Nika Sachs – Namenlos. Eine Frankfurter Novelle. Ein Nachklang

Namenlos. Eine Frankfurter Novelle. Nika SachsNika Sachs ist eine der eher rar gesäten Selfpublisher, die sich abseits der Genre-Literatur betätigen.
Ihr Debüt „Namenlos. Eine Frankfurter Novelle“ handelt von zwei Menschen, die einander kennen lernen und dieses Kennenlernen auf ungewöhnliche Weise zelebrieren: indem sie sich siezen und einander ihre Namen vorenthalten, um nicht in der Banalität des Alltags zu versinken.

Nach einem kühlen Einstieg, der als Spiegel der tiefen Verunsicherung der beiden Hauptfiguren gelesen werden darf, entwickelt Nika Sachs eine Liebesgeschichte der besonderen Art: Die Dialogfetzen philosophisch, stets am Rande des Greifbaren, die Begegnungen geprägt vom Willen der beiden namenlosen Protagonisten, alles anders zu machen, sich nicht dem vorhersehbaren Spiel gewöhnlicher Dating-Strukturen zu ergeben.

Daraus entsteht die Geschichte einer Begegnung, die bisweilen unverständlich wirkt und eben daraus ihren Reiz bezieht. Welche Verletzungen, welche Geheimnisse stecken hinter dem Verhalten der beiden namenlosen Protagonisten?

Was am Anfang distanziert wirkt, nimmt den Leser schnell mit in eine Welt von unterschwelliger Melancholie, eine Welt, in der die Magie des Augenblicks im Mittelpunkt steht und in der die Hauptfiguren sich eigene Spielregeln aufstellen, die einerseits dem Prinzip der Entschleunigung entsprechen, zugleich aber Althergebrachtes auf den Kopf stellen.

Es gibt nicht den Einen, nicht die Eine, wenn dann nur einen Menschen, der einen potentiell lange begleiten kann, vielleicht auch bis zum Ende. Was dazwischen passiert, soll einfach möglichst magisch sein, damit es einen oben hält.

Autorin Nika Sachs aka @Bordsteinprosa

Autorin Nika Sachs aka @Bordsteinprosa

Das Wechselspiel der Hauptfiguren ist der Versuch, mit dieser Desillusionierung umzugehen – einer Desillusionierung, die in Zeiten von Dating-Apps und -Portalen zunehmend größer wird. Der Verlust des Moments ist es, dem es entgegenzuwirken gilt, und die weibliche Hauptfigur gibt dabei den Ton vor:

Ich war hier, es war intensiv und hat mich erfüllt, egal ob es einen Sinn hat.

Das darf als Sinnbild einer Generation nach Werteverlust gelten – eine Generation, die die Sinnsuche dennoch keineswegs aufgegeben, ja vielleicht sogar intensiviert hat. Vorgegebene Muster haben ausgedient, umso dringlicher tut es not, dem Phänomen Liebe einen eigenen Stempel aufzudrücken, einen persönlichen Umgang jenseits von Links- oder Rechtswischen zu finden.

Die Bühne des Lebens ist hell erleuchtet, die Scheinwerfer sind gerade alle an.

Die Suche nach dieser Art von Intensität kennen wir vermutlich alle. Ich jedenfalls kenne sie.
Vielleicht ist Glück tatsächlich die Abwesenheit von Unglück, wie Nika Sachs schreibt. Vielleicht aber hat sich unsere Vorstellung von Glück auch gewandelt, ist sie mehr denn je einer Vorstellung von Intensität gewichen. Wir Menschen auf der Suche nach Augenblicken wie diesem:

Nur die Magie des Moments füllt den Bahnschacht und verhindert, dass die kalte Realität von oben hineinkriechen kann.

Denn diese Momente sind es, die uns vor der Verzweiflung an der eigenen Einsamkeit bewahren können.

Nika Sachs ist eine Meisterin der Sprache. Sie spielt mit ihr, um eine Stimmung sanfter Melancholie zu erzeugen, die dem empfindsamen Leser unter die Haut geht. Mich jedenfalls hat sie mit ihrer Geschichte berührt, ich habe mich wiedererkannt.

Fazit:

Eine außergewöhnliche Novelle, die nicht zuletzt durch ein gelungenes Ende überzeugt. Lesenswert.

Nika Sachs – Namenlos. Eine Frankfurter Novelle

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