Varanasi – Heilige Stadt am Ganges – und Taj Mahal

Ich stehe am Ufer des Heiligen Flusses Ganges. Der Wind treibt mir beißenden Rauch in die Augen. Vor mir knistert ein Feuer. Aus dessen Mitte ragt ein menschliches Bein. Die Haut auf dem Schienbein ist aufgeplatzt. Rohes Fleisch liegt bloß. Die verkokelten Zehen krümmen sich in den Flammen.

Totenverbrennung am Ufer des Ganges

Totenverbrennung am Ufer des Ganges

Es riecht nach gemütlichem Lagerfeuerabend. Ab und an dringt der Geruch gebratenen Fleisches an meine Nase.
Ich bin in Varanasi.

Totenverbrennung am Ufer des Ganges

Totenverbrennung am Ufer des Ganges

Wer in Varanasi verbrannt und wessen Asche im Ganges verstreut wird, entgeht laut hinduistischer Lehre dem ewigen Kreislauf der Wiedergeburt und erreicht Moksha, das vierte Lebensziel. Daher pilgern zahllose Menschen an diesen Ort – um zu sterben, ihre todkranken Familienmitglieder zu begleiten oder auch um ein Bad in den Wassern des Heiligen Flusses zu nehmen, das sie von ihren Sünden reinwaschen sollen.

Nicht alle Menschen allerdings werden verbrannt. Schwangere Frauen, Sadhus (heilige Männer), Lepröse und Menschen, die durch einen Schlangenbiss zu Tode gekommen sind, werden in der Mitte des Flusses mit einem Stein versenkt. Sie bedürfen keiner Reinigung durch das Feuer, da sie als gereinigt gelten.

Sadhu - heiliger Mann

Sadhu – heiliger Mann

Ganges - Heiliger Fluss der Hindus

Ganges – Heiliger Fluss der Hindus

Die nächsten Familienangehörigen der Verstorbenen scheren sich das Haar und tragen weiße Gewänder. Weiß ist die Farbe des Todes in Indien.

Als ich so vor einem dieser Totenfeuer stehe, fühle ich mich mit einem Mal beklommen. Ich habe mein Lebtag noch keinen Toten gesehen und bin nun auf einmal damit konfrontiert, dass dieses Bein aus dem Feuer ragt. Natürlich wusste ich zuvor von diesem Ritual. Es hatte mich auch nicht weiter erschreckt. Es in der Praxis anzusehen allerdings war anders. Welch andere, uns fremde Art, mit dem Tod und den Toten umzugehen!
Allerdings erscheint es mir zugleich sehr typisch für die indische Kultur.
Indien ist ehrlich. Gnadenlos ehrlich bisweilen.
Das bin ich als Europäer nicht gewöhnt.

Zu Hause wird der Tod versteckt. Unsere Alten werden schon zu Lebzeiten aus dem Sichtfeld geräumt. Der Tod ist privat, abgeschieden, nicht selten einsam. Unsere Toten vergraben wir in der Erde, wo sie zerfallen und von Gewürm gefressen werden. Das Entscheidende dabei aber ist: wir müssen es nicht sehen. Die christliche Mythologie spricht von der Auferstehung des Leibes. Die Vorstellung geht also davon aus, dass am Ende aller Tage derselbe Leib, der einst siech darniederlag, sich abermals erheben und ins Paradies eingehen wird. Besser also, nicht zu sehen, was mit jenem Leib geschieht. Selbst wenn wir es allemal wissen.

Ein weiteres Symptom dieser Ehrlichkeit ist der Schmutz.
Indien ist zugemüllt. Überall liegen Abfälle herum: auf den Straßen, in den Gräben. In Seen und Flüssen treibt der Plastikmüll umher.

Hunde, Kühe, Ziegen, Affen – sie alle durchstöbern diese Müllberge nach Essbarem. Kühe sind dabei ausgesprochen schamlos. Sie scheinen auch Plastik und Karton als essbar anzusehen. Besonders für Karton haben sie eine regelrechte Vorliebe. Allzu oft lief ich schon an Kühen vorbei, die munter auf einem schmackhaften Stück Karton herumkauten.
Warum? frage ich mich ein ums andere Mal.
Wie schwer fiel es mir, das erste Mal meine Plastikflasche auf die Straße zu werfen. Ich trug sie eine halbe Stunde mit mir herum. Aber es gibt keine Mülleimer. Nirgends. Ein anderer Reisender erzählte mir, dass irgendwann ein Inder kam, ihm den Müll aus der Hand nahm und ihn auf den Boden warf.
I know you can’t do it, war sein Kommentar.
Warum stößt mich dieser Müll so ab? Warum ist es für mich im ersten Augenblick undenkbar, meinen Plastikmüll auf die Straße zu werfen? Undenkbarer noch, in einen See?
Auch dieses Verhalten hat, so sehr es mich befremden mag, etwas gnadenlos Ehrliches. Indien produziert Unmengen an Müll. Allerdings nicht versteckt, sondern offen. Niemand scheint sich daran zu stören.

Wenn ich in diesem Land eins lerne, dann mit welcher Menge von unbewussten Tabus unsereins lebt.

Diesbezüglich führt Indien mich an allerhand Grenzen. Mit den Händen zu essen, beispielsweise. Nach wenigen Tagen hatte ich mich zwar daran gewöhnt, Chapati und Naan als Esswerkzeuge zu benutzen – als ich jedoch das erste Mal Reis mit meinen Händen aß, kam ich mir vor wie ein Ferkel. Jedes Mal wieder kostet es mich Überwindung. Warum eigentlich? Ist es nicht natürlich, seine Nahrung mit den Händen aufzunehmen?
Erstaunlich, welchen Einfluss Kultur auf unser Denken und Empfinden ausübt!
Auch die Toilettenfrage.
Do as the Indians do. Das war von Anfang an mein Motto hier. Nichtsdestoweniger brachte es mich zum Schwitzen, mir auch nur vorzustellen, mir den Hintern mit Wasser und den Händen zu reinigen. Dabei scheint mir diese Variante letztlich hygienischer als das heimische Toilettenpapier.
Doch wiederum: welch Überwindung!
Alex, ein Kanadier, den ich in Bundi kennen gelernt hatte, wahrlich ein Freak vor dem Herrn, der bedenkenlos vor versammelter Mannschaft erzählte, dass er darauf stand, sich beim Masturbieren den Finger in den Arsch zu stecken und jede Frau verweigern würde, die das beim Sex nicht mitmachte, hatte nach beinahe zwei Monaten in Indien erklärt, er könne es nicht über sich bringen, sich mit den Händen abzuwischen. Erst gut zwei Wochen später postete er stolz auf Facebook, dass sein Arsch nun keine Jungfrau mehr sei.
Grotesk.
Aber was genau ist es, das uns daran so abstößt?

In so vielerlei Hinsicht bringt Indien mich dazu, mich selbst zu hinterfragen.
So Vieles wäre zu Hause undenkbar.

Oder kannst Du Dir vorstellen, dass Du im Zug fährst, ein gänzlich Fremder neben Dir sitzt, ein Gespräch mit Dir beginnt und nach fünf Minuten sein Kopf auf Deiner Schulter und seine Hand auf Deinem Oberschenkel liegt, während er die versichert, dass er diese Begegnung mit Dir (von der er natürlich längst ein Foto geschossen hat) niemals in seinem Leben vergessen werde? Nicht zu übersehen, dass das Gespräch sich auf Deinen Herkunftsort, Deinen Beruf, Deinen Namen und die Frage, ob Du verheiratet seist, beschränkt. Zu tieferen Gesprächen reicht nämlich das Englisch der Allerwenigsten.

Männer am Main Ghat in Varanasi

Männer am Main Ghat in Varanasi

Kinder am Ufer des Ganges

Kinder am Ufer des Ganges

Wäsche trocknen an einem Ghat in Varanasi

Wäsche trocknen an einem Ghat in Varanasi

Aber zurück nach Varanasi.
Die Details der rituellen Totenverbrennung hörte ich mir gleich zwei Mal an. Das ist nämlich, wie alles hier, ein Business. Also nicht die Toten zu verbrennen – obschon auch das – sondern Touristen darüber zu erzählen.
Eines der Dinge, die ich überhaupt nicht ausstehen kann, ist mit welcher Impertinenz die Inder gerade in den touristischen Orten zu Werke gehen. Ich fand es durchaus interessant, mir diese Geschichte einmal anzuhören. Aber wenn mich ein solcher Erzähler an der zweiten Verbrennungsstätte erst in seinen Klauen hat, gibt es kein Entrinnen. Also höre ich mir die Geschichte auch zum zweiten Mal an.
An und für sich wäre das kein Problem. Führte es am Ende nicht zu dem unweigerlichen Schuldfilm, bei dem ich nur verlieren kann.
Die Geschichte der Feuerbestattung endet nämlich damit, dass der Erzähler mir von sich und seiner Familie erzählt. Wie sie seit Generationen an diesem Ort arbeiten, um den Armen, die sich eine Feuerbestattung nicht leisten können, unter die Arme zu greifen. Holz aber, versichert er mir bedeutungsschwanger, koste um die 400 Rupees pro Kilo. Und pro Verstorbenem verbrauche man an die 200 bis 300 Kilogramm davon. Natürlich – das ehrt ihn – erwartet er nicht, dass ich als Reisender eine ganze Bestattung finanziere.
Nur einen kleinen Betrag. Vierzig, fünzig Dollar vielleicht. Meines Karmas wegen.
Egal, was auch immer ich zu geben bereit bin – oder gezwungen werde – ich ernte einen Blick, der mir versichert, dass ich der unwürdigste und geizigste Erdenbürger sei und es um mein Karma fortan düster, ja, in der Tat, ausgesprochen düster bestellt sei.
Ob ich nicht doch mehr geben wolle? Es läge ja in meinem eigenen Interesse.
Letztlich gehe ich und fühle mich schuldig.
Außerdem bin ich in Sorge um das Karma desjenigen, der auf solch unwürdige Weise Reisenden das Geld abpresst. Schwer in Sorge.

Ich gehe also weiter, auf das Main Ghat zu. Die Ghats sind Treppen am Fluss. Es gibt Hunderte davon an den Ufern des Ganges und die Menschen steigen von ihnen hinab, um im Fluss zu baden.

Frauen beim Bad im Ganges

Frauen beim Bad im Ganges

Ghat

Ghat

Das Main Ghat ist stets voller Menschen. Ehe ich es mich versehe, hält jemand meine Hand und beginnt meinen Finger zu massieren. Ich will mich wehren, doch ich habe keine Chance. Von vornherein versichere ich, dass ich kein Geld zu zahlen bereit bin.
Darum gehe es doch gar nicht, ist die Antwort und schwupps liege ich auf einer Matte am Rande des Platzes, mein Oberkörper entblößt und zwei Männer massieren mir Rücken, Arme und Beine. Widerrede zwecklos.
Wenn es mir gefalle, dann, ja, nur dann, könne ich ja gutes Geld geben.
Ich seufze. Wieder hineingetappt.
Entspannung Fehlanzeige.
Auch hier am Ende das gleiche Spiel. Ich gebe den beiden 500 Rupees – ohnehin viel zu viel – und ernte einen verachtungsvollen Blick.
Ob es mir denn nicht gefallen habe?

Das macht mich bisweilen wahnsinnig. Ich vermeide es, irgendjemandem meine Hand zu geben, sobald ich an touristischeren Orten bin, vermeide es auch, überhaupt ins Zentrum größerer Städte vorzudringen, weil ich dieses ständige Schuldgeflüster so leid bin.

Ich gönne mir eine Bootsfahrt vom Assi Ghat, dem äußersten der Ghats, dort, wo ich abgestiegen bin, zum Main Ghat. Es ist schön, die Stadt vom Fluss aus zu betrachten.

Bootsfahrer

Bootsfahrer

Varanasi, vom Boot aus

Varanasi, vom Boot aus

Ghat

Ghat

Als ich am Main Ghat bin, beginnt dort gerade ein hinduistischer Gottesdienst. Ich setze mich zu den Tausenden von Indern und sehe zu. Vor mir spielt sich ein faszinierendes Ritual ab. Mehrere Brahmanen stehen auf Podesten und zelebrieren mit verschiedenen Feuer- und Rauchgerätschaften eine feste Choreographie.

Hinduistischer Gottesdienst am Main Ghat

Hinduistischer Gottesdienst am Main Ghat

Hinduistischer Gottesdienst am Main Ghat

Hinduistischer Gottesdienst am Main Ghat

Aus den Lautsprechern erklingt laute Mantramusik.

Die Luft ist rauchgeschwängert. Andächtig lausche ich und beobachte, was vor sich geht. Die Atmosphäre ist überwältigend. An zwei aufeinanderfolgenden Tagen besuche ich dieses Ritual. Es fasziniert mich. Die Stimmung. Diese Dichte.

Am Morgen darauf führt mich ein Inder durch die Stadt und wir besuchen einige der größeren Tempel. Mein Begleiter heißt Pinku, ist 24 und wirkt wie ein Gangster. Er ist Brahmane. Seine Brüder, so erzählt er, verbrächten ihre Tage im Tempel. Er jedoch nicht. So westlich er wirkt, beherrscht sein Glaube doch seinen Alltag. Er kniet vor jedem Schrein nieder, an dem wir vorbeikommen.

Heiligenfigur

Heiligenfigur

 

Tempel in Varanasi

Tempel in Varanasi

In den Tempeln rezitiert er Mantras. Um den Hals trägt er, neben jeder Menge Schmuck, das Band, das ihn als Brahmanen ausweist. Wenn er zur Toilette muss, schlingt er sich dieses Band zweimal ums Ohr. So er dies vergesse, bekomme er von seinem Vater Prügel, versichert er mir. Wolle er Sex haben, lacht er, nehme er das Band ab, damit Shiva es nicht sehe. Und dann full power.
Welch eine Welt!

Am Gangesufer

Am Gangesufer

Die Tage in Varanasi gehen alsbald zur Neige.
Ich beschließe der Hitze zu entfliehen und kaufe mir ein Zugticket nach Amritsar, der Heiligen Stadt der Sikhs in Punjab, nahe der pakistanischen Grenze.
Auf dem Weg lege ich den obligatorischen Zwischenstopp in Agra ein, um das Taj Mahal zu sehen. Wie überallhin dauert die Fahrt von Varanasi nach Agra eine Nacht. Es sollte meine kälteste Nacht in Indien werden. Vor lauter Frieren tat ich im Zug die ganze Nacht kein Auge zu. Und das, obwohl es tagsüber 40 Grad hatte.

Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal: Eingangstor

Taj Mahal: Eingangstor

Total erkältet schleppe ich mich durch die Mittagsglut in Agra. Planmäßig hätten wir um sechs Uhr morgens in Agra ankommen sollen – doch ich bin es unterdessen gewohnt, dass die Züge hier bisweilen mehrere Stunden lang ohne erkennbaren Grund inmitten von Nirgendwo anhalten und sich keinen Millimeter fortbewegen. Letztlich ist es beinahe halb zehn als wir ankommen. Kein Taj Mahal im Morgenlicht also.

Elyseo vor dem Taj Mahal

Elyseo vor dem Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal

Taj Mahal

Trotz der Touristenmassen, die sich durch das Areal des muslimischen Grabmals schlängeln, ist die Schönheit des Taj Mahal überwältigend.
Am Nachmittag steige ich dann völlig erschöpft in den Zug nach Amritsar, einer Stadt, von der mein Reiseführer abrät, da es außer dem Goldenen Tempel nichts zu sehen gebe.
Ich empfand es anders. Doch davon beim nächsten Mal.

1 Gedanke.

  1. Deine Reiseberichte nehmen einen wirklich mit auf die Reise. Schön!
    Schöne Impressionen und bunte Bilder aus einer uns so fremden Welt!
    Danke dass wir mitreisen dürfen 🙂

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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