Revoltierende Omis und menschenfressende Raubkatzen (14. April 2013)

Ich kann revoltierende deutsche Großmütter auf Kanadas Straßen sehen.

Mit zornesroten Gesichtern protestieren sie gegen die Milch- und Käsepreise.

Was ist eigentlich aus dem guten, alten Milchsee geworden? Wo ist der Butterberg abgeblieben? Und wie in Gottes Namen heißt das Äquivalent dazu in Käseform?

Vor den Regalen kanadischer Supermärkte jedenfalls lobe ich mir die viel gescholtene EU-Agrarsubventionspolitik. Offenbar scheint sie doch eines zu verhindern, nämlich radikale Preissteigerung durch Monopol-Bildung. (Interessant in diesem Zusammenhang übrigens, dass es 37 Jahre dauerte, bis ich verstand, dass der Name des beliebten Brettspiels Monopoly nichts anderes bedeutet als Monopol – manchmal frage ich mich, wie offensichtlich Dinge sein müssen.)

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Dem Discounterpreis-gewohnten Deutschen jedenfalls schaudert, wenn es zuschlagen heißt, weil das Kilo Käse on sale ist und dementsprechend nur 25 Dollar kostet (was in etwa 20 Euro entspricht).

Glücklicherweise schaffe ich es unterdessen, kaum noch darüber nachzudenken und einfach sorgenfrei zu konsumieren, wie sich das für einen Mitteleuropäer schickt. Außerdem kaufe ich prinzipiell Mengen ein, die die durchschnittliche kanadische Großfamilie ernähren könnten – das ist nämlich billiger. Mein Mitbewohner Jelle, der mich unlängst fragte, ob ich Anteile an einem Molkereibetrieb erworben hätte, als er dem Milchvorrat im heimischen Kühlschrank huldigte, wird bestätigen können, dass es kein Problem für mich ist, vier Liter Milch zu vertilgen. Weshalb also nicht gleich im Kanister kaufen?

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Meine anfängliche Panik vor finanziellem Ruin jenseits des großen Teiches hat sich unterdessen in eine subtile Furcht verwandelt, die ich immer besser in den Griff zu bekommen lerne. Nein, ich werde nicht Opfer des umgekehrten amerikanischen Traumes werden, denn ich war ja niemals Millionär. Meine Teller wasche ich ohnehin, auch diesbezüglich steht also keine Verschlimmerung zu befürchten.

 

Habe ich kurz nach meiner Ankunft noch in höchsten Tönen den kanadischen Frühling gelobt, muss ich dieses Urteil leider als voreilig revidieren. Gewiss, es gab da diesen ersten Tag, heute nenne ich ihn gerne den Tag vor dem Wintereinbruch.

Die Kälte kehrte zurück.

Trotzdem grünt und blüht alles. Das Wetter zeigt sich hier sehr vielseitig: kaum ein Tag, an dem wir nicht von Sonne, über Regen, Sturm, blauen Himmel, grauen Himmel bis hin zu Hagel alles haben (ich gebe zu, den Hagel eher seltener).

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Was unterscheidet Kanada also gemeinhin von Deutschland, wenn schon nicht das milde Klima?

 

Kulturelle Unterschiede. Derer gibt es so manche.

Betrachten wir getrost den ein oder anderen genauer:

Uns Deutschen wird ja oft eine gewisse emotionale Kälte nachgesagt, nicht selten gepaart mit einer unterstellten mangelnden Begeisterungsfähigkeit. Oft schon fragte ich mich, weshalb dem so ist. Nachdem ich mich nun, nach beinahe siebzehn Jahren, wieder auf angloamerikanischem Boden bewege, wird mir klarer, weshalb.

Mir als Deutschem kommt es doch bisweilen sehr verdächtig vor, dass die Menschen hier alles amazing und awesome finden.

Ist das nicht übertrieben? Unrealistisch? Exaltiert?

Nun, man mag das so sehen.

Genauso lässt es sich indes in die Gegenrichtung drehen. Oder weshalb empfinden wir Deutschen Dinge, die uns gefallen als nicht übel beziehungsweise gar nicht so schlecht? Ist das keine permanente Wendung positiver Erlebnisse ins Negative?

Weshalb benutzen wir die doppelte Verneinung, um auszudrücken, dass wir etwas mögen? Und, lassen wir dies mal so stehen, weshalb scheint es uns darüber hinaus verdächtig, wenn jemand dies nicht tut, sondern freudige Ereignisse mit positiven Beschreibungen belegt.

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Gewiss mag dem entgegengehalten werden, dass diese Ausdrucksweise in vielen Fällen übertriebene Freude zeige, die den Erlebnissen unangemessen sei. Allerdings bestimmt der Gebrauch von Sprache natürlich zugleich dieses Erleben. Es überrascht mich mithin kaum, dass die Menschen hier mir zuallermeist mit einem offenen Lächeln auf der Straße begegnen, während schon dies in der Heimat für Argwohn sorgen würde. Zumindest habe ich oft den Eindruck, dass die Deutschen ein misstrauisches Warum lächelt der so komisch? Was will der von mir? im Hinterkopf haben, wenn ich es wage, ihnen grundlos zuzulächeln.

Auch mir fällt es durchaus schwer, mich von der weit verbreiteten Überheblichkeit gegenüber der angelsächsischen Kultur freizumachen. Ich frage mich bloß, weshalb dieser Negativismus im deutschen Denken so omnipräsent ist, dass uns eine andere Ausdrucksweise sogleich verdächtig erscheint.

Unterdessen ertappe ich mich jedenfalls bisweilen dabei, wie ich fleißig awesomes und amazings in meine Reaktionen einstreue, wenn mir Kanadier, die ich neu kennen lerne, etwas erzählen.

Bei John und Erin, meinen beiden Camino-Freunden, tue ich das natürlich nicht, dazu kenne ich sie zu gut. Aber gerade John ist es, der mich hin und wieder amüsiert darauf hinweist, dass not the worst nicht unbedingt eine positive Beschreibung darstellt.

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Apropos Kanadier kennen lernen.

Freitag und Samstag war ich tatsächlich zum ersten Mal aus, seit ich in Victoria bin. Erin kam aus Port Alberni, einer kleinen Stadt im Inneren von Vancouver Island, wo sie inzwischen lebt, nach Victoria und wir waren mit ein paar Freunden von ihr und John zunächst in einem Pub etwas trinken – ich natürlich nur Cranberry-Soda, wobei die Alkoholpreise in Kanada bei uns wohl ganz andere Bevölkerungsgruppen zum Revoltieren brächten.

Danach zog ich noch ins Paparazzi, den einzigen Gay-Club der Stadt, weiter. Glücklicherweise hatte Erin mir zuvor bereits erzählt, dass sämtliche Clubs vor Ort bereits um zwei Uhr schließen – sonst wäre ich später sicherlich aus allen Wolken gefallen.

Als ich ankam, ich verstand gar nicht so recht, weshalb, meinte ein Typ vor der Kasse zu mir, ich solle einfach den Arm ausstrecken. Natürlich folgte ich brav, tue ich ja immer.

Also kam ich mysteriöserweise umsonst in den Club.

Selbiger erwies sich als bizarre Freakshow, obschon ein wohlmeinender Besitzer allenthalben hatte Spiegel anbringen lassen, um genau dem vorzubeugen. Den fetten Typen um die fünfzig schien das jedoch keineswegs davon abzuhalten, sich das Shirt vom Leib zu reißen. Nun, an der Hitze kann es nicht gelegen haben, denn der Club war beinahe leer. Draußen regnete und stürmte es eisig, sodass selbst das Rauchen einer Zigarette zu einem Frostbeulen-verheißenden Abenteuer wurde. (Besonders schön beim hiesigen Nichtraucherschutzgesetz ist die Regelung, dass das Rauchen mit einem Mindestabstand von drei Meter zur nächstgelegenen Tür- oder Fensteröffnung zu erfolgen hat. Das lässt wahrlich ein jedes Bürokratenherz höher schlagen!)

Mir also war es nicht einmal mit Pullover und Halstuch zu warm in diesem Club.

Auch ansonsten tummelte sich allerhand eigentümliches Volk, gruselige Transgender-Gruftis, hüpfende Schnauzträger und dergleichen mehr.

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Glücklicherweise wurde meine Aufmerksamkeit bald anderweitig in Beschlag genommen.

Die Leute, mit denen ich zufällig umsonst hineingekommen war, verwickelten mich in ein Gespräch, allen voran Christina, die mit ihrem Mann Randy unterwegs war. Die beiden waren ebenfalls Freaks, allerdings der mir angenehmen Sorte – mit ihren beinahe fünfzig Jahren gingen sie ab wie die Twens, rissen einen blöden Spruch nach dem nächsten und verbreiteten rundweg gute Laune. Zugleich war ich mir sicher, dass ihre derzeit 14-jährige Tochter binnen weniger Jahr den Tag verfluchen würde, an dem ihr diese peinlichen Eltern zuteil wurden – schließlich sind einem als Heranwachsendem ja schon normale Eltern peinlich.

Die beiden hatten einige interessante Geschichten zu erzählen, beispielsweise von Randys Transgender-Stiefsohn, der von der mütterlichen Familienseite mit heftigem Widerstand zu leben hatte, bis Randy diese eines Tages zur Rede stellte. Was, so seine Worte, ist denn nun genau der Unterschied zu vorher und der Grund dafür, ihn plötzlich nicht mehr zu lieben? Die Geschichte über diese couragierte Handlung wärmte mein Herz, muss ich zugeben. Auch ansonsten waren sie ausgesprochen unterhaltsam und ich sehr froh, nicht mehr allein unterwegs zu sein.

Ihre Mitgliedschaft in der Legion, einer Veteranenvereinigung, in der auch Kinder und Kindeskinder Mitglied werden konnten, war übrigens der Grund für unseren kostenfreien Eintritt. Hätte ich ja auch nicht geglaubt, dass mir Ex-Soldaten mal bares Geld sparen würden.

Elyseo da Silva, Apartment in Victoria

Als wir um zwei Uhr aus dem Club geschmissen wurden – die wenigen Anwesenden hatten sage und schreibe um zehn vor zwei mit dem Tanzen begonnen – bekam ich auf der Straße zufällig mit, dass ein Typ zu einem anderen sagte Lass uns lieber hier lang laufen, das ist sicherer. Ich konnte mir eine ironische Nachfrage nicht verkneifen – wer bereits in Victoria war, wird dies verstehen, denn es handelt allenfalls um eine Kleinstadt – und schon befand ich mich im nächsten Gespräch und einige Minuten später in jemandes Wohnung ein paar Blocks weiter.

So zog sich meine Nacht also doch noch ein wenig in die Länge und ich kam nach einer überraschend tiefgründigen Unterhaltung erst um für hier erstaunliche vier Uhr nach Hause.

Das Ausgehen tat mir gut – seither fühle ich mich geerdeter hier, habe das Gefühl nicht mehr nur einen Menschen zu kennen, habe eine Einladung nach Vancouver und eine zu einem Barbecue in Victoria erhalten, alles in allem doch eine ansehnliche Bilanz für einen nüchternen Abend.

Gestern dann erfuhr ich, weshalb die Omis hier nicht auf den Straßen marodieren (diesen Schluss zog ich zugegebenermaßen eigenmächtig). Es versetzte mich in Angst und Schrecken.

Seither fürchte ich, kaum ohne Paranoia das Haus verlassen zu können, wenn ich kommende Woche bei Erin in Port Alberni wohnen werde.

Grund dafür sind die cougars! Gefährliche menschenfressende Raubkatzen, die einem auflauern und, ich sehe es kommen, ähnliche Spiele mit einem veranstalten wie Hauskatzen mit Mäusen. Das hielte bestimmt jede mitteleuropäische Omi, die etwas auf sich hält, trotz noch so hoher Butterpreise hinter dem Herd!

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Angeblich hilft, anders als bei Bären, noch nicht einmal bellen und sich groß machen, im Zweifel mag dies sogar als Aufforderung zu einem bestialischen Spiel aufgefasst werden.

Oh weh, oh weh!

Um die diffuse Angst vor Raubkatzen zu lindern, habe ich mittlerweile herausgefunden, dass es sich bei den cougars um Pumas handelt, gemeine Berglöwen also.

Totem Pfahl, Victoria

Ich bin nur nicht sicher, ob mich dies wirklich beruhigt. Immerhin leide ich bereits unter einem landläufig als Kuh-Angst bekanntem Phänomen.

Als ich mit John heute frühstücken war, versuchte er mich allerdings zu beruhigen und meinte, kaum je greife ein cougar Menschen an.

Kaum je?

Hm.

Ohnehin eher Kinder.

Seit ich gestern Abend feststellen musste, dass ich hier bei jedem billigen Pub meinen Ausweis vorzeigen muss, um hineinzukommen, bin ich verunsichert, wie genau die das hier mit äußeren Merkmalen der Volljährigkeit nehmen.

Das mag mithin auch für die einheimischen cougars gelten.

Ich bin gewarnt! Und zukünftig auf der Hut!

Elyseo da Silva, Victoria, Strand

Seid herzlich gegrüßt!

Elyseo

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