Mikael Niemi – Populärmusik aus Vittula. Ein Nachklang

Lange habe ich kein so erfrischendes Buch gelesen wie Mikael Niemis „Populärmusik aus Vittula“. Dieser Roman strotzt vor Energie, Absurdität und Lebensfreude, wenngleich ihm schwermütige Subtöne nicht abgehen.
Niemi erzählt in Ich-Perspektive die Geschichte eines Heranwachsenden im nordöstlichen Schweden, in der Grenzregion zu Finnland. Die Gegend ist geprägt von den Härten der klimatischen Bedingun¬gen, der nicht enden wollenden Nacht des Winters und der nicht untergehenden Sonne des Sommerhalbjahres, Bilingualität und bärbeißigen Mannbarkeitsritualen.
Schon mit dem Auftakt – einem Kapitel, in dem sich der fünfjährige Erzähler zusammen mit einem stummen Jungen aus der Nachbarschaft, der auf denkbar unorthodoxe Art seine Freundschaft gewinnt, namentlich indem er die Popel des Erzählers isst, zunächst in einen Bus und dann in verschiedene Flugzeuge schmuggelt und schließlich in Frankfurt landet – ist klar, welchen Verlauf diese Erzählung nehmen mag: Hier wird eine Geschichte erzählt, die die Grenzen realistischer Erzählmanier weit hinter sich lässt und ihren eigenen Vorgaben folgt.
So taucht der staunende Leser ein in eine Welt voll rauer Magie, in der verstorbene Großmütter wiederkehren, um ihre Enkel zu verfolgen, Familienfehden sich über Generationen hinweg fortsetzen und schon kleinste Kinder lernen, auf der Dorfstraße um ihr Leben zu fürchten, der Tod durch Alkohol als Heldentat gilt, Abertausende Ratten um des schnöden Mammon willen eines grausamen Meucheltodes sterben und dergleichen mehr.
Zugleich gewährt der Roman Einblick in die Beschaffenheit der Seele der Menschen dieser fernen Welt. Großkotzigkeit und Prahlsucht der Landbewohner wachsen einem im Laufe dieser 300 Seiten ebenso ans Herz wie der verzweifelte Konservativismus, mit dem die Dörfler der Modernisierung ihrer Lebenswelt zu entkommen suchen. Nichtsdestoweniger hält selbst fernab der Zivilisation die Moderne Einzug – und mit ihr Asphaltierung der Straßen, Elektrosaunen und Punkrock.
In seiner Erzählung erschafft Niemi eine Allegorie auf unsere Lebenswelt, die Welt des hilf- und fassungslos der Globalisierung beiwohnenden Erdenbürgers des beginnenden 21. Jahrhunderts. So verzerrt und dementsprechend leicht verdaulich diese Allegorie im ersten Moment auftreten mag, bleibt jene Ebene, in der dieselben Phänomene schwerlich aus dem eigenen Dasein und Umfeld wegzuleugnen sind.
Dennoch sind es Leichtigkeit, übersprudelnde Erzählfreude und ein humoristischer Grundton, die Niemis Stil prägen. Deshalb ist „Populärmusik aus Vittula“ ebenso gut als unterhaltsame Lektüre lesbar wie als Abgesang auf eine im Versinken begriffene Welt.

Elyseo da Silva, Nürnberg 31. Dezember 2012

Dieser Beitrag wurde gepostet in Bücher. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.