S. J. Watson – Ich. darf. nicht. schlafen. Ein Nachklang

Stell Dir einmal vor, Du wachst morgens auf, drehst dich im Bett um und neben dir liegt ein Mann, den du noch nie gesehen hast. Du bemerkst den Ehering an seiner Hand und fürchtest, jeden Augenblick könnte seine Frau hereinkommen und eine furchtbare Szene machen.

Daraufhin schleichst du dich ins Bad, blickst in den Spiegel und stellst nach genauerer Betrachtung fest, dass du die Person, die dich anschaut tatsächlich kennst – du bist es, nur 25 Jahre älter, als du erwartet hast. Dann siehst du die beschrifteten Fotos rund um den Spiegel – Fotos von dir und dem Mann, der neben dir im Bett lag.

Das ist die Ausgangssituation in S. J. Watsons Roman Ich. darf. nicht. schlafen. Sie wiederholt sich in dieser oder leicht abgewandelter Form Tag für Tag. Konzeptuell erinnert das an eine finstere Version von Und täglich grüßt das Murmeltier.

Christine, die Protagonistin, leidet an einer speziellen Form der Amnesie, die insbesondere das Kurzzeitgedächtnis in Mitleidenschaft zieht. Sie kann sich zwar an Erlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern, nicht jedoch an die Ereignisse des Vortags.

Zum Ende des ersten Teils hin, innerhalb dessen der Leser einen Tag aus Christines Leben verfolgen darf, überreicht ein Arzt, den sie seit einigen Wochen ohne Wissen ihres Mannes Ben aufsucht, Christine ein Tagebuch. In diesem zeichnet sie verschiedene Erinnerungsfetzen aus der Vergangenheit auf, die bisweilen in ihr aufsteigen.

Dieses Tagebuch stellt den zweiten Teil des Romans dar.

Stück für Stück setzt Christine ihre eigene Vergangenheit zusammen, nur um sie Nacht für Nacht aufs Neue zu vergessen. Einzig die tägliche Lektüre ihres Tagebuches hilft ihr dabei, ihr Leben zu begreifen.

Alsbald aber durchzieht diese Lektüre ein dunkler Grundton.

Warum steht unter dem Titel des Tagebuchs Vertraue Ben nicht? Wie ein Damoklesschwert hängen diese Worte fortan im Raum. Doch wem, wenn nicht dem einzigen Menschen, der sich aufopferungsvoll um sie kümmert, sollte Christine sonst vertrauen? Wie aber lassen sich die Ungereimtheiten erklären, auf die Christine immer wieder stößt?

S. J. Watson erzeugt eine Kulisse subtiler Bedrohung, die sich sukzessive zum Gänsehaut-Gefühl steigert. Dabei verzichtet der Autor gänzlich auf platte Hollywood-Effekthascherei. Einzig im Kopf des Lesers wächst das Gefühl heran, das nichts in dieser Geschichte dem äußeren Schein entspricht, doch ebenso wie die Protagonistin hat er sich der Frage zu stellen, wem in diesem Umfeld der Ungewissheit zu vertrauen sei.

Mit der Wahl des Sujets beweist Watson einen hellsichtigen Blick für menschliche Urängste.

Wie kann Selbstvergewisserung vonstattengehen, wenn wir den Grundpfeilern unserer eigenen Erinnerung misstrauen müssen?

Eingedenk der Subjektivität menschlichen Erinnerns öffnet diese Fragestellung einen ungleich weiteren Rahmen: Wie kann Selbstvergewisserung vermittels der Erinnerung überhaupt vonstattengehen, wo doch jeder im alltäglichen Erleben mit der Variabilität eben jener Erinnerung konfrontiert wird. Hierbei sei bloß auf die jedermann vertrauten, widersprüchlichen Varianten bei der Schilderung ein und desselben Erlebnisses hingewiesen, wie sie oftmals durch persönlich gefärbte Interessen entstehen.

Diese eigentlich alltägliche Ausgangssituation treibt S. J. Watson in seinem Roman auf die Spitze, indem er sie eben jener Alltäglichkeit beraubt und im Raum der Amnesie-Erkrankung ansiedelt.

Das Grauen aber , das die Erzählung im Leser anrührt, wird geboren aus den Quellen urmenschlicher Unsicherheit. Jener Unsicherheit, die die Selbstvergewisserung  in einer Welt verschiedenartiger Perspektiven angeht.

Mithin ein ausgesprochen lesenswerter Thriller.

 

S. J. Watson, Ich. darf. nicht. schlafen.; Fischer SCHERZ Verlag (2011), 14,95 €

S. J. Watson - Ich darf nicht schlafen

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4 Gedanken.

  1. Das Buch liegt grad vor mir und wird heute noch angefangen. Hatte es schon gekauft, bevor ich deine Einschätzung gelesen hab. Bin sehr gespannt.

    • Hallo Carmencita! Da hat sich unser Büchergeschmack dann ja mal wieder überschnitten! Viel Spaß dir dabei! Und eine Umarmung aus Kanada!

  2. Hola Elyseo!
    So schnell war ich selten mit einem Buch fertig! Ich fand’s spitze! Gruselig, aber gut. Allein sich vorzustellen, dass die Möglichkeit besteht, soetwas könnte mir, meinem Mann oder jmd. anderem aus meinem Umfeld tatsächlich passieren… – einfach gruselig.
    Die fachlich korrekten Worte hast du ja schon selbst geschrieben. Ich kann das Buch wirklich nur jedem Thriller-Fan empfehlen!
    Aber jetzt freu ich mich wirklich drauf, DEIN Werk zu genießen! Weiter so! Ultreja!

    • Hola Carmen! Oh ja, ich lege ein großes Tempo vor gerade, das saugt beinahe all meine Energie auf, weshalb es auf dem Blog gerade auch kaum Neues gibt. Aber diese Prioritätensetzung muss leider vorübergehend sein! Sei gegrüßt nach Fürth – und lustig, dass Du ultreja schreibst, da ich hier bei meinen Camino-Freunden bin!! Un abrazo fuerte, Elyseo

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