechten.

Im klassischen Sinne hatte ich natürlich nie ein amouröses Verhältnis zu Gerhard Schröder – von diesem Verdacht sei der Altkanzler hiermit also ein für allemal frei­gesprochen.

Nicht Liebe war es folglich, die unsere Beziehung kennzeichnete, zumal diese, offen gestanden, relativ einseitig verlief und Gerhard Schröder mir nur wenig zurückgab. Vielmehr waren meine Gründe, diesen Mann im Jahre 1998 zu wählen, vor allem folgende gewesen: Hoffnung und der Glaube an eine positive Veränderung.

Für viele Menschen, die nicht wie ich bereits Mitte der siebziger Jahre geboren wurden, mögen die Hoffnungen, die ich mit Herrn Schröder verband, nicht mehr recht nachvollziehbar sein. Und doch, als Kind der Ära Kohl, welchem in seiner gesamten Schullaufbahn die gloriose Idee der Demokratie vermittelt wurde (oder sollte ich hier, um die Aufrichtigkeit meiner Wortwahl zu gewährleisten, besser den Begriff Parlamentarismus verwenden), als Kind eben jener Ära von Wiedervereinigung und der Aussicht auf blühende Landschaften, das allerdings, seit es denken konnte, noch keinen tatsächlichen Regierungswechsel erleben durfte, erschien mir die Zukunft in jenem Herbst 1998 geradezu verheißungsvoll: neue, aufgeschlossenere Ideen würden das Land überfluten – ja, in all meiner Naivität glaubte ich damals tatsächlich, das Gute sei auf dem Vormarsch.

Ich war zugegebenermaßen noch ziemlich grün hinter den Ohren.

Wir alle wissen, was in den darauf folgenden Jahren geschah – und spätestens die Wahl George W. Bushs zum Präsidenten der Vereinigten Staaten kurierte mich vom naiven Glauben an den Vormarsch des Guten. Und das, obwohl ich unter der Prä­misse aufgewachsen war, dass die Amerikaner des Deutschen beste Freunde seien und wir ihnen eigentlich alles, also unsere Existenz, unseren Wohlstand und genauer betrachtet auch unsere Duldung auf dem Erdenrund zu verdanken hätten.

Ja, regelrecht bedingungslos schien die Liebe der Deutschen zu den Amerikanern zu sein – womöglich nicht überall im Land, aber doch in der überschaubaren Mittelstandswelt meiner Kindheit. Dann jedoch kam der Tag, der noch heute wie eine Säurebombe in meinem historischen Verdauungstrakt schwelt – der 11. September 2001. Der Tag, der meinem Glauben an „Bedingungslosigkeit“ ein für alle Mal ein Ende setzen sollte.

Ich will die Grausamkeit der Ereignisse weder leugnen noch ihnen ihre Bedeutung für das kollektive westliche Bewusstsein absprechen, wenngleich zu anderen Zeiten bereits teils bedeutend mehr Menschen ausgelöscht worden waren, ohne dass dies die Welt auf eine auch nur ähnliche Weise erschüttert hätte, doch gewiss: das Leid der Betroffenen war unermesslich.

Nicht die Anschläge jedoch brachten mein Weltbild derart ins Wanken, sondern vielmehr Gerhard Schröders Worte von der „uneingeschränkten Solidarität“ des deutschen Volkes mit den Amerikanern.

Da war sie also, jene bedingungslose Liebe in diesem Falle des einen Volkes zum anderen – denn was genau drückt das Wort uneingeschränkt sonst aus, wenn nicht die Aufgabe eines jeglichen Überprüfens der Handlungen des anderen, die unhinter­fragte Zustimmung zu schlichtweg allem im Namen der Solidarität.

Was daraus erwuchs, ist uns hinlänglich bekannt: Kriege im Namen des Friedens und der Demokratie, die Diffamierung ganzer Bevölkerungsgruppen aufgrund ihrer Religionszugehörigkeit, die Abschaffung hart erkämpfter Bürgerrechte unter dem Deckmäntelchen der Wahrung nationaler Sicherheitsbedürfnisse…

Ich will hier nicht länger verweilen, hoffe jedoch plausibel vermittelt zu haben, weshalb das Konzept der Bedingungslosigkeit sich nach jenem Tag in meiner eigenen kleinen Welt zunächst nur schwerbeschädigt wiederfand, an den Folgen jedoch bald darauf verschied und somit getrost zu den zahllosen Opfern des 11. September ge­rechnet werden darf.

Mein Ausgangspunkt jedoch war ein anderer und eigentlich ist mein Anliegen nicht über Politik, sondern über die Liebe zu sprechen – beides sicherlich ergiebige, in ihrer Vermischung allerdings vermutlich schier unerschöpfliche Themen.

Wieso also ist die Sache mit der Liebe eigentlich immer wieder derart kompliziert, selbst wenn sie im subjektiven Verständnis eines jeden Einzelnen als wahr angesehen wird? Wieso gibt es gar Menschen, die glauben, Liebe noch nie empfunden zu haben, wenngleich ich sie und ihr Verhalten nur anzusehen brauche und mir das Gegenteil klar ersichtlich ist?

Nun, letztere Frage ist leicht zu beantworten. Diese pathetisch-idealisierte und stilisierte Vorstellung, die unsere Gesellschaft von Liebe pflegt, ist tatsächlich für kaum einen Menschen erfüllbar und, sollte die persönliche Vorstellungswelt des Einzelnen sehr stark auf Perfektion und Vollendung hin ausgerichtet sein, ist der Zweifel daran, ob man selbst je wahre – also diesen Ansprüchen gerecht werdende – Liebe empfunden hat, durchaus verständlich.

Ich will mich von diesem hehren Liebesverständnis nun allerdings einmal lösen und die Liebe und die Probleme, die im zwischenmenschlichen Umgang in ihrem Rahmen auftreten, einmal aus einer pragmatischeren Sichtweise heraus beleuchten – vergesst also Scarlett O’Hara und Rhett Butler, Romeo und Julia, Lady Di und Dodi Al Fayed.

Um dieser unromantischen Sicht ein gewisses Profil zu verleihen, werde ich einfach versuchen, das, was ich unter Liebe verstehe, auf die denkbar knappste und ratio­nalste Weise zu formulieren:

Liebe bedeutet für mich, dass sich zwei Menschen dafür entscheiden, sich ein ums andere Mal neu auf einander einzulassen und sich bemühen, was auch immer ihnen im Laufe ihrer Beziehung begegnen mag, gemeinsam in den Griff zu bekommen. Eigentlich bin ich kaum je geneigt, christliche Floskeln heranzuziehen, in diesem Falle jedoch tue ich es, da es wohl keine knappere und treffendere Formulierung gibt: In guten wie in schlechten Zeiten.

Dass die ursprüngliche Bedeutung dieser Worte im allgemeinen Bewusstsein leider verloren gegangen ist, ist meines Erachtens einer der wesentlichen Gründe für die extrem hohe Scheidungsrate unserer Tage. Denn, wenn man diese Worte wörtlich nimmt, bedeuten sie nichts anderes, als sich Schwierigkeiten genauso wie freudigen Ereignissen gemeinsam zu stellen, gemeinsam bereit zu sein, sich mit den Gemüts­lagen, der Entwicklung und Veränderung des Partners auseinanderzusetzen, ohne gleich die Flinte ins Korn zu werfen, und zu versuchen, stets aufs Neue eine gemeinsame Lösung für etwaige Probleme zu finden. Nicht mehr und nicht weniger.

Doch wie kommt es, dass selbst Menschen, die sich für ein relativ rationales, wenig idealisiertes Liebeskonzept entscheiden (welches Emotionen, Nähe und Zärtlichkeit natürlich nichtsdestotrotz beinhaltet), häufig auf Probleme stoßen, die man, grob umrissen, mit dem Gefühl des „Sich-nicht-verstanden-Fühlens“ beschreiben könnte?

Die wesentliche Ursache hierfür liegt wohl in einem Themenfeld, das ich einmal die Sprachen der Liebe nennen will.

Dieser Begriff bedarf einer Erklärung. Ich denke, dass Menschen, die für sich selbst zwar das Bewusstsein erlangt haben, einen anderen Menschen zu lieben, häufig dennoch mit folgendem Problem konfrontiert sind:

„Ich liebe sie/ihn doch. Deswegen habe ich gestern die Küche aufgeräumt, den Müll hinuntergebracht etc.“ oder „Ich liebe sie/ihn doch, deswegen habe ich ihr/ihm diese wunderschöne CD geschenkt etc.“.

Dieses Verhalten ist an sich natürlich völlig neutral zu bewerten, denn, und das ist an dieser Stelle meine grundlegende These, jeder hat seine eigene Art, seiner Liebe Ausdruck zu verleihen.

Der eine mag fünf Mal am Tag den Satz „Ich liebe Dich“ aussprechen, der nächste Tag für Tag ein kleines Geschenk als Zeichen seiner Liebe mit nach Hause bringen, ein anderer würde seine/n Partner/in am liebsten von morgens bis abends mit Zärtlichkeiten überschütten, wieder ein anderer brächte am liebsten den ganzen Tag im Gespräch mit der/dem Angebeteten zu und mein letzter Beispielkandidat vielleicht vermag seine Liebe nur auszudrücken, indem er dem/der Partner/in ein möglichst abenteuerliches Leben bietet, sie/ihn zum Bungee-Sprung, zur Ballonfahrt, zum Colorado River Rafting o.Ä. entführt.

Dies seien nur einige Beispiele aus der großen Bandbreite der Arten, wie Menschen ihre Liebe zum/zur anderen auszudrücken versuchen – jede für sich neutral betrach­tet gleichwertig und auf ihre Art wunderschön, jede jedoch ebenso missverständlich.

Nur einmal angenommen, meine Art, Liebe auszudrücken äußerte sich darin, dass ich meinem/meiner Partner/in tagtäglich bezaubernde Liebesgedichte verehrte, er/sie allerdings verstünde unter dem Ausdruck von Liebe häufige körperliche Zuwendung, so könnte schnell eine Situation eintreten, in der ich das Gefühl habe, dass er/sie mich nicht liebt, weil er/sie meine liebesprühenden Gedichte nicht ausreichend würdigt, andersherum könnte der Eindruck von mangelnder Liebe durch die als nicht ausreichend empfundene Zärtlichkeit entstehen.

So also stellt sich in meinem Beispiel – und ich denke sehr häufig in Beziehungen – die Problematik folgendermaßen dar: Beide Partner empfinden im Grunde genom­men sehr ähnlich für einander und haben, sagen wir einmal, diese Entscheidung des „In-guten-wie-in-schlechten-Zeiten“ jeder für sich durchaus getroffen, scheitern jedoch über kurz oder lange daran, dass sie die subjektive Art des Anderen, diese Liebe auszudrücken, also die Sprache seiner Liebe nicht verstehen oder sogar über­haupt nicht als Ausdruck seiner/ihrer Liebe wahrnehmen.

Deshalb entstehen häufig Gedanken wie „Er/sie kann mich ja nicht wirklich lieben, wenn er/sie nicht ___________“ – hier steht es jedem getrost frei, das Kriterium zu ergänzen, welches für ihn der hauptsächliche Beweis seiner eigenen Liebe ist.

Dementsprechend glaube ich, dass wir, schafften wir es, die Ebene der stilisierten und idealisierten Liebe zu verlassen und ins alltägliche Leben zu treten, in dem Liebe in einer keineswegs minderwertigeren, sondern schlichtweg realeren Form tagtäglich auftritt, dann eine reelle Chance haben, diese Liebe mit anderen Menschen zu teilen, wenn wir begreifen, dass deren Sprache der Liebe sich von der unseren zwar grund­sätzlich unterscheiden mag, dass sie nichtsdestoweniger nichts anderes ist als der jeweils subjektive Versuch eines Menschen, seine Liebe auszudrücken, die letzten Endes ein Gefühl bleibt, weswegen dieses Ausdrücken von Liebe immer nur ein Versuch sein kann, einem anderen Menschen eben dieses Gefühl zu vermitteln: Ich liebe Dich.

Elyseo

Nürnberg, 23. November 2008

 

Foto: Das blaue Sofa. Herzlichen Dank!
http://www.flickr.com/photos/das-blaue-sofa/6353746393/lightbox/

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