Von Weltbilds „Bibliothek der Verbotenen Bücher“ und der Bedeutung von Freiheit

Die Weltbild-Strategie der vergangenen Tage spricht Bände.

 

Die Repräsentanten der Verlagsgruppe stellen sich tot.

Für all diejenigen, die an der Wahrhaftigkeit des Zensurvorwurfs zweifeln, sollte spätestens hiermit der Beweis erbracht sein, dass die Vorwürfe, die gegen die Weltbild-Gruppe erhoben wurden, nicht aus der Luft gegriffen sind. Wäre dem nicht so, hätte es unterdessen ein Dementi gegeben. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

(Wer nicht mit den Zensurvorwürfen vertraut ist, siehe meinen Blogpost: Schwule Bücher)

Die Strategie des Verlagshauses ist nicht weiter überraschend.

Marketing-Experten raten Unternehmen, über die ein sogenannter Shit-Storm hereinbricht, die Sache auszusitzen. Irgendwann lege sich die Aufregung von selbst und es gehe weiter wie gewohnt.

Was mich ob seiner Unverfrorenheit doch überraschte, war der einzige Weltbild-Tweet bei Twitter in den vergangenen Tagen.

Am Freitag, den 14. Juni 2013, zwitscherte Weltbild fröhlich:

 

Weltbild News‏@weltbildnews14 Jun
Die Bibliothek der verbotenen Bücher: Die Bücherverbrennung der Nationalsozialisten jährt sich dieses Jahr zum… http://bit.ly/16lM4TB 

 

Weltbild wirbt für eine Bibliothek der verbotenen Bücher?

Verkehrte Welt.

Offenbar scheint da einer der Marketing-Strategen des Unternehmens nicht ganz auf der Höhe der Diskussion gewesen zu sein. Vermutlich hatte er Hunderte und Aberhunderte von Schmähungen und die Empörung auf der Weltbild-Facebookseite schlicht überlesen.

Oder aber die Verlagsleitung übt sich in Ironie.

 

Wir Protestler gegen die Zensur seitens der mächtigen Weltbild-Gruppe und der noch mächtigeren katholischen Kirche haben es derzeit schwer.

(Wer sind WIR? https://www.facebook.com/NeinZurZensurBeiWeltbildhttps://www.facebook.com/groups/466679630089373/ und die zahllosen bislang ungehörten Kommentatoren auf der Weltbild-FB-Seite)
 

Das Echo in den Medien ist, wenn ich es mal positiv ausdrücken möchte, verhalten.

Der Weltbildverlag streckt alle viere gen Himmel und harrt besserer Zeiten.

Innerhalb der Facebook-Gruppe Gegen Bücherzensur bei Weltbild einen Konsens für gemeinsame Aktionen zu finden, ist schwierig. Die Diskussionen gleiten immer wieder ins Philosophische ab. Die Frage der Existenz oder Nichtexistenz Gottes ist gewiss eine Interessante, nichtsdestoweniger fürchte ich, dass selbst die feurigsten Atheisten katholische Gläubigen nicht dazu bringen werden, ihrem Glauben abzuschwören.

Der angestrebten Wahrnehmung der Problematik in der breiten Öffentlichkeit kommen wir dadurch keinen Schritt näher.

Die Strategie des Weltbild-Verlags geht im ersten Augenblick also auf.

Nichts verändert sich.

 

Kaum etwas greift den Menschen emotional mehr an, als das Gefühl, ihm die gebührende Wahrnehmung zu verweigern.

Wer sind wir, wenn niemand sieht, dass wir sind? Was nutzt unser schöner Protest, wenn niemand ihn hören möchte?

Mit diesem Problem haben wir derzeit umzugehen. Viele von uns müssen das zunächst einmal lernen.

Dennoch ist es nicht das einzige Problem, mit dem ich mich in den vergangenen Tagen konfrontiert sah.

Mit dem Zweiten möchte ich mich hier beschäftigen.

Immer wieder wurden mir Argumente entgegengehalten, weshalb dieser Protest entweder sinnlos, zeitlich unpassend oder logisch falsch sei.

Damit möchte ich mich gerne näher auseinandersetzen.

Ich hoffe ihr verzeiht mir, dass ich mich nicht dazu äußern werde, ob die Ereignisse in der Türkei oder die Jahrhundertflut es angemessen erscheinen lassen, in diesem Moment zu protestieren.

Ehrlich gesagt, irgendwas ist immer.

Die Macht der Medien heutzutage – und das ist die Macht, die wir für uns gewinnen müssen, so wir wollen, dass dieser Protest Früchte trägt – liegt in der Auswahl der Themen.

Zugegebenermaßen stellen sich dabei wenige so ungeschickt an, wie die Weltbild-Verlagsleitung.

Für gewöhnlich findet diese Form der Zensur unbemerkt statt.

Unser Ziel sollte es meines Erachtens sein, den Medien den Skandal-Gehalt dieser Geschichte schmackhaft zu machen. Sie müssen sich landesweite Aufmerksamkeit und somit Rentabilität von ihrer Berichterstattung versprechen.

Sobald diese Bedingung erfüllt ist, wird es keine Rolle mehr spielen, was anderswo geschieht. Es geschehen schließlich immer mehrere Dinge zur gleichen Zeit.

 

Aber das hat doch alles keinen Sinn.

 

Mit diesem Argument wurde ich in den letzten Tagen mehrfach konfrontiert.

Die Politikverdrossenheit einer Vielzahl von Bürgern, die in lethargischer Erstarrung alles hinnehmen, was in der Welt ringsum sie her geschieht, kann ich nach all den Jahren der sogenannten Alternativlosigkeit nachvollziehen.

Ich allerdings glaube nicht an sie.

Nein, wir Bürger dieses Landes sind nicht ohne Macht.

Selbst wenn die Politiker uns das nur allzu gern glauben machen wollen. Selbst wenn sie nicht öfter als alle vier Jahre um unsere Aufmerksamkeit buhlen, um ihre persönlichen Schäfchen ins Trockene zu bringen.

Die Macht, die wir besitzen, liegt indes in den seltensten Fällen darin zu versuchen, direkt auf die Politik Einfluss zu nehmen.

Die Mühlräder der Parteiapparate mahlen langsam. Allzu viele Idealisten wurden zwischen ihnen bereits zermahlen.

Hier ist der Umweg über die Medien gefragt. Ein Umweg aus dem Grund, da in einer demokratischen Gesellschaft die Politik für derlei zuständig sein sollte.

Unsere Demokratie hat sich jedoch in eine Medien-Demokratie verwandelt.

Bedeutsam ist, worüber berichtet wird.

Ob mir das persönlich gefällt oder nicht, ist irrelevant.

Wollen wir ausreichend Druck aufbauen, um Weltbild zum Einlenken zu bewegen, brauchen wir die öffentliche Berichterstattung.

 

Wesentlich gewichtiger ist jedoch die Auseinandersetzung mit dem einzigen wirklichen Argument, das ich bislang bezüglich der Zensur von Büchern homosexueller Thematik beim Weltbild-Verlag gehört habe.

Das Argument lautet:

 

Es ist doch die Freiheit des Unternehmens, was es verkauft. Da dürfen wir uns nicht einmischen.

 

Diese Aussage, die im ersten Moment logisch erscheinen mag, möchte ich genauer beleuchten. Bei so manchem, dem sie begegnen mag oder schon begegnet ist, wird sie im Zusammenhang mit der gegebenen Situation ein gewisses Unbehagen hinterlassen. Ein Bauchgrimmen.

Und das meiner Meinung nach zurecht.

Dennoch ist es schwer, argumentativ gegen sie vorzugehen.

Warum ist das so?

Seit Jahren hantieren westliche Politiker mit dem Begriff Freiheit, wann auch immer sie Andersdenkende zum Schweigen bringen wollen.

Nicht jeder wählt dabei so drastische Methoden wie der ehemalige US-Präsident George W. Bush, der all diejenigen, die sich seiner Meinung bezüglich eines Friedensfeldzuges im Irak nicht unterwarfen, auf einer Achse des Bösen lokalisierte.

Nichtsdestoweniger ist dem Begriff Freiheit im letzten Jahrzehnt zweierlei widerfahren:

Einerseits wurde er in ein Totschlagargument umfunktioniert, das ein ums andere Mal zweckentfremdet und missbraucht wurde.

Andererseits erfuhr der Begriff durch die übermäßige und rein funktionsorientierte Verwendung eine Sinnentleerung.

Wenn ich meine Schüler heute frage, was der Begriff Freiheit für sie bedeutet, vermag kaum einer mir eine Antwort zu geben.

Der Begriff Freiheit hat den Status von Unhinterfragbarkeit erlangt, ohne dabei noch eine gemeinhin nachvollziehbare Bedeutung zu haben.

Das irritiert mich.

Noch mehr beängstigt es mich, dass der Begriff zumeist rein ökonomisch verwendet wird. Um die Freiheit des Menschen geht es selten, so nicht die Freiheit der Auswahl im Supermarkt gemeint ist, um es mal überspitzt auszudrücken.

Was also auf die Aussage erwidern, dass es dem Unternehmen doch freistehe zu verkaufen, was es wolle?

Vorwegschicken möchte ich, dass ich kein Jurist bin. Meine Schlüsse juristisch zu belegen, überlasse ich gern Erfahreneren. Dennoch ist selbst mir als Laien bekannt, dass es ein sogenanntes Antidiskriminierungsgesetz gibt (in der Fachsprache AGG genannt, Allgemeines Gleichbehandlungsgesetz).

Allein die Existenz eines solchen Gesetzes erlaubt es mir, zumindest moralische Implikationen daraus abzuleiten. Diese sollten sich auf die Gesamtgesellschaft beziehen und sich nicht auf rein ökonomische Vorgänge beschränken.

Diese Ableitung ist simpel wie absolut:

Es ist verboten, Menschen zu diskriminieren.

 

Zunächst aber ein Exkurs in unsere Meinungsbildungskultur.

Jeder, der schon einmal eine Polit-Talkshow gesehen hat, kennt folgendes Gesprächsmuster:

Argumente werden eingeleitet, indem der Diskutant dem Vorredner zustimmt und dann mit einem Ja, aber zu seiner eigenen Meinung überleitet.

Das ist deshalb interessant, weil es meines Erachtens einen ziemlichen klaren Spiegel unserer Diskussionskultur darstellt.

In Zeiten des Pluralismus bestehen oftmals mehrere Positionen nebeneinander. Auch grundverschiedene, manchmal gar konträre Positionen haben bisweilen gleichzeitig ihre Existenzberechtigung.

Die Aufgabe des Individuums der heutigen Zeit ist also nicht, Positionen für richtig oder falsch zu erklären, sondern vielmehr eine Priorisierung vorzunehmen.

Das bedeutet heutzutage Meinungsbildung.

Welches dieser Argumente halte ich persönlich für wichtiger?

Nun sind wir in unserer Gesellschaft so darauf getrimmt, die Bedürfnisse von Unternehmen und Wirtschaft im Allgemeinen über unsere eigenen zu stellen, dass es uns schwer fällt, einem Argument wie dem oben genannten zu begegnen.

Denn sachlich betrachtet ist dies natürlich im ersten Augenblick richtig:

Es fällt in den Bereich der Freiheit des Unternehmers zu entscheiden, was er verkauft.

Andererseits aber wird die Lage im Falle Weltbild auch juristisch heikel, da Weltbild einen bewussten Akt der Diskriminierung vollzieht.

Dieser besteht darin, dass der Verlag die Bücher homosexuellen Inhalts aus dem Verlagssortiment herausnehmen muss.

Zur Begründung dieses Vorgehens bezieht er sich auf die traditionellen Werte der katholischen Kirche.

In der 50 Quadratmeter großen Stadtteil-Buchhandlung ums Eck kann ich jeden lieferbaren Buchtitel bestellen. Es geht also nicht darum, dass die Weltbild-Filialen jeden lieferbaren Titel im Laden vorrätig haben. Dies wäre schlechterdings unmöglich.

Worum es aber geht, ist, dass die Firmenleitung durch die aktive Herausnahme der Bücher einen Akt der Diskriminierung begeht. Diese Diskriminierung ist noch dazu auf eine im Diskriminierungsgesetz speziell aufgeführte Gruppe gerichtet.

Die Begründung hierbei spielt letztlich keine Rolle.

Im AGG heißt es:

 

§ 1 Ziel des Gesetzes ist, Benachteiligungen aus Gründen der Rasse oder wegen der ethnischen Herkunft, des Geschlechts, der Religion oder Weltanschauung, einer Behinderung, des Alters oder der sexuellen Identität zu verhindern oder zu beseitigen.

(Hervorhebung durch den Autor des Blogposts)

Auch das Argument, dass sich das Antidiskriminierungsgesetz ausschließlich auf Arbeitsverhältnisse beschränke, ist widersinnig.

Als Anwendungsbereich wird im § 2 explizit der Bereich Bildung aufgeführt.

§ 2 (1) Benachteiligungen aus einem in § 1 genannten Grund sind nach Maßgabe dieses Gesetzes unzulässig in Bezug auf:

(…)

7.

die Bildung,

8.

den Zugang zu und die Versorgung mit Gütern und Dienstleistungen, die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, einschließlich von Wohnraum.

 

Die sogenannte Kirchenklausel (AGG, §9), die arbeitsrechtliche Ausnahmen dieses Gesetzes zulässt, greift in diesem Falle nicht, da es sich bei der seitens des Weltbild-Verlages begangene Diskriminierung nicht um Arbeitsrecht handelt und somit keine Rede von gerechtfertigten beruflichen Anforderungen sein kann, wie sie in diesem Paragraphen ausgenommen werden.

 

Was aber bestehen bleibt, ist das Verbot der Diskriminierung aufgrund der sexuellen Identität (§1), worunter auch die sexuelle Orientierung fällt, und der Geltungsbereich des Antidiskriminierungsgesetzes, der sich explizit auf den Bereich Bildung (§2, 7.) und den Zugang zu (…) Gütern (…), die der Öffentlichkeit zur Verfügung stehen, bezieht.

Beides halte ich im Falle Weltbild für zutreffend.

Zunächst sind Bücher das Bildungsmedium schlechthin.

Die schiere Größe der Weltbild-Gruppe beeinträchtigt im Falle von Zensur aber eben auch den Zugang der Öffentlichkeit zu besagten Gütern, namentlich der Literatur homosexueller Thematik. Bei einem Jahresumsatz von knapp 1,6 Milliarden Euro ist Weltbild auch einer Bringschuld der Gesamtgesellschaft gegenüber unterworfen. Und sei es nur der respektvolle Umgang mit der Meinungsfreiheit und anderen Gesetzen, die unser Zusammenleben regeln.

 

Mein Schluss aus dieser Darlegung ist klar: Selbst wenn es eine unternehmerische Freiheit gäbe, die hierbei beschränkt würde, unterliegt Weltbild aufgrund der obigen Ausführungen dem Antidiskriminierungsgesetz. Die Zensur ist zumindest moralisch, meiner Meinung nach aber auch juristisch verboten.

Persönlich gesprochen halte ich die Freiheit des Individuums ohnehin für wichtiger als die Freiheit der Ökonomie.

Ich empfinde die in den zurückliegenden Jahren der Krise zu beobachtende Pervertierung des Freiheitsgedankens als in höchstem Maße bedenklich. Sei es, dass das Wohl des Bürgers zugunsten von Banken-Rettungen in den Hintergrund zu treten hat oder dass wir unsere National-Ökonomien auf Gedeih und Verderb in die Hände von Rating-Agenturen gelegt haben, die keinerlei demokratischer Kontrolle unterworfen sind.

Es ist Zeit, in diesem Lande so einiges neu zu gewichten.

Beginnen wir damit, dass wir im Falle der offenkundig begangenen Diskriminierung Homosexueller durch die Weltbild-Gruppe nicht weiterhin so tun, als beträfe sie uns nicht oder als gäbe es Wichtigeres.

In dem Augenblick, in dem Werte wie Meinungsfreiheit und Gleichbehandlung (die letzten Endes gesetzlich nur aus dem Grund festgeschrieben wurde, um das Grundrecht Nummer eins, die Menschenwürde, zu wahren) in unserem Land zur Disposition stehen, steht mehr auf dem Spiel als unser persönliches Einkaufsverhalten:

es geht um den Erhalt unserer Demokratie.

 

 

Nein zur Zensur bei Weltbild! Unterstütze uns jetzt!
Elyseo da Silva,

 

Köln, 17. Juni 2013

 

weltbild nein danke

2 Gedanken.

  1. Nichts ist so wichtig wie die freie Meinungsäusserung und genau darum untersütze ich diese Aktion.

    * FARBE* bekennen !!!

    • Das sehe ich ähnlich, Berni. Das Recht auf freie Meinungsäußerung anzugreifen, halte ich für ausgesprochen gefährlich. Dass in Deutschland beinahe niemand dazu zu bewegen ist, sich zur Wehr zu setzen, empfinde ich beinahe als noch bedenklicher. Woher all die Solidarität mit der Türkei, mit Brasilien etc., wenn die Bürger die Augen zusammenkneifen und so tun, als sähen sie nichts, wenn es um die eigenen Rechte geht.

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