O captain, my captain! – Kein Nachruf zum Tode von Robin Williams

Robin Williams (2005)

Robin Williams (2005)

Die Welt trauert um Robin Williams, den begnadeten Schauspieler. Vergangene Nacht hat er sich das Leben genommen. Als ich das heute morgen lese, ist mir erstmal, als hätte mir jemand einen Schlag in den Magen versetzt.

Nicht der! denke ich mir. 

O Captain, my Captain! – diese Worte haben dereinst den Film Dead Poets Society (Club der toten Dichter) und mit ihm Robin Williams weltberühmt gemacht. 

Wie passend erscheinen plötzlich nicht nur diese Anrede, sondern das ganze Gedicht Walt Whitmans. So heißt es zu Beginn:

O Captain my Captain! our fearful trip is done; The ship has weather’d every rack, the prize we sought is won; The port is near, the bells I hear, the people all exulting, While follow eyes the steady keel, the vessel grim and daring:

But O heart! heart! heart!
                            O the bleeding drops of red,
                               Where on the deck my Captain lies,
                                  Fallen cold and dead.

(Walt Whitman, 1865)

O Captain, my Captain! Weshalb sahst Du keinen anderen Ausweg als diesen?

Es steht mir nicht an, Deine Entscheidung zu beurteilen. Und selbstverständlich möchte ich hier keinen weiteren unnötigen Nachruf auf einen Mann verfassen, den ich nicht kannte. Ich schätzte sein Kunst, das steht außer Zweifel.

Weshalb also dieser Artikel?

Tod von Prominenten und mögliche Reaktionen

Amy Winehouse, Michael Jackson, Whitney Houston, Lady Di, John Lennon, Kurt Cobain – der Tod dieser Prominenten mag einem mehr oder weniger nahe gehen. Um die Auseinandersetzung mit solch prominenten Todesfällen kommt man jedoch kaum herum, schon allein, weil sie omnipräsent sind.

Soweit ich das beurteilen kann, gibt es grundsätzlich zwei Arten von Reaktionen:

die Ist-mir-egal-war-ja-auch-nur-ein-Mensch-Reaktion und die Trauer.

Rational betrachtet trifft die erste Variante mit Gewissheit den Kern der Sache. Auch Robin Williams war ein Mensch. Noch dazu einer, den ich nicht kannte. Weshalb also sollte ich um ihn trauern?

Auf Facebook las ich dann heute folgenden Kommentar eines Freundes:

Es ist immer sehr traurig und schlimm, wenn jemand stirbt. ROBIN WILLIAMS ist von uns gegangen – mein herzliches Beileid an die Familie. Traurig bin ich aber auch ob der Tatsache, dass er nun anscheinend das Hauptthema auf meiner Timeline zu sein scheint, während in der UKRAINE, im IRAK und in GAZA die Menschen im wahrsten Sinne des Wortes abgeschlachtet werden. Hört bitte auf bei Prominenten auf betroffen zu machen, während ihr es bei tausenden Toten noch nicht einmal schafft auf die Straße zu gehen.

Das ist ein berechtigter Einwand, aber er geht der Ursache des Phänomens nicht auf den Grund. Weshalb ist es für viele Menschen trauriger, wenn ein Star stirbt, als wenn in Gaza 1865 Menschen (Stand 04.08.2014, Wikipedia) sterben? Oder eine mir unbekannte Zahl in der Ukraine? In Syrien gar Hunderttausende?

Warum berührt mich der Tod eines Robin Williams? Obwohl ich ihn nicht kannte. Obwohl er auch nur ein Mensch war? Obwohl es doch wahrlich wichtigere Probleme auf der Welt gibt?

Um das zu verstehen, will ich mich dem Problem von einer anderen Seite annähern.

Was unterscheidet Robin Williams von Samih Kamal Abu al-Kheir? 

Das Alter ist es nicht. Beide waren 63 Jahre alt, als sie starben. Das Geschlecht ebenso wenig. Beide waren männlich.

Ja. Aber wer ist Samih Kamal Abu al-Kheir?

Ich habe seinen Namen gerade auf einer Al Jazeera-Liste mit Namen der Opfer des Gaza-Konflikts gefunden. Er trägt die Nummer 1429. Ausgewählt habe ich ihn nur aufgrund seines Alters, das rein zufällig dem des Hollywood-Stars glich, als er aus dem Leben schied.

Obwohl ich jetzt Samih Kamal Abu al-Kheirs Namen kenne, bin ich noch immer nicht traurig, dass er gestorben ist. Nicht traurig, sage ich. Denn ich kenne Samih nicht. Aber ich kannte auch Robin Williams nicht.

Eine der größten Absurditäten und Grausamkeiten des Krieges besteht wohl darin, dass die Opfer zu einer Zahl reduziert werden, wohingegen die Namen ihrer Schlächter (oder zumindest die derjenigen, die die Befehle zur Schlächterei gegeben haben) in die Geschichtsschreibung eingehen. Jeder kennt Adolf Hitler, aber niemand weiß, wer diese sechs Millionen Juden waren, die er ermorden ließ. Was könnte grausamer sein?

Genau aber das scheint die Krux zu sein. Zu Robin Williams habe ich ein Bild vor Augen. Zu Samih nicht. Sicher war Samih ebenso Sohn einer Mutter, die ihn geboren hat, wie Robin Williams Sohn einer Mutter war. Vielleicht war auch Samih Familienvater. Opa. Ehemann. Bruder. Onkel. Freund. Es ist sogar sehr wahrscheinlich. Aber ich werde es niemals erfahren.

Robin Williams habe ich persönlich nicht gekannt. Aber ich verbinde doch etwas mit ihm. Ein Gefühl. Verschiedene Gefühle. Die heißen Tränen meiner Jugend auf den Wangen, als ich den Club der toten Dichter zuerst sah. Das Lachen über Mrs. Doubtfire. Die Stimmung, in der mich der Antikriegsfilm Good Morning, Vietnam zurückließ, in dem Robin Williams diesen durchgeknallten Radiomoderator spielte.

Als Mensch war Robin Williams kein Teil meines Lebens. Und doch war er in meinem Leben existent, seit ich denken kann. Mork vom Ork war eine der ersten amerikanischen Comedy-Serien, die ich damals im neu aufkommenden Privat-fernsehen sah. Robin Williams war keine Hauptfigur in meinem Leben, soviel steht fest. Aber dennoch war er latent existent.

Angst vor der eigenen Sterblichkeit

Ich vermute, dass hier ein weiterer Teil der Wahrheit zu finden ist. Lady Di, Michael Jackson, Whitney Houston. Sie alle waren zum Zeitpunkt ihres Todes mehr oder weniger großer Teil meines Lebens gewesen.

Seit ich denken konnte, berichteten die Klatschzeitschriften meiner Mutter über die Princess of Wales. Wie alles, was ich in die Finger bekommen konnte, las ich als Kind natürlich auch diese Berichte.

Michael Jackson? Whitney Houston? Kein Mensch meiner Generation könnte sich vorstellen, ohne diese Figuren im Hintergrund aufgewachsen zu sein.

Und dann sind sie plötzlich tot.

Was bedeutet das für mich als Mensch?

Konstanten im Leben zu verlieren verängstigt den Menschen. Dabei spielt es wohl keine besonders große Rolle, wie bedeutsam eine solche Konstante tatsächlich für das eigene Leben war. Bedeutsam ist vielmehr, dass es sich um eine Konstante handelte. Der Verlust einer solchen führt mir nämlich eines vor Augen:

Eines Tages werde auch ich gehen. Werde mit meinem Leib die Narzissen düngen.

Ich bin noch nicht einmal im Stande zu sagen, wann. Das ist das Schicksal eines jeden Menschen. Es gibt kein Entrinnen.

So trauern wir im Falle des Todes eines Prominenten zum einen sicherlich um das Schicksal dieses einzigartigen Menschen. Denn Robin Williams war einzigartig. Genau wie Samih Kamal Abu al-Kheir. Und du. Und ich.

Zum anderen aber trauern wir um uns selbst. Unaufhaltsam steuern wir auf den Tod zu.

Ich.

Auch du.

Das ist ein Grund traurig zu sein. Warum dürfen wir nicht für immer auf diesem wunderbaren Planeten bleiben? Selbst wenn furchtbare Dinge geschehen, Menschen einander schreckliches Leid antun, so wie es Samih angetan wurde oder an ihrem eigenen Mensch-Sein leiden, wie es bei Robin der Fall war – letztlich ist doch dies der Wunsch, dessen Unerfüllbarkeit uns in solchen Momenten quält.

Aber wir werden sterben.

O Captain, my Captain! Schlussszene aus Dead Poets Society

O Captain, my Captain! Schlussszene aus Dead Poets Society

Ich.

Du.

Und wohin auch immer wir nach dem Tode gehen – eins ist sicher:

Robin Williams und Samih Kamal Abu al-Kheir sind bereits da.

Zuvor aber habe ich von Robin Williams für mein Leben eines gelernt:

CARPE DIEM!

   

Herzlichen Dank für das Foto von Robin Williams an Charles Haynes. Das Foto findest Du hier

4 Gedanken.

  1. Du hast mich nach meiner Meinung gefragt…

    Ich für meinen Teil würde mir ja eher wünschen, dass die Leute mehr über die Toten in der UKRAINE, im IRAK, in GAZA und all den anderen Krisengebieten bloggen – aber meine Wünsche sind leider nicht das Maß der Dinge und so werden sie nicht immer erfüllt

    Elyseo hat mich gebeten, ihn wissen zu lassen was ich über seine Meinung zum Thema denke. Ich werde das mal stichpunktartig hier versuchen:

    a) Der gesamte Post baut meiner Meinung nach auf einer grundsätzliche falschen These/Behauptung auf. Es gibt nicht nur die folgenden Reaktionen:

    – die Ist-mir-egal-war-ja-auch-nur-ein-Mensch-Reaktion
    – Trauer.

    Sondern auch die Reaktion, die ich für mich beanspruche:

    – „Fuck. Robin Williams ist tot. Warum er? Ich habe ihn so gemocht. Was habe ich über sein Schauspiel gelacht. Danke Mann, für all das Positive, dass ich durch dich erleben durfte. DEINEN TOD, nehme ich nun mal zum Anlass, um auf Facebook die Leute darauf aufmerksam zu machen, dass nicht nur der Tod von Prominenten wichtig ist, sonder auch der Tod der unzähligen Menschen, die gerade auf der Welt abgeschlachtet werden. Weisst du, ich finde es nämlich ganz schön armselig, wenn Menschen ihren Mund nicht aufbekommen, wenn es um das ganze Leid auf der Welt geht, aber dann beim „RIP RW“-Storm an jeder Front kämpfen.“

    Trauer und Ärger über fehlendes Desinteresse anderer an den echten Problemen der Welt, können meiner Meinung nach nämlich einhergehen.

    b) 1. Zitat aus dem Blogpost

    Obwohl ich jetzt Samih Kamal Abu al-Kheirs Namen kenne, bin ich noch immer nicht traurig, dass er gestorben ist.

    Ich hatte beim Lesen des Names in dem Blogpost ein vollständig konträres Empfinden. Ein ziehen um Bauch. Traurigkeit. Die ich auch jetzt noch empfinde, wenn ich diesen Kommentar schreibe. Menschen ticken eben anders – die einen nimmt etwas mehr mit, die anderen etwas weniger. Ich für meinen Teil trauere um beide – auch wenn ich beide nicht persönlich kannte. „Gleichgültigkeit“ (oder Abgestumpftheit) ist das Hauptproblem unserer Gesellschaft.

    c) 2. Zitat aus dem Blogpost

    ANGST VOR DER EIGENEN STERBLICHKEIT“

    Diese bekomme ich auch, wenn ich an den Putsch in dem westlichen Land Ukraine denke. Das Gleiche könnte morgen hier in Deutschland passieren. Und nur einen ganz kleinen Teil der Menschen um mich herum scheint es so zu interessieren, wie der Tod von Robin Williams.

    —–

    Mehr habe ich eigentlich gar nicht dazu zu sagen. Schön, dass sich wenigstens jemand Gedanken macht. Auch wenn das Ergebnis der Gedanken nicht zum selben Schluss geführt hat wie meine.

    LG
    sdot

    • Pluralismus ist Trumpf!
      Im Verlaufe des Artikels gewinnt Samih übrigens mehr und mehr Gesicht dadurch, dass ich seinen Namen wiederhole und immer wieder wiederhole. Das heißt aber nicht, dass ich traurig über eine Nummer auf eine Liste bin, wenn ich sie lese. Auch wenn ein Name daneben steht, sich ein Mensch dahinter verbirgt und ich das weiß. Theoretisch weiß.
      Das ist übrigens genau was ich hier kritisiere, sdot.
      Ich kritisiere die Herabwürdigung von Kriegsopfern zu Zahlen. Wenn Du trotz dieser schamlosen Missachtung des einzelnen Menschenlebens noch Trauer und Mitleid mit diesen Toten empfinden kannst, ist das wunderbar – vielleicht aber bist Du dann auch so empathisch, dass Du es schwer hast, wenn Du durch das Leben gehst. So wie Robin Williams. Hast Du Club der toten Dichter übrigens mal gesehen? Falls nein, sehr empfehlenswert, mit einer tollen, humanistischen Botschaft. Für Freidenker. Gegen Autorität.
      Ach, noch ein letzter Gedanke zum Ursprungspost, den ich zitiert habe: die Menschen „machen nicht auf betroffen“, denke ich. Sie sind es. Das ist eine empathische Grundhaltung für das Leid anderer, das sie sich durch die Personifizierung vorstellen können.
      Ich denke, ich schätze das. Es ist ein Zeichen für ihre Fähigkeit zu Mitgefühl. Genau die ist es, die der Autor in diesem Post einfordert, wenn es um das Leid der Kriegsopfer geht.

  2. Ich glaube, warum mich sein Tod schockiert, war, dass er für mich so eine Art „Ersatzvater“ geworden ist. Du kennst ja meine Geschichte ein wenig, und wenn man jung ist, und eben niemanden hat, der sich kümmert, dann sucht man sich Ersatz. Und da er durch seine Schauspielkünste mich erreicht hat, Sätze in den Filmen sagt, die man eben im Real Life nicht zu hören bekommen hat (ich erinnere an Good Will hunting: Es ist nicht deine Schuld…), dadurch konnte man Kraft schöpfen, weiterzumachen. An das Gute in den Menschen zu glauben. Ich glaube, das ist es, warum meine Trauer so groß war. Klar, es waren nur Filme. Nur Geschichten. Aber sie haben mich weiterleben lassen. Es waren seine Augen, die so viel Mitgefühl ausgedrückt haben. Oder Schmerz. Oder Freude. Die Augen haben mir quasi die Welt erklärt.
    Um auf die Frage zurückzukommen: genau aus oben genannten Grund geht mir sein Tod näher. Weil er Teil meines Lebens war, weil er durch seine Filme eine Mentor war. In vielen Bereichen.
    Warum mir der Tod von den Menschen in den Krisengebieten nicht so nah geht – weil es sonst nicht auszuhalten wäre. Weil es so viele sind. Weil man sich schützen muss, letztendlich. Man kann nicht jedes Grauen der Menschheit auf dem Rücken mittragen. Und das heißt nicht, dass es einem egal ist. Nein. Aber letztendlich hat man sein eigenes Leben, seinen eigenen Weg. Es kann uns auch treffen, früher oder später. Denn die Grausamkeit der menschlichen Kreatur kann man nicht ändern. Sie werden immer morden. Immer foltern und quälen….
    So, und das alles geschrieben vor meinem ersten Kaffee. Hoffe, ich habe nicht zu viele Gedankensprünge drin…

    • Nein, Kela, Du hast nicht zu viele Gedankensprünge drin. Ich denke ganz ähnlich wie Du. Es ist nur so erschreckend zu verstehen, dass es viele Dinge auf dieser Welt gibt, die wir nur ertragen können, indem wir sie ausblenden. Aber mich hat Robin Williams‘ auch getroffen – aus ähnlichen Gründen wie Dich vielleicht. Erst als ich am Abend seines Todes noch einmal den Club der toten Dichter ansah, bemerkte ich, wie unglaublich stark mich dieser Film über all die Jahre beeinflusst hatte – und noch immer beeinflusst. Gott sei Dank, möchte ich sagen. Und Robin Williams hat die Rolle des Mentors in diesem Film eben auf solch großartige Weise verkörpert, dass er natürlich damit verbunden bleiben wird. Und das ist auch gut so. Er wird nicht vergessen werden. Schade, dass es so vielen anderen, weniger „bedeutenden“ (in der öffentlichen Wahrnehmung) Menschen anders ergeht als ihm.

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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