Melodrama oder Warum Floristinnen gern Blumen geschenkt bekämen

 

Meine Zeit im wundervollen Portugal neigt sich so langsam ihrem Ende zu und ich will Euch gerne noch ein wenig teilhaben lassen.
Gestern bin ich von meiner kleinen Rundreise zurückgekehrt – ich habe mir eine Woche Auszeit vom Sprachunterricht genommen und es war erstaunlich zu bemerken, wie viel entspannter ich war, nur weil diese zehn Stunden Unterricht pro Woche wegfielen.
Zunächst fuhr ich Freitag Abend nach Faro, im Süden des Landes, wo ich übers Wochenende abstieg, Bernardo besuchte, einen Freund, den ich zuvor hier in Lisboa kennen gelernt hatte und der mir das Städtchen zeigte. Faro ist tatsächlich kaum mehr als ein kleines Städtchen, das bislang vom Tourismus relativ verschont blieb, obschon es den einzigen Flughafen der Algarve besitzt. Viel zu tun gibt es dort nicht, aber ich genoss es, durch die kleinen Straßen zu laufen, die unzähligen Störche auf den Stadttoren und Türmen zu betrachten und gut zu essen – ich entdeckte ein hübsches kleines Restaurant in dem ich mir eine Fischplatte schmecken ließ. Das Schöne war, dass einer der Kellner mir auf sehr charmante Art zeigte, wie ich mir denn am leichtesten täte, Fisch zu essen. Das fand ich super nett, da mir als küstenfernem Mitteleuropäer ein solches Fischessen, so gut es schmeckt, doch zugleich immer gewisse Schwierigkeiten bereitet, wenn ich mir ewig Gräten aus dem Mund fischen muss. Schlingen ist dabei jedenfalls nicht möglich – der einzige Vorteil vielleicht. Dabei ist es eigentlich so einfach, wenn man die richtige Technik einmal gezeigt bekommt – und dass das ohne Herablassung geschah, rechnete ich dem Kellner hoch an, schließlich gibt es ja so Dinge, von denen einfach vorausgesetzt wird, dass jeder sie beherrschen muss, als müsse einem das Zerlegen von Meerestieren in die Wiege gelegt worden sein.
Faro besitzt eine kleine vorgelagerte Insel, die Ilha de Faro, auf die man nach einem Fußmarsch von vielleicht einer halben Stunde gelangen kann – zuvor durchquert man eine Art Feuchtgebiet, das einen ziemlich idealen Lebensraum für allerlei Wasservögel bietet und zudem schön anzusehen ist. Leider ist von südländischen Temperaturen hier derzeit wenig zu spüren, was zwar den Vorteil hatte, dass Bernardo und ich relativ allein am Strand waren – einem breiten, feinkörnigen Sandstrand, der sich endlos gen Horizont zu ziehen schien – indes war es so windig, dass wir es nicht besonders lange dort aushielten.
Sonntag Abend fuhr ich dann weiter Richtung Boliqueime. Zuvor hatte ich mit Noemi telefoniert, einer Schweizerin, die ich hier in „Heidis“-Bar im Bairro Alto, dem Weggehviertel Lisboas, kennen gelernt hatte, wo sie über die Wintermonate gearbeitet hatte. Sie besitzt in der Nähe dieses Dörfchens in der Algarve ein Grundstück auf dem Lande und vermietet Häuschen an Urlauber. Noemi holte mich also in Boliqueime vom Bahnhof ab und wir fuhren zu ihr nach Hause. Ich wurde in der Casa Cristina einquartiert – es gibt insgesamt drei Häuser auf dem Grundstück – und hatte also ein ganzes Häuschen für mich allein, komplett ausgestattet mit allem, was das Herz begehrt. Bereits am ersten Abend führte Noemi mich in die einzige Dorfkneipe ein, was ein mehr oder minder skurriles Erlebnis war, da das Publikum nur aus älteren Portugiesen oder ortsansässigen Engländern und Holländern bestand. Noemi kennt dort natürlich alle, sodass sie mich zunächst mal vorsorglich im Kreise der Engländer und Holländer outete, um etwaigen Gerüchten vorzubeugen…
Je später der Abend, desto grotesker die Gespräche – mein liebstes war wohl eine Diskussion darüber, dass ein Engländer Stein und Bein schwor, er werde seiner holländischen Freundin niemals im Leben Blumen schenken, da sie Floristin sei und somit sowieso nicht damit zufrieden wäre, was sie allerdings voller Entrüstung und mit Tränen in den trunkenen Augen weit von sich wies. Diese Tränen wiederum führten dazu, dass sich weitere Personen am Tisch auf ihre Seite zu schlagen bemüßigt sahen – allen voran ein anderer Holländer, der das Ganze wohl am liebsten auf klassisch männliche Art mit seinen Fäusten geregelt hätte. Die Gemüter erregten sich also, jeder am Tisch hatte sein Schärflein dazu beizutragen und die Emotionen brandeten hoch, was dazu führte, dass zahllose Schnäpse gereicht wurden (in der Runde passenderweise als „Melodrama“ bezeichnet, da die meisten sich den Portugiesischen Namen auszusprechen außerstande sahen), um die diversen Mütchen zu kühlen. Letzten Endes blieb die Floristen-Thematik offen, die Holländerin wartet vermutlich noch heute vergebens auf Blumengeschenke und in ihrer Haut hätte ich tags darauf nicht stecken wollen, da dieser Sonntag Abend der letzte Abend ihres Urlaubs war, sie also in besagtem Blumenladen wohl einen enormen Kater auszukurieren hatte.
Meine Tage in Boliqueime, oder vielmehr im Nirgendwo in der Nähe von Boliqueime (es gibt dort noch nicht einmal Straßennamen) waren herrlich. Das erste Mal nach langer Zeit Landluft zu schnuppern, ließ meine Seele aufatmen und es fiel mir um ein Vielfaches leichter dort zu schreiben, da ich nicht ständig die zahllosen Versuchungen niederzuringen hatte, die einem das Leben in der Großstadt bietet. Abends dann verbrachte ich meine Zeit mit Noemi. Wir kannten uns ja nur aus der „Heidi“ – übrigens ein grotesk kitschig eingerichteter Ort, der einen Besuch wert ist, schon allein wegen der Strohballen, auf denen man sitzen kann oder wegen des hauseigenen Heidi-Shots, der einem allemal die Kehle wegzubrennen vermag, da irgendeine echt miese Chili-Schote die Grundlage zu bieten scheint – sodass wir uns jede Menge zu erzählen hatten. Noemi scheint in ihrem Leben Krankheit und Todesfälle nur so anzuziehen. Sie ist ein Jahr jünger als ich und hat mit zwanzig ihre Mutter, kurz darauf ihren Stiefvater und mit 23 dann ihre jüngere Schwester verloren –entsprechend krass waren all die Geschichten, die sie erzählte. Nichtsdestotrotz (und das waren bei Weitem nicht alle Leidensgeschichten, die ich zu hören bekam) ist sie ein lebensfroher Mensch geblieben und wir verstanden uns prächtig, führten stundenlange Gespräche, in der sich unsere Art, Dinge zu reflektieren und über jegliches noch so tabuisierte Thema zu sprechen, hervorragend ergänzte. Die Casa Cristina, in der ich wohnte, ist eigentlich ihr Haus und dementsprechend gewann ich einen ganz besonderen Einblick – über ihrem Bett hängen Bilder, die ihre Mutter gemalt hatte, eine Hippie-Künstlerin, die immer gesagt hatte, sie würde nicht älter als vierzig und die dann bei einem Bootsunfall auf dem Rhein ertrank, als sie vierzig war, im Wohnzimmer gibt es ein Foto von Noemi und ihrer kleinen Schwester, die als Kinder mit Wanderstöcken auf der Alm eine Herde Kühe begleiten und im Vorraum zum Bad hängt eine Aufnahme der beiden, die als Kinder am Strand im Sand eingegraben sind. Mit all dem Wissen um die Geschichten umher berührten mich diese Relikte aus der Vergangenheit sehr.
Den letzten Tag, Mittwoch, verbrachten wir zu dritt, zusammen mit Francois, ihrem Nachbarn, einem Schweizer um die Siebzig, der in seinem Leben schon jegliche Reise gemacht zu haben schien und ein entsprechend interessanter Gesprächspartner war. Eigentlich wollten wir nur kurz in Loulé, der nächstgelegenen Stadt, ein paar Besorgungen machen, doch ergab es sich, dass wir letztlich nachts um halb fünf ins Bett gingen, nachdem wir zuvor die einzigen beiden in Reichweite liegenden Kneipen unsicher gemacht und Noemi und ich die letzten drei Stunden rauchend und Gin Tonic trinkend in ihrer hauseigenen Bar verbracht hatten.
Am nächsten Tag fuhr ich nach Lisboa – im Zug erster Klasse, ein Luxus, den ich mir meinen Lebtag noch nicht gegönnt hatte, den ich aber in meinem schwer verkaterten Zustand extrem zu schätzen wusste, vor allem, da der Aufpreis ungefähr drei Euro betrug – und übernachtete hier, bevor ich Freitag ins im Norden gelegene Porto weiterfuhr.
Porto machte es mir schwer. Die Stadt begrüßte mich mit einem zwanzigstündigen Dauerregen, hinzu kam, dass die Häuser alles in allem viel dunkler sind, als im freundlichen Lisboa, sodass es schwer war, mich nicht ein wenig verloren zu fühlen. Dann war das Hotel, das ich übers Internet reserviert hatte, wahrlich nicht gerade als Highlight der Wohlfühlkultur zu bezeichnen, davon mal abgesehen, dass es eine einzige Baustelle war, waren die Zimmer von einer herzerweichenden Lieblosigkeit. Samstag Vormittag flüchtete ich mich in eine Buchhandlung und kaufte mir endlich den neuen Roman von Carlos Ruiz Zafón, den es bislang nur auf Spanisch gibt – wochenlang hatte ich mit mir gerungen, ob ich wirklich ein spanisches Buch in Portugal lesen wollte oder ob das meinem Portugiesisch nicht schaden würde – nun, letztlich streichelte es zumindest mein Gemüt und meinen Sprachkenntnissen tat es wohl auch keinen Abbruch, im Gegenteil, es vermittelte mir vielmehr das Gefühl, dass mein Spanisch in meiner Zeit hier nicht völlig verloren gegangen ist. Für alle Freunde des Romans „Der Schatten des Windes“ schon einmal die Ankündigung: dieser Roman ist wunderschön, ich weiß nicht so genau, wie Carlos es eigentlich schafft, dass man sich seinen Figuren so nah fühlt, aber es ist immer wieder ein Wunder und ich freue mich schon auf den abschließenden Teil der Saga.
In Porto war ich also nicht so unglaublich viel unterwegs, beschränkte meine Tätigkeiten eher aufs Weggehen nachts, wobei mir auch in diesem Fall die Mentalität der Lisboetas lieber ist – ich empfinde sie als offener, herzlicher. Nichtsdestotrotz lernte ich einen neuen Freund kennen und verbrachte mit ihm eine anregende Zeit – ein lustiger Typ, Brasilianer, Designer und irgendwie ein Freak, der am Sonntag Abend eine Performance gab, in der er seinen eigenen Tod inszenierte und dreieinhalb Stunden in einem Sarg liegen musste. Dazu wurde komplett schwarz gefärbtes Essen gereicht. Strange Idee, aber ich hätte nicht in seinem Sarg stecken wollen, vor allem, da eher vermutlich ähnlich verkatert war, wie ich selbst. Frage mich, ob er wohl eingeschlafen ist und der Tote dann plötzlich lautstark zu schnarchen begonnen hat – hm, ich werde es wohl nicht erfahren, denn dort war ich nicht.
So, nun sind also meine letzten Tage hier in Lisboa angebrochen und ich werde die Stadt noch einmal in vollen Zügen genießen. Deswegen zieht es mich nun auch hinaus und ich beende meine Mail an dieser Stelle.
Ich freue mich darauf, von Euch zu hören und sende Euch hiermit eine herzliche Umarmung aus dem schönen Lisboa!

Elyseo

Lisboa, 24. April 2012

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