Tim Vogler – Berlin Metropolis: Nächte der Toten. Ein Nachklang

Schriftsteller Tim Vogler

Schriftsteller Tim Vogler

Mit Nächte der Toten legt der Berliner Schriftsteller Tim Vogler nun den zweiten Teil seiner Metropolis-Reihe vor und erhöht die Spannung. Beide Bände spielen im Berlin des Jahres 2049, in einer Welt, in der im Jahre 2033 eine große Katastrophe die uns bekannte Zivilisation in Schutt und Asche gelegt hat.

In den Jahren des Wiederaufbaus gelangt der ambitionierte Kanzler Söderberg an die Macht – jung, dynamisch und rücksichtslos etabliert er seine Vorstellungen von einer prosperierenden Stadt, in der die Staatssoftware „Der Algorithmus“ alle verfügbare Informationen über die Bewohner sammelt, verarbeitet und dafür sorgt, dass etwaige Gefahren frühzeitig erkannt und eliminiert werden.

Die Wälder im Umland der hermetisch abgeriegelten Stadt sind kontaminiert und die Existenz von Genwölfen und anderem Getier genügt, um den Berlinern die Entscheidung über ein Verlassen der Stadt abzunehmen.

Neben Normalberlin hat Kanzler Söderberg zur Förderung von Tourismus und einheimischer Wirtschaft Kulissenviertel errichten lassen, in denen das Leben anderen zeitlichen Gesetzen folgt. So gibt es einen Stadtteil namens Mauerberlin, in dem noch immer die Stasi herrscht, einen anderen, das Wilhelminische Viertel, in dem die Goldenen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts wiedererstehen und nicht zuletzt das eingezäunte Märkische Viertel, wo die Unterschicht die Drecksarbeit für den allgemeinen Wohlstand leistet. In den Kulissenvierteln gelten eigene Gesetze und der Staat hat die Verantwortung einem Netz von Mafiosi überlassen, die Schalten und Walten, wie es ihnen beliebt, solange die Touristenströme fließen – denn gerade die dunklen und gefährlichen Ecken sind es, die den größten Reiz auf die Besucher aus aller Welt ausüben.

Zu Beginn des zweiten Bandes allerdings droht dieses Gleichgewicht aus den Fugen zu geraten. Mafiapate Luschkow fällt einem grausigen Ritualmord zum Opfer, der Algorithmus spuckt keine Daten mehr aus und eine Kanzlerwahl steht bevor, in der nichts Geringeres als die Zukunft der Stadt auf dem Spiel steht.

Es sind die Ermittler der Abteilung „A“ – zuständig für die Aufklärung abnormer Todesfälle und im ausgeklügelten Sicherheitssystem der Metropolis Welt als anachronistisch belächelt -, die sich auf die Spuren des ominösen russischen Serienkillers Newski machen, dem die Tat zuzuschreiben ist. Bald stellt sich heraus, dass die Reise nicht nur in eine Welt voller Grausamkeit und Mord führt, sondern für Ermittler Castorf nicht zuletzt auch in die eigene Vergangenheit, in der seine Frau Maria einem brutalen Verbrechen zum Opfer fiel.

Mehr möchte ich hier nicht verraten, denn keinesfalls möchte ich die Kniffs und Wendungen vorwegnehmen, mit denen Vogler seine Geschichte erzählt.

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In seiner Metropolis-Reihe erschafft Tim Vogler ein düstere Dystopie, bei der mich vor allem die Konsequenz beeindruckt, mit der er Entwicklungen zu Ende denkt, die sich in unserer heutigen Welt beobachten lassen: Das hilflose Ringen der Politiker um eine präventive Verbrechensbekämpfung, wie wir es seit Jahrem im sogenannten Kampf gegen den Terror beobachten dürfen, wird beispielsweise zu Ende gesponnen. Schon die Möglichkeit zukünftiger Straftaten wird im Berlin der Zukunft mit Verbannung in die Außenkolonien geahndet – Teile der Stadt, in denen noch Gladiatoren-Kämpfe ausgetragen werden und aus denen noch kein Verbannter je zurückgelangt wäre.

Da andererseits der Welthandel zusammengebrochen ist, werden die Sweatshops in der Metropolis-Welt schlicht vor die Haustür verlegt – ins Märkische Viertel – und den Menschen gelingt es ebenso gut wie heute, die Augen vor den unsäglichen Arbeitsbedingungen zu verschließen, unter denen die Waren des täglichen Lebens produziert werden.

Es ist weniger die Thriller-Handlung, die mich von Voglers Werk überzeugt, als diese wohl durchdachte Welt, die in ihrem Schrecken ein wenig an das erinnert, was George Orwell mit seiner düsteren Vision 1984 erstehen ließ: eine Mahnung, aktuelle Entwicklungen wachsam zu verfolgen und ihnen entgegenzuwirken, wo nötig.

Zugleich gibt es immer wieder Momente der (Selbst-)Ironie, die mich schmunzeln ließen, wie beispielsweise dieser Satz: „Eine depressive Staatssoftware, Herrgott hilf!“ – gerade diese wusste ich beim Lesen sehr zu schätzen.

Vogler fährt, wie bereits im ersten Teil, eine Vielzahl von Akteuren auf, deren verschiedene Perspektiven der Leser kennen lernt. Hier liegt mitunter eine der verzeihbaren Schwächen des Romans, der aufgrund der schieren Menge an handelnden Figuren bisweilen ein wenig zu verworren daherkommt.

Dennoch gelingt es Voglers düsterer Vision einer nicht allzu fernen Zukunft, den Leser bei der Stange zu halten und wartet mit einem überraschenden Ende auf, das mich voller Neugier auf den Folgeband zurücklässt.

Hier geht es zum Buch: Nächte der Toten, Tim Vogler

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3 Gedanken.

  1. Das ist eine sehr treffende und wunderbare Beschreibung eines fantastischen Buches. Vielleicht wäre noch der Aspekt hinzuzufügen, dass es eine herausragende Qualität des Autors ist, die inneren Welten der Akteure, ihre Beweggründe, Ängste, Ideen und Träume für uns greifbar und miterlebbar zu machen. Das können auf diesem Niveau nicht viele moderne Autoren.

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