Noticias de Catalunya

Es ist mal wieder soweit, ich will Euch ein wenig teilhaben lassen an unserem Leben in der Fremde.

Insgesamt muss ich sagen, gefällt es mir hier von Tag zu Tag besser. Ich bin dabei mich langsam einzuleben, wenngleich mir natürlich bewusst ist, dass auch dieses Einleben hier nur ein vorübergehendes sein wird, da wir ja bereits die Entscheidung getroffen haben uns mehr in Richtung Inland zu orientieren und nicht hier in Catalunya zu bleiben.

Große Vorstöße in dieser Richtung haben wir allerdings bisher noch nicht unternommen.

Nein, eigentlich haben wir die vergangene Woche hauptsächlich hier und am Strand verbracht – einmal waren wir bisher auch in Barcelona, wo wir in einer Tapasbar nur knapp einer Fischvergiftung entronnen sind. Wir hatten unter anderem gebackene Bacalao-Bällchen bestellt und anfangs waren die auch ganz okay – dann allerdings erwischte ich eins, das mir echt spontan jeglicher Appetit verging. Ich weiß nicht, ob jemand außer mir schon mal gekochte Nudeln bei sommerlichen Temperaturen zwei Tage auf dem Herd hat stehen lassen und danach mal den Geruchstest gemacht – ich kann Euch versichern, eine Erfahrung ganz eigener Intensität – so jedenfalls schmeckt auch dieser Fisch. Natürlich ließ ich ihn zurückgehen, wir wurden jedoch nur kritisch begutachtet, so nach dem Motto, was wir uns denn so anstellen würden.

Der Kellner brachte die restlichen Bällchen anständig in die Küche, zwei Minuten später dann aber auch wieder an die Theke – das heißt, vermutlich kamen noch spätere Gäste zum gleichen Vergnügen.

Berechnen wollten sie uns den verdorbenen Fisch dann zwar doch nicht, aber wie Ihr Euch vielleicht vorstellen könnt, war uns jeglicher Appetit vergangen.

Letztlich war das Ganze sehr gut für unseren Geldbeutel, denn seither haben wir nur zu Hause gegessen…

Wir haben bereits verschiedene Strände hier ausprobiert – Castelldefels, Sitges, Gavá, Viladecans – alles südlich von Barcelona gelegen und bis auf den Strand außerhalb von Sitges alles schöne Sandstrände. Das Meer ist jedoch ziemlich wild zur Zeit, solche Wellen habe ich am Mittelmeer kaum je erlebt. Vorgestern hing das erste Mal die grüne Flagge für gefahrloses Planschen am Strand. Ebenso bedenkenlos wie unsereins durften dann aber offensichtlich auch die Quallenbabys planschen – das heißt es piekste und stach überall. Nun ja, man kann eben nicht alles haben.

Hier im Haus fühle ich mich immer wohler, eigentlich seit einer Fiesta, die Carmen letzte Woche zu ihrem Namenstag veranstaltete. Die war nämlich richtig cool, neben lecker Essen gab es einen typischen Flamenco-Sänger, der sich selbst auf der Gitarre begleitete und nebenbei noch einen Rhyhtmus-Mann, von dem sich später noch herausstellen sollte, dass er Flamenco zu tanzen verstand, dass wir nur so mit den Ohren schlackerten. Zunächst aber tanzten nur die Mädels.

Ich fand es super und mir fiel mal wieder auf, dass es eine derart generationenübergreifende Kultur wie das Flamenco-Tanzen in Deutschland einfach nicht gibt. Hier tanzten wirklich alle, vom 10-jährigen Mädel bis zur 80-Jährigen – ganz egal, ob sie, wie Jessica, eine unserer Mitbewohnerinnen,  jahrelang Unterricht hatten oder sich einfach nur auf ihr persönliches Feeling verließen.

Ich hatte keine Lust, dort vor allen Leuten zu tanzen, aber Manolo drängte ich ein wenig dazu, da ich ja weiß, dass das Tanzen ihm seit jeher im Blut liegt und die Spanierinnen waren beeindruckt und zollten ihm ihren Respekt. Das freute mich, denn so konnte auch er ein wenig die Sprachbarriere umschiffen.

Am nächsten Tag dann aßen wir nachmittags mit Carmen (der Hausbesitzerin) und Manuela, einer ihrer Freundinnen und das war eigentlich das erste Mal, dass ich mich länger mit ihr unterhielt. Seitdem hat unser – oder vielleicht vor allem mein – Aufenthalt hier eine andere Qualität gewonnen, da wir uns viel und ausführlich unterhalten. Oftmals bin ich erstaunt darüber, wie ähnlich sich Carmens und meine Ansichten teilweise sind, obwohl sie 30 Jahre älter ist als ich.

Das Schöne ist auch, dass wir seither fast alle Mahlzeiten gemeinsam einnehmen – das fühlt sich gleich mehr nach Heimat an, vor allem da meist jeder  einen Teil zum Essen beiträgt, sodass eine nette Auswahl entsteht.

Ein weiterer Grund, weswegen ich mich mittlerweile sehr viel wohler fühle, ist, dass ich begonnen habe zu arbeiten. Das bedeutet, dass ich morgens brav von zehn bis zwei am Schreibtisch sitze und mich mit meiner Geschichte beschäftige. Diese Produktivität fühlt sich gut an und ohnehin bin ich stets ausgeglichener, wenn ich am „Kyriel“ arbeite, als wenn ich es nicht tue. Das sehe ich allerdings als positives Zeichen – spricht zumindest dafür, dass ich das richtige tue.

Heute Nacht gab es hier das Unwetter des Jahres (schön, dass ich mir auch schon die gängige Höherbesserweiter-Superlativsprache angewöhne, das macht mich zu einem leicht identifizierbaren Kind des 21. Jahrhunderts – oder womöglich sollte ich besser den neuen Begriff wählen, der unserer Generation gerade so gern übergestülpt wird: zu einem Krisenkind). Auf jeden Fall saß ich nachts auf einmal schreckensstarr im Bett, weil es einen Donnerschlag getan hatte, wie ich ihn nur selten in meinem Leben erlebt habe – bis jetzt sind wir nicht sicher, ob der Blitz nicht sogar hier im Haus eingeschlagen hat, zum Glück gibt’s einen Blitzableiter. Jedenfalls war ich sehr froh, dass Manu da war, da er es immer so schön schafft, mich wieder zu beruhigen – und das, obwohl von diesem Zeitpunkt an die Alarmanlage des Hauses vier Stunden lang für einen unerfreulich-unüberhörbaren Tinitus sorgte. Zum Glück habe ich ein (!) Paar Ohropax dabei, dass wir uns dann brüderlich teilen konnten. Ins freiliegende Ohr also einen Stöpsel, das andere aufs Kissen und noch ein paar Stunden weiterschlafen.

So, ich denke, ich dürfte Euch ein paar Impressionen vermittelt haben.

Fröhliche Buchtipps übrigens, Nadja, ist bei mir immer etwas schwer, da ich die wenigsten lustigen Bücher mag – gerade lese ich aber zumindest ein recht abgefahrenes, nachdem ich „Die Bücherdiebin“ beendet habe (die war auch eher schwermütig): das jetzige heißt „Der electric kool-aid Acid Test“ von Tom Wolfe, geschrieben 1968 und ganz schön schräg bisher. Ich wollte jedoch mal zur Abwechslung nichts über die Judenthematik lesen – und das erwies sich bei meinen circa 40  Romanen hier tatsächlich als schwieriger denn erwartet… Nicht dass diese Auswahl willentlich erfolgt wäre, aber die Judenthematik scheint sich doch fast überall wiederzufinden – zumindest in den allermeisten Büchern, die ich im letzten Jahr so angesammelt habe.

Jetzt komme ich aber wirklich zum Ende!

Ich umarme Euch und bin wieder begierig auf Neuigkeiten aus der alten Heimat, insofern ran an die Tasten!

Elyseo

Santeugini, 22. Juli 2009

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