Ulrike Heider – Vögeln ist schön. Ein Nachklang

Vögeln ist schön - Ulrike Heider, Rotbuch Verlag

Ulrike Heider, Vögeln ist schön; Rotbuch Verlag

Vögeln ist schön – so der Titel von Ulrike Heiders Buch, der so manchem Buchladenbesucher ein Lächeln abnötigen mag – doch schon der Untertitel stellt klar, worum es geht: Die Sexrevolte von 1968 und was von ihr bleibt. Der Titel ist ein Zitat und stammt aus einer Zeit, als Gedanken über Sexualität noch ein zentrales Thema waren, wenn es um den Wunsch nach gesellschaftlicher Veränderung ging. Vögeln ist schön lautete der Text eines Graffitis, das an einem hessischen Schulhaus zu finden war, selbstverständlich jedoch nicht lange, ehe der erboste Direktor es überstreichen ließ.

Rückenmarkschwund und Geschlechterhass

In ihrem Buch zeichnet Ulrike Heider die Geschichte der gesellschaftlichen Wahrnehmung der Sexualität nach.

Sie beginnt mit den Schülern und Studenten der 68-er Bewegung, deren erzkonservatives Umfeld bereits das Sprechen über Sex soweit tabuisierte, dass so manche Frau noch im hochschwangeren Zustand keine Ahnung davon hatte, dass die Geburt eines menschlichen Babys über den vaginalen Geburtskanal verläuft. Heutzutage mag das in unseren Ohren wie ein Ammenmärchen klingen. Doch auch Geschichten über Masturbationsschäden wie Rückenmarkschwund, Gehirnerweichung oder Impotenz gehörten zum alltäglichen Repertoire katholisch geprägter Familienväter oder Großväter.

Ulrike Heider schildert die damalige Lage: die Trennung zwischen männlichen und weiblichen Jugendlichen war strikt und stellte zugleich den Nährboden für genuinen Geschlechterhass dar. Kein Wunder, war doch „(o)berstes Ziel einer gelungenen Sexualerziehung (…), den Jungen davor zu bewahren, den ‚Verführungskünsten … gefälliger Mädchen‘ zu verfallen und das Mädchen davor zu behüten, sich ‚leichtfertig einem Irgendwer an den Hals zu werfen'“ (Ulrike Heider, Vögeln ist schön, S.21, Berlin 2014).

Von der Ära Adenauer über Marcuse bis zum Schwanz-Ab-Feminismus

Die Darstellung der Sittenvorstellungen im Deutschland der Adenauer-Ära ließ mich aufhorchen. Nicht zuletzt aufgrund der oftmals verächtlichen Reaktionen westlicher Erdenbürger, wenn es um die Rolle der Frau in anderen Kulturkreisen geht, denen allzu oft schieres Unverständnis entgegengebracht wird. Dass die europäische und auch die US-amerikanische Vergangenheit diesbezüglich vor gerade mal 50 bis 60 Jahren unwesentlich besser war, wird hierbei vollkommen ausgeblendet.

Neben allerlei historisch-theoretischen Bezugspunkten der Sexualrevolte (von Wilhelm Reich über Sigmund Freud bis hin zu Herbert Marcuse), die Teil einer Gesellschaftsbewegung war, die an die Möglichkeit einer positiven Veränderung unseres Zusammenlebens glaubte (und Recht behalten sollte), garniert Ulrike Heider ihre Gedanken immer wieder mit persönlichen Erinnerungen.

Auf diese Weise entsteht ein Buch, dass sich auf zweierlei Ebenen bewegt: einer wissenschaftlichen und einer subjektiven. Den Anspruch, ein neutrales Werk zu schreiben, verfolgt Frau Heider ohnehin nicht. Ihre persönlichen Präferenzen schwingen stets mit, wenn sie die Entwicklungen der 70-er, 80-er und 90-er Jahre nachzeichnet. Zugleich aber liefert sie zahllose themenrelevante Quellen der Ideengeschichte mit und ermöglicht so dem Leser, sich bei Interesse weiter in die Materie einzuarbeiten.

Oftmals empfand ich die Lektüre von Vögeln ist schön als schwierig. Bisweilen saß ich auf meinem Balkon und mir wurde regelrecht übel, wenn ich beispielsweise von den faschistoiden Forderungen radikaler Feministinnen las, die nichts weniger als eine Ausrottung der Männer oder zumindest deren Kastration forderten.

Männer wurden in diesem Diskurs zum Schwanzträger degradiert. Bereits im sogenannten Kastrationsflugblatt des Frankfurter Weiberrates von 1968 heißt es: „‚wir machen das Maul nicht auf! wenn wir es doch aufmachen (…), wird es uns gestopft, mit kleinbürgerlichen schwänzen (…) BEFREIT DIE SOZIALISTISCHEN EMINENZEN VON IHREN BÜRGERLICHEN SCHWÄNZEN.'“ (a.a.O. S.98)

Sado-Maso: Von der Schwulenbewegung über Madonna bis zu Shades of Grey

Auch die seit den 80-er Jahren anhaltende Entwicklung hin zur Gewaltbereitschaft in der Sexualität – ablesbar an den aufkommenden Sado-Masochistischen-Praktiken, die sich zunächst in der Schwulenszene etablierten, um sich dann auf die Gesamt-Gesellschaft auszubreiten – verursacht mir Unbehagen. Sind diese immer extremeren Spielarten der Sexualität auf eine Übersättigung der Menschen zurückzuführen? Ist es in unserer heutigen Zeit, einer Zeit, in der es beinahe unvorstellbar ist, noch nie einen Porno gesehen zu haben und der regelmäßige Konsum derselben im Gegenteil die Regel ist, nötig für die Sexualpartner, sich Schmerzen zuzufügen, um überhaupt noch etwas fühlen zu können?

„Die ‚Schmerzlust'“, so zitiert Ulrike Heider die Publizistin Barbara Sichtermann, „gehöre, unabhängig vom Geschlecht, zur ’normalen individuellen Sexualität'“ (a.a.O, S.166).

madonnaerotica

Madonna-Album Erotica, 1992

Diese meines Erachtens fragwürdige These fand in der Ausbreitung der SM-Szene ihren Ausdruck. Nicht zuletzt Pop-Ikone Madonna verlieh der SM-Bewegung Anfang der 90-er Jahre den Ritterschlag. Mit ihrem Erotica-Album und der Veröffentlichung des Luxusbildbandes Sex führte sie SM-Vorstellungen in die Mainstream-Kultur ein.

Aktuelles Beispiel dieser Entwicklung ist die Schundroman-Reihe Shades of Grey, die sich weltweit Abermillionen Mal verkaufte und wie Heider feststellt, neben sadomasochistischem Ideengut andererseits ein spießbürgerliches Rollenmodell bedient:

„Der Mann, so klingt es aus dem größten erotischen Bestseller aller Zeiten, kann Sex mit oder ohne Liebe genießen, die Frau nur mit. Liebe und Erregung sind bei Ana (der Protagonistin) eins, ganz wie bei den zarten Maiden der sentimentalen Literatur des 19. Jahrhunderts (…). Ana, die Ahnungslose, ist unberührt, unschuldig, unerfahren, hilflos und rein. Christian (…) hat viel hinter sich, eine böse Kindheit vor allem (…). Gleichzeitig ist er der Traumprinz, reich, schön, jung, edel und gut.“ (a.a.O., S.265)

Pädophilie bei den Grünen – Hexenjagd 2.0 zur Bundestagswahl

Als Stärke muss Ulrike Heiders Werk angerechnet werden, dass sie sich, neben dem auf Judith Butler zurückgehenden Gender-Diskurs des vergangenen Jahrzehnts, auch mit dem heiklen Thema Pädophilie auseinandersetzt. Sie setzt der medial befeuerten Hysterie eine behutsame Sichtweise entgegen. Zunächst betont sie den Unterschied zwischen Päderastie und Pädophilie, der in der übereifrigen Berichterstattung geflissentlich ignoriert wird. Ohnehin erinnert diese, wie im Falle der Padophilie-Vorwürfe an Politiker der Grünen vor der Bundestagswahl 2013, oftmals eher an die antikommunistische Hexenjagd der Mc Carthy-Ära als an einen an  Wahrheit und Aufklärung interessierten Journalismus. Allzu durchsichtig erschienen bei der Hetzkampagne auch die Motive. Das Verebben der Pädophilie-Anschuldigungen nach dem Wahltag spricht Bände.

Ich möchte Heiders differenzierte Analyse und Argumentation hier nicht durch eine Verkürzung entstellen, zumal es sich um ein derart emotional aufgeladenes Thema handelt. Jeder, der sich dafür interessiert, kann sie in Vögeln ist schön nachlesen.

Alles in allem ist die Lektüre von Vögeln ist schön spannend.

Ulrike Heider liefert demjenigen, der sich für die Entwicklung des gesellschaftlichen Verständnisses von Sexualität in den letzten fünfzig Jahren interessiert, einen umfassenden Überblick. Durch das Quellenverzeichnis und die zahllosen Zitate im Text ermöglicht sie dem weitergehend interessierten Leser zudem, Anschlusslektüre auszuwählen. Das Buch ist gut lesbar, wenngleich mir manche der behandelten Thematiken wie oben beschrieben, schwer im Magen lagen. Zugleich aber regt die Lektüre dazu an, das eigene Verständnis von Sexualität zu hinterfragen und womöglich in Zweifel zu ziehen, wenn Frau Heider den Leser auf Punkte stößt, die gemeinhin nicht reflektiert werden.

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