Orchha – Stadt der Fliegen

May I ask, when you were born?

Sure!  lächelte sie ihr bezauberndes Lächeln. In 1933.

(Helen, Alleinreisende aus Schottland, Orchha, März 2014)

Helen, Alleinreisende aus Schottland

Helen, Alleinreisende aus Schottland

Meine Reiseroute führte mich als nächstes nach Orchha, einem indischen Städtchen im Bundesstaat Madhya Pradesh. Tempel, rituelle Stätten und Paläste allenthalben, die rauschenden Wasser des Betwa sorgen für eine atemberaubende Kulisse. Am Himmel ziehen Geier gemächlich ihre Kreise. Zugleich gibt es allerdings keinen Ort, an dem einen nicht ein Schwarm sirrender Fliegen umschwirren würde.

Orchha und Betwa im Abendlicht

Orchha und Betwa im Abendlicht

Woher die alle kommen und weshalb sie sich ausgerechnet dieses Städtchen als Heimat auserkoren haben? Eine gute Frage.

Margarete und ich kamen nach einer Nachtfahrt im Sleeper-Bus morgens um sechs ziemlich gerädert in Jahnsi an. Die Landstraßen ließen an Schlaf kaum denken. Allenfalls gelang es mir, wenige Minuten wegzudösen. Von Jahnsi aus legten wir mit einer Riksha die 20 Kilometer nach Orchha zurück.

Nachdem wir im zweiten Anlauf ein Guest House gefunden hatten – im ersten flogen Schwärme von Mosquitos auf, sobald man sich aufs Bett setzte, sodass wir es trotz schlechten Gewissens nach einer Stunde verließen und dem Besitzer 100 Rupees in die Hand drückten – erkundeten wir am Nachmittag den Ort.

Tempel in Orchha

Tempel in Orchha

Die Hitze ist unterdessen erdrückend. Tag für Tag klettert das Thermometer auf 40 Grad. Naturgemäß zog es uns ans Wasser. Bald lag der Betwa zu unseren Füßen. Blaue Fluten, die teils reißend scheinen, teils träge dahinziehen.

Betwa in Orchha

Betwa in Orchha

Inder beim Bad im Betwa

Inder beim Bad im Betwa

Die Inder lieben es zu baden. Allerdings ausschließlich die Männer. Sie ziehen sich bis auf die Unterhosen aus und springen in die Fluten. Manche schwimmen sogar mit Klamotten.

Rituelle Stätte der Totenverbrennung

Rituelle Stätte der Totenverbrennung

Auch auf mich wirkten die Wasser des Betwa unwiderstehlich. Selbst wenn in der Nähe einer rituellen  Verbrennungsstätte überall geschertes Menschenhaar am Ufer herumlag – die Hindus rasieren sich zum Zeichen der Trauer um einen Verstorbenen den Kopf – streifte ich flugs meine Klamotten ab und tauchte ins kühle Nass.

Die Sonne brannte erbarmungslos herab und ich nahm mein erstes Bad in einem indischen Fluss. Das Wasser war herrlich. Erfrischend und klar. Am Himmel kreisten die Geier und fragten sich, ob ich es ans Ufer zurückschaffen würde. Ich musste sie enttäuschen.

Als wir danach im Schatten eines Tempels einige Meter über den Wassern des Flusses saßen, gesellte sich eine Gruppe indischer Halbwüchsiger zu uns. Um ihre Wagemut unter Beweis zu stellen, zogen sie ihre Klamotten aus und sprangen der Reihe nach in den Fluss hinab.

Junge beim Sprung in den Betwa

Junge beim Sprung in den Betwa

Das Spiel ging so lange weiter, bis zwei aufgebrachte indische Polizeibeamte sie in ihre Schranken wiesen. Sie ergriffen ihre Klamotten und trollten sich, ohne dass das Grinsen aus ihren Augen gewichen wäre.

Am Nachmittag des nächsten Tages folgten Margarete und ich auf einem Spaziergang einem kleinen Pfad hügelaufwärts, um zu einem Tempel zu gelangen, aus dessen Innerem Musik erklang.

Spontan wurden wir auf einen Chai ins Haus einer Familie am Hang eingeladen. Einer der Söhne, Anush, und Assis, ein Freund von ihm, schlossen sich uns an, als wir weiterzogen. Gemeinsam mit den beiden Jungen erkundeten wir zunächst einen der zahllosen verlassenen Tempel.

Anush

Anush

Unser selbsterkorener Tourguide Assis

Unser selbsterkorener Tourguide Assis

Assis und Margaret

Assis und Margaret

Das ist das Schöne an Orchha: es gibt so viele Tempel, dass sie verlassen herumstehen und man sie auf eigene Faust auskundschaften kann. Ohne touristisches Brimborium.

Im letzten Artikel schrieb ich, dass ich kein Sightseeing möge. Das Erkunden der Tempel und Palastruinen in Orchha aber war anders. An diesen Orten durfte man einfach sein.

Keine Touristenherden. Niemand, der einem über die Schulter guckte. Nichts, was man nicht hätte berühren dürfen, da es als Kunstwerk heiliggesprochen worden war.

So vermochte ich diese alten Heiligtümer zu spüren. Zumindest das, was bis in unsere heutige Zeit von ihrer Atmosphäre geblieben war. Mir vorzustellen, wie es dort anno dazumal zugegangen sein mag, wollte mir, bei aller Mühe, nicht gelingen.

Anush tanzte im verlassenen Tempel für uns zum Pani-Pani-Song (pani ist das Hindi-Wort für Wasser) – einem Lied, das zurzeit das ganze Land Kopf stehen lässt.

Anush tanzt für uns in einem verlassenen Tempel

Anush tanzt für uns in einem verlassenen Tempel

http://www.youtube.com/watch?v=yPXyj0ErzfY

Wenn ich das ganze Land schreibe, meine ich das ganze Land.

Unabhängig von Alter. Geschlecht. Kaste.

Aus jedem Lautsprecher dröhnt das gleiche Lied. Dröhnt. Auch das ist wörtlich zu verstehen. Ob im Auto, im Restaurant, im Guest House. Wenn Musik in Indien nicht die Trommelfelle gefährdet, handelt es sich nicht um Musik. Auch um sechs Uhr morgens.

Das Video zu dem zugegebenermaßen stupiden Song ähnelt den sexistischsten Ausgeburten amerikanischer Hip-Hop-Videos.

Immer wieder höre ich von Indern, dass der Tourismus eingebrochen sei, seit in den West-Medien über die Vergewaltigungen in Indien berichtet wurde. Das Ganze scheint mir ein ausgesprochen kompliziertes Thema zu sein. Ich finde es zumindest erstaunlich, dass die Vorfälle in den europäischen Medien derart aufgebauscht wurden. Es gäbe genug Grund, vor der eigenen Tür zu kehren, statt vor der des Nachbarn. Gerade bei Missbrauch im familiären Umfeld o.Ä. sind wir noch immer große Meister im (Darüberhin-)Wegsehen. Ich möchte damit nichts über die Schwere oder den Charakter der Vergewaltigungsfälle in Indien aussagen, die die jungen Männer allerdings auch mit ihrem Leben bezahlten.

Ich beneide die Inder nicht um das Paradoxon, das ihre Kultur im Umgang mit Sexualität erzeugt. Der Pani-Song ist dafür ein recht gutes Beispiel.

Das Video zeigt ganze Horden praktisch unbekleideter Frauen, die am Strand um einen Mann herum tanzen – die meisten von ihnen noch nicht einmal Inderinnen.

Zugleich aber leben die jungen indischen Männer, ohne je nur in Kontakt mit Frauen zu kommen. Die Geschlechter sind streng getrennt. Männer geben sich ausschließlich mit Männern ab. Frauen mit Frauen. An zwischengeschlechtliche Zärtlichkeiten oder gar Sex ist vor der Ehe nicht zu denken. Und selbst nach der Hochzeit, so habe ich zumindest den Eindruck, sind die Geschlechterlager großteils ebenso strikt getrennt wie zuvor. Die Frauen verbringen ihre Tage unter sich, die Männer ebenso.

Nur spielen die Hormone indischer Männer ebenso verrückt, wie die aller anderen Männer auf der Welt, allem voran natürlich in der Sturm-und-Drang-Phase.

Tut es da Wunder, dass die plötzlich mit westlichen Rollenvorbildern überfütterten Menschen sich schwer tun, die rechten Grenzen zu ziehen? Es gibt keine Vorbilder hier, außer strikter Enthaltsamkeit. Oder eben das Sodom-und-Gomorrha-Model des Westens.

Aber zurück nach Orchha. Nach Anushs Tanzeinlage begleiteten er und Assis uns noch eine Weile. Mit den Kindern im Schlepptau besuchten wir den Tempel, dessentwegen wir ursprünglich den Hügel hinaufgestiegen waren. Mantra-Gesänge drangen aus dem Inneren, als wir uns von der Hinterseite näherten.

Männer beim Mantragesang im Tempel

Männer beim Mantragesang im Tempel

Mann im Tempel

Mann im Tempel

Wir wurden mit einem offenen Lächeln empfangen. Im Tempel erhielten wir die übliche Segnung und setzten uns zu den Sängern auf den Boden. Wir beobachteten sie bei ihrem Gottesdienst, klatschten mit, ernteten neugierige Blicke.

Als wir später in einen Palast mit unseren kleinen Begleitern in einen Palast weiterzogen, näherte sich uns ein schmieriger Inder, fauchte die beiden Jungs grob auf Hindi an, sodass sie sich verzogen, ehe einer von uns auch nur hatte reagieren können. Mich machte das wirklich wütend. Was bildete der sich bloß ein? Immerhin hätte er uns fragen können, ob die beiden uns auf die Nerven fielen. Was sie nicht taten, vielmehr hatten wir ihre unbefangene Art schätzen gelernt.

Auch das aber ist Indien.

Palast in Orchha

Palast in Orchha

Palast in Orchha

Palast in Orchha

 Tags darauf lernte ich Helen kennen. Sie stammt aus Schottland und ist seit Monaten allein in Indien unterwegs. Dadiji nennt sie sich. Im Sommer wird sie 81. Bisweilen bittet sie um Hilfe, wenn sie Treppen steigen will, wobei ich mir nie sicher war, ob sie nicht einfach gern Körperkontakt zu jüngeren Männern hat. Zum Gehen benutzt sie einen Stock. Der hält sie allerdings keineswegs davon ab, bei brütender Hitze den ganzen Tag durch das Dorf zu ziehen und neue Bekanntschaften zu schließen.

Helen isst nichts außer Dal Fry (der indischen Linsenvariante). Mahlzeit für Mahlzeit. Ohne Chapati. Ohne Reis. Linsen. Einfach nur Linsen.

Um ihren Reichtum so vielen Menschen wie möglich zu Gute kommen zu lassen, isst sie Tag für Tag in einem anderen Restaurant. Sie weiß über Qualität und Preis des Dal Fry in jedem einzelnen Ort Auskunft zu geben. Ebenso wie über die verschiedenen Gasthäuser.

Helen ist bezaubernd. Sie leidet an chronischer Erschöpfung, findet kaum Schlaf, kümmert sich aber nichtsdestotrotz liebevoll um alle Reisenden, die sie auf ihrem Weg trifft. So eilt ihr Ruf ihr denn auch voraus. Bereits in Bundi wurde mir empfohlen, mich an Helen, die unsagbar alte Dame in Purpur, zu wenden, wenn ich wissen wolle, in welchem Hostel ich am besten abstiege.

Palast in Orchha

Palast in Orchha

Palast in Orchha

Palast in Orchha

Nach den Tagen in Bundi war Orchha für mich emotional ruhiger, was nicht zuletzt daran lag, dass ich krank wurde.

Über Nacht fühlte ich mich hundeelend. Nichts konnte ich bei mir behalten, mir schmerzten sämtliche Glieder und mein Kopf fühlte sich an, als würde er platzen. Wenn ich noch nicht einmal essen will, ist das kein gutes Zeichen. Hat keine heimische Darmgrippe bislang geschafft.

Also hieß es, das Bett zu hüten und mein Zugticket nach Varanasi verfallen zu lassen. Beinahe wäre es mir mit dem zweiten Ticket genauso ergangen, da es mir einen Tag gut ging, ich ein neues Ticket besorgte und die Krankheit tags darauf wiederkehrte.

Helen kümmerte sich in diesen Tagen rührend um mich, teilte ihre Elektrolyte mit mir, sorgte sich ein wenig. Manchmal hilft einem bereits ein wenig Anteilnahme, wenn man in der Fremde krank wird.

Haupttempel in Orchha

Haupttempel in Orchha

Blumenverkäufer - Opfergaben für die Götter

Blumenverkäufer – Opfergaben für die Götter

Süßigkeiten - Opfergabe und Leckerei

Süßigkeiten – Opfergabe und Leckerei

Am ersten und schlimmsten Tag meiner Krankheit blieb Margarete über Nacht weg. Das stellte ein größeres Drama dar. Nicht für mich, aber für unseren Hostel-Wirt.

Ich lag bereits den ganzen Tag in einer Art Dämmerzustand im Bett. Margarete schaute abends um halb zehn vorbei, um zu sehen, ob ich etwas brauchte. Sie hatte einige Leute kennen gelernt und wollte das Hostel noch einmal verlassen.

Be back ten o‘clock! sagte Deedee, der Hostel-Wirt.

Margarete nickte. Ich döste wieder weg.

Kurz nach zehn.

Ohne zu klopfen betritt Deedee das dunkle Zimmer. Knipst das Licht an.

What? Verstört schlage ich die Augen auf.

Er legt einen Finger an die Lippen, geht um mein Bett herum und beugt sich hinab. Unter dem Bett zieht er ein Flasche Whiskey hervor. Abermals legt er verschwörerisch den Finger an die Lippen, sieht mich intensiv an und geht ins Bad. Als er zurückkehrt ist die kleine Flasche leer.

Ich fühle mich verstört, will aber bloß meine Ruhe.

Er verlässt den Raum, löscht das Licht.

Ich dämmere weg.

Zehn Minuten vergehen.

Die Tür geht auf. Gleißendes Licht. Ich kneife die Augen zusammen.

Where is your friend?

I don’t know, erwidere ich.

Ich ernte einen stieren Blick.

It is ten thirty.

Ich zucke mit den Achseln. She’s gonna come soon.

Deedee verlässt den Raum. Es ist dunkel. Ich schließe die Augen und nicke wieder ein.

Bis das Licht mich abermals aus dem Schlaf reißt.

I want to close. You call her. Böser Blick.

I don’t have a number. She doesn’t have an Indian phone, seufze ich.

Deedee verlässt den Raum.

Das gleiche Spiel wiederholt sich ein ums andere Mal, alle zehn Minuten, bis halb ein Uhr nachts.

Nein, ich kann sie nicht über Facebook erreichen. Sie hat kein Wifi, wenn sie nicht im Hostel ist.

Go internet.

Why? stöhne ich. Mir ist elend.

Call her.

She doesn’t have a phone.

The guy does. I see her with him half hour before. Local guy. Not good, this guy.

Also suche ich die Nummer. Wir rufen an.

The person you’ve called is temporarily not available.

Um halb eins schließt Deedee das Guesthouse. Ich muss mich beherrschen ihn nicht anzuschreien. Meine Geduld ist aufs Äußerste strapaziert, schließlich bin ich nicht Margaret Vater. Sie ist eine erwachsene Frau.

Margaret muss über Nacht draußen bleiben. Das trägt nicht unbedingt zu meiner Nachtruhe bei, aber ich habe auch keine Kraft, mich weiter mit Deedee herumzustreiten.

Sonnenuntergang über Orchha

Sonnenuntergang über Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

Hauptpalast in Orchha

 

Als Margaret morgens um sieben das Zimmer betritt, dauert es keine fünf Minuten, bis Deedee an der Tür klopft und ihr die Leviten liest. Ich ziehe mir die Decke über den Kopf. Wenigstens sind die Übernachtungen billig.

Danach sitzen wir kopfschüttelnd im Zimmer und wünschen uns die Streitigkeiten mit unseren Eltern zurück. Bei denen konnten wir wenigstens unseren Standpunkt klarmachen.

Offenbar hatte es in Orchha kurz zuvor einen Vorfall mit einer Touristin im Wald gegeben. Seither müssen die Hostel-Besitzer ihre Gäste um 22 Uhr sicher in ihren Zimmern verstaut wissen.

Sollte trotzdem etwas geschehen, kommt die Polizei und verhaftet den Gastwirt. Ein Fahrradvermieter musste drei Tage in den Knast, weil eine Kundin vom Fahrrad gefallen war. Was soll man sagen?

In manchen Hostels, so wurde mir zugetragen, müssen die Gäste neuerdings unterschreiben, dass sie von einer Unzahl absurder Regeln Kenntnis erlangt haben: Nicht mit Einheimischen sprechen. Keinen Alkohol trinken. Kein Ganja von Locals rauchen. Nicht das Dorfgebiet verlassen. Unter keinen Umständen in den nahegelegenen Wald gehen. Um zehn Uhr zu Hause sein.

Indien.

Glücklicherweise fuhr am zweiten Tag meiner Krankheit ein spanischsprachiges Pärchen mit demselben Zug, den ich gebucht hatte, noch dazu im gleichen Wagon. Es stellte sich heraus, dass wir sogar, ohne zeitgleich oder am selben Ort unser Ticket gekauft zu haben, die Betten in den Abteilen nebeneinander belegten. Als ich jedenfalls erfuhr, dass ich zumindest nicht allein unter Indern wäre, die meine Sprache nicht verstanden, sollte es mir schlecht gehen, beschloss ich, es drauf ankommen zu lassen. So schön Orchha war, ich hatte genug. Bisweilen hilft es auch, einen Ort zu verlassen, an dem man sich nicht wohl fühlt.

Brücke über den Betwa

Brücke über den Betwa

Orchha im Abendlicht

Orchha im Abendlicht

Und Tatsache: seit ich in Varanasi bin, geht es mir gut.

Doch das ist eine andere Geschichte und sie soll ein andermal erzählt werden…

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