Tbilisi – Zwischen Tradition, Verfall und Moderne

Tbilisi bei Nacht: Parlament und Rike Park.

Tbilisi bei Nacht: Parlament und Rike Park.

Im Minibus rauchende Busfahrer, hals-brecherische Überholmanöver in nicht einsehbaren Serpentinen-Kurven, drei Flaschen Wodka früh um halb neun: Herzlich Willkommen in Georgien!

  

 

Es ist ja mit Städten meist so eine Sache: man mag sie oder man mag sie nicht – schwer zu erklären, woran das liegt. So liebe ich Barcelona und Lissabon – Paris und Rom hingegen kann ich wenig abgewinnen.

Der Lonely Planet (mein derzeitiger Reiseführer, wobei die Variante für Georgien, Armenien und Aserbaidschan nicht besonders zu empfehlen ist) schwärmt sehr von Tbilisi. Vielleicht war das nicht der beste Einstieg.

Eins steht fest: zu meinen Lieblingen zählt die georgische Hauptstadt nicht. Nicht, dass sie mir gar nicht gefiele, aber das gewisse Etwas fehlt ihr meines Erachtens. Um so überraschter war ich, als ich vor zwei Tagen noch einmal einige Stunden in Tbilisi zubrachte und mich dabei ertappte, mich auf meine Rückkehr dorthin zu freuen. Nur der Vertrauensbonus, den eine bekannte Umgebung erzeugt? Oder doch Zuneigung?

Wer weiß – ich werde auf dieser Reise noch mehrmals die Gelegenheit haben, das herauszufinden.

Tbilisi von oben - Blick aus der Seilbahn

Tbilisi von oben – Blick aus der Seilbahn. Das Gebäude, das aussieht, als wäre es auf einem LSD-Trip entworfen worden, dient übrigens der städtischen Verwaltung als Sitz.

Zu Beginn meiner Reise kam ich in den frühen Morgenstunden am 20 Kilometer außerhalb gelegenen Flughafen an. Ich hatte keine Wahl: ich ließ mich von einem Taxi in die Innenstadt kutschieren. Es gibt zwar sowohl Zug- als auch Busverbindungen zum Flughafen, allerdings nicht nachts. Einziges Problem: alle Flugzeuge landen nachts.

Früh um halb sechs erreichte ich also völlig geplättet mein Hostel – nur um festzustellen, dass die vorherige E-Mail-Anmeldung meiner nächtlichen Ankunft keinerlei Effekt gehabt hatte. Niemand öffnete auf mein mehrmaliges Klingeln hin. Was blieb mir übrig, ich setzte mich auf den Gang und rauchte erstmal eine Zigarette.

Wenig später hatte ich das Glück, dass der Hostel-Verantwortliche mit einem nächtlichen Aufriss herbeitaumelte. Ich erwartete die beiden im Dunkeln, Licht nicht vorhanden. Ohnehin war ihr Treiben none of my business – ich sehnte mich allem voran nach einem Schlafplatz.

Schon eigenartig mit der hiesigen Hostel-Kultur. Gab es in Indien Leute im Schlafsaal, die bereits um halb neun das Licht löschten, ist hier das Gegenteil der Fall: Schlaf zu finden wird zur technischen Herausforderung. Ohne Ohrenstöpsel und Schlafmaske ist daran nicht zu denken. Es sei denn, man erfreute sich einer ausgesprochen robusten Schlafnatur.

Rücksichtnahme wird hier in den dormitories noch klein geschrieben:

Ich bin wach? Dann muss ich das auch kommunizieren.

Ich will noch nicht schlafen – allerhöchste Zeit, Dich ebenfalls davon abzuhalten und ein spontanes Gelage im Schlafsaal zu veranstalten – blaublütige Weinflecken an der Zimmerdecke vom Korken-in-die-Flasche-drücken inklusive.

Das allerdings erlebte ich natürlich nicht in der ersten Nacht. Auch konnte ich das Bedürfnis, meinen Mitschläfern von meiner nächtlichen Ankunft zu erzählen unterdrücken, weckte also niemanden.

Nach einigen Stunden machte ich mich dann auf Erkundungstour durch die Stadt. Tbilisis Altstadt ist erstaunlich klein und somit schnell erlaufen. Alles Wichtige spielt sich rund um den Liberty Square ab. Dort finden sich zahllose Weinläden – Georgier halten große Stücke auf die örtliche Weinkultur und laden überall zu Weinproben ein -, aber auch das Ausgehviertel mit allerlei modernen Cafés, Bars und Kneipen, alten Gassen, Museen, der St. Georgs Kirche und dergleichen Sehenswürdigkeiten mehr.

St. Georgs Kirche in der Altstadt von Tbilisii

St. Georgs Kirche in der Altstadt von Tbilisi

St. Georgs Kirche in der Altstadt von Tbilisii: Innenansicht

St. Georgs Kirche in der Altstadt von Tbilisi: Innenansicht

Ich war im ersten Moment doch überrascht, als ich besagte Kirche betrat und binnen Sekunden ein Kirchen-Beauftragter auf mich zueilte und mich des Platzes verwies. Grund: ich war unangemessen bekleidet. Kurze Hosen sind in georgischen Kirchen nicht erlaubt. Diese Regel wird nicht allerorts mit gleicher Strenge ausgelegt, allerdings ist es empfehlenswert, lange Hosen zu tragen, sollte einem ein solcher Kirchenbesuch sehr am Herzen liegen.

Ich schlenderte also weiter, hatte ohnehin kein festes Ziel und wollte mich den Christen auch nicht aufdrängen.

Nur wenige Meter von der touristisch betriebsamen Altstadt verfallen die Häuser langsam vor sich hin. Das ist bisweilen mitleiderregend anzusehen.

Treppeneingang im Sonnenlicht, Tbilisi Altstadt

Treppeneingang im Sonnenlicht, Tbilisi Altstadt

Verfallende Häuse in der Altstadt von Tbilisi

Verfallende Häuser in der Altstadt von Tbilisi

Tbilisi ist die Stadt der vielen Gesichter. Die Denkmäler, Kirchen und dergleichen wirken hochglanzpoliert – der Rest der Stadt verkommt und strahlt vielerorts noch den grauen Charme der Sowjetunion aus, sobald man sich einige Meter von der Altstadt entfernt. Plattenbauten dominieren. Ist in Tbilisi der Himmel grau, kann ich nur empfehlen, sich einen Aufenthaltsort in der guten Stube zu sichern – ansonsten besteht Gefahr, von Gräue erschlagen zu werden.

Auf der anderen Seite des Mtkvari-Flusses wähnt der Besucher sich indes in einer anderen Welt. Zunächst heißt es die hochmoderne Peace-Bridge zu überqueren. Drüben erwartet einen der Rike-Park mit einem futuristisch anmutenden, bislang unvollendeten architektonischen Projekt: so ich es richtig verstanden habe, Kunst und Theater zugedacht.

Peace-Bridge über den Mtkvari

Peace-Bridge über den Mtkvari

Kontrastreiches Tbilisi: hier der Einzug der architektonischen Ultramoderne im Rike-Park

Kontrastreiches Tbilisi: hier der Einzug der architektonischen Ultramoderne im Rike-Park

Ebenfalls im Park befindet sich der Ausgangspunkt der Seilbahn. Nachdem ich mich einfach treiben lassen wollte, bestieg ich eine Kabine und ließ mich zu den Ruinen der Narikala-Festung und der Mutter-Georgien-Statue hinauffahren. Der Blick auf die Stadt ist fantastisch. Oben spazierte ich durch die Überreste der alten Festung hin zu einer Kirche, derer ich nicht verwiesen wurde, und dann zur beeindruckenden Statue der Mutter Georgien.

Kirche auf dem Berg, Tbilisi

Kirche auf dem Berg, Tbilisi

When I find myself in times of trouble, Mother Georigia come to me... Statue der Mutter Georgien

When I find myself in times of trouble, Mother Georgia come to me…: Statue der Mutter Georgien, mit Schwert und Wein in den Händen. Da kann nichts mehr schiefgehen.

Tags darauf erkundete ich das Viertel rund um die Sameba-Kathedrale. Das war ein Teil der Stadt, der mir sehr gut gefiel. Er wirkte authentischer auf mich und besaß zugleich einen Charme, der anderen Stadtteilen abgeht, allem voran dem graugraugrauen Vake-Viertel, an dessen Ende der Vake-Park zeigt, was von sowjetischer Park-Kultur zu halten war.

Sameba-Kathedrale jenseits des Mtkvari

Sameba-Kathedrale jenseits des Mtkvari

Orthodoxe Christinnen tragen in Georgien noch immer häufig schwarz.

Orthodoxe Christinnen tragen in Georgien noch immer häufig schwarz.

Das Viertel um die Sameba-Kathedrale, deren goldbekrönter Turm weithin über der Stadt erstrahlt, erinnerte mich eher an Asien als an Europa – im Gegensatz zur restlichen Stadt.

Auf der anderen Seite des Mtkvari präsentiert sich Tbilisi asiatischer. In der Nähe der Sameba-Kathedrale.

Auf der anderen Seite des Mtkvari präsentiert sich Tbilisi asiatischer. In der Nähe der Sameba-Kathedrale.

Auf der anderen Seite des Mtkvari präsentiert sich Tbilisi asiatischer oder östlicher. In der Nähe der Sameba-Kathedrale.

Auf der anderen Seite des Mtkvari präsentiert sich Tbilisi asiatischer. In der Nähe der Sameba-Kathedrale.

Ich stromerte mit meiner Kamera lange über das Gelände der Kathedrale und fotografierte Arbeiter, Geistliche und Besucher. Hier eine kleine Auswahl:

Gartenarbeiterin an der Sameba-Kathedrale

Gartenarbeiterin an der Sameba-Kathedrale

Kirchen-Herren vor der Sameba-Kathedrale

Kirchen-Herren vor der Sameba-Kathedrale

Unaufhaltsam: das 21. Jahrhundert in jedem Bereich.

Unaufhaltsam: das 21. Jahrhundert in jedem Bereich.

Unaufhaltsam: das 21. Jahrhundert in jedem Bereich: Geistlicher eilenden Schrittes ins Handy-Gespräch vertieft.

Unaufhaltsam: das 21. Jahrhundert in jedem Bereich. Geistlicher, eilenden Schrittes, ins Handy-Gespräch vertieft.

Arbeit ringsum die Sameba-Kathedrale: Gartenarbeiter

Arbeit ringsum die Sameba-Kathedrale: Gartenarbeiter

Nebengebäude auf dem Areal der Sameba-Kathedrale

Nebengebäude auf dem Areal der Sameba-Kathedral

Mein Aufenthalt in Tbilisi währte nur vier Tage, danach zog es mich raus aus der Stadt. Allerdings beflügelte Tbilisi nichtsdestoweniger meine Kreativität und es gelang mir einige Vorbereitungsarbeiten für meinen kommenden Roman voranzutreiben. Ich beschäftige mich noch immer mit den familiären Hintergründen meiner künftigen Protagonisten. Eine interessante Aufgabe.

Als nächstes aber wollte ich in die Stille: nach Svaneti, in die Berge.

Nach den Sommermonaten, die wie immer viel Arbeit mit sich gebracht hatten, stand mir der Sinn nach Ruhe. Ein gute Entscheidung, wie sich erweisen sollte.

Doch das ist eine andere Geschichte, und sie soll ein andermal erzählt werden.

Zum Abschluss noch einige Impressionen von Menschen in Tbilisi:

Mädchen beim Wasserspiel im Brunnen

Mädchen beim Wasserspiel im Brunnen

Alterslose Faszination: Wasser. Tbilisi, Jugendliche rennen durch die Springbrunnen.

Alterslose Faszination für Wasser. Tbilisi: Jugendliche rennen durch die Springbrunnen.

Skater-Kids. Auch das ist Tbilisi.

Skater-Kids. Auch das ist Tbilisi.

Ebenso westlich: BMX-Fahrer in Tbilisi.

Ebenso westlich: BMX-Fahrer in Tbilisi.

Demnächst also mehr über Mestia und Ushguli.

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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