Stillleben – und leise schlummert… Eine Perfomance von Angie Hiesl und Roland Kaiser – Ein Nachklang

Am Samstag, den 08. Dezember 2012 habe ich Angie Hiesls und Roland Kaisers Intervention Stillleben – und leise schlummert… auf dem Chlodwigplatz in der Kölner Südstadt besucht. Seit Freitag herrschen hier im Rheinland frostige Temperaturen. Die Stadt ist überzuckert von weißem Schnee, was die Aufführungsbedingungen für die beiden Performancekünstler nicht unbedingt verbessert. Die idyllische Szenerie lässt den Widerspruch, den aufzuzeigen die beiden sich zur Aufgabe gemacht haben, indes noch offener zu Tage treten.

Schon für mich als gut eingemummten Besucher war die Kälte jedoch eine echte Herausforderung, wie viel mehr also wohl für die wackeren Darsteller!

Mit Stillleben – und leise schlummert… nähern sich Angie Hiesl und Roland Kaiser einem heiklen Thema an, namentlich sexuellem Missbrauch. Die Intervention ist darauf ausgelegt, die noch immer stark tabuisierte Missbrauchsthematik im Allgemeinen, wie auch Kindesmissbrauch im Besonderen, ins Bewusstsein der Bürger zu bringen. Ein mutiges Unterfangen, gerade bei den gestressten Vorweihnachtseinkäufern der Kölner Südstadt.

Wie also geht man ein solches Thema an?

Diese Frage beantworten Angie Hiesl und Roland Kaiser auf ganz eigene Weise.

Zunächst ist auf dem Chlodwigplatz ein abgezäunter Bereich aufgebaut, der davor warnt, dass die Aufführung nicht für Kinder geeignet ist. Dies wirkt im ersten Augenblick paradox, da ein Blick durch die Sichtfenster nichts weiter zeigt als eine bunte Ansammlung von Stofftieren.

Was allerdings vermöchte stärker die Neugierde der vorbeiflanierenden Menschen zu befeuern, als die Annahme, dass sich hinter einem Sichtschutz etwas abspielt, das nicht für die Augen aller bestimmt ist?

Die Performance beginnt damit, dass die weibliche Darstellerin, Fa-Hsuan Chen, eine zappelnde Babypuppe fesselt und sie mit anderen Puppen zusammen an einen Baum bindet. Daraufhin spricht sie einen Satz in ein Megaphon, der die Zuschauer als Endlos-Loop in den kommenden beiden Stunden begleiten wird:

„Fünfzehntausend Mädchen und Jungen werden jährlich in Deutschland in allen sozialen Schichten sexuell missbraucht.“

Monotonie und Wiederholung – dies sind zwei der Essentia, die sich durch die ganze Aufführung ziehen. Die Eindringlichkeit der Wiederholungen macht es dem Zuschauer auf Dauer schwer, sich zu entziehen.

Konterkariert wird der erste Endlossatz durch eine schlichte, sich ebenfalls ohne Unterlass wiederholende Frage:

„Warum?“

Fa-Hsuan Chen und ihr männlicher Konterpart, Mack Kubicki, geben als anonyme Geschöpfe, mit Aktenordner vor dem Gesicht, an Antworten darauf. Unzählige. Eine widersinniger als die nächste.

„Weil ich dich liebe.“ „Weil ich dich hasse.“ „Weil es so sein muss.“ „Weil du so gemein bist.“ „Einfach so.“ „Weil ich es im Internet gesehen habe.“ „Weil ich keinen Job habe.“ „Weil ich am Rande der Gesellschaft stehe.“…

Woraufhin alles zuläuft, ist die eine Antwort unter unzähligen, die alle anderen ad absurdum führt:

„Darum.“

Es gibt keine Erklärung. Alle Antworten sind nichts als leere Worthülsen.

Diese Erkenntnis bleibt bestehen, während weiterhin das „Warum?“ über den Platz erschallt. Gesichtslos, doch unverhohlene Anklage zugleich.

Wenige Meter weiter findet sich eine andere Installation, ein weiterer Satz, der sich in beständiger Wiederholung seiner selbst ergeht und womöglich derjenige ist, der am subtilsten unter die Haut der Passanten dringt.

„Bitte – bitte nicht – bitte!“

Schwer, sich diesem Flehen zu entziehen.

Darum herum drappiert: blutbefleckte Unterwäsche. Darüber Christbaumkugeln in festlichem Glanze, von denen Undefinierbares herabzufließen scheint. Auf der anderen Seite des Baumes ausgebreitet: drei Tageszeitungen, die sexuelle Gewalt zum Aufmacher gewählt haben.

Beklemmend, allem voran die blutbesprenkelten Kleidungsstücke. Im Kleinen spiegelt sich hier das Konzept der ganzen Performance. Das eigentliche Grauen spielt sich im Kopf des Betrachters respektive Zuhörers ab. Die Aufführung kommt gänzlich ohne Darstellung hollywoodartiger Gewalt aus. Alles ist transformiert, auf andere Ebene verlagert. Eine Ebene der leisen und schneidenden Zwischenklänge.

Immer wieder treten die Darsteller zwischenzeitlich in das blickgeschützte Karee. Fa-Hsuan Chen in Highheels, blauem Kleid und schwarzer Netzstrumpfhose liest Stofftiere auf, stolziert umher, stürzt zu Boden. Wiederholung ist auch hier das Leitmotiv. Der Beginn ist für den Betrachter eher schwierig nachzuvollziehen. Erst als Mack Kubicki später hinzustößt und Fa-Hsuan in einem Berg von Stofftieren versinkt, sodass nur noch zwei netzbestrumpfte Beine und die Highheels gen Himmel ragen, beginnt sich dem Zuschauer eine mögliche Intention zu erschließen. Vielleicht ist das nicht gänzlich wahr: mit Fa-Hsuan Chens wimmernd-klagendem Singsang, hinter einem Arm voller Kuscheltiere verborgen, gewinnt die Szene im Innenraum bereits zuvor einen beklemmenden Beiklang, der sich durch die Voyeurismus-Anspielungen indes verstärkt, als Mack Kubicki dann Fa-Hsuans aufragende Beine mit seiner Kamera abzulichten beginnt.

Die Szenen innerhalb der Abzäunung steigern sich sukzessive. Schnell kommen Fesseln und Messer ins Spiel. Auch hier aber gilt: die Gewalt wird auf andere Ebene transformiert, erstreckt sich sinnbildlich auf Puppen. Dieses Bild erschließt sich jedoch so leicht, dass ein Entrinnen des Betrachters zu diesem Zeitpunkt ins Reich des Unmöglichen rückt.

Sind wehrlose Kinder denn mehr als greifbares Spielzeug, wenn es um die Befriedung sexueller Gelüste übermächtiger Väter?

Das Ganze gipfelt schließlich in einer Szene, in der Fa-Hsuan Chen zunächst einen anmutigen Puppenkreis um ein Schneidebrett drappiert, auf dem sie mit einem Küchenmesser Lauch zerkleinert. Sie singt mit zuckersüßer Stimme heimelige Weihnachtslieder – „We wish you a merry Christmas“ und „Stille Nacht“ – dann greift sie zu einer Puppe und zerschneidet ihr mit aufdringlicher Gelassenheit die Gliedmaßen. Schließlich versengt sie, noch immer singend, den Körper mit einer Zigarette.

Nach Ende dieser Szene schreiten Fa-Hsuan Chen und Mack Kubicki davon, ohne sich noch einmal umzuwenden. Sie überlassen die Zuschauer der eigenen Gedankenwelt.

Diese Intervention von Angie Hiesl und Roland Kaiser erschreckt. Es ist schwer, sich der symbolreichen Darstellungssprache zu verschließen. Am Ende zieht der Zuschauer mit eisigen Füßen und einem Klumpen im Bauch von dannen, im Hintergrund noch immer die anklagenden Wiederholungen:

„Warum?“ „Bitte – bitte nicht – bitte!“

Wenig überraschend, dass die Reaktion des Kölner Publikum vielfältig ist. Von belanglosen Pubertierendenkommentaren zu Fa-Hsuan Chens Beinen – „Korrekt! Da könnte ich den ganzen Tag zugucken!“ – über schweigendes Beobachten und offene Aggression – „Habt ihr nichts zu tun? Hey, hallo, ob ihr nichts zu tun habt, hab‘ ich gefragt!“ – bis hin zur Androhung von strafrechtlicher Verfolgung wegen unerwünschtem Gefilmt-Werdens war am Samstag Abend auf dem Chlodwigplatz alles zu finden.

Doch war nicht eben dies das Ziel der Performance-Künstler: die Passanten zu Reaktionen zu nötigen, welcher Art auch immer?

Gelungen ist den beiden dies mit Gewissheit.

Es gilt denn auch, zwei Künstlern Respekt zu zollen, die es wagen, ein Thema ins Zentrum der Aufmerksamkeit zu rücken, vor dem gemeinhin gern die Augen verschlossen werden, auf dass es eines Tages in guter deutscher Manier heißen mag:

„Wir haben von nichts gewusst.“

Dieses Nicht-zur-Kenntnis-Nehmen fällt dem zufälligen Passanten nach Samstag Abend vermutlich schwerer.

Was bleibt ist ein galliger Nachgeschmack, wenn man sich wieder in die heile Welt des Vorweihnachtstrubels stürzt, um den Anforderungen des Alltags Genüge zu leisten. Womöglich mag ja manch einer in Zukunft einmal weniger die Augen verschließen, wenn es darum geht, Wehrlosen und Schutzbedürftigen beizustehen.

Denn leise, ganz leise, hallt im Fortgehen die Frage nach:

„Warum? – Warum? – Warum?“

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