Über Worte

Wie wichtig eigentlich sind Worte?
Eine leidlich seltsame Frage für mich als Schreiberling, der ich doch an ihre ästhetische wie auch verändernde Macht zu glauben prädestiniert bin. Und dennoch stellt sie sich mir, wirft sich mir die Frage auf, was sie alles NICHT bedeuten können, so schön ihr Klang auch sein mag.
Was unterscheidet „wahre“ Worte in ihrem eigentlichen Sinne als Träger von Informationen von jenen leeren Hülsen, die einem im Leben wieder und wieder entgegengeworfen werden, ob in verletzender oder wohlmeinender Absicht, ob aufgrund von Schwäche, Niedertracht, Unsicherheit oder Liebe?
Wenn ich es wage, die schönsten Aneinanderreihungen von Worten zu HINTERfragen (nicht in ästhetischer Hinsicht, denn das beispielsweise Shakespeares „Romeo and Juliet“ von außerordentlichem ästhetischem Wert ist, steht wohl außer Zweifel), also ihre Konsistenz zu prüfen, dann stoße ich schnell darauf, dass eben diese Konsistenz ausschlaggebend ist für die „wahre“ Schönheit von Worten und allem, was aus ihnen erwachsen kann, seien dies Gedichte, Romane oder schlicht das Leben.
Selbiges können sie allerdings auch zur Hölle machen, können einen in manch verworren und undurchsichtig erscheinender Situation dazu führen, an seiner Wahrnehmung oder gar an seinem Verstand zu zweifeln. Denn eine Macht, die Worten innewohnt, ist neben der dichterisch-dionysischen sicherlich eine gleichfalls bedeutsame: die manipulative.
Nun, es gibt gewisse Arten der Manipulation, die es mir leichter abzulehnen erscheint als andere – man denke nur an die rhetorischen Ausgeburten der NS-Zeit – letztlich bringt jedoch jede Art von manipulativem Gebrauch von Worten, jene in eine missliche Lage. Denn wie der Volksmund zu berichten weiß: Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht (und somit im Speziellen seinen Worten, denn Handlungen sind ungleich leichter zu enttarnen).
Dieser Volksweisheit will ich mich übrigens in ihrer ganzen Tragweite inhaltlich nicht anschließen – eines aber steht für mich (und vermutlich auch für viele andere) fest:
Der manipulative Gebrauch von Worten (oder sollte ich womöglich besser von Missbrauch sprechen) hinterlässt im Bewusstsein einen schalen Nachgeschmack. Dieser führt nicht zwangsläufig dazu, dass ich fortan allen Menschen, die je die Unwahrheit gesprochen haben, misstraue, doch das Samenkorn ist gesät und es bedarf nur eines leichten Sprühregens, um es zum Keimen zu bringen.

Was aber bedeutet Manipulation eigentlich?
Da ich nicht willens bin, mir in diesem Moment eine normative Bedeutungsdarstellung des Duden zu Gemüte zu führen, will ich es mit einer Beschreibung der subjektiveren Art versuchen:
Ich denke Manipulation entsteht an dem Ort, an dem die Informationen, denen die Worte als Träger sich nicht entziehen können, von der, nennen wir sie mal „realen“, Welt abweichen. Vielerlei Gründe können für die derartige Verwendung von Worten ausschlaggebend sein, und ich wiederhole mich gerne und sage, dass keineswegs alle dieser Gründe zwingend verurteilenswert sind, aber dennoch kommt es zu einem (letztlich gewollten) Missverhältnis zwischen der subjektiven Wahrnehmung des Angesprochenen und der faktischen Situation (denn so subjektiv Wahrheiten und Situationen auch sein mögen, behalten sie doch immer einen faktischen Restcharakter, der trotz noch so geschickter Manipulation nachprüfbar bleibt).
Manipulation ist letztlich also eine Verschleierungstaktik, die anzuwenden ohnehin gänzlich überflüssig wäre, wenn es keinen zu verschleiernden und insofern offenbar „objektiven“ Teil der Wahrheit gäbe.
Die aus diesem manipulativem Gebrauch von Worten beinahe zwangsläufig erwachsende Unsicherheit jedoch kann der Adressat nur schwer einordnen, vor allem wenn der Sprecher sein Handwerk versteht. Dem Angesprochenen fehlt in diesem Moment zumeist das Bewusstsein, manipuliert zu werden und (das ist beinahe schon hanebüchen!) er zweifelt oftmals eher an seiner eigenen Wahrnehmung als am Gesagten.
Nun, für all die, die mich ein wenig kennen, ist es vermutlich kaum verwunderlich, dass sich dieser kurze Text gegen Ende in ein Plädoyer für die Aufrichtigkeit verwandelt.
Denn nur, wenn ich mir als Mensch der Macht bewusst bin, die meine Worte auf andere Menschen ausüben können, kann ich es wagen, einen verantwortungsvollen Umgang mit ihnen anzustreben – sei es als Literart oder als Redner, sei es als Freund, Vater oder Geliebter.
Sicherlich wird uns das nicht immer gelingen. Doch ich wünschte mir manchmal inbrünstig, dass es weniger Menschen gäbe, denen ich aufgrund von mangelndem Bewusstsein am liebsten dazu raten würde, ganz auf Worte zu verzichten.
Denn selbst Romeos Worte „But soft! What light through yonder window breaks! It is the east and Juliet is the sun.“ werden erst dadurch zu einem Zitat, dass all sein Handeln in letzter Konsequenz genau die Liebe widerspiegelt, die er in diesen Worten auf so wunderschöne und pathetische Weise auszudrücken versteht.

Nürnberg, 19.11.2008

  

 
Foto: URBAN ARTefakte. Herzlichen Dank!
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