Morgen Kinder wird’s was geben – Warum ich Chucky, die Mörderpuppe, dem Nikolaus allemal vorziehe

Welch eine Freude – es ist wieder so weit! Die Weihnachtszeit ist angebrochen, die wohl glücklichste Zeit für unverdorbene Kinderherzen, und mit ihr all die Festlichkeit. Das urbane Lichtermeer erglüht aufs Neu, der Rubel rollt aus reiner Liebe.

Doch nicht das Weihnachtsfest soll heute mein Thema sein, sondern einer seiner Vorboten, den viele katholisch getaufte Kinder mit Freude und einem gewissen Unbehagen erwarten, namentlich der Nikolaus.

Noch heute kann ich ihn aus Kinderaugen vor mir sehen, jenen beeindruckenden Mann im roten Gewande, dem ich das tagelang erprobte Gedicht aufzusagen hatte. Ich erinnere mich noch an meine weichen Knie, den flatternden Puls und das Zittern in meiner Stimme, als ich wohlmeinend und sanft von meinen Eltern vorangestuppst wurde, um dem beinahegöttlichen Besucher meine brave Artigkeit zu beweisen: in Form gestotterter Verse, die mir als Kind unverständlich, vor allem jedoch belanglos blieben.

Nachdem ich meine Schuldigkeit erfüllt, wurde ich mit allerlei Naschwerk entlohnt, allerdings auch mit den unvermeidlichen Orangen und Mandarinen, die ich offen gestanden bis heute nicht ausstehen kann.

Wundervoll allerdings dieser glitzernde und knisternde Schokoladennikolaus im Silberpapier, zu meiner fernliegenden Jugendzeit noch gänzlich ohne Lila-Kuh-Optik, sondern im klassisch-nikoläusischen Rotweiß.

Ein wenig zu wundervoll womöglich gar, denn Jahr um Jahr wagte ich es nicht, jene glitzernde Vollkommenheit dem Zwecke zuzuführen, für den sie erschaffen ward – sprich die umwickelte Schokoladenfigur auszuwickeln und dem kindlichen Magen einzuverleiben.

Nein. Ich hatte Mitleid. Mitleid mit Nikolaus wie Pelzemärtel, Osterhase wie Glücksmarienkäfer oder Marzipanschwein. Dauerhaftes Mitleid. Langanhaltend.

Zugegebenermaßen handelte es sich nicht nur um eine Phase präpubertärer Naivität, denn als ich im Alter von 20 Jahren dem elterlichen Nest entschlüpfte, musste ich mich noch immer mit dem Gewissenskonflikt herumschlagen, ob meine Seele es wohl verwinden würde, all die jahrelang angehäufte Schokolade, so weiß sie auch immer angelaufen sein mochte, nicht mit in meine erste eigene Wohnung umzusiedeln.

Hätte doch nur ein Erwachsener Trude Herr wirklich verstanden, als sie schmetternd ihre Unlust auf Schokolade kundtat! Mir jedenfalls erging es ähnlich und nur der spätkindliche Abgrenzungsprozess gegenüber der Weisheit der Altvorderen verhinderte vermutlich, dass ich mir jene Dame zum Vorbild erkor.

Zurück allerdings zum 6. Dezember, jenem beschaulichen Vorboten des Festes der Nächstenliebe.

Ist es nicht herrlich, meine lieben Eltern, wenn die Kleinen, unser eigen Fleisch und Blut, schlotternd vor Angst vor uns stehen und auf das dicke Buch jenes himmlischen Abgesandten stieren, sich fragend, ob er denn wohl auch darüber Bescheid wisse, was man mit dem Schulkameraden neulich des Nächtens im Kinderzimmer getan hatte, obwohl man natürlich extra leise gewesen war, damit ja niemand etwas von diesen schaurig-schönen Berührungen erführe?

Denn schließlich, dass wusste man schon in diesem zarten Alter, war das eine Todsünde, für die man auf alle Zeit in der Hölle schmoren würde.

Aber vielleicht hatte der Nikolaus es ja in all der heimlichen Dunkelheit übersehen, einfach nicht bemerkt oder…

Und irgendwie schön war es ja trotzdem gewesen.

Wenn der Nikolaus nur den Eltern nichts davon erzählte!

Das verständliche Zusammenzucken der Kleinen, wenn der Nikolaus mit tieftönender Stimme fragt: „Na ihr lieben Kinderlein, wart ihr denn auch schön brav?“

Oh nein, das waren wir nicht, stöhnt die Stimme des Gewissens – doch so klein ist man ja nun auch nicht mehr, als dass man nicht schon gelernt hätte, dass es auch zum bösesten Spiel die gute Miene zu bewahren galt.

Auf diese eine Lüge kam es nun schließlich auch nicht mehr an, insofern lautet die zähe Antwort aus kindlichem Munde stets „Ja“ – ein wenig zittrig vielleicht, doch bei einem einzigen Wort vermag sich die Stimme kaum zu überschlagen.

 

Nun bin ich dem kindlichen Alter entwachsen, ohne meine kindlichen Erinnerungen komplett verdrängt zu haben, genau genommen könnte ich selbst freilich bereits der Gruppe der Von-hinten-Anstuppser angehören, tue es allerdings nicht.

Da stellt sich mir nun allerdings ganz unverblümt die Frage, wem dieses Fest des heiligen Nikolaus denn eigentlich Freude bereitet – den Eltern oder den Kindern?

Die kindliche Seelenqual wird natürlich mit ein paar Nüssen und Lebkuchen (in unserer Zeit womöglich auch noch mit einem Spiel für die Playstation) abgespeist und bleibt somit vorderhand nicht als solche in Erinnerung, doch als reine Freude sicherlich ebenso wenig.

Ist es wirklich so lange her, liebe Eltern der Jetztzeit, dass ihr euch daran nicht mehr erinnern könnt?

Oder sind nicht der Nikolaus und sein Gehilfe Knecht Rupprecht, der die unartigen Kinder mit der Rute züchtigt oder gar in seinem dunklen Sackverlies mit sich schleppt, vielmehr ganzjährig unglaublich praktische Christenhelden?

Wie oft habe ich Kindern gegenüber, wenn sie nicht „brav“ waren – und das bedeutet in diesem Lande, sich wie stille, träge kleine Geschöpfe zu betragen , die sich von dem stets zu leichter Genervtheit neigenden Erwachsenen nur dadurch unterschieden, dass sie noch nicht gemerkt hatten, dass sie ebenfalls Erwachsene zu sein hatten, nur eben im Miniaturformat – den Satz vernommen: „Wenn du nicht damit aufhörst (womit auch immer, im Zweifelsfalle wohl, sich kindlich zu verhalten), dann sag ich’s dem Nikolaus“?

Wollen wir uns diese Drohung einmal genauer besehen.

Wenn ich mir die Auswirkungen dieses schönen und althergebrachten christlichen Brauchs auf die Kinderseele in der Praxis anschaue, sind sie gewiss folgende:

Dem Kind wird das Gefühl vermittelt, in einem dogmatischen Überwachungsstaat zu leben, der an George Orwells „1984“ erinnert, allerdings subtiler, da es keinen „Big Brother“ gibt, den man sinnlich erfassen und gegen den man aufbegehren könnte.

Vielmehr handelt es sich beim Nikolaus-Effekt um die Erzeugung eines 24-Stunden-aktiven inneren Bewachers über die Anwendung der elterlichen Wertvorstellungen – wie überholt und fragwürdig diese auch immer sein mögen. Jede noch so kleine Verfehlung im von Eltern und Religionsunterricht vorgegebenen Rahmen wird akribisch als eigenes Versagen und Unzulänglichkeit verbucht und zur schier endlos anmutenden Liste der Begründung der eigenen Sündhaftig- und Schlechtigkeit hinzu addiert.

Geradezu lachhaft mutet es da an, dass dieselben Eltern, die ihren Kindern diesen lebensfeindlichen und zerstörerischen inneren Zensor antrainieren, sie großmütig davon abhalten wollen, sich Filme mit Freddy Krueger oder Chucky, der Mörderpuppe, anzusehen, um die kindliche Seele zu schonen.

Gewiss, es gibt geeignetere Filme für den lieben Nachwuchs, doch erscheint mir jenes blutrünstige Gemetzel mithin wie eine Folge von „Wir Kinder aus Bullerbü“, wenn ich das seelische Massaker betrachte, dass die Eltern bei ihren Kindern anrichten, indem sie ihnen Gedanken über die ursprüngliche Schlechtigkeit des Seins eintrichtern.

Ein sehr effizienter Weg hierzu ist der christliche Nikolaus, der ganzjährig über des Kindes Artigkeit und Betragen Buch führt.

Akribisch, pedantisch – preußisch.

Ich persönlich glaube fest daran, dass das Kind an sich gut ist, leben will, sich irgendwann in die Gemeinschaft eingliedern wird und seinen Beitrag in der Welt zu leisten vermag, wenn man es nur lässt. Frei und in Liebe aufwachsen lässt. Jenseits dieser überkommenen Moral von Erbsünde und Schlechtigkeit, dogmatischer Belehrung und der Schwarz-Weiß-Welt von Gut und Böse.

 

Elyseo, 05. Dezember 2008

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