Michael Weins – Lazyboy. Ein Nachklang

Rein zufällig stolperte ich über Michael Weins‘ Roman „Lazyboy“, der 2011 im Mairisch Verlag erschienen ist. Es war weniger die Zusammenfassung auf dem Buchrücken als die ansprechende Aufmachung, die mich verleitete, den Roman mit nach Hause zu nehmen. Entsprechend gering waren meine Erwartungen. Michael Weins‘ Schreibe aber gelang es, mich zu überraschen.

Der Autor erzählt die Geschichte eines Mittdreißigers aus Hamburg, der sich selbst Lazyboy nennt und dem es nicht recht gelingen will, sich in die Welt der Erwachsenen einzufügen oder der, um die Perspektive des Protagonisten einzunehmen, alles daran setzt, um nicht vom biederen und unentrinnbaren Lebenswandel der Erwachsenenwelt verschluckt zu werden:

„Menschen, die in Gesprächen übers Kinderkriegen und Einrichtungsgegenstände volle Befriedigung erfahren, sind es nicht wert, die Kruste dieses schönen Planeten mit ihrer Existenz zu beschmutzen.“

So bezeichnet Lazyboy sich selbst als „Berufsjugendlichen“, Teil jener Generation von Kapuzenpulliträgern, der es so schwerfällt, die Kindheit hinter sich zu lassen, weil die gefühlte Alternative und tausendfach beobachtete Realität heißt, alle Ideale aufzugeben und „seelenruhig auf dem Rasenmähertraktor (zu) sitzen, Runde um Runde um Runde auf dem moosdurchsetzten Rasen (zu) drehen, die Terrassentür zum kreditfinanzierten Eigenheim angelehnt offen, und (…) den ganzen Tag den Säugling brüllen (zu hören).“

Es ist indes nicht allein Weins‘ beängstigend gute Beobachtungsgabe, die das Buch lesenswert macht.

Der Roman ist ein Vexierspiel, in dem der Leser nie recht weiß, wo die Grenzen zwischen Realität und Fiktion verlaufen. Dieses Konzept hält Weins bis zum Ende durch. Halt bietet er dem suchenden Leser nicht, vielmehr offeriert er nichts als Fragen.

Fragen nach der Möglichkeit oder Unmöglichkeit von Erfahrung, nach dem Sinn und der Überwindbarkeit von Grenzen, nach der Bedeutung von Verlässlichkeit und dem damit einhergehenden Verlust von Freiheit.

Bereits die Handlung ist im Fantastischen angesiedelt.

Lazyboy hat ein Problem mit Türen. Ein ernsthaftes Problem. Nicht mit jeder Tür, aber doch mit so einigen, die ihn mir nichts dir nichts von einem Ort zum anderen katapultieren, ohne dass er dies in irgendeiner Form beeinflussen könnte. Möchte er beispielsweise nachts aus einem Club auf die Straße treten, um ein wenig frische Luft zu schnappen, findet er sich unversehens in einem verschlossenen Schwimmbad am anderen Ende der Stadt wieder.

Seine Freundin Monika und sein Arbeitgeber, die beide nichts von Lazyboys Problem ahnen, zeigen sich wenig begeistert von Lazyboys unzuverlässigem Charakter, als den sie sein häufiges Fernbleiben zwangsläufig deuten.

Eine Wendung nimmt die Geschichte, als Lazyboy vor einer abgeschiedenen Hütte in den Bergen schließlich die 13-jährige Daphne kennen lernt, die ihm von einer geheimnisvollen Tür in ihrem Keller berichtet. Wohin führt diese Tür?

Lazyboy findet es heraus und steht plötzlich vor einer völlig anderen Herausforderung.

Die große Stärke der Romans liegt in Michael Weins‘ beängstigend differenzierter Beobachtungsgabe. Diese lässt selbst die Geschichte, die ich mitunter als eher halbgar empfinde, in den Hintergrund treten und macht „Lazyboy“ zu einem empfehlenswerten Buch. Mit schier unbändiger Erzähllust fabuliert Weins darauf los, wobei seiner Feder zahllose Metaphern und Formulierungen entfließen, die mich immer wieder innehalten ließen.

Selten genug, ja beinahe nie, kommt es vor, dass ich zum Stift greife, um Ausdrücke festzuhalten, die mich beeindrucken – insofern: Auf, auf! Lesen!

Elyseo da Silva, Köln, 10. Januar 2013

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2 Gedanken.

  1. Hallo Elyseo,

    ich war auf der Buchmesse in Leipzig und bin so auf das Buch gekommen. Ich war sehr angetan davon, weil es mit der Sehnsucht nach der andern Welt spielt und insofern auch mit Literatur. Ich meine die Fantasysparte á la Herr der Ringe, Narnia etc. Ich denke das Buch nimmt die Thematik, die dahinter steckt ernst. Am Ende sind alle Helden ein Lazyboy in der Realität zumindest, sofern man sie noch ausmachen kann. Ich denke er ist, sehr sehr kritisch, es hat einen gewissen Unterton, der sich vielleicht mit dem Titelbild beschreiben lässt, ich finde die Farbe aussagekräftig, keine Ahnung, diesen Dämmerzustand, diesen Dämmerzustand, die Haltlosigkeit im Wind, das Greifen wollen und nicht Halten können. Siehst du das ähnlich?

    P.S. Ich finde deine Seite sehr schick.

    Liebe Grüße
    Christine

    • Hallo Christine,

      vielen Dank für Deinen Kommentar! Ja, ich bin durchaus Deiner Ansicht, das Lazyboy sehr kritisch ist und das gerade das Bild der Hauptfigur geradezu exemplarisch für einen breiten Teil der Generation stehen kann, zu der auch ich mich zähle, diesbezüglich empfinde ich das Bild „Berufsjugendliche“ grandios und es geht mir seit der Lektüre des Buches auch nicht mehr aus dem Kopf.
      Über die Farbe hatte ich mir bislang offen gestanden keine Gedanken gemacht, was aber daran liegt, dass meine Wahrnehmung eher auf Emotionen als auf Visualität ausgerichtet ist. Alles in allem aber hat dieses Buch mit Gewissheit etwas Düster-Melancholisches, das empfinde ich ebenso.

      Herzliche Grüße,

      Elyseo

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