Spring is coming (04. April 2013)

Spring is coming – zumindest nach Vancouver Island, so viel steht fest. Ich hatte bereits damit gerechnet, dass es hier nicht so unverschämt kalt wäre wie derzeit in Deutschland, dass ich hier allerdings von einem Blütenmeer überrascht würde, erstaunte mich dann doch.

24 Stunden von Tür zu Tür, dieser Reisemarathon liegt nun glücklicherweise bereits hinter mir und da ich auf das Schlimmste gefasst war, empfand ich die Reise als gar nicht so übel. Zunächst ging es von Düsseldorf nach Toronto, ein achtstündiger Flug, auf dem ich dummerweise den einzigen Platz erwischte, wo unter dem Vordersitz eine überdimensionierte Eisenbox ihr Zuhause gefunden hatte. Das bedeutete, dass ich über acht Stunden versuchte, meine Füße irgendwo hinzuquetschen, ohne mir dabei das Blut abzudrücken, was sich als eine Kunstform für sich erwies. Füße auf den Gang ging nicht – es sei denn ich wollte haufenweise Stewards und Stewardessen zu Fall bringen – was läge mir ferner? Unter dem Sitz wurde es also eng. Überhaupt konnte ich die ganze Situation nur lösen, indem ich ein Kissen zwischen Unterschenkel und Eisenbox platzierte. Hinzu kamen zwei ausgesprochen ungesellige Nachbarn zu meiner Linken, die während der acht Stunden kein einziges Wort wechselten, weder miteinander geschweige denn mit mir.

Zum Glück leben wir im 21. Jahrhundert und eine vielfältige Auswahl an Filmen sorgte für Unterhaltung. In Toronto angekommen hatte ich zwei Stunden Zeit und nutzte diese produktiv, indem ich in guter alter Kettenrauchermanier meinen Nikotinspiegel auf ungeahnte Höhen brachte (drei Zigaretten in Folge wären mir unter normalen Umständen zu viel). Draußen blies ein eisiger Wind, gepaart mit gelegentlichem Schneefall, ich fühlte mich beinahe wie zu Hause.

Weiter ging es dann in Richtung Vancouver, diesmal nicht mit der Lufthansa, sondern mit Air Canada, wo man nur gegen Entgelt mit einer Mahlzeit versorgt wurde. Wie einen die heimische Fluggesellschaft doch verwöhnt! Unterdessen war ich jedoch so müde, dass es mir gelang, ein wenig zu schlafen. So verging die Zeit bis zum spektakulären Landeanflug auf Vancouver denn auch verhältnismäßig rasch.

Die kanadischen Einreiseformalitäten hatte ich bereits in Toronto hinter mich gebracht, dass allerdings niemand mehr auch nur meinen Pass sehen wollte und John direkt bis zum Gepäckband stürmen konnte, um mich in Empfang zu nehmen, empfand ich dennoch als ungewöhnlich.

Fast schon angekommen, dachte ich – die Fährfahrt hinüber auf die Insel würde bloß anderthalb Stunden dauern. Dummerweise war diese Einschätzung naiv, da die Fähre nicht direkt vom Flughafen ablegte (hätte ich mir eigentlich denken können). Insofern hieß es zunächst mit Skytrain und Bus zur Fähre zu gelangen, dann die Fährfahrt hinüber auf die Insel und, wer hätte es geahnt, eine weitere Busfahrt von knapp einer Stunde bis nach Victoria. Zu diesem Zeitpunkt allerdings schockte mich nichts mehr, ich war einfach nur erschöpft und ich nickte immer wieder ein, Kopf nach hinten, Mund weit geöffnet.

Was einige Stunden Schlaf doch für die Laune bewirken können!CAM00018 - Kopie

Zunächst erwachte ich natürlich mitten in der Nacht gegen fünf, schaffte es aber bis halb neun weiterzuschlafen, nachdem ich mir im Kopf eine To-do-Liste für den folgenden Tag zurechtgelegt hatte. Dies nicht ohne Grund: John war erst tags zuvor in die Wohnung eingezogen, sodass wir gemeinsam umgeben von Stapeln von Umzugskartons auf einer Matratze auf dem Boden nächtigten.

Wenn ich das Gefühl habe, vor einem diffusen Berg nicht zu bewältigender Aufgaben zu stehen, helfen solche Listen mir dabei, nicht den nötigen Optimismus zu verlieren.

So auch gestern – John meinte zunächst, er sei kein Listentyp, freundete sich aber schnell mit dem Gedanken an, vor allem, da Kaffeetrinken und Frühstücken ganz oben auf meiner Liste standen.

Wir gingen in ein hübsches Restaurant und ich bestellte mir Pancakes mit Ahornsirup, was, wie John mir schnell klarzumachen verstand, hauptsächlich in meinem Kopf ein typisch kanadisches Frühstück war. Das war mir allerdings gleich und ich genoss das Gefühl, das mir die Pancakes vermittelten, nämlich nach langer Zeit wieder in Amerika zu sein.

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Unser beider Stimmung war nach vier Kaffee auf dem Höhepunkt und wir starteten einen ausgesprochen produktiven Tag, der dazu führte, dass wir nun ein Bett und eine Schlafcouch in der Wohnung haben, zudem ein Bücherregal, Grundnahrungsmittel und einen Aschenbecher. Außerdem habe ich einen eigenen Schlüssel, was sofort dazu beitrug, mich mehr zu Hause zu fühlen.

Hier ist es wunderschön, was nicht zuletzt damit zu tun hat, dass alles blüht und ich gestern im Pulli draußen herumlaufen konnte, ohne zu frieren. Die Menschen sind ausgesprochen herzlich und offen. Bislang vermittelt mir jeder den Eindruck, hier herzlich willkommen zu sein.

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Von unserer Wohnung bis zum Meer ist es eine Viertelstunde zu Fuß, sodass ich gestern Abend, obwohl ich nach unserem vollgepackten Tag hundemüde war, noch einen kleinen Spaziergang dorthin unternahm. Am Strand beobachtete ich einige Otter, die im Wasser planschten, über mir kreisten Möwen und für den Fall, dass ich einem Bären begegnen würde, hatte ich mir bereits Johns Strategie angeeignet: bellen und mich groß machen, um den Unhold in die Flucht zu schlagen. Zugegebenermaßen stand dies gestern Abend nicht zu befürchten. Auf dem Nachhauseweg sah ich noch zwei Eulen beim Frühstück – all diese Tiere freuten mein Herz, ist es für uns Mitteleuropäer doch ungewöhnlich, anderes als Kaninchen zu sehen.

Während John abends noch ausging, musste ich dringend schlafen – so ein bisschen Jetlag habe ich offenbar doch.

Heute Morgen ging ich dann vor sieben Uhr joggen, das erste Mal seit sieben Monaten. Gut, dies hier gleich zu Beginn wieder angefangen zu haben. Die Lage unserer Wohnung ist dafür nachgerade ideal – bis zum Park sind es hundert Meter. Der Park selbst führt direkt bis zum Ozean. Ich wäre selbst schuld, wenn ich diese Gelegenheit ungenutzt ließe.

Nun aber will ich in diesen neuen Tag starten, der vermutlich wieder allerhand Aufregung und Überraschungen für mich bereithalten wird.

Seid herzlich gegrüßt von der anderen Seite des großen Teiches!

4 Gedanken.

  1. hi interim-canadian,
    dein start in deine zwei monate „canadian spring“ hört sich ja prima an! genieße die zeit, viel spaß wünsch‘ ich dir!
    lg aus colonia, wo sich zwischenräume auftuen, die ebenfalls frühling ansagen… in naher ferne ;o)

  2. wow! das klingt ja so kuschelschön! otter und oilen und blumen und das meer so nah! freue mich schon darauf mehr von deinen erlebnissen zu lesen! ich umarme dich mit klammen fingern aber warmem herzen!

    • Stimmt, Otter sind toll – heute habe ich einen von ganz nah gesehen, mein Gott wie süß!! Fühl Dich herzlich umarmt! Elyseo

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