Spardiktat portugiesischer Vermieterinnen

Nun, da ich bereits über einen Monat hier in Lisboa bin, wird es allerhöchste Zeit, Euch mal einen Gruß zu senden und ein wenig über mein Schreiberleben hier in der Ferne zu plaudern.

Wie ich schon vorhergesehen hatte, war meine erste Woche hier für mich eher anstrengend. Nach den Sommermonaten mit täglichem Unterricht und dreimal wöchentlich Kulturprogramm völlig ausgepowert kam ich nach Lisboa im Wissen, dass auch Diogo hier sein würde, der ja als letzte ordentliche Amtshandlung vor seiner Abreise nach Portugal unserer Freundschaft einen traurigen Schlusspunkt gesetzt hatte. Dementsprechend war mir bereits zu Hause klar gewesen, dass es mir schwer werden, dass ich ihn vermissen und ihn nur allzu gern hier in seiner Heimat treffen würde. Ein ungeahntes Fünkchen Stolz bewahrte mich jedoch davor, einen Versuch zu unternehmen, der abschlägig hätte beschieden sein mögen. Nichtsdestoweniger torkelte ich in einem Zustand zwischen Wehmut und Paranoia durch die Stadt. Nie zuvor war mir klar, wie viele Menschen seiner Statur es gibt und wie oft mir folglich das Herz in der Brust den Dienst zu verweigern drohte, wann immer ein ähnlich Gestalteter sich mir näherte.
Dieser meiner Paranoia war zum Glück von außen ein vorhersehbares Ende bestimmt, da Diogo nach einigen Tagen zurück nach Köln flog. So vermochte ich mich ab diesem Moment zu entspannen. Auch war dies der Augenblick, in dem ich erneut begann, diese wundervolle Stadt wieder zu sehen. Als ob ich in den Tagen zuvor mit Scheuklappen unterwegs gewesen wäre.

Ich lebe diesmal in einer Art Wohngemeinschaft. Bedauerlicherweise sieht dergleichen hier anders aus als bei uns in Deutschland. Die Mitbewohner wählt die Vermieterin aus, die zwar nicht hier wohnt, aber dennoch ein strenges Auge auf die Geschehnisse hier wirft, einer autoritären Staatschefin nicht unähnlich.
Die Wohnung an sich könnte eigentlich ganz schön sein, nur wäre es Senhora Fernanda wohl ungleich lieber, wir lebten nicht hier, sondern zahlten einfach nur Miete. Mit der entsprechenden Lieblosigkeit ist dann auch alles eingerichtet (unwillkürlich denke ich an meinen mit einer Rostschicht überzogenen Badezimmerschrank).
Mein Zimmer ist klein und schlicht, was mir allerdings gleichgültig ist, denn mehr als ein Bett zum Schlafen und einen Schreibtisch zum Arbeiten brauche ich nicht. Auch daran, dass ich mich des Nächtens entweder im Finsteren oder mit Unterstützung meines Feuerzeugs durch den zehn Meter langen Flur tasten muss, habe ich mich unterdes gewöhnt. Licht gibt es im Flur nämlich nicht, zu groß die Gefahr der Stromverschwendung.

Überhaupt diktieren Geiz und Irrsinn die hiesigen Hausregeln. Uns Mitbewohnern ist jedem ein „Waschtag“ zugeteilt (an dem wir, wenn es nach der Senhora ging auch die ganze Wohnung zu putzen hätten, jeder Hygienefanatiker hätte seine wahre Freude!!) – erinnert wohl an die schwäbische „Kehrwoch‘“ – und wehe dem, der sich erdreistet anderntags zu waschen!
Eine Portugiesin wagte dies – ein verhängnisvoller Fehler, wie sich herausstellen sollte. Morgens stand unversehens die Vermieterin in der Küche und, da sich Wäsche in der Waschmaschine befand, die darüber hinaus niemandem gehörte, dem an besagtem Tag das Recht zu waschen eingeräumt war, tobte sie in bester Choleriker-Manier durch die Wohnung. Ich beging die Dummheit, auch noch anzumerken, dass unter der Spüle süffiges Wasser aus dem Abfluss in den Schrank laufe – und, wehe mir! Denn selbstverständlich wird hier, wie in jeder anständigen Tyrannei der Überbringer schlechter Nachrichten niedergemetzelt – in diesem Falle also ich.
Ich muss widerstrebend zugeben, dass ich mich natürlich nachts heimlich an der Gummidichtung gütlich tue – sie schmeckte einfach gar zu gut, ich konnte nicht von ihr lassen. Und in den zwei Wochen, die ich zu diesem Zeitpunkt schon dort lebte, nun ja, ich räume ein, und es fällt mir gewiss nicht leicht, ich habe sie durchgebissen. Schande auf mein erbarmungsunwürdiges Haupt.
Dem aber noch nicht genug – denn wir frevelhaften Mieter besaßen weiterhin die Frechheit, unsere Küchenabfälle in der Küche zu lagern. Dies war der Holden ein echter Dorn im Auge und die Forderung, dass wir unseren Müll in unserem zum aufzubewahren hätten, erschien mir nichts weiter denn folgerichtig. Zwiebel-, Eierschalen und Kaffeesatz gehören einfach in jedes Schlafzimmer – das gehört zum Einmaleins des guten Tons.
Rebellische Naturen, die wir nunmal sind, getrauen wir uns indes weiterhin, den Müll in der Küche zu lagern – furchtlos jedweder Repressalie harrend, die über uns hereinbrechen mag.
Die Erste, die wir zu erdulden hatten, war, dass die Senhora, aufgrund unseres ungeziemlichen Waschverhaltens, schlicht das Plastikstück, das zum Einfüllen des Waschpulvers dient, mit sich nach Hause nahm und es uns erst eine Woche später auf Anfrage meinerseits wiedergab. Die Zweite war eine Abreibung der dritten Art – São, die verwerfliche Waschfrau, eine portugiesische Endvierzigerin von ungezügelter Redseligkeit, und die Senhora lieferten sich hier Stunden später in der Wohnung eine Szene à la „Rosenkrieg“, die mich Zartbesaiteten schleunigst davon Abstand nehmen ließ, zu erkennen zu geben, dass auch ich im Hause war.
Wenn Vermieterin kommt, einfach auf den Boden legen, tot stellen und warten, dass sie an einem vorübergehen möge.
Schön ist allerdings die Geborgenheit, die einem hier zuteil wird, dieses Sich Kümmern, dessen die Senhora sich rühmen darf, wenn sie ungefragt und ungebeten in unsere Wohnung, ja gar in unsere abgeschlossenen Zimmer eindringt – beinahe mütterlich mag mir dies erscheinen. Im eigenen Safte zu vermodern und die Nachbarn durch Verwesungsausdünstungen auf den Plan zu rufen, kommt da nicht mehr in Frage. Solcherlei Geschichten über die wachsende gesellschaftliche Anonymität schließlich liest der gebildet und besorgte Mensch von heute in einschlägigen Zeitungsorganen häufiger, als es ihm lieb sein dürfte.
Eine kleine Anekdote noch, dann will ich es dabei bewenden lassen. Eines Nachts um zwei erhielt besagte São eine SMS der Vermieterin, sie möge gefälligst ihr Licht löschen, dies sei nicht mehr die Zeit, um Licht an zu haben. Rührend, diese Sorge um den Nachtschlaf der Mieter, zweifelsohne.

Wie versprochen, hierbei lasse ich es mit der Beschreibung meiner Wohnsituation bewenden.
Mit dem Schreiben komme ich diesmal gut voran, besser als im Frühjahr, was wohl daran liegt, dass ich mir nicht nebenbei wieder einen Sprachkurs aufgehalst habe, der meine Energie frisst. Ohnehin ist mein Portugiesisch unterdessen recht ansehnlich und von Zeit zu Zeit übe ich zu Hause ein bisschen Grammatik.
Auch habe ich gleich in der ersten Woche einen portugiesischen Freund gefunden, Armando, der eine Engelsgeduld darin beweist, Dinge zu wiederholen, die ich nicht verstanden habe – der Ärmste, das Telefonieren mit mir ist auf Portugiesisch ein echter Alptraum, Armando verzagt jedoch nie und ruft mich stets aufs Neue an, wohl wissend, dass er praktisch alles, was er sagen möchte, mehrmals sagen muss.
Ihn zu haben ist gut in mehrerlei Hinsicht – es lindert meine Einsamkeit in der Ferne, ich habe einen Gesprächspartner, mit dem ich mich über die unterschiedlichsten Dinge austauschen kann (er ist Lehrer für Geschichte und Kunstgeschichte an einem hiesigen Gymnasium und seine Wohnung gleicht einer Bibliothek, was mir direkt das Herz erwärmte), auch waren wir bereits gemeinsam auf der 500000 Menschen starken Demonstration gegen das unmenschliche Spardiktat der Troika, das den Portugiesen aufgezwungen wird. Er bindet mich also in das Leben hier ein und das ist ein echter Gewinn im Vergleich zum Frühjahr, wo ich hier praktisch niemanden kannte. Die Portugiesen erweisen sich als eher zurückhaltend, was Kontakte mit so offensichtlichen Ausländern wie mir angeht, womöglich weil die meisten Touristen ja ohnehin nur ein paar Tage hier sind.
Um auf das Schreiben zurückzukommen: hilfreich war es, dass ich begann, indem ich mir eine Art Eigentherapie auferlegte und die Erlebnisse des vergangenen Jahres in literarische Form goss. Womöglich emotional noch zu dicht am Geschehen, war es nichtsdestoweniger befreiend, all der unglücklichen Liebe eine andere Gestalt zu verleihen. Zudem geschieht es dieser Tage, dass ich zum ersten Mal seit Beginn der Arbeit am „Lachsweg“ das Gefühl habe, dass ein Ende in greifbare Nähe rückt. Gewiss, eine Weile mag es noch dauern, aber dennoch sehe ich, wie die einzelnen Teile sich zusammenzufügen beginnen. Vorgestern fand ich Antwort auf eine entscheidende Frage, die mich seit gut einem Jahr beschäftigt – dies ist ein echtes Geschenk. Es ist ausgesprochen unangenehm, mit einer ungelösten Frage schwanger zu gehen. Auch das Vertrauen darauf, dass die Antwort schon beizeiten käme, ist nicht unbegrenzt aufrecht zu erhalten.
Insofern stimmt mich diese gefundene Antwort optimistisch, auch wenn es keineswegs die letzte zu klärende Frage war und sicherlich neue auftauchen werden, wenn die Arbeit voranschreitet.
So verbringe ich denn meine Tage zumeist mit Schreiben, ich habe mir ein Tagespensum von vier Seiten auferlegt und dies kann sehr unterschiedlich lange dauern. An wahrlich inspirierten Tagen bin ich vielleicht schon mittags gegen eins fertig, normaler hingegen ist eher vier und wenn ich einen schlechten Lauf habe, wird es bisweilen auch Nacht.
Letzte Woche allerdings hatte ich Besuch, sodass ich meine Arbeit unterbrach. Meine Schwester und ich hatten meiner Mum einen Flug nach Lisboa zum Geburtstag geschenkt und letzten Freitag reisten die beiden an. In den folgenden Tagen streiften wir stundenlang durch die wundervollen Straßen und Gassen der Stadt und letztlich war ich es wohl, der den beiden mehr Programm aufnötigte, als sie sich sonst vorgenommen hätten. Da ich ja bereits drei Monate in diesem Jahr hier verbracht habe, kenne ich mittlerweile natürlich zahllose schöne Orte und hätte den beiden am liebsten alles gezeigt. Dies ist in nur fünf Tagen allerdings schwerlich möglich. Dennoch haben wir viel gesehen, noch mehr gegessen und getrunken, und die beiden waren von der Stadt ähnlich angetan wie ich selbst. Dienstag Abend feierten war in Mums Geburtstag rein und am Mittwoch ging es für die zwei dann schon wieder zurück ins herbstliche Deutschland.

Ich selbst werde am Montag für einige Tage in die Algarve fahren und Noemi besuchen, jene Schweizerin, die ich im Frühjahr hier kennen gelernt habe und von der ich damals schon erzählt habe.
Die ländliche Beschaulichkeit in Bouliqueime wird mir gut tun und meine Inspiration und Konzentrationsfähigkeit gewiss befördern.

So viel erstmal von meinem Leben in Lisboa!

Ich sende Euch eine herzliche Umarmung aus der Ferne und freue mich darauf, von Euch zu hören, zu lesen und Euch bald wiederzusehen!!

Elyseo

Lisboa, 06. Oktober 2012

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