Von Nervenzusammenbrüchen, Familienbesuchen und Meer

Lang, lang ist es her, dass ich zuletzt mal die Zeit gefunden habe, Euch auf den neuesten Stand zu bringen, doch heute ist es endlich mal wieder so weit!

Zu allererst muss ich mitteilen, dass im Hintergrund, während ich hier sitze und tippe, gerade das Meer rauscht – ein recht welliges, gar nicht mittelmeerartiges Meer heute sogar, da es heute Nacht den ersten krassen Wolkenbruch gab, seit wir hier sind.

Apropos hier:

hier ist unterdessen eine Urbanización am südlichen Rande von Cambrils, einem Dorf circa zwanzig Kilometer südlich von Tarragona. Wir haben hier eine unbeschreiblich schöne Wohnung mit zwei Schlafzimmern, einem großen Wohn-Esszimmer mit integrierter Küche und Balkon, von dem aus das Meer ungefähr in Spukweite liegt.

Nach all dem Chaos und Carmens beinahe Nervenzusammenbrüchen in den Wochen zuvor, ist das hier der reinste Luxus und Entspannung pur.

Zumindest, wenn wir gerade nicht Fullhouse haben, so wie momentan.

Im Augenblick sind wir hier nämlich zu siebt: Manus Eltern sind hier, seine Tante Gertraud und sein Onkel Günter und Judith aus Berlin. Das heißt Manu und ich schlafen seit einer Woche auf unseren aufblasbaren Isomatten auf dem Wohnzimmer-Boden, Judith seit Mittwoch auf dem Sofa und die Altvorderen in unseren Betten (deren herrliche Bequemlichkeit ich schon sehnsüchtig vermisse). Naja, heute Nacht machen sich die Altvorderen auf den Rückweg und mein Rücken jubelt und jauchzt.

Ihr könnt Euch sicherlich  vorstellen, dass es eine Erfahrung der ganz anderen Art ist, eine Woche mit der Family auf engstem Raum zu hausen. Für mich gesprochen – mein letzter Familienurlaub liegt vermutlich beinahe zwanzig Jahre zurück und ich konnte mich kaum noch erinnern. Nun, mein Gedächtnis hat eine Rosskur erfahren…

Aus schriftstellerischer Perspektive allerdings ist das Ganze zugleich jedoch inspirierend, hatte ich selbst doch das Glück ohne jenes patriarchale Macho-Gehabe in Reinform aufzuwachsen (Mama, Papa, Danke!). Selbst das Auflegen von Barbara Schoenbergers Version von „Das bisschen Haushalt“ – von mir als Wink mit dem Zaunpfahl gedacht – prallte ungehört an den Herren der Schöpfung ab.

Naja, diejenigen, die mich ein wenig besser kennen, mögen in der Lage sein, sich vorzustellen, dass ich ein Dienstboten-Dasein in der eigenen Wohnung keine ganze Woche lang zu tolerieren vermag und so kam es vorgestern auch zum latent schwelenden Eklat auf unserem kuschelschönen Balkon… Manus Papa und ich gerieten ein wenig aneinander – Manu und seine Mama saßen beschwichtigend zwischen uns und hüllten uns in einen Mantel aus Liebe:-) Interessanterweise zeigte mein Ausbruch Früchte – denn Manus Papa, der in der Woche mehrmals Sprüche losgelassen hatte wie „Bevor ich mich in die Küche stelle, fahr ich nach Hause…“ und tatsächlich nicht in der Lage schien, sich auch nur ein einziges Getränk selbst einzuschenken, war gestern wie verwandelt: putzte Salat, fragte mich, ob ich noch einen Kaffee wolle – ich konnte es gar nicht glauben.

Was für den Wandel sorgte, nachdem er sich erstmal natürlich total auf den Schlips getreten fühlte, war, glaube ich, meine „Ich bin hier der Herr im Haus“-Strategie. Das finde ich immer noch lustig. Solange Du Deine Füße unter meinen Tisch stellst…

Ebenfalls erstaunlich finde ich den Beschäftigungs- und Animationsbedarf der Altvorderen!

„Was machen wir denn jetzt?“ „Was ist denn der Plan für heute/ morgen…?“ „Also wie sieht denn jetzt der weitere Abend aus?“ Tja, mein „Was weiß denn ich?“ habe ich mir brav verkniffen und in den sauren Apfel der Urlauber- Bespaßung gebissen – Barcelona, Tarragona, das Hinterland mit Ebro und Bergen, an sich alles sehr nett, für mich nur insofern ein bisschen anstrengend, da ich der große Organisator und Beantworter aller Fragen war, Autofahrer mit Klebeblick im Rückspiegel, damit sich die Altvorderen nicht in der Wirrnis der Fremde verlören und so weiter.

Aber insgesamt war es, wie gesagt, dennoch eine inspirierende Erfahrung – habe schon ein neues Kapitel im Kyriel begonnen, mit Hauptfiguren Kyriels Papa samt Gemahlin. Welch ein Spaß!

Und versteht mich nicht falsch – ich mag Manus Family, sonst hätten wir sie ja keinesfalls hier bei uns aufgenommen. Es ist halt nur das alte Generationen-Ding – die Vorstellungen von Entspannung sind einfach doch sehr verschieden – ebenso wie die Vorstellung davon, wann die Nacht vorüber ist oder ob es wirklich nötig ist, sobald man das Heimatland verlässt, jeden Tag die Bildzeitung zu kaufen.

Aber mit Judith wird es in den kommenden zwei Wochen mit Sicherheit unstressiger!

Ach, für alle die, die sich immer noch zurückhalten, mit Besuchsplänen, weil sie denken, dass wir hier noch nicht richtig angekommen sind (oder Angst haben, dass ich unbekannte Wahrheiten über sie in Rundmails ausplaudern könnte, wenn sie wieder weg sind):

Kommt gerne vorbei! Visitors welcome!

Wir haben hier ein schönes Gästezimmer mit zwei Betten und jede Menge Platz, wenn wir nur zu viert sind. Insofern einfach kurz Bescheid sagen und nachfragen, ob wir Zeit haben und dann auf zum nächstgelegenen Ryan-Air-Flughafen. Hier ums Eck gibt es nämlich den Ryan-Air-Flughafen Reus – von uns eine Viertelstunde entfernt.

Und wir freuen uns über Besuch, da wir hier ja noch kaum Kontakte haben.

So, nachdem ich gestern den (zugegebenermaßen selbst erteilten) Auftrag hatte, eine Schnapsflasche mit pappigsüßem Anis-Schnaps leer zu trinken, war es das mal für heute. Mein Gehirn schwappt noch ein wenig gegen die Schädeldecke!

Fühlt Euch umarmt und lasst bald mal von Euch hören!! (Dies ist eine Aufforderung. Nahezu schon unmissverständlich, möchte ich meinen.)

Un abrazo a todos,

Elyseo

 Cambrils, 18. September 2009

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.