Manu Joseph – Das verbotene Glück der anderen. Ein Nachklang

Nur ganz selten, im besten Falle alle paar Jahre einmal, stoße ich auf ein solches Buch. Ich schlage es auf, lese ein paar Seiten. Noch bin ich skeptisch. Ist es wirklich möglich?

Dann aber stellen sich die typischen Symptome ein: Ich beginne alle Tätigkeiten, die nichts mit dem Lesen dieses Buches zu tun haben, zu hassen. Möchte nichts anderes mehr tun als lesen. Zugleich werfe ich einen furchtsamen Blick auf die Seitenzahl – 370 in diesem Falle – und fürchte mich vor dem Moment, in dem das letzte Wort gelesen, der letzte Gedanke verschlungen sein wird.

Um dieserart Buch handelt es sich bei Manu Josephs Das verbotene Glück der anderen. Binnen weniger Seiten entfaltet es einen magischen Sog, der das Leben außerhalb der Buchdeckel zur lästigen Nebensache degradiert.

Immer wieder habe ich mich gefragt, wie einem Autor so etwas gelingt. Eine Antwort darauf vermag ich bislang nicht zu geben. Es ist wie ein Wunder. Die Existenz solcher Bücher aber ist gleichzeitig der Grund für mein eigenes Schreiben.

In Das verbotene Glück der anderen erzählt der indische Autor Manu Joseph die Geschichte einer Abwesenheit. Damit gibt er die Grundstimmung des Buches vor. Der Roman ist getragen von einer Schwermut, von der bereits zu Beginn klar ist, dass sie sich nicht auflösen lassen wird. Der Grund ist einfach: die Hauptfigur, Unni Chacko, ist tot. Unni stirbt drei Jahre vor der erzählten Geschichte. Mit gerade mal 17 Jahren nimmt er sich das Leben, indem er kopfüber von der Dachterrasse seines Elternhauses springt. Doch warum?

Diese Frage beschäftigt Unnis Familie auch drei Jahre nach seinem Tod. Unni hat keinen Abschiedsbrief hinterlassen. Alle beschreiben ihn als eine Frohnatur, die glaubt, dass selbst die Unglücklichen eigentlich glücklich sind. Nur Stunden vor seinem Selbstmord lässt er sich sogar noch die Haare schneiden.

Warum? fragen sich die Zurückgebliebenen ebenso wie jetzt auch der Leser.

Eines Tages begibt es sich nun also, dass Unnis Vater Ousep Post aus der Vergangenheit erhält. Mit dreijähriger Verspätung sieht er sich plötzlich dem letzten Cartoon gegenüber, den sein Sohn am Tag seines Ablebens vollendete.

Abermals begibt Ousep sich auf die Suche nach der Wahrheit. Er befragt erneut Unnis Klassenkameraden, versucht zu rekonstruieren, was Unni, der in der Erinnerung aller als Ausbund an Lebenslust weiterlebt, zu diesem Schritt veranlasste.

Unnis Geschichte wird hierbei aus verschiedenen Perspektiven erzählt. Steinchen um Steinchen setzt sich so das Mosaik eines vorzeitig erloschenen Lebens zusammen. Als Leser begleiten wir Ousep, dessen einst verheißungsvolles Schicksal als Schriftsteller sich nie erfüllt hat, auf Spurensuche. Er kann sein eigenes Scheitern ebenso wenig verwinden wie den Selbstmord des Sohnes. Nicht zuletzt deshalb reißt er allabendlich den 12-jährigen Thoma, seinen verbliebenen Sohn, aus dem Schlaf. Das Ritual des Vaters, der sich im Vollrausch mit einer Krawatte am Deckenventilator aufknüpfen möchte, gehört zu Thomas täglich Brot. Ihm hat der Vater dabei die Aufgabe des Gehilfen zugedacht, der die letzten Worte des verkannten Genies für die Nachwelt festhalten soll.

Doch die Trunksucht des Vaters ist nicht die einzige Bürde, die Thoma mit sich herumschleppt. Zudem steht er im Schatten des gerade durch seine Abwesenheit omnipräsenten Unni. Gegen Unnis unbotmäßige Intelligenz kommt er ebenso wenig an, wie gegen dessen Charme. Weder ist Thoma so beliebt wie einst der Bruder, noch besitzt er die Gabe, Mariamma, ihrer beider Mutter, aus ihrer Melancholie zu reißen. Nur Unni vermochte das. Ein ums andere Mal erlebt der Leser mit, wie Thoma sich am toten Bruder misst und doch stets verliert.

Für Mariamma hingegen scheint der Selbstmord des Sohnes zunächst nichts als eine weitere in einer schier endlosen Reihe persönlicher Niederlagen zu sein. Ihr Fluch ist es, dass sie nicht vergessen kann. Täglich führt sie mit drohend erhobenem Zeigefinger Zwiegespräche mit all denen, die ihr Leid zugefügt haben. Kein Wunder also, dass die Nachbarn betreten den Blick senken, wenn sie die Wohnung verlässt. Kein Wunder auch, dass der pubertierende Thoma sich bisweilen ganz weit weg wünscht.

Manu Joseph entführt den Leser in ein Indien der verschrobenen Gestalten und erteilt ihm zugleich eine subtile Lektion in Sachen Toleranz. All die Figuren dieses Kosmos werden fühlbar. Je mehr der Leser über ihren Hintergrund erfährt, umso mehr beginnt er gar mit ihnen zu leiden. Der gescheiterte Vater. Die Mutter, mit dem Los geschlagen, gebetsmühlenartig alles Schlechte, das ihr im Leben widerfuhr, wiederholen zu müssen. Der Bruder im übermächtigen Schatten eines Toten.

Über allem aber schwebt Unni Chacko, der Junge, der sich das Leben nahm. Bereits nach wenigen Seiten hat er mein Herz gewonnen. Nicht zuletzt er war es, der mich in den Strudel dieser Geschichte hinabriss.

Unni Chacko.

Unni Chacko, der Cartoonist.

Unni Chacko, der Denker, der meint, die Welt sei in Sprache gefangen.

Unni Chacko, der dies als Ursprung allen Übels betrachtet, da sich über Sprache die Wahrheit nicht begreifen lasse.

Unni Chacko, der überzeugt ist, die Schlacht zwischen Gut und Böse sei längst geschlagen. Das Böse habe gewonnen, sich danach nur zum Schein wiederum in Gut und Böse aufgespalten, um die Fortdauer  des Kampfes vorzutäuschen.

Dieser Unni und seine Gedankenwelt wurden mir so lieb, dass ich bereits nach wenigen Seiten nicht umhin konnte, mir die immer gleiche Frage zu stellen: Warum? Warum hat er es getan?

Welch ein Motor, mit dem Manu Joseph seinen Roman da ausstattet! Und doch zur selben Zeit ein Vabanque-Spiel. Scheitert die Erklärung am Ende, scheitert das Konzept.

Mich aber überzeugt Manu Josephs Geschichte.

Ihr Ende ist philosophisch, tragisch und doch plausibel. Es lässt Raum für jede Menge eigene Gedanken. Genau wie der gesamte Roman dazu angetan ist, zum Weiterdenken anzuregen, ja, über seine Buchdeckel hinausweist und den Leser auffordert, eigene Antworten auf Unnis Thesen und Ideen zu finden.

Eines weiß ich jetzt schon. Unni Chacko ist eine der Figuren, die mich nicht mehr loslassen werden. Deren Namen fortan einen Teil meiner Realität darstellen, wie es ein Julián Carax oder ein Amadeu de Almeida Prado tun.

 

Also Schlusswort bleibt mir nur eines zu sagen: Lest dieses Buch!

Manu Joseph - Das verbotene Glück der anderen

 

Hier geht’s zum Verlag: http://www.chbeck.de/

Hier könnt ihr das Buch bestellen: http://www.chbeck.de/12290452

Herzlichen Dank an den C.H.Beck-Verlag und http://www.bloggdeinbuch.de/!

 

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