Stephan Thome – Fliehkräfte. Ein Nachklang

Stephan Thomes hoch gelobten Roman „Fliehkräfte“ einfach nur als langweilig und sehr deutsch zu bezeichnen, charakterisierte ihn nicht ausreichend. Dennoch war es mehr Kampf denn Vergnügen, dieses Buch zu Ende zu lesen. Ich weiß allerdings aus eigener Erfahrung, dass es durchaus Menschen gibt, die es schätzen, Bücher über die sogenannte Tristesse des Alltags zu lesen – als ob wir davon nicht ohnehin genug erlebten. Solche fühlen sich beim Lesen von Thomes Werk vermutlich bestens aufgehoben.

So eindeutig könnte mein Urteil ausfallen, wären da nicht immer wieder einzelne Perlen von Sätzen, die ich nicht ignorieren möchte. Diese kleinen, glänzenden Wunder inmitten einer Geschichte, der allem voran eine tragfähige Handlung abgeht, machen es mir schwer, einfach den Stab über den Roman zu brechen. Denn, dass Thome es versteht, zu schreiben und minutiöse Beobachtungen aufzustellen, steht außer Frage. Ansonsten schüfe er nicht derart treffende und pointierte Formulierungen wie: „Die Hilflosigkeit von Worten fiel ihm auf, und die Wortlosigkeit dessen, was wirklich half.“; „Seine mangelnde Unbeschwertheit war ihr nicht anzulasten.“ oder „Das Ausbuchstabieren von Gründen, aus denen nichts weiter folgt als der nächste Begründungszwang. Denn das ist es, was Kommunikation tut, sie produziert die Notwendigkeit von noch mehr Worten.“

Die Handlung ist indes schnell erzählt. Hartmut Hainbach, seines Zeichens alternder Philosophie-Professor an der Universität zu Bonn, trägt sich mit dem Gedanken, aus seinem geordneten, aber einsamen Leben auszubrechen. Maria, seine portugiesische Frau, lebt seit zwei Jahren in Berlin, um sich selbst im Rahmen eines Theaterprojekts zu verwirklichen, dass ein tyrannisch-kauziger Ex-Freund aus den achtziger Jahren, Falk Merlinger, leitet. Tochter Philippa studiert im spanischen Santiago de Compostela.

Die Einsamkeit in der nur noch von ihm bewohnten Villa auf dem Bonner Venusberg bringt Hartmut dazu, über das Angebot eines mit Maria befreundeten Verlegers nachzudenken, seine Professur aufzugeben und in ein Verlagsprojekt in Berlin einzusteigen.

Unsicher und verwirrt entscheidet sich Hartmut dazu, sich mit dem Auto auf die Reise zu machen. Zunächst möchte er einen ehemaligen Kollegen besuchen, der seine Professur an den Nagel gehängt hat und an der französischen Atlantikküste eine Bar betreibt. Danach zieht es ihn in Richtung Santiago de Compostela.

Viel mehr geschieht nicht – alles Weitere ist Rückblende in Hartmuts ebenfalls vergleichsweise ereignislose Vergangenheit.

 

Es mag an mir selbst liegen, dass mir dies zu wenig ist. Was ich in Büchern zu finden verhoffe, ist eine Geschichte, die mich in jenen aus meiner Kindheit vertrauten Zustand versetzt, in dem ich mir die Bettdecke bis unters Kinn ziehe und vollkommen in die Welt des Buches, das ich lese, abtauche – alles ringsumher vergessend.

Dabei bin ich für Tiefe selbstverständlich dankbar! Diese Tiefe aber auf Kosten jenes Sogs zu erzeugen, der mich als Leser in den Bannkreis eines Romans zieht, ist bedauerlicherweise ein häufig auftretendes Manko deutscher Literatur (man denke nur an Walser oder auch Grass).

Insofern sei die Lektüre nur solchen Erdenbürgern empfohlen, die es mit der bedachtsamen Handlungsarmut und Gedankenschwere der hochstilisierten deutschen Intelligentia halten. Bei den meisten anderen Lesern dürften sich die körpereigenen Fliehkräfte als zu stark erweisen. Sie werden das Buch mithin zuschlagen, ehe sie ans Ende gelangt sind.

 

Elyseo da Silva,

Köln 09. Februar 2013

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3 Gedanken.

  1. Es ist schon korrekt, dass in dem Roman nicht viel passiert, er ist handlungsarm. Trotzdem hat er mich in seinen Bann gezogen und ich war fast traurig, als er zu Ende war. Ich schätze, dass man erst ab einem gewissen Alter, was natürlich sehr differieren kann, für diesen Roman „reif“ ist. Aber so sind halt die Geschmäcker verschieden und das ist auch gut so.
    Sin embargo, que te vaya muy bien!

    • Hallo! Natürlich: die Geschmäcker sind verschieden. Mein Problem mit Romanen wie Stephan Thomes geht übrigens dahin, dass ich nicht verstehe, weshalb sie tiefere Gedanken nicht mit Unterhaltung verknüpfen. Das gehört für mich einfach zusammen und schließt sich, ganz der Tradition des Geschichtenerzählers verbunden, nicht aus. Das hat übrigens nichts mit dem Alter zu tun, denke ich. Vor allem aber vielen lieben Dank für Deinen Beitrag!
      Elyseo

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