Turmbau zu Badalona

Nach längerer Absenz endlich mal wieder ein persönlicher Gruß von meiner Seite.

Hier in Cambrils ist unterdessen der Herbst angekommen, wobei, wenn man erfahrenen Spanien-Kennern glauben darf, der wärmste Herbst seit Jahren. Sprich es hat tagsüber noch immer an die 18 Grad und auch abends haben wir in unserer unbeheizten Wohnung bislang kaum gefroren. Erst einmal haben wir für eine halbe Stunde den Radiator angeworfen, den uns Manus Papa im September mitgebracht hat.

Allerdings habe ich bereits seit fünf Tage keinen Sonnenaufgang mehr zu Gesicht bekommen, da es morgens immer bewölkt war. Schade. Da macht das Aufstehen nur halb so viel Spaß.

Dennoch gelingt es mir, jeden Morgen um halb acht aus dem Bett zu schlüpfen, meine Morgenseiten zu schreiben und die Stille des Tagesanbruchs in mich aufzunehmen.

In den letzten Wochen ist viel passiert hier. Zunächst hatten wir Besuch von Sunta, einer lieben Freundin aus Uffenheim, die uns hier eine Woche Gesellschaft leistete. Das war toll – nicht zuletzt, weil sie wie Manu Physiotherapeutin ist und ich in den Genuss von außergewöhnlichen Massagen kam. (Ich höre Euch im Off ganz leise sehnsüchtig seufzen).

Aber auch ansonsten machte es mit Sunta viel Spaß – ich mag es sehr, auf welche Art wir Menschen hier kennen lernen. Es birgt einen großen qualitativen Unterschied, ob man Menschen nur für einige Stunden erlebt oder, wie wir hier, über mehrere Tage hinweg mit ihnen zusammen ist und sozusagen seinen kompletten Rhythmus teilt. Danach kann ich wirklich behaupten, dass ich jemanden kenne.

Da bisher hauptsächlich Menschen aus Manus Freundeskreis oder Familie hier zu Besuch waren, war das für mich noch spannender, denn es handelte beinahe ausschließlich sich um Leute, die ich zuvor eben kaum kannte.

Kaum dass Sunta wieder abgereist war, vermissten wir sie schon (es ist echt ungerecht: immer wenn wir uns gerade so richtig an jemanden gewöhnen, fährt er wieder nach Hause) – allerdings kamen zwei Tage später Jürgen, Silvia und Samba auf ihrer Rückreise noch einmal hier vorbei, so dass wir wieder ein wenig Abwechslung hatten und uns die Berichte von ihrer Andalusienfahrt sozusagen frei Haus geliefert wurden.

Das vergangene Wochenende verbrachten wir dann in Barcelona.

Ich hätte nie geglaubt, dass das, was ich an Deutschland mal am meisten vermissen würde, eine ordentliche Pizza sei.

Ist aber so.

Dementsprechend schlug mein Herz höher, als wir am Freitag mit Daniel und Mona in einer Pizzeria essen waren, deren Pizzen so groß waren, dass ich sie nicht mal aufessen konnte.

Am nächsten Tag machte ich den verkaterten Vorschlag, doch auf den Tibidabo zu wandern, das ist sozusagen Barcelonas Hausberg. Nach anfänglich apathischer Ungläubigkeit fanden sich doch Menschen, die mich begleiteten.

Dummerweise wurde Manu auf dem Weg von einem schwarzen Loch verschluckt.

Das kam so:

Wir sind noch nicht richtig aus der Stadt draußen, da gelangen wir an eine steile Treppe. Als wir gerade hinaufsteigen, kommen von oben drei behelmte Mountainbiker und meinen, sie müssten diese Treppe mit ihren Fahrrädern hinabdüsen. Verrückt.

Eigentlich glaubten wir, sie würden zumindest warten, bis wir oben sind, doch weit gefehlt. Mit ungläubigen Gesichtern verfolgen wir diese halsbrecherische Aktion – denn unten kann man nicht einfach weiterfahren, da die Treppe auf eine Mauer zuläuft, vor der die Biker im 90 Grad-Winkel nach rechts abbiegen müssen.

Manu holt also seine Kamera raus, um das Spektakel für die Nachwelt (also Euch) festzuhalten und läuft rückwärts weiter, da – CATAPLUM – stürzt er in ein Loch, das ein fehlender Treppenbalken  hinterlassen hat.

Oh weh!

Und ich habe es noch nicht mal gesehen. Ich meine, wo es ohnehin geschehen ist, hätte ich es ja wenigstens mitbekommen können…

Der restliche Aufstieg war für alle anstrengend – wir waren hin und zurück beinahe fünf Stunden unterwegs – für Manu jedoch ungleich mehr. Er humpelte den kompletten Berg hinauf, da sein rechtes Bein von oben bis unten aufgeschürft und geprellt war und dann wieder hinunter.

Für uns andere war der Ausflug dennoch schön – unglaublich entspannend, trotz der Anstrengung, denn auch Bewegung kann ja entspannend sein. (Und das aus meinem Munde!) Oben gab es dann einen alten Vergnügungspark zu sehen, der noch von einer Weltausstellung von anno dazumal stammt – eine witzige Attraktion ist ein Flugzeug mit 1.Weltkriegs-Flair, das an einem Stahlarm über dem Abgrund kreist.

Zudem steht oben ein doppelte Kathedrale. Doppelt, da sie in zwei Stockwerke unterteilt ist: eins im Jugendstil – farbenfroh, mit vielen Mosaikbildern – das andere im neugotischen Stil.

Als wir abends dann auf Daniels und Monas Terrasse saßen und Berge von Fleisch auf den Grill legten, stellte ich aber fest, dass auch sitzen recht wohltuend sein kann…

Am Sonntag fuhren wir zu Aida (Manus ehemaliger Spanischlehrerin und unterdes Freundin) nach Badalona – eine Stadt, die offiziell nicht zu Barcelona gehört, damit aber zu einem großen Moloch verschmolzen ist.

Dort waren wir das erste Mal bei den berühmten Castellers.

Eine absolut durchgeknallte Tradition, die sich hier in Catalunya aber großer Beliebtheit erfreut: das Bauen von Menschentürmen.

Das könnt Ihr Euch in etwa so vorstellen:

ganz unten bildet sich eine Art Plattform von Menschen, die den ganzen Turm stützt und im Zweifelsfall auffängt. Dann gibt es verschiedene Arten, diese Türme zu bauen. Entweder stehen nur einzelne Menschen aufeinander oder die Türme beginnen mit vier oder fünf Menschen unten und verjüngen sich nach oben hin.

Das Ganze wurde in unserem Fall bis zu sieben Stockwerken hoch, kann aber auch an die zehn erreichen.

Als gebaut gilt der Turm, wenn ein Kind von vielleicht vier oder fünf Jahren (leicht vom Gewicht) bis oben klettert, über die letzte Person steigt und seine Hand in die Luft reckt.

Ich war an diesem skurrilen Sport eigentlich bislang nicht besonders interessiert, als wir aber dort waren, empfand ich das Ganze als extremst spannend und nervenaufreibend. Das Schlimme war, das gerade an diesem Tag viele Türme zusammengestürzt sind – furchtbar.

Alle Menschen purzeln wild durcheinander – einige wurden direkt mit dem Krankenwagen abtransportiert, viele andere liefen mit Eisbeuteln auf dem Kopf, zerrissenen Hemden oder aufgeplatzten Lippen herum.

Gruselig.

Seither ist bei uns wieder Alltag eingekehrt – der nächste Besuch steht aber bereits in den Startlöchern. Am Wochenende kommt unsere Freundin Irene aus Barcelona zu Besuch und in zwei Wochen Christian, den ich auf der Attac-Aktionsakademie in Köln kennen gelernt habe. Er verbringt gerade sein Erasmus-Jahr in Gijón, einer Stadt in Asturias, an der spanischen Nordküste.

Ich freue mich schon darauf – es tut mir gut, ein paar soziale Kontakte hier zu haben!

Ansonsten arbeite ich natürlich fleißig am Kyriel weiter – ich hätte nie geglaubt, dass ich mich als schwuler Mann mal so detailliert mit den Problemen einer Steißgeburt würde auseinandersetzen müssen – ist doch immer wieder interessant, in welch seltsame Gefilde einen das Schreiben so führt.

Mein Alltag also führt mich momentan noch immer in meine Gedankenwelt – Stund um Stund sitze ich hier, lese Bücher über Guatemala, den Bürgerkrieg, Mythen und Literatur der Mayas, Legenden und so weiter und versuche all die Informationen dann in Form zu gießen. Anspruchsvoll, aber nichtsdestotrotz anregend.

Ich stelle fest, dass ich mittlerweile echt gut informiert bin, was die guatemaltekische Geschichte angeht. Eine Ländermonographie aus der Beck’schen Reihe bringt mir gerade hauptsächlich noch Wiederholung. Das ist für mich allerdings ein Zeichen dafür, dass meine Recherchen offenbar einen guten Weg nehmen.

So, hier sende ich Euch zum Abschluss noch einen Link, um meinem aufklärerischen Auftrag gerecht zu werden:

http://www.youtube.com/watch?v=qLXMH6Vaa1s

und verlasse Euch einstweilen.

Bitte bequemt Euch doch mal dazu, Eurem Freund in der Ferne zu schreiben, der sich echt oberaffenirregeil über Mails freut!

Un abrazo a todos,

Elyseo

Ich nochmal.

Also, für alle die, die noch immer nicht die Steppschühchen über ihre Finger gestülpt haben und fröhlich über die Tasten steppen, hier ein kleiner Animator.

Für alle Hetero-Männer und Lesben: stellt Euch Barbara Schöneberger mit ihren bestechenden Vorteilen vor, die Euch vorsingt – Schwule und Frauen lauschen einfach der Musik:

Das bisschen Schreiben, ist doch kein Problem, sagt mein Mann, So eine e-mail, schafft man ganz bequem, sagt mein Mann.

Wie ein echter Freund das nicht begreifen kann, ist ihm ein Rätsel, sagt mein Mann.

So ein paar Zeilen, oh wie wohl das tut, sagt mein Mann, Gedanken fließen, ’s liegt ihnen im Blut, sagt mein Mann, So drück die Tasten, hock dich hin und mach dich ran, schreib Elyseo, sagt mein Mann.

Und was mein Mann sagt, stimmt haargenau, ich muss das wissen, mich fragt ja keine Sau!

Mails im Posteingang, find ich richtig gut, sagt mein Mann, Gleich ein paar Seiten, da zieh ich den Hut, sagt mein Mann.

Wer seine Klagen jetzt nicht länger hören kann, Der schreib ihm endlich, sagt mein Mann.

Und was mein Mann sagt, stimmt haargenau, ich muss das wissen, mich fragt ja keine Sau…

So, also, ab dann, im Rhythmus!

Elyseo

Cambrils, 20.11.2009

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