Von Walen und der See

Obschon ich unterdessen zurück in Deutschland bin, habe ich mir vorgenommen, Euch meine Kanada-Erlebnisse nicht gänzlich vorzuenthalten. Ich will versuchen, zumindest von einigen Geschichten zu erzählen, die mir während meines zweimonatigen Aufenthaltes widerfuhren. Aufgrund meiner Fokussierung auf die Fertigstellung meines Romans musste ich mir immer wieder das Schreiben von Blogposts verbieten. Es wäre gewiss eine willkommene Ablenkung gewesen (ihr kennt das – es ist so ähnlich, wie wenn ihr an einer Master-Arbeit sitzt und plötzlich eine Wahnsinnslust auf Fensterputzen und Schimmelflecken im Bad Entfernen entwickelt).

Da ich nun rückblickend erzählen werde, lasse ich die Chronologie außer Acht und werde willkürlich von einem Punkt zum nächsten springen.

Ich möchte mit einem der letzten Erlebnisse auf Vancouver Island beginnen, meiner Whale-Watching-Tour. Eine der Haupt-Touristen-Attraktionen an der kanadischen Küste ist die Beobachtung frei lebender Wale.

Als Mitteleuropäer hatte ich natürlich noch nie einen dieser gigantischen Meeressäuger zu Gesicht bekommen. Nichtsdestoweniger schreckten mich neben dem Touristen-Klischee die horrenden Preise. Ich beschloss, während der zwei Monate meines Aufenthalts alles auf das Prinzip Hoffnung zu setzen – schließlich war es schon vorgekommen, dass Wale auf der Fährfahrt von Vancouver nach Victoria beobachtet wurden, ja selbst auf dem Breakwater im Victoria Harbour habe er sie schon gesehen, behauptete John (dass dies nur einziges Mal geschehen war, als er noch ein kleiner Junge war, erwähnte er erst, nachdem ich wochenlang Tag für Tag einen mehrstündigen Spaziergang dorthin unternommen hatte…).

So vergingen also die Wochen, Wal-los jedoch.

Keine Wale auf der Fähre, keine Wale im Hafen, keine Wale am Breakwater – mir blieb zwei Tage vor meiner Rückkehr schlechterdings keine Wahl. Bedauerlicherweise erwies sich der für meine Unternehmung auserwählte Tag als windig und regnerischt. Prince of Whales, der erste Veranstalter, den ich aufsuchte, meinte, er hätte seine Touren für diesen Morgen abgesagt, der Nachmittag sei voll, falls die Tour denn stattfinde. Ebenso erging es mir bei den nächsten Anbietern – abgesehen von einem, der mir versicherte, sein Unternehmen hätte ein Hurrikan-sicheres Boot, in dem ich – der Typ musterte mich von oben bis unten – sogar meine Jacke ausziehen könne ich, weil es innen so schön warm sei. Nun, auch das war nicht eben exakt, was ich suchte. Die Kreuzfahrten hebe ich mir für den Ruhestand auf.

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Also klapperte ich weiter den Hafen ab, bis ich zur Fisherman’s Wharf gelangte. Just im Moment, als ich die Hütte eines Whale-Watching-Anbieters betreten wollte, kam mir ein Pärchen zuvor. Ich hörte noch, wie der ältere Mann hinter dem Tresen sagte, nein, er fahre nicht hinaus, es gebe zu wenige Leute. Da warf ich ein, dass auch ich interessiert sei. Eigentlich, so meinte er, brauche es vier Leute. Er besann sich kurz. Dann fügte er seufzend hinzu –  na gut, ich mache es.

Ob es denn tatsächlich ungefährlich sei, wo doch alle anderen Agenturen gemeint hätten, die Flut des Jahres breche herein, fragte ich, doch er prüfte den See-Wetterbericht und erwiderte, es sei kein Problem.

Als wir in unserer Nussschale von einem Boot auf den stürmischen Ozean hinausführen – alle in Ganzkörperüberlebensanzüge gehüllt wie rote Astronauten – kamen mir Zweifel.

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Das waren echte Wellen, die uns da entgegenbrandeten, so viel stand außer Frage. Im Boot gab es nichts, woran ich mich hätte festhalten können. Die Gischt spritzte ins Boot und binnen Minuten waren unsere Anzüge tropfnass. Das Boot pflügte sich schnaufend seinen Weg durch die Wellen – es war ein einziges Auf- und Ab. Mein ganzer Körper erstarrte in Panik.

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Dann sah ich zu meinem Kapitän.

Ich musste an John denken. Der Satz, der mir von ihm im Gedächtnis bleiben wird, ist simpel und dennoch so treffend.  We’ll be fine.  (Bären, Pumas, sonstige Naturgewalten, John reagierte stets gleich. Ein ums andere Mal hatte er Recht behalten.)

Ich musterte den Mann. Er war Mitte fünfzig. Seit 19 Jahren machte er solche Touren. Zuvor war er Fischer gewesen und mit seinem Vater zur See gefahren, seit er elf war.

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I’ll be fine , dachte ich und begann mich zu entspannen.

Wenn dieser Mann nicht wusste, was er tat, wer dann?

Und wer war ich schon, um zu beurteilen, ob es in Ordnung war, an diesem Tag hinauszufahren?

Ab diesem Augenblick hatte ich Spaß. Kurz darauf fing ich an, den rauen Seegang zu genießen. Auf einen spiegelglatten Ozean hinausfahren, das konnte schließlich jeder.

Anderthalb Stunden fuhren wir, bis wir schließlich Saturna Island erreichten, wo dieser Tage der einzige Wal gesichtet worden war.

Was mich faszinierte, war die Vielfalt der See. Warfen uns in einem Moment wütende Wellen hin und her, waren die Wasser im nächsten beinahe still. Das hatte ich nicht geahnt. Ich freute mich, etwas Neues über den Ozean verstanden zu haben.

Ganz nah an der Küste Saturnas sahen wir letztlich die erste Fontäne aus dem Wasser aufsteigen. Ein Wal. Ein Buckelwal, um genau zu sein.

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Er atmete genau wie es in den Naturdokus vorgesehen war – wie aufregend!!

Mit unserer Nussschale näherten wir uns und folgten dem Riesen eine Weile. Bis auf vier Meter kamen wir heran. Welch ehrfurchtgebietender Anblick! Drei Mal stieg der Wal auf, um zu atmen, dann tauchte er ab und wir konnten nur erahnen, wohin er zu schwimmen gedachte. Zum Abschiedsgruße sahen wir stets die Fluke, dann verschwand er in den Tiefen. Ein wahres Spektakel.

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Der Rückweg dauerte ebenso lang wie der Hinweg. Ich hatte mich ein wenig mit Kapitän Ron unterhalten und herausgefunden, dass er die kleinste Agentur betrieb. Er besaß nur dieses eine Boot. Als wir in der Nähe des Wales waren, preschten plötzlich zwei Zodiacs des Prince of Whales heran – vollbepackte Luftkissenboote.

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Where is he? Where is he? riefen die Prince of Whales-Führer aufgeregt.

Aber er ist doch gleich hier, sprach mein Kapitän mit ruhigem Bass.

Als ich das sah, war ich dankbar, dass ich Kapitän Ron gefunden hatte. Ihm vertraute ich. Er war ein Seemann, wie ich ihn mir vorstellte. Ein wenig rau, genau wie die See an jenem Tag. Aber authentisch. Und ich mochte die familiäre Atmosphäre auf unserer Nussschale. Das hätte Prince of Whales mir nicht bieten können.

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Nach vier Stunden kamen wir letztlich wieder im Inner Harbour von Victoria an.

Ich schlüpfte aus meinem roten Astronautenanzug. Der war offenbar nicht ganz dicht gewesen.

Ich sah aus, als hätte ich mir in die Hosen gemacht.

Nichts für ungut, dachte ich mir – und machte mich auf den halbstündigen Fußmarsch nach Hause.

Es war ein abenteuerlicher Tag gewesen. Ich hatte einen Wal gesehen, den ersten meines Lebens, ich hatte etwas über den Ozean gelernt und ich hatte dieses herrliche Gefühl gehabt, wirklich am Leben zu sein.

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2 Gedanken.

  1. Oh wow, was für ein Erlebnis muss das gewesen sein! Ich glaube, mir wäre diese „privatere“ Fahrt auch lieber gewesen, wobei ich mir nicht sicher bin, ob mein Magen das Abenteuer auch mitgemacht hätte 😉
    Ich freue mich für Dich, dass Du diese Erfahrung als ein neues Kapitel in Deinem Lebens-Schatz-Buch abheften kannst, das kann Dir keiner mehr nehmen 🙂
    LG!

    • Ich hatte auch Bedenken wegen einer möglichen Seekrankheit, was sich als vollkommen unbegründet herausstellte. Nicht zuletzt lag das wohl an der frischen Luft – und daran, dass ich, als ich mich entspannt habe, auch schön ruhig geatmet habe. Dann wird einem für gewöhnlich nicht übel!

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