Teenage Angst Ensemble – Das Haus (16. März 2013, „Lichtung“, Köln). Ein Nachklang

Mehr denn Theater erwartete den Besucher am Samstag Abend in der

Lichtung eine beklemmende Collage aus Stimme, Klängen, Video und Musik: das Teenage Angst Ensemble, bestehend aus Moana Köhring und Daniel Nipshagen, erschuf einen Raum, aus dem sich zu entziehen dem Zuschauer binnen kürzester Zeit unmöglich wird.

Dabei arbeitet das Teenage Angst Ensemble mit vielfältigen Mitteln.

Zunächst wären da die Video-Aufnahmen im Super-8-Format, die den Zuschauer in eine vertraute, wenngleich versunkene Welt entführen: Familienaufzeichnungen und Landschaften mit Charme und Prüderie jener Zeit, als die Großväter zu Familienfesten noch einhellig in Anzug und Krawatte auftauchten. Über diesen Bildern liegt eine erzählte Geschichte, die vom Sammeln von Kartoffelkäfern in den Kinderjahren, vom Verlust kindlicher Unbedarftheit handelt, Generationen umfasst und in folgendem Satz gipfelt: Ab und zu denke ich, dass es doch schön wäre, noch einmal die Wohnung zu verlassen, noch einmal die frische Luft und die Sonne zu spüren, es noch einmal zu versuchen.

Damit ist der Rahmen gesetzt: das Haus, als Titelgeber, bleibt der Bezugsrahmen des restlichen Stücks, alles andere spielt sich in seinen Eingeweiden, in seiner Erinnerung ab. Die Einordnung der zu Gehör gebrachten Fragmente bleibt dem Besucher selbst überlassen.

Neben Videoaufnahmen kommen hauptsächlich klangliche Mittel zum Einsatz:

Musik, die mitunter durchdringende Tonlagen erreicht und das Publikum gar dazu brachte, schützend die Hände über die Ohren zu legen;

einzelne Klagelaute der Akteure, mit den Mitteln moderner Computertechnik verfremdet;

das Vortragen fragmentarischer Texte.

Der Vortrag wiederum wirkt in sich selbst gleich mehrfach gebrochen:

das Zusammenspiel zwischen lieblich-melodiöser Vortragsweise, kühl respektive hartem Aussehen der Vortragenden und dem bohrenden, ja, anklagenden Inhalt der Texte will einfach nicht harmonieren, wirft den Besucher in den Raum schwebenden Zweifels.

Die Stärke der Fragmente liegt darin, dass sie zwar aus der Perspektive von Hausbewohnern berichten, die dem Besucher durch all die Verfremdung zunächst weit entfernt vorkommen mag, dass sie allerdings punktuell mit messerscharfen, beinahe sentenzartigen Beobachtungen aufwarten, die es praktisch unmöglich machen, sich nicht zu identifizieren. Wider Erwarten, darin liegt das Schreckmoment.

Der einschmeichelnde Klang der Stimmen steht zudem in eklatantem Widerspruch zum Inhalt des Vorgetragenen.

Wir sind überall, heißt es sinngemäß an einer Stelle, in jedem Haus gibt es irgendwo jenen komischen Kauz hinter verschlossenen Türen – und ganz unwillkürlich begann ich selbst zu überlegen, wo jener Fremde denn in meinem Zuhause verborgen sein mochte, jener Fremde, dem ich lieber nicht im Finstern begegnen würde.

Die Möglichkeit seiner Existenz an sich zog ich jedoch durchaus nicht in Zweifel.

Das emotionale Paradoxon indes lag in eben jener Mischung aus furchtvoller Abgrenzung und Verständnis. Immer wieder keimte dieser Zwiespalt im Zuhörer: während die Stimmen ihn einerseits umschmeichelten, ihm wohlige, beinahe lustvolle Schauer über den Leib trieben, sorgte der Inhalt andererseits für Gänsehaut.

 

Mir fiel auf, dass Dinge, die verschwunden sind, einem näher sind,

heißt es sinngemäß an einer Stelle und anekdotisch wird vom Verschwinden der geliebten Kinderschaukel im Garten erzählt.

Wir alle teilen diese Erfahrung – tausendfach spiegelt sie sich im eigenen Erleben wider: etwas, das einem in seiner Selbstverständlichkeit gleichgültig erschien, solange es präsent war, verwandelt sich in die sinnbildliche blaue Blume, sobald es die Gefilde der Unerreichbarkeit betritt. Vorgetragen wird dieser Gedanke hier allerdings vom selben Kauz, dem im Dunkeln zu begegnen wir uns scheuten. Das verunsichert. Das macht Angst oder, wenn nicht Angst, so verursacht es doch zumindest eine Nachdenklichkeit, die einen manch eigenes Vorurteil womöglich hinterfragen lässt.

Vermögen wir, hinter die Fassaden zu blicken – oder bleiben wir vor der Fassade stehen und wenden uns angewidert ab?

 

Alles in allem bietet das Teenage Angst Ensemble einen Abend, der seines gleichen sucht – und dies in ganz wörtlichem Sinne.

Die mutige Collage grundverschiedener Medien und stilistischer Ausdrucksmittel, die pointierte, ausdrucksstark vorgetragene Prosa, die offene Darstellungsform, die den Zuschauer mit einem Kopf voller Fragen in die Nacht entlässt, ohne allzu viele vorgefertigte Antworten bereitzustellen – all dies empfand ich als ausgesprochen gelungen.

Neue Wege in der Kunst zu beschreiten birgt stets Risiken, dessen, so will ich einfach unterstellen, sind sich auch Moana Köhring und Daniel Nipshagen gewiss bewusst.

Im Falle des Teenage Angst Ensembles geht dieses wagemutige Konzept allerdings auf ganzer Linie auf.

Danke für diesen bereichernden Abend!

  

Für weitere Informationen: http://teenageangstensemble.de/

 

Fotos: Copyright by Judith Büthe, 2010. Herzlichen Dank!

Dieser Beitrag wurde gepostet in Theater. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.