LisPoeta – Zerrissenheit (06. Juni 2016)

Elyseo da Silva, Lisboa, Juni 2016Was brauche ich wirklich in meinem Leben? Vielleicht ist das die entscheidende Frage. Hast Du sie Dir kürzlich mal gestellt? Und falls ja, was war Deine Antwort darauf?

Was mir hier widerfährt ist so gespalten, dass ich mich womöglich deshalb seit Tagen davor drücke, Dir zu schreiben. Denn wie soll ich für Dich in Worte fassen, was ich selbst kaum zu greifen vermag?

Nach meinem Wohnungswechsel habe ich die ersten beiden Wochen in meiner neuen Unterkunft damit verbracht, an meinem zweiten Roman zu arbeiten. Mein Tagesziel liegt noch immer bei 1000 Worten, was mich bisweilen vor Herausforderungen stellt. Tausend Worte kann alles heißen: zwei Stunden am Morgen – oder den letzten Punkt um ein Uhr nachts setzen und völlig übermüdet hintüberfallen.

In meiner derzeitigen Bleibe fühle ich mich wohler – allerdings wird direkt nebenan ein neues Haus gebaut. Das bedeutet, dass pünktlich um 8 Uhr morgens der Presslufthammer loslegt. Solltest Du je von portugiesischer Unpünktlichkeit gehört haben, kann ich Dir versichern, dass die Portugiesen pünktlich sein können. Sehr pünktlich.

Insofern ging ich zum Schreiben meist in eines meiner beiden Lieblingscafés am Largo de Intendente. Der liegt inzwischen zwar eine gute halbe Stunde Fußmarsch entfernt, aber die Bewegung bringt meist auch meine Gedanken in Gang. Ohnehin hilft es mir ab und an, mich aus der Isolation des Schreibers hinaus ins Leben zu stürzen – selbst wenn ich dann ebenso am Tisch sitze und über meinen Zeilen brüte, habe ich das Gefühl, nicht ganz allein zu sein.

So verbrachte ich einige sehr produktive Tage und das Skript für mein zweites Buch ist bereits auf 200 Seiten angewachsen.

Mein großes Problem bleibt dennoch die Einsamkeit.

Du weißt, dass ich gut allein sein kann – aber doch nicht immer! Und dabei geht es mir nicht um die faktische Anwesenheit von Menschen, die habe ich öfter, wenn ich in einem Café sitze. Es geht mir um Gespräche, den Austausch mit Freunden – oder zumindest mit Leuten, die Freunde werden könnten. Das fehlt mir hier manchmal sehr. Ich habe das Gefühl, tagelang mit niemandem zu sprechen. Oder zumindest kaum mehr als was es braucht, um meinen Kaffee zu bestellen.

Ich kenne das Gefühl noch aus meiner Zeit in Spanien damals. Es ist schwer zu existieren, ohne von Menschen gespiegelt zu werden. Sich dabei zu verlieren hingegen ist leicht.

Das wusste ich ja zuvor – und ich dachte, ich sei es unterdessen gewohnt und könne besser damit umgehen. Irrglaube. Das werde ich wohl nie können.

Neulich hat mir jemand folgenden Rat gegeben: Es sei doch ganz einfach, in Lisboa Freunde zu finden, ich müsse nur eine einzige Person finden, die dann all ihre Freunde mit mir teile.

Das ließ mich schmunzeln. Wenn das so einfach wäre!

Mit Freunden ist es bei mir ähnlich wie mit der Liebe: Ich weiß sofort, wer mein Freund sein kann.

Ein Freund ist eben nicht jemand, der es mir ermöglicht, meine Zeit totzuschlagen.

Ein Freund ist vielmehr jemand, der mich versteht.

Jemand, der mich auffängt, wenn ich es brauche.

Jemand, den ich aufzufangen bereit bin, wenn er es braucht.

Jemand, der seine Gedankenwelten mit mir teilt, der mich an seinen verrücktesten Befindlichkeiten teilhaben lässt.

Jemand, der mit mir lacht – und weint.

Jemand, der mir den Kopf zurechtrückt, wenn ich es mal wieder brauche.

Jemand, der weiß, dass ich es gut mit ihm meine und von dem ich weiß, dass er es gut mit mir meint.

Vermutlich gäbe es noch vielerlei dazu zu sagen, aber ich denke, Du verstehst, was ich meine.

Solche Menschen gibt es.

Ich habe das Glück, viele davon in meinem Leben zu wissen. Oft aber geht es um einen ganz banalen Aspekt beim Gefühl der Einsamkeit: das Alleinsein. Und so dankbar ich für diese wundervollen Menschen auf der ganzen Welt bin, die ich meine Freunde nenne, so schwierig ist es doch, sie nicht um mich zu haben.

Glücklicherweise hatten meine beiden Vermieter dann einige Tage eine Bekannte aus Berlin zu Besuch – das war eine Art Liebe auf den ersten Blick und schon hatte ich eine Freundin, die mein Leben völlig auf den Kopf stellte. Mit einem Mal fühlte sich alles wieder smooth an. Und das nur, weil jemand da war, mit dem ich mein Erleben teilen, um die Häuser ziehen und Wein trinken konnte!

Wir Menschen sind eine eigentümliche Spezies.

Denn Lisboa – und das habe ich besonders gemerkt, als ich von meiner Tour durch Osteuropa zurückkam – Lisboa liebe ich. Die Stadt fühlt sich für mich so sehr nach Heimat an wie Köln in fünf Jahren nicht. Und die derzeitige Phase ist eben eine Übergangsphase – dafür habe ich durch meinen Plan, im Sommer noch einmal in Köln zu arbeiten, selbst gesorgt.

Ich freue mich jedenfalls schon auf den Tag, wo ich hier meine eigene Bleibe habe. Das wird das Gefühl, nach Hause zu kommen, mit Sicherheit verstärken. Zwar bringt es mein neuer Job mit sich, dass ich viel unterwegs bin, aber ich werde eben ab September dann nach einer meiner Europa-Touren nach Lisboa zurückkommen, wenn ich fertig bin. Gerade habe ich noch nicht wirklich das Gefühl hier schon angekommen zu sein – das liegt nicht zuletzt daran, dass ich seit April gar nicht besonders viel hier war.

Vielleicht verstehst Du jetzt ein wenig besser, weshalb es mir schwerfällt, über all das zu schreiben. Ich habe keine Lust, meine eigenen Klagen zu hören und schaffe es dennoch im Augenblick nicht, dieses Gedankenschema hinter mir zu lassen.

Mir ist vollkommen klar, dass es eine geraume Zeit dauert, bis man sich an einem fremden Ort – und gar in einem fremden Land – eingelebt hat. Immer wieder aber scheitere ich daran, dieses rationale Verständnis in mein Leben zu übertragen. Da werden dann einige wortlose Tage in Folge zu einer gefühlten Ewigkeit – und die drei Jahre, die ich mir selbst als Minimum gesteckt habe, bevor ich versuche zu beurteilen, ob ich auf Dauer bleiben will, erscheinen wie ein unerreichbares Ziel am Horizont.

Lamento Ende.

Dein LisPoeta

Lila Stadt - Lisboa im Juni

Lila Stadt – Lisboa im Juni

2 Gedanken.

    • Aber klar, warum sollte das hier nicht passen, liebe Nike! Selbstverständlich mache ich mich gern an die Beantwortung der Fragen!! Herzliche Grüße!

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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