Mumbai

Indien – mein lebenslanger Traum wird wahr.

Als ich zehn war, las ich Klaus Kordons „Monsun oder der weiße Tiger“ – eine Geschichte, die in Indien spielt und die Geschichte von mehreren Straßenkindern dort erzählt. Ich hatte mir das Buch aus unserer Schulbibliothek ausgeliehen und es fiel mir schwer, es nach der Lektüre zurückzugeben. Eins stand für mich fest – früher oder später musste ich dieses geheimnisvolle Land mit eigenen Augen sehen, seine Gerüche schmecken, die verborgenen Gassen erkunden, die Farben auf meiner Haut spüren.

Es sollten beinahe dreißig Jahre vergehen.

Entsprechend aufgeregt war ich, als ich in Mumbai ankam. Mein Flieger landete um halb zwei, mein erster Kontakt mit Indien war, dass wir eine Stunde lang auf der Rollbahn standen und unser Pilot irgendwann meinte, er würde uns ja gerne irgendetwas sagen, wie es nun weitergehe, aber es spreche leider keiner mit ihm.

Nach den Einwanderungsformalitäten  bezahlte ich im Flughafen ein Prepaid-Taxi, was, wie ich später feststellte, gleich das erste Mal war, das ich abgezogen wurde.

Dann hinaus ins Taxi und in die indische Luft.

Indien riecht. Mal nach Abgasen, mal nach Jasmin, mal nach Scheiße, mal nach Räucherwerk. Die Taxifahrt war abenteuerlich, aber ich kam früh um halb fünf im Hostel an.

Nach wenigen Stunden Schlaf stürzte ich mich erneut in den Trubel.

Die ersten Stunden waren schwer. Nicht dass mich der Verkehr stresste, obschon es für europäische Verhältnisse natürlich unvorstellbar chaotisch zugeht. Aber das Prinzip ist ähnlich wie in Rom. Jeder achtet auf den anderen und nichts passiert. Das Einzige, was nicht funktioniert, ist Schüchternheit. Wenn Du gehen willst, geh, sonst wirst Du nirgendwohin kommen.

Schwer aber war, dass ich nicht nein sagen konnte. Also hörte ich zahllose Geschichten, wusste nicht, was tun, gab Geld, gab keines, folgte Menschen in Touristenbüros, obwohl ich nichts wollte, hörte andere Geschichten. Das Skurilste war ein älterer Typ, der in der Nähe des Gateway of India an mir vorbeilief, mich stehen bleiben hieß. Ehe ich mich’s versah war er mit einem spitzen Metallstab in meinem Ohr zugange und verstrich mein Ohrenschmalz auf seinem Daumen. Ear-cleaning. Er erzählte mir die Geschichte vom Pferd, drückte mir eine Karte in die Hand, zauberte einen mysteriösen Ohrenschmalz-Stein aus meinem Ohr, zerdrückte ihn auf seiner Hand und war, bevor ich widersprechen konnte mit seinem Metallstab im zweiten Ohr unterwegs. Auf der Karte stand zu lesen, dass es 500 Rupees koste, einen Stein zu entfernen, 1000 Rps. (12 Euro) zwei. Dann spürte ich plötzlich einen Druck auf dem Ohr und er fragte scheinheilig, ob er den zweiten Stein auch entfernen solle.

Gateway of India

Gateway of India

Gateway of India II

Gateway of India vom Fischer-Slum aus

Widersprich niemandem, der einen Eisenstab in deinem Ohr hat.

Intuitive Regel.

Ich sagte ja, aber gab ihm die 1000 Rupees nicht. Ich gab ihm hundert. Immer noch zu viel.

Von da an überdachte ich meine Taktik. Ich wurde kritischer.

Dann wiederum machte ich die Erfahrung, dass andere Leute sich nur mit mir unterhalten wollten.

Walkie-Talkie, so stellte er sich mir vor, führte mich durch einen Slum der Fischer. Ich war froh, ihn dabei zu haben, allein hätte ich mich an meinem ersten Tag da nicht hingetraut. Er war obdachlos und führte mich eine Weile herum – ich gab ihm dann ein wenig Geld dafür. Wenig später sprach mich ein anderer Mann an, ich hatte unterdessen gegessen und einen Kaffee im Leopold’s getrunken (jeder, der Shantaram gelesen hat, kennt das) und mir vorgenommen, nicht mehr mit jedem zu sprechen.

Leopold's, Colaba Causeway, Mumbai

Leopold’s, Colaba Causeway, Mumbai

Er aber versicherte mir, er wolle kein Geld. Also gingen wir eine Weile spazieren, setzten uns an den Marine Drive und sahen auf die Bucht. Sein Name war Sunil. Nach einer Stunde verabschiedete er sich und ging seiner Wege. Auch das ist Indien, auch das ist Mumbai. Die Menschen unterhalten sich gerne. Sie sind neugierig. Viele Europäer würden sagen, sie starren einen an. Ich mag das, ehrlich gesagt. Auch ich bin von Natur aus neugierig und würde mehr starren, wenn es in Deutschland nicht so unhöflich wäre. Hier ist es gang und gäbe. Die Menschen starren mich an, ich starre zurück. Mittlerweile wiege ich meinen Kopf und lächle. Die indische Geste. Irgendwas zwischen ja, okay und ich bin dir wohlgesonnen. Zum ersten Mal bewusst wahrgenommen habe ich sie bei Vijay. Zu dem aber später.

Leben auf den Straßen Mumbais

Leben auf den Straßen Mumbais

Leben auf den Straßen Mumbais

Leben auf den Straßen Mumbais

Am Abend meines ersten Tages ging ich essen. Ich liebe das Essen hier.

Do as the Indians do ist meine Devise. Das heißt ich esse mit den Fingern, beiße in rohe Zwiebeln als Beilage, schlucke unglaublich saure Pickles herunter, nehme Fenchel – den Mouthfresher – wenn ich fertig bin. Ich esse Naan, Roti oder Chapati, bislang praktisch keinen Reis. Außerdem beinahe immer vegetarisch.

Als ich aus dem Restaurant kam, sprach mich ein Ostafrikaner an und erzählte mir seine Lebensgeschichte. Mit dem Boot über den Indischen Ozean. Zig Kameraden etrunken. Er ganz allein gestrandet ohne Geld.

Ich hörte ihm zehn Minuten zu. Dann sagte ich. „Ich wünsche Dir das Allerbeste. Aber ich gebe Dir kein Geld.“ Erstaunt sah er mich an. „Ich wünschte, ich könnte das alles hier ändern“, erklärte ich mich, „aber ich kann es nicht. Glaub mir, ich wünsche Dir Glück.“ Ich berührte seinen Oberarm. Er sah mich an, nickte und so schieden wir voneinander.

Am nächsten Tag gab ich kein Geld mehr.

Allerdings ist die Bettelei ohnehin in Colaba am stärksten. Dort verkehren die meisten Touristen.

Ich entschied mich, den Marine Drive – die Uferpromenade – hinunterzuwandern bis zum Chowpatty Beach.

Leben auf den Straßen Mumbais, auf dem Weg zu Chowpatty Beach

Leben auf den Straßen Mumbais, auf dem Weg zu Chowpatty Beach

Dort machte ich eine gänzlich neue Erfahrung: reihenweise kamen Menschen zu mir „Can I take a foto with you, Sir?“.

„Sure.“ Was soll ich sagen. Ich fühlte mich ein wenig wie ein Filmstar. Von kleinen Kindern über gestandene Männer – alle ließen sich mit mir ablichten. Eigentümliches Gefühl. Aber wenn es sie freut!? Später im Kamala Nehru Park umringte mich eine ganze Gruppe Kindergartenkinder, um ein Foto zu bekommen. Ich mochte es.

Mumbai, Sicht vom Kemala Nehru Park

Mumbai, Sicht vom Kamala Nehru Park

Frauen am Eingang des Jain Tempels, Malabar Hill

Frauen am Eingang des Jain Tempels, Malabar Hill

Jain Tempel

Jain Tempel

Jain Tempel

Jain Tempel

Den Rest des Tages durchwanderte ich Malabar Hill, das Reichenviertel, bis mir im wörtlichsten Sinne die Füße bluteten. Ich hätte ein Taxi zurück nehmen können – das kostet fast nichts. Dann aber dachte ich daran, wie die Menschen dort leben und lief. Lieber zog ich am nächsten Tag keine Sandalen mehr an. Komische Logik, ich weiß – schließlich leben Taxifahrer ja auch von den Touristen. Nun, ich dachte so.

Als ich nach dem Essen – meine erste wirkliche Mahlzeit des Tages nach acht Stunden Fußmarsch – ins Hostel kam, hatte ich einen neuen Zimmergenossen. Es war acht Uhr, das Licht war aus. Vielleicht Jetlag, vermutete ich und legte mich ebenfalls hin. Zu mehr als einer Zigarette um halb zwölf war ich an diesem Tag ohnehin nicht zu gebrauchen.

Tags darauf ging ich auf eine Slum-Tour. Das hört sich grotesk an, war aber eines der Dinge, die mich mehr interessierten als die typischen Sehenswürdigkeiten.

Aus mehrerlei Gründen war es gut, das zu tun.

Zuerst lernte ich, dass Menschen, die im Slum leben, nicht arm sind. Die armen Menschen leben auf der Straße.

Wir besuchten einen Slum namens Dharavi. In Dharavi leben so viele Menschen wie in Köln. Auf 2 Quadratkilometern. Ein Haus in Dharavi kostet 15000 bis 20000 Rupees Miete pro Monat. Sunil, von dem ich vorhin erzählte, hat eine reguläre Arbeit in Mumbai und verdient 25000 Rps.. Aber die Menschen in Dharavi verdienen gut.

Dharavi Slum

Dharavi Slum

Dharavi, Dächer zum Trocknen der gewaschenen Plastikstücke, im Hintergrund staatlich erbaute Hochhäuser (Umsiedlungsprogramm)

Dharavi, Dächer zum Trocknen der gewaschenen Plastikstücke, im Hintergrund staatlich erbaute Hochhäuser (Umsiedlungsprogramm)

Eine weitere Sache, die ich lernte: im Slum zu leben, macht kreativ. Dharavi ist einer der größten und ältesten Slums. Die Bewohner Dharavis haben die komplette Recycling-Industrie der Stadt übernommen. Hier wird alles recyclet. Plastikflaschen, die überall in der Stadt weggeworfen werden, Metallbüchsen, Öl- und Farbbehältnisse, alles. Das Ganze ist professionell organisiert. Maschinen kommen zum Einsatz, zum Teil werden sie dort selbst gebaut. Niemand sonst möchte diese Arbeit machen, da sie unschön ist und mit toxischen Gasen einhergeht. Die Bewohner Dharavis aber tun sie. Wer dort arbeitet, verdient gut. 300 bis 400 Rupees pro Tag, plus der Möglichkeit, an seinem Arbeitsplatz zu schlafen. Viele Menschen kommen aus allen Teilen Indiens nach Dharavi, um dort Geld zu verdienen und dann in ihre Heimat zurückzukehren.

Es gibt auch andere Arbeit dort: Töpferhandwerk, Stickerei, sogar mit Computer betriebenen Maschinen.

Töpferhandwerk in Dharavi

Töpferhandwerk in Dharavi

Töpferhandwerk

Töpferhandwerk

Das Leben im Slum ist kreativ. Die Menschen sind erfinderisch und überleben. Schwierig wird es in der Monsunzeit. Der weiße Tiger in Klaus Kordons Roman ist der Tod. Viele Menschen sterben während des Monsuns.

Was mich im Slum aber am meisten überraschte, war, dass die Kinder zur Schule gingen. Sogar in Schuluniform. Und schon die kleinsten sprachen Englisch. „Hi!“, „How are you?“, „What’s your name?“, „Bye!“ erklang es von allen Seiten. Hände wurden geschüttelt, Lächeln getauscht, Augen leuchteten. Das Leben im Slum ist lebendig. Fröhlich. Chaotisch. Eine eigene Stadt. Mit winzigen Räumlichkeiten und Gässchen, in denen man zum Teil den Kopf einziehen muss. Und doch eine Stadt mit Geschäften, Gesellschaft, Schulen und allem.

Der Gründer der Slum-Tours ist ein 24-jähriger Slumbewohner namens Shailesh. Vor einem Jahr hatte er die Idee, Touristen durch den Slum zu führen. Heute arbeiten sieben Slumführer für ihn – alle stammen selbst aus einem Slum. Denn Profit steckt er nicht etwa ein, sondern investiert ihn zurück in den Slum. Er hat ein Gebäude gemietet und unterrichtet Jugendliche zwischen 14 und 18. Er selbst unterrichtet Chemie, weil er das studiert hat, aber es gibt auch andere Lehrer. Ich hatte nichts weiter mit Shailesh zu tun, aber sein Konzept berührte mich. Ich verspürte einen gewissen Stolz, weil er ein Mensch ist und ich auch einer bin.

Wer nähere Infos zu Shaileshs Slumtouren möchte, findet sie hier: www.supportdharavi.org und http://www.tripadvisor.in/Attraction_Review-g304554-d3916052-Reviews-Mystical_Mumbai_Day_Tours-Mumbai_Bombay_Maharashtra.html

Nach der Slumtour fuhr ich mit der Bahn zurück ins Hostel. Die indischen Bahnen sind wieder eine eigene Angelegenheit, allerdings keineswegs so, wie ich es mir vorgestellt hatte – keine Menschen auf den Zugdächern. In den Regionalzügen aber gibt es keine Türen, die Leute springen aus den Zügen, wenn sie in die Bahnhöfe einfahren und halten ihre Gesichter während der Fahrt in den Wind, wenn ein Zug zum Stehen kommt und nicht weiterfährt, laufen sie auf den Gleisen zum Bahnhof – in langen Schlangen, Hunderte…

Ich hatte nach dem Ausflug durch den Slum einen leichten Sonnenstich, sodass ich den Rest das Abends im Bett verbrachte.

Geburtstag in Mumbai

Am nächsten Tag hatte ich Geburtstag. Bis früh um fünf ging es mir nicht besonders gut, sodass ich schon befürchtete, den Tag mit Kopfschmerzen zu verbringen. Dann aber wurde es zum Glück besser.

Morgens machte ich mich auf und kaufte mein Zugticket nach Udaipur, Rajastan (wo ich auch gerade auf einer Dachterrasse mit Seeblick sitze und diesen Blogpost schreibe). Ticketkauf in Indien ist nicht so einfach, aber da ich meinen Pass vorzeigen musste, sah die Frau am Schalter, dass ich Geburtstag hatte und war ausgesprochen liebenswürdig zu mir.

Als ich nach einer Stunde (ich fürchte, das war schon schnell) mein Ticket in der Tasche hatte, ging ich erstmal frühstücken. In ein Café mit echtem Kaffee – also kein indienüblicher Nescafé. Vierfacher Preis, extra für Touris, aber war ja Geburtstag.

Als ich dort rauskam, sprach mich ein Junge von 16 Jahren an und fragte mich, ob er mir helfen könne. Ich suchte die National Gallery of Modern Art (NGMA – hört sich an wie eine Droge). Zwar wusste er nicht, wo sie war, aber er fragte einen Freund. Schon waren wir zu dritt.

Vijay, Elyseo und Babu

Vijay, Elyseo und Babu

Die Galerie hatte geschlossen. Also schlug Babu, der Freund, vor, einen Chai zu trinken. Klar, alles war besser, als meinen Geburtstag allein zu verbringen.

Das war eine großartige Entscheidung.

Wir tranken Chai und ich fragte die beiden, ob sie Lust hätten, mir etwas von der Stadt zu zeigen. Ihr Mumbai, sozusagen. Sie willigten sofort ein.

Also fuhren wir mit dem Zug zu einer Wäscherei, wo täglich 6000 Leute mit der Hand ihre Wäsche waschen und zum Trocknen aufhängen.

Laundry

Laundry

Laundry

Laundry

Der Jüngere, der mich angesprochen hatte, hieß Vijay. Er lief mit einer Tüte in der Hand herum, in der sich zwei Schuhputzbürsten befanden. Er sei shoe-shining-boy erzählte er, aber das Leben sei hart, weil er keine Lizenz habe und somit nirgends an einem festen Ort bleiben könne. Die Polizei vertreibe ihn immer. Eines Tages, so sagte er, werde er eine shoe-shining-box haben. Dann könnten sie ihn nicht mehr vertreiben. Und eine Lizenz. Seine Augen leuchteten.

Aha, dachte ich mir. Ihr wollt mein Geld.

3500 Rupees sollte sie kosten, die shoe-shining-box. Eine Menge Holz – etwa 43 Euro. Vijay hatte schon 490 Rupees gespart. Babu meinte, er gebe 1000 Rupees dazu. Ich sagte nichts.

Wir sahen uns eine kleine Galerie für moderne Kunst an. Vijay vertraute mir an, dass er normalerweise nicht hineingelassen würde. „I’m shoe-shining-boy.“ Deshalb hatte er seine Tüte mit den Bürsten Babu gegeben. Der kannte die Türsteher.

Es machte Spaß mit Vijay Kunst anzuschauen. Er wollte die Fische aus dem Bild schneiden und essen.

Sein Englisch war dafür, dass er es sich selbst mit Hilfe von ein paar Freunden beigebracht hatte und weder lesen noch schreiben konnte, recht ansehnlich. Wir konnten uns unterhalten und verstanden einander sogar meist.

Als wir aus der Galerie kamen, setzten wir uns in den Schatten.

Ich könne das nicht zahlen, sagte ich.

Das müsse ich selbst wissen, erwiderte Babu.

Ich dachte nach. Wollte auf Nummer sicher gehen.

Dann fahren wir jetzt gemeinsam hin und holen sie, sagte ich.

Das gehe nicht, so Babu. Er treffe einen Freund, der von weither komme.

Das sei meine Bedingung, ich.

Müsse ich selbst wissen, er.

Er verabschiedete sich und ging.

Vijay blieb.

Ich fragte ihn, ob er Hunger habe. Ja, antwortete er. Also gingen wir ins Food Plaza, ein kleines Restaurant, mehr ein besserer Imbiss. Vijay strahlte. Er sei noch nie in einem teuren Restaurant gewesen. Ein teures Restaurant.

Seine Augen leuchteten. Er konnte die Karte nicht lesen. Irgendwas mit Gemüse, meinte er. Kein Fleisch. Ob  er Cola wolle. Er wiegte den Kopf. Das heißt ja, dachte ich und erinnerte mich an Shantaram.

Vijay aß mit Begeisterung. Ich freute mich über seine Gesellschaft. Er sprach darüber, was er tun würde, wenn er eines Tages eine shoe-shining-box habe. Hart arbeiten, damit seine Mutter und seine beiden kleinen Geschwister nicht mehr betteln gehen müssten. Die beiden zur Schule schicken, indem er jeden Tag 200 Rupees sparte.

Sie alle schliefen am Bahnhof. Vijays Vater war tot.

Alkohol.

In seinen Augen lag der Traum von einer besser Zukunft. Er ist 16. Besitzt ein Hemd, eine Hose, ein paar ausgelatschte Sandalen.

Nach dem Essen schlug ich vor, zum Colaba Lighthouse zu laufen – einem Leuchtturm, der ganz am Ende des Colaba Causeway, ein Stück außerhalb zu finden sei, wie mein Führer verhieß. Wir wanderten anderthalb Stunden durch die brütende Mittagshitze. Irgendwann blieb Vijay stehen.

„I have a birthday present for you“, sagte er.

Er nahm eine Kette ab, die er um den Hals trug. Eine kitschige Jesus-Figur an einem Metallband.

„I have nothing else“, entschuldigte er sich.

Das war wahrscheinlich eines der schönsten Geschenke, das ich je bekommen habe. Ich musste mir die Tränen verbeißen. Ich trage es seither immer bei mir.

Wir durchwanderten bei 35 Grad eine endlose Militärzone. Doch dann, am Ende, erwartete uns:

Nichts.

Es gab kein Lighthouse.

Vielleicht doch.

Vielleicht war es dieser Betonklotz hinter eine stacheldrahtbekrönten Mauer, unterdessen ohne Licht.

Wir beschlossen, dass dies das schönste Lighthouse sei, das wir je gesehen hatten. Außerdem, was sei schon ein two-minute-walk.

Gorgeous, sagte Vijay. Ich stimmte zu. Amazing.

Das Lighthouse war unser Running-Gag für den Rest unserer gemeinsamen Zeit.

Mit dem Bus fuhren wir in die Stadt zurück.

Ich schlug vor, an den Marine Drive zu gehen. Auf dem Weg dorthin gab ich Vijay 2000 Rupees. Es war mir egal, was es damit tat. Kauf Dir die shoe-shining-box, bat ich ihn. Er wiegte den Kopf.

I am very happy, sagte er.

Seine Augen zeigten mir, dass er die Wahrheit sprach.

Wir saßen gemeinsam am Meer und ich lernte meine ersten Worte Hindi.

You are my hindi-teacher, meinte ich zu ihm.

I am so small, entgegnete er. Me cannot teacher be.

Als ich Vijay zeigte, dass er Chowpatti Beach sehen konnte, ja, dass er dorthin laufen konnte, war er fassungslos. Er hatte geglaubt, es sei sehr weit dorthin.

Tenda pani botal – eine kühle Flasche Wasser – meine ersten Worte auf Hindi.

Hindi ist verdammt kompliziert. Ich höre Worte zehnmal, bis ich sie mir merken kann, manchmal noch nicht einmal dann. Aber auch wenn er es bezweifelte, war Vijay ein guter Lehrer. Er brachte mich dazu, wissen zu wollen – einfach nur dadurch, dass er war, wie er war.

Ich lernte die Zahlen bis 20. Meine Güte, eine Wissenschaft für sich.

Wir liefen zum Südende des Marine Drive. Vijay war noch nie dort gewesen. Einmal bist du der tour-guide, einmal ich, sagte ich. Er wiegte den Kopf. Vom Südende aus sahen wir den Slum der Fischer. Einen weiteren, nicht den, den ich am ersten Tag gesehen hatte.

Slum der Fischer

Slum der Fischer

Slum der Fischer

Slum der Fischer

Gemeinsam warteten wir auf den Sonnenuntergang. Wir lachten viel. Inzwischen kannte Vijay schon die Fragen, die die Einheimischen mir stellten. Nach meinem Piercing. Woher ich käme. Ob sie ein Foto mit mir machen dürften. Das Übliche eben.

Shoe-shining-boy Vijay

Shoe-shining-boy Vijay

Shoe-shining-boy Vijay am Marine Drive

Shoe-shining-boy Vijay am Marine Drive

Als die Sonne im Dunst der Bucht von Mumbai versunken war, gingen wir zurück nach Colaba. Vijay sagte, er wolle mich tags darauf nach Bandra zu meinem Zug bringen. Also verabredeten wir uns für zwölf Uhr dort, wo wir uns zum ersten Mal getroffen hatten.

Den Abend verbrachte ich dann mit völligem Kontrastprogramm bei Gin Tonic im Leopold’s. Kaum saß ich, lernte ich Jitu und Josh kennen, einen Inder und einen Amerikaner, die sich beide aus ihrer beinahe zehnjährigen Zeit in Beijing kannten. Freaks vor dem Herrn. Scharfzüngig, böse, witzig. Das genaue Gegenteil von Vijay. Insofern war ich am Ende meines Geburtstags auch noch betrunken und hatte einen leichten und amüsanten Abend.

Als ich tags darauf verkatert um zehn nach zwölf am Colaba Causeway ankam, um Vijay zu treffen, wartete er schon. Ich freute mich, war ich doch nicht sicher gewesen, ihn wiederzusehen.

You are five minutes late, begrüßte er mich. Ein Straßenjunge in Indien. Pünktlicher als die Deutsche Bahn. Ich entschuldigte mich. Gemeinsam gingen wir zurück zum meinem Hostel und holten mein Gepäck. Vijay fragte mich nicht, ob er es für mich tragen sollte und ich war froh darum. Solcher Art war unsere Beziehung nicht mehr.

Wir fuhren vom Victoria Terminus (heute CST) nach Bandra, von wo aus mein Zug gehen sollte. Dort stellte mich Vijay seinen Freunden vor. Er hatte einige Monate nach seiner Ankunft in Mumbai versucht, dort als shoe-shining-boy Fuß zu fassen. Aber er hatte keine Lizens und keine shoe-shining-box. Für immer werde ich bei diesem Wort an das Leuchten in Vijays Jungenaugen denken.

Seine Freunde verdingten sich als Gepäckträger im Bandras Terminus. Vijay wollte mich zu dem Ort bringen, wo er die shoe-shining-box bekäme, aber der war geschlossen.

Wirst du warten?, fragte ich ihn.

Ich muss in die Stadt zurück, meine Mama hat sonst kein Geld für Essen, erwiderte er.

Ich gab ihm 100 Rps. für seine Mama.

Ich war so froh, dass ich nicht allein hatte nach Bandra fahren müssen. Ich genoss die Gesellschaft dieses Jungen, der in solch unglaublichen Verhältnissen aufgewachsen war und trotzdem eine solche Lebensfreude und einen solchen Optimismus ausstrahlte.

Mir war nicht mehr wichtig, dass er mir zeigte, dass er die shoe-shining-box tatsächlich kaufte. Ich glaubte ihm. Und selbst wenn er es nicht getan haben sollte, vertraue ich darauf, dass er die richtige Entscheidung treffen wird.

Wir gingen noch etwas essen und danach brachte Vijay mich zum Zug. Um drei schon begann er zu drängeln (mein Zug fuhr Viertel vor vier und wir waren fünf Minuten vom Bahnsteig entfernt) – pünktlicher als jeder Deutsche.

I will pray for you have a safe trip, sagte er zum Abschied.

Es fiel mir schwer ihn zurückzulassen.

Zurückzulassen in dem Bewusstsein, dass wir uns aller Wahrscheinlichkeit nie wieder sehen werden.

I pray for your having a good life, Vijay. I do. I really do.

4 Gedanken.

  1. Hallo, lieber Elyseo, es wurde wirklich Zeit, dass ich Deine Geschichten… lese. Ich werde mich bessern. Es gefällt mir sehr.

  2. Eine E-Mail, die ich heute erhalten habe:

    Hello,

    I reckon you met this boy Vijay in Colaba whom you had helped to buy a shoe shining kit. I’ve written this mail regarding him and this situation he is facing with his job.

    From what he tells me I understand that he has not been able to set up anything on a permanent basis despite possessing the kit you funded for him. The problem is that the cops want him to get a cobbler’s license. Even though its pretty obvious that the boy can’t afford to pay for the license the cops persist that they won’t allow him to work without it. So far he has been working on the streets, here and there, the way he used to work before on a temporary basis.

    He is requesting you for some financial help so that he can buy the license. He is very grateful for your help already, but hasn’t been able to make any use of it. This license will help him earn for himself and be independent.

    I feel like doing something for him myself but I don’t have a lot of money with me right now, as I’m a college student and not living with my parents anymore. But this boy’s situation and the way cops are dealing with it has really annoyed me. They are clearly taking the bread out of someone’s mouth. And it’s sad that people like Vijay are helpless infront of them.

    Anyways, Vijay is really hopeful that you can help him, and is waiting for your reply.
    He also asks me to wish you a very Happy Holi!

    Thank You,
    Ciao.

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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