The Hitchhikers‘ Guide to Georgia – Eine Anleitung zum Überleben

 

Parental AdvisoryBatumi hat unter Reisenden nicht den besten Ruf. Das mag daran liegen, dass es in den Sommermonaten aus allen Nähten platzt, seit der nördliche Teil der georgischen Schwarz-meerküste mit Abchasien seine Unabhängigkeit vom Rest des Staates erklärt hat. Als Julie und ich allerdings Mitte Oktober hier ankamen, war die Touristen-Saison bereits vorüber. Was dann bleibt, ist ein Städtchen wenige Kilometer nördlich der türkischen Grenze, dessen Architektur mich immer wieder an einen Märchenpark erinnert: überall Türmchen, Erker, verspielte Formen und nachts ist alles in bunten Farben beleuchtet.

Batumi

Die Stadtsilhouette aber prägt der riesige Batumi-Tower. Auf halber Höhe des Turms befindet sich ein Karrussell. Daneben ragt der stählerne Alphabet-Turm in den Himmel. Von einer Kugel bekrönt zeigt er die Buchstaben des georgischen Alphabets – nichts davon ist für mich lesbar.

Batumi-Tower

Batumi-Tower

Alphabet-Turm, Batumi

Alphabet-Turm, Batumi

Nachdem Julie und ich ein paar Tage in Tbilisi verbracht hatten, hatten wir eine Marshrutka nach Batumi genommen. In Tbilisi war es schon richtig kalt und unser Fahrer ließ während der kompletten Fahrt das Fenster offen, sodass ich all meine Klamotten anzog und noch immer fror. Wie schön war es dann, als wir nach Kutaisi (der zweitgrößten Stadt Georgiens) die Berge hinter uns ließen und es plötzlich warm wurde. Überall säumten Palmen und Bäume voller überreifer Khakis den Wegesrand. Das schwarze Meer begrüßte uns dann mit einem prachtvollen Sonnenuntergang.

Sonnenuntergang am Schwarzen Meer, Batumi, Georgien

Sonnenuntergang am Schwarzen Meer, Batumi, Georgien

Feen-Stadt Batumi

Feen-Stadt Batumi

First Love, Skulptur am Strand von Batumi

First Love, Skulptur am Strand von Batumi

Bereits am ersten Abend in Batumi entdeckten wir ein kleines Restaurant, wo wir ausgezeichnet aßen. Es sollte unser Lieblingsort in Batumi werden. Als wir zum zweiten Mal in der Stadt waren, fürchtete Julie schon, die Kellnerinnen würden uns auslachen, weil wir immer wieder kamen. Zudem entdeckten wir am ersten Abend eine Bar und tranken uns bis in die frühen Morgenstunden fest. In dieser Hinsicht ist Batumi wie Yerevan – es ist schwer nicht ständig feiern zu gehen. Freitag dann beantragte ich schwer verkatert mein Visum für den Iran. Mir wurde mitgeteilt, dass ich in einer Woche nachfragen solle.

Sommer-Theater am Neuen Boulevard in Batumi

Sommer-Theater am Neuen Boulevard in Batumi

Batumis Architektur zeichnet sich durch Verspieltheit aus.

Batumis Architektur zeichnet sich durch Verspieltheit aus.

Batumi: Hinterhof-Impressionen

Batumi: Hinterhof-Impressionen

Schwarzer Sand und Spaghetti mit Käse: Ureki

Also zogen wir weiter nach Ureki, einem Küstenort, der um diese Jahreszeit bereits zur Geisterstadt mutiert war. Wir bezogen ein Quartier im Hotel National – ein Zimmer, dass in der Hochsaison unser Budget bei Weitem überstiegen hätte. Nun aber zahlten wir nicht mehr als in jedem herkömmlichen Hostel-Schlafsaal.

Der Strand in Ureki war verlassen und im Gegensatz zu den anderen Stränden der Schwarzmeerküste kein Kieselstrand, sondern Sand. Allerdings schwarzer Sand, was dem Ort eine spezielle Aura verlieh.

Schwarzer Sand in Ureki: der magnetische Sand soll den ganzen Körper zur Ruhe kommen lassen.Schwarzer Sand in Ureki: der magnetische Sand soll den ganzen Körper zur Ruhe kommen lassen.

Schwarzer Sand in Ureki: der magnetische Sand soll den ganzen Körper zur Ruhe kommen lassen. (Feet-Selfie by Julie)

Schwarzer Strand von Ureki

Schwarzer Strand von Ureki

Die Geisterstadt-Atmosphäre erinnerte mich an meine Zeit in Cambrils – nicht unbedingt die erfreulichsten Erinnerungen meines Lebens, da diese Zeit meine Beziehung zugrunde richtete. Dennoch brauchten Julie und ich diese Tage der Ruhe. Selbst etwas zu essen zu bekommen, stellte sich in Ureki als Problem heraus – insbesondere für Vegetarier. Unser ersten Abendessen bestand aus schlechtem Wein, Spaghetti mit Käse und ein paar Gurken. Auch das Öl für ein wie auch immer geartetes Dressing schien knapp zu sein.

Pferde am Strand von Ureki

Pferde am Strand von Ureki

Nach drei Tagen zog es uns weiter. Wir beschlossen zu trampen. Für Julie war es die erste Tramp-Erfahrung ihres Lebens. Zugegebenermaßen gibt es hierfür womöglich geeignetere Orte als Georgien, denn nicht ohne Grund stehen die georgischen Fahrer im Rufe absoluten Wahnsinns.

Kutaisi

Unsere Fahrt nach Kutaisi entpuppte sich im Rückblick als vergleichsweise harmlos. Ein netter junger Typ nahm uns mit und setzte uns am Busbahnhof der Stadt ab. Der lag, was wir leider nicht ahnten, allerdings vier Kilometer vom Zentrum entfernt, in einem Viertel, das in all seiner Gräue unsere Laune nicht eben hob. Eine typische Situation, in der man zu zweit Gefahr läuft, sich anzupampen. Als wir nach einer guten Stunde vollbeladenen Fußmarsches allerdings das Zentrum erreichten und mit Aussicht auf den Fluss eine Kleinigkeit gegessen hatten, besserte sich unsere Laune schlagartig.

Park in Kutaisi: Gruppenbild mit Dame

Park in Kutaisi: Gruppenbild mit Dame

Kutaisi ist zwar Georgiens zweitgrößte Stadt, wirkt jedoch alles andere als großstädtisch. Dennoch mochten wir die Atmosphäre dort. Wir erkundeten die Altstadt und erklommen den Hügel, auf dem die Bagrati-Kathedrale steht. Im Reiseführer noch als Ruine beschrieben, erstrahlt sie im Jahre 2014 in neuem Glanz. Für den Wiederaufbau wurde sie von der UNESCO auf die Rote Liste des gefährdeten Weltkulturerbes gesetzt. Meiner persönlichen bescheidenen Meinung nach ist der Wiederaufbau allerdings gelungen.

Wiederaufgebaute Bagrati Kathedrale, Kutaisi, Georgien

Wiederaufgebaute Bagrati Kathedrale, Kutaisi, Georgien

Leben in Kutaisi: Impressionen

Leben in Kutaisi: Impressionen

Leben in Kutaisi: Impressionen

Leben in Kutaisi: Impressionen

Leben in Kutaisi: Impressionen - Bäcker bereitet die traditionellen Khachapuri zu - eine Art mit Käse gefülltes Brot.

Leben in Kutaisi: Impressionen – Bäcker bereitet die traditionellen Khachapuri zu – eine Art mit Käse gefülltes Brot.

Die Reise mit Julie ist vor allem davon bestimmt, dass wir unglaublich viel lachen. In Rioni’s Guesthouse, wo wir abstiegen, lagen wir stundenlang in unserem Bett mit Snoopy-Bettdecke, Kermit-Aufkleber neben uns an der Wand und Bugs Bunny-Bilder ringsumher und lachten uns kaputt. Rioni schien beschlossen zu haben, das Kinderzimmer an Gäste zu vermieten. Mangelnde Geschäftstüchtigkeit kann man den Georgiern jedenfalls nicht nachsagen.

Prometheus-Höhle in Tskaltubo

Am zweiten Tag in Kutaisi fuhren wir mit der Marshrutka zur Prometheus-Höhle in der Nähe des Ortes Tskaltubo. Die Tropfsteinhöhle hat eine Gesamtlänge von 30 Kilometern (!), von denen bislang etwa 1,8 erschlossen sind. Wir kamen aus dem Staunen nicht mehr heraus. Die Höhle erinnerte mich an Jules Verne’s Reise zum Mittelpunkt der Erde. Die Stalaktiten- und Stalagmiten-Formationen sind bisweilen bizarr und wunderschön.

Prometheus-Höhle, Kutaisi

Prometheus-Höhle, Tskaltubo (Nähe Kutaisi)

Bizarre Stalaktiten und Stalagmiten-Strukturen: Prometheus-Höhle, Tskaltubo (Nähe Kutaisi)

Bizarre Stalaktiten und Stalagmiten-Strukturen: Prometheus-Höhle, Tskaltubo (Nähe Kutaisi)

Bizarre Stalaktiten und Stalagmiten-Strukturen: Prometheus-Höhle, Tskaltubo (Nähe Kutaisi)

Bizarre Stalaktiten und Stalagmiten-Strukturen: Prometheus-Höhle, Tskaltubo (Nähe Kutaisi)

Die Höhle wurde für Besucher neu erschlossen. Überall erstrahlen die Stalaktiten und Stalagmiten in bunten Farben. Aus Lautsprechern ertönt leise klassische Musik, während der Besucher sich durch fünf große Säle vorarbeitet. (Insgesamt gibt es derer 18, die in Zukunft ebenfalls für Touristen zugänglich gemacht werden sollen.)

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Prometheus-Höhle, Tskaltubo

Je weiter wir in die Höhle hinab stiegen, um so schwerer fiel es mir, nicht ständig in Rufe des Erstaunens auszubrechen. Das war nicht die erste Tropfsteinhöhle die ich in meinem Leben besucht habe, aber mit Sicherheit die bei Weitem Beeindruckendste.

Zu guter Letzt fuhren wir mit einem Boot durch einen unterirdischen Fluss aus der Höhle hinaus. Hätte ich geahnt, dass Julies schrecklichste Vorstellung eines unnatürlichen Todes darin besteht, unter der Erde in einem engen Raum eingeschlossen zu werden oder gar zu ertrinken, hätte ich nicht so sehr darauf gedrängt, diesen optionalen Teil in unseren Besuch mit einzubauen. Ich fand es faszinierend, mit Helm und immer wieder gesenktem Kopf dort lang zu schippern, aber Julie neben mir stand Todesängste aus.

Da naht es: das verhängnisvolle Boot...

Da naht es: das verhängnisvolle Boot…

Kutaisi: auch hier gibt es verfallende Häuser mitten im Zentrum

Kutaisi: auch hier gibt es verfallende Häuser mitten im Zentrum

Leben in Kutaisi: Markt

Leben in Kutaisi: Markt

Julie am Fluss (Kutaisi)

Julie am Fluss (Kutaisi)

Ein paar grundsätzliche Überlebensregeln:   The Hitchhikers‘ Guide to Georgia

Tags darauf verließen wir Kutaisi, um nach Batumi zurückzukehren. War es in Ureki einfach gewesen, einen Fahrer zu bekommen, der uns mitnahm, stellte sich das an einer Straßenkreuzung inmitten der Stadt als ungleich schwieriger heraus. Wir versüßten uns die Wartezeit mit Gesang und Gelächter.

Oh Lord, won’t you stop me a Mercedes Benz

Hitchhiker-Regel 1: Bitte nie um einen Mercedes, wenn Du das Echo nicht verträgst.

Ein Benz sollte es diesmal noch nicht werden – nur ein junger Strahlemann in einem Opel, der mit 150 km/h über die Landstraße raste und dem kein Überholmanöver zu riskant schien.

Autobahnen gibt es in Georgien kaum, sodass sich der Großteil des Verkehrs auf der Landstraße abspielt. Die Georgier betrachten ihre zweispurigen Landstraßen eher als dreispurig. Sie sind allerlei Arten von verrückten Fahrern gewohnt und ziehen im Normalfall nach rechts, wenn jemand auf der Gegenseite überholt. Nichtsdestotrotz war ich bereits nach wenigen Minuten froh, dass unser Fahrer nur bis Samtredia fuhr, einem dreißig Kilometer von Kutaisi entfernten Städtchen, wo sich sämtliche Straßen des westlichen Georgien kreuzen.

Als ich ausstieg, fühlte ich mich in Schweiß gewendet. Julie meinte, dass sie die ganze Zeit im Rückspiegel mein verbissenes Gesicht habe beobachten können. Nach einer Zigarette und fünfzehn Minuten Beruhigungszeit waren wir soweit weiterzufahren.

Hitchhiker-Regel 2: Steige nie in einen Wagen, wenn der Fahrer nicht im Alter zwischen 60 und 75 ist. Vorsicht bei übertrieben fröhlichem Lächeln.

Glücklicherweise hielt ein Lieferwagen mit einem älteren Georgier an, der direkt bis Batumi fuhr. Der Mann sprach praktisch kein Englisch. Nichtsdestotrotz reichte es aus, um uns nach einer Stunde per Gesten zu fragen, ob wir ein Paar seien. Als ich das verneinte, sah er mich ungläubig an.

No sex?, fragte er und aus seinem Gesicht sprach Fassungslosigkeit.

Eben so wie aus unserem, als wir die Frage verstanden. Die Menschen sprechen kein Wort Englisch, aber es reicht immer noch aus, um Wildfremde zu fragen, ob sie miteinander ficken. Unglaublich.

Hitchhiker-Regel 3: Wenn der Fahrer mit Dir über Dein Sexleben sprechen will, tu so, als ob Du keine Gestensprache mehr verstehst.

Julie und Elyseo am Strand von Batumi

Julie und Elyseo am Strand von Batumi

Freitag kehrte ich zur iranischen Botschaft in Batumi zurück und bekam mein Visum. Obwohl sowohl Julie als auch ich zügig weiter wollten, wurde es Montag, bis keiner von uns zu verkatert waren, um tatsächlich die Reise anzutreten. In dieser Hinsicht ist Batumi ein gefährliches Pflaster: zu viele nette Menschen und unsere Lieblingsbar direkt gegenüber unseres Hostels.

Georgier sind Meister im beleuchten ihrer Bauwerke (Batumi)

Georgier sind Meister im beleuchten ihrer Bauwerke (Batumi)

Gefährlich: die Nacht in Batumi

Gefährlich: die Nacht in Batumi

Batumi in der Dämmerung

Batumi in der Dämmerung

Batumi bei Nacht

Batumi bei Nacht

Hoffentlich keine Gefängnisstrafe: kein Selfie vor dem Selfie-Spot! (Redisson Blu Hotel, Batumi, Alphabet-Tower im Hintergrund)

Hoffentlich keine Gefängnisstrafe: kein Selfie vor dem Selfie-Spot! (Redisson Blu Hotel, Batumi, Alphabet-Tower im Hintergrund)

Montag wollten wir schließlich nach Vardzia trampen, einem Ort in der Nähe der armenischen Grenze. Um dahin zu gelangen, brauchten wir erst eine Mitfahrgelegenheit nach Khulo. Das stellte sich als ausgesprochen schwierig heraus, obschon der Ort nicht eben weit von Batumi entfernt war. Zuerst aber hatten wir die Straße zu finden, die aus Batumi heraus und in Richtung Khulo führte. Wir liefen eine Stunde lang mit unseren Rucksäcken durch die Straßen Batumis und fanden kein einziges Verkehrsschild, das uns die Richtung hätte verraten können. Sobald wir das Zentrum verlassen hatten, machten wir nicht zum ersten Mal die Erfahrung, dass die allermeisten Menschen in Georgien kein Wort Englisch sprechen. Zumindest, solange sie nicht in der Tourismus-Branche tätig sind.

Als wir die richtige Straße mit einiger Mühe endlich gefunden hatten, stellte es sich als schwierig heraus, dort wegzukommen. Batumi ist zu lang gestreckt, um bis an die Stadtgrenzen oder dahinter zu gelangen, wenn man schwer beladen ist, so wie wir es waren. Das heißt wir standen mitten in einer Plattenbau-Siedlung  und versuchten einen Fahrer zu finden, der nach Khulo fuhr. Das verlangte uns einiges an Geduld ab. Wenige machten sich überhaupt die Mühe anzuhalten. Bei denen, die anhielten, hatten wir kein Glück. Manchmal fragte ich mich, ob sie nicht überhaupt nur hielten, weil sie neugierig waren.Die meisten Menschen hier gucken gern. Bisweilen grenzt es an Starrsucht..

Der krasseste Typ war ein alter Georgier, der ein wenig Englisch sprach. Er fragte, woher wir seien und wohin wir wollten.

We want to go to Khulo, entgegneten wir.

Why go Khulo? Khulo is country. Go to Germany!, erwiderte er fröhlich.

Als er weitergefahren war, brachen wir in schallendes Gelächter aus. Go to Germany?? – Danke, toller Vorschlag.

Hitchhiker-Regel 4: Lass Dich von wohlwollenden Alternativvorschlägen nicht von Deiner ursprüng-lichen Route abbringen.

Nach gut zwei Stunden gaben wir unseren Versuch, nach Khulo zu trampen, auf. Gen Ende sagten uns zwei Menschen, dass es ein Problem sei, von dort nach Armenien zu gelangen, weil in den Bergen bereits Schnee liege. Also blieb uns nichts anderes, als doch wieder zurück nach Tbilisi zu fahren.

Julie hatte überhaupt keine Lust darauf, aber was sollten wir tun? Also Marschrutka ins Stadtzentrum, einen Happen essen und dann mit Gepäck auf der anderen Seite der Stadt wieder raus.

Wir fanden uns inmitten des Hafens an einer verkehrsreichen Straße wieder, Julies Laune auf dem Nullpunkt.

Ich bemühte mich, das auszugleichen, indem ich Tbilisi, Tbilisi, Tbilisi schrie wie ein indischer Busjunge oder Songs erfand wie I try to go to Tbiliiiisi, but she says no, no, no. Natürlich mit zugehöriger Choreographie, versteht sich.

Endlich hielt ein Mann an – Kapitän eines Frachtschiffs, wie sich herausstellte. Er war auf dem Weg nach Poti, wenig nördlicher als unser Strandort Ureki, aber immerhin kamen wir endlich los. Es war nachmittags um halb drei. Als wir die Kreuzung erreichten, an der es in Richtung Samtredia und Kutaisi abging, bat ich ihn, uns doch am Eck rauszulassen. Daraufhin meinte er, er fahre uns nach Samtredia, da wäre es leichter wegzukommen – und was sei schon eine Stunde mehr oder weniger. Bis Samtredia waren es von dieser Stelle aus 60 Kilometer. Die Leute in Georgien können bisweilen überraschend nett sein – was in krassem Widerspruch zu ihrem eher mürrischen Auftreten steht.

Die Fahrt von der Küste nach Samtredia ist wunderschön. Das Laub an den Bäumen leuchtete grün, rot und gelb, übergossen vom Licht des Herbstes. In der Ferne die schneebedeckten Gipfel des Kaukasus.

Hitchhiker-Regel 5: Lobe den Tag nicht vor dem Abend. Du weißt nie, was noch kommen wird.

In Samtredia standen wir kaum fünf Minuten an der Landstraße, als ein silbergrauer Mercedes-Sportwagen neben uns hielt. You want to go to Tbilisi?

Klar! Genau das war unser Ziel.

Es sollte sich als Fehler entpuppen, dass wir in diesen Wagen einstiegen.

Im Wagen saßen zwei Männer von Mitte vierzig. Der eine trug eine Sonnenbrille und sah aus wie ein Immobilienmakler. Er hatte ein Jahr in Deutschland gelebt und sprach ganz gut Deutsch. Sein Mitfahrer trug eine Lederjacke, sprach gut Englisch und erwies sich als außerordentlich mitteilsam. Jedes Wort, dass er in unsere Richtung sprach war unterweht von einer Wolke aus Alkohol.

Hitchhiker-Regel 6: Bitte Deinen Fahrer um eine Atemprobe, bevor Du zu ihm in den Wagen steigst.

Dann ging es los.

Mercedes. Ein Mercedes fährt schnell. Das ist in Georgien nie besonders gut, wie ich unterdessen gelernt habe. Vor allem, da Geschwindigkeitsbegrenzungen prinzipiell als wohlmeinender Vorschlag ignoriert werden. Sprich, auf dem Schild heißt es 30 km/h und der Fahrer fährt 160.

Hitchhiker-Regel 7: Steige nie in einen tiefergeleg-ten, silbernen Sportwagen.

Julie und ich starrten uns an.

At first I was afraid, I was petrified, kept thinking I could never live my life… 

Ich bin ein nervöser Beifahrer. Oder auch Mitfahrer. Der Business-Man raste los und mich drückte es in den Rücksitz. Tief durchatmen. Wir würden schneller als erwartet in Tbilisi sein. So wir dort denn je ankämen.

Nach einer halben Stunde hatte ich mich ein wenig an den Fahrstil des Ministerialbeamten im Justizministerium gewöhnt. Das, erzählte er nämlich, sei sein Beruf. Ex-Soldat, jetzt Anwalt im Justizministerium. Er fuhr verrückt, riskant, aber doch fasste ich irgendwann ein Mindestmaß an Vertrauen. Zumindest auf gerader Strecke. Ohne Überholmanöver.

No worries. We are Georgian. We are good drivers, versicherte uns der Beifahrer, während der Fahrer auf die linke Seite ausscherte und darauf vertraute, dass sein Mercedes die fünfzig Meter, die der herannahende LKW noch entfernt war, zur rechten Zeit überwinden würde.

Der Englischsprachige war Polizist und kam ursprünglich aus Kutaisi. Deshalb müssten wir kurz halten, weil er einem alten Freund Hallo sagen wolle, den er Jahre nicht gesehen habe. Nur fünf Minuten.

Hitchhiker-Regel 8: Vergiss nie Deinen gesunden Menschenverstand. Wenn jemand nach Jahren einen alten Freund wiedersieht und nach fünf Minuten zurück ist, sollte das Deine Skepsis wecken.

Sorry, sorry, sorry.

Kein Problem, sagten wir.

Fünf Minuten später fuhren wir weiter. Das kam uns in diesem Augenblick nicht seltsam vor. Noch nicht.

Während ich mit meinen Ängsten kämpfte, obwohl ich ein gewisses Vertrauen zu dem Fahrer gefasst hatte, schloss Julie hinter ihrer Sonnenbrille die Augen. Und schlief ein! Ich konnte es nicht fassen. Wir rasten durch einen Tunnel, was selbstverständlich kein Grund war, nicht ein riskantes Überholmanöver zu wagen – Lady Diiiiiiii! schrie es in mir – Julie schlief.

Hitchhiker-Regel 9: Bevor Du daran denkst, per Anhalter zu fahren, sieh Dir Elton John’s Video Goodbye England’s Rose an.

Wir rasten durch die Berge. Kurven. Ich hasse Kurven.

Der Ministerialbeamte hatte in der Fahrschule gut aufgepasst, ein wenig zu gut für meinen Geschmack, weswegen er in Kurven Gas gab. Die Lektion, dass er vorher bremsen musste, hatte er vermutlich verpasst.

Schwitzend saß ich auf dem Rücksitz, klammerte mich an meinem Rucksack fest, versuchte an etwas anderes zu denken. Egal was. Gelingen wollte es mir nicht. Zugleich war es eiskalt in dem Wagen. Die Klimaanlage lief auf vollen Touren. Eine halbe Stunde rang ich mit mir, dann fragte ich den inzwischen stilleren Polizisten, ob es möglich sei, die Temperatur ein wenig höher zu stellen.

Hitchhiker-Regel 10: Lebe mit Temperaturen, wie sie eben sind. Frage nie nach Veränderung.

Oh!? Is it cold? Sorry, we drank before, we don’t feel it’s cold, sorry, sorry!

Ooops. Vielleicht hätte ich doch lieber weitergefroren.

Dann machten wir eine Pause.

Warum weckt ihr mich?, fragte Julie, die mir zu Beginn der Reise noch erzählt hatte, wie schwer es ihr falle, irgendwo einzuschlafen.

Pinkelpause!

In den Bergen war es eiskalt. Dennoch war ich dankbar für die kurze Verschnaufpause. Ich hatte ja keinen blassen Schimmer, wie viel besser es gewesen wäre, einfach direkt bis Tbilisi durchzufahren.

Auch die längste Kippe geht irgendwann zur Neige. Entsetzt erkannte ich, was sich abspielte: Fahrerwechsel!

Mit quietschenden Reifen und hinter uns aufwirbeltem Staub preschten wir vom Parkplatz zurück auf die Landstraße. Der Polizist schien zu glauben, es gebe drei Fahrspuren. Einziges Problem: es gab nur zwei. Ich schielte zu Julie rüber. Ihre Augen ebenso geweitet wie meine. Der Versuch eines panischen Lächelns. Auf der Gegenspur: Autoschlangen. LKWs. Marshrutkas. PKWs. Mit Licht. Ohne Licht. Die Dämmerung war hereingebrochen. Ich griff nach Julies Hand. Die meine: schweißnass.

Warum hältst Du Dich an mir fest? Ich kann’s auch nicht ändern, sagte sie. Ich ließ los, meine Hand auf der verzweifelten Suche nach Halt wild umhergreifend.

Hitchhiker-Regel 11: Wenn Dein Fahrer in der 30-Zone 180 fährt, halt Dich fest.

Wir fuhren inzwischen 180. Noch immer auf der Landstraße in den Bergen – bei dichtem Verkehr. Ich hatte ernsthafte Zweifel daran, dieses Auto je lebend zu verlassen. Mein Herz raste, mein ganzer Körper bedeckt von kaltem Angstschweiß.

Denk an die Bootstour!, raunte ich ihr zu.

Da verstand sie wie ich mich fühlte. Ab diesem Moment durfte ich ihr Bein quetschen.

Wir hielten an, um zu tanken. Das wäre unsere Chance gewesen auszusteigen. Aus irgendeinem hanebüchenen Grund blieben wir versteinert sitzen. Als wir weiterfuhren, machte Julie ein Video mit dem Handy. Leider gibt es nicht im geringsten das Gefühl dieser Fahrt wieder.

Ein Autofahrer kam uns auf der Spur entgegen, die im Normalfall unsere gewesen wäre. Der Polizist machte einen wilden Schlenker nach rechts und konnte eben noch ausweichen.

Crazy man, wandte er sich zu uns um (bei 180 km/h).

You are the fucking crazy man!, wollte ich ihn anschreien. Ich tat es nicht.

Ständig wurden wir von entgegenkommenden Autos angehupt oder belichthupt. Eins sei Euch versichert, die Georgier sind alles andere als Sensibelchen, wenn es um den Straßenverkehr geht. Unsere Fahrer aber heimsten sich allerlei Aggression ein.

Bald, bald musste die Autobahn kommen. Ich wusste es gab ein Stück davon vor Tbilisi.

Vielleicht wird es da besser, flüsterte Julie mir über den Motorenlärm zu. Er erinnerte an ein Flugzeug auf der Startbahn. Ich wusste es nicht. Besser? Schlechter? Wer könnte das sagen? Das war ein Mercedes. Und dieser Mann kannte keine Grenzen.

Dann kam sie, die Autobahn. Nichts, was unseren Fahrer allzu sehr hätte überraschen dürfen. Tat es aber doch. Die Warnbake hätte er jedenfalls beinahe umgefahren. Mit etwa 160.

Julie, die insgesamt besser mit der Situation umgehen konnte als ich, wisperte: Vielleicht hat er es doch nicht im Griff.

Wir sollten aussteigen! flüsterte ich zurück.

Aber es war inzwischen dunkel und nun waren wir auf der verdammten Autobahn. Wie sollten wir da jemals wieder wegkommen?

Hitchhiker-Regel 12: Setze Deine Hoffnung nie auf eine verdammte Autobahn.

Die sind auf Koks, glaube ich, sagte Julie. Fällt Dir auf, dass sie die ganze Zeit schniefen? 

War mir nicht aufgefallen bis dahin. Dann aber konnte ich es nicht mehr übersehen. Das erklärte auch den Fahrstil. Der Typ hielt sich für eine Wiedergeburt von Superman. Unverwundbar! Und dann der Fünf-Minuten-Besuch bei einem Freund, den er Jahre lang nicht gesehen hatte. Alles klar.

Dennoch war es auf der Autobahn ein wenig besser. Es gab keinen Gegenverkehr.

Ich danke dem Herrn für die Autobahn!, schickte Julie nach ein paar Minuten ein Stoßgebet gen Himmel.

Wir bretterten mit 200 Sachen dahin. Ich fürchtete jede Kurve. Derer gab es zahllose. Unser Polizist fuhr, wie man sich den schlimmstmöglichen Autofahrer vorstellt: Lichthupe, Auffahren bis auf wenige Zentimeter bei 180 km/h. Im Zweifel rechts überholen.

Das zweite Pedal ist die verfickte Bremse!, war ich versucht zu schreien. Ich tat es nicht. Julie drückte mir einen Stein in die Hand. Aus der Prometheus-Höhle.

Damit du was zum Festhalten hast.

Ich war erstaunt, dass er am Ende noch genauso aussah wie zu Beginn.

Vorbildlich bremste der Fahrer auf die vorgeschriebene Geschwindigkeit runter, sobald sie sich einer bekannten Radarfalle näherten. Zum Glück gab es in dem Tunnel, durch den wir auf der Autobahn mussten, wohl gleich mehrere.

Falls wir das überleben, Julie, erinnre mich daran, dass ich zu Hause eine großzügige Spende für Radarfallen in Georgien überweise! Ich möchte dieses Land mit Radarfallen gepflastert sehen!

Galgenhumor.

Wie fieberten wir der nächsten Entfernungstafel auf der Autobahn entgegen. Es dauerte schier endlos, bis sie auftauchte.

Hitchhiker-Regel 13: Investiere in den Ausbau der Verkehrsüberwachung, sobald Du lebend zu Hause angekommen bist.

Tbilisi 33 km. 

Fünf Minuten!, sagte ich.

Drei!, sagte Julie.

Und da war sie irgendwann: die Stadtgrenze! Und: Gepriesen sei der Stau! – Wir konnten nicht weiterrasen.

Die beiden fragten uns, wohin wir wollten, doch sobald ich den ersten vertrauten Ort erkannte, bat ich sie, uns dort rauszulassen. Lieber mit der U-Bahn weiter.

Wir landeten schließlich im Envoy-Hostel in Tbilisi, wo ich gern Ani gesehen hätte, die ich im Envoy in Yerevan kennen gelernt hatte. Leider hatte sie just an diesem Abend frei.

Das Envoy dort liegt auf einem Hügel und der Weg dort hinauf ist ziemlich steil. Vollkommen erschöpft schleppten wir uns hinauf. Da entschlüpfte mir – aus tiefster Seele und mit voller Inbrunst – der Satz, der den Tag wie nichts anderes zusammezufassen vermochte:

Fuck that fucking shit!

Fuck the fucking shit!

Fuck the fucking shit!

Julie brach in schallendes Gelächter aus. Wir hatten überlebt.

3 Gedanken.

  1. Komme soeben aus Georgien zurück und fand mich in vielen Eurer Erfahrungen wieder. Auch ich habe so manchen Schweiß beim Mitfahren verloren, aber ich glaube Eure Fahrt bleibt unübertroffen. Habe mitgefiebert und viel gelacht… Danke für Euren Bericht. Grüße Nadine

    • Das ist ja das schöne an diesen Geschichten, liebe Nadine, dass man im Nachhinein so viel darüber lachen kann. Die schlimmsten Erlebnisse ergeben immer die besten Stories! Grüße zurück an Dich, Georgienreisende! Elyseo

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