LisPoeta – Winter-Edition (14. Januar 2017)

Wintersonne auf meiner Dachterrasse in Campolide (s.u.)

Wintersonne auf meiner Dachterrasse in Campolide (s.u.)

Ein neues Jahr hat begonnen und mit 2016 ist ein wahrlich aufregendes Jahr für mich zu Ende gegangen. Immer wieder stelle ich fest, dass sich in den vergangenen Jahren meine Wahrnehmung verändert hat. Zum Ende eines jeden Jahres setzt auf breiter Ebene das große Lamento darüber ein, welch furchtbares Jahr das vergangene gewesen sei – und über lange Zeit habe ich das auch selbst stets so empfunden. Unterdessen ist das jedoch anders.

Für mich war 2016 ein großartiges Jahr. Und das trotz Donald Trump, AfD und Terrorismus. Es war ein Jahr großer Umbrüche. Ich habe endlich meinen ersten Roman veröffentlicht, das war für mich persönlich sicherlich das wichtigste Ereignis. Und trotz gelegentlicher Rückschläge überwiegt das Gefühl, dass der Roman von den Lesern gut angenommen, ja von manchen regelrecht geliebt wird. Das macht mich sehr stolz und so schwierig es ist, auf dem überfluteten Markt der Literatur zu bestehen, bestärkt es dennoch auch meine Zuversicht, dass ich irgendwann einen Verlag finden und – wer weiß – sogar vom Schreiben werde leben können. Das mag naiv klingen, doch wie seit so vielen Jahren bleibt meine Devise, meine Ziele hoch zu stecken – wie Jonathan Franzen es einst so schön formulierte, immer ein wenig jenseits dessen, was erreichbar scheint.

Hinzu kamen 2016 natürlich noch mein Umzug nach Lissabon und der damit verbundene Job-Wechsel. Den Ortswechsel habe ich noch keine Sekunde bereut – und wenn es eine Sache gibt, die ich an Köln vermisse, so ist das meine Arbeit als Lehrer bei der Tandem-Sprachschule. An die Stadt selbst hingegen habe ich kaum einen Gedanken verschwendet, seit ich sie hinter mir gelassen habe. Abgesehen vielleicht von einem kurzen Aufflackern von Freude darüber, dass mir der Karnevalsbeginn am 11.11.erspart blieb – Du weißt ja, wie sehr ich als Franke den Kölschen Karneval zu schätzen wusste.

Terror in Berlin

Natürlich habe ich auch hier den abscheulichen Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin mitbekommen. Viele Worte möchte ich darüber nicht verlieren, ich schließe mich im Prinzip dem an, was Sven Hensel darüber geschrieben hat.

Was mir allerdings vor allem anderem im Gedächtnis bleiben wird, ist etwas Positives: Es ist die Unaufgeregtheit und Besonnenheit, mit der die deutsche Bevölkerung die Panikmache von BILD und Konsorten an sich abprallen ließ. Es ist die Welle der Solidarität, die sich für mich vor allem an den Menschen zeigte, die plötzlich aufgrund eines Jetzt erst recht! zu Weihnachtsmarktgängern geworden waren, obschon sie für gewöhnlich dort nicht anzutreffen gewesen wären.

Nur wenn wir uns diese Gelassenheit und diesen Sinn fürs Miteinander zu bewahren vermögen, gibt es in der Tat etwas gegen Terroristen zu verteidigen. Ein Leben in Angst und unter permanenter Überwachung nämlich widerspricht vollkommen dem, was wir verteidigen wollen.

Motto für 2017 – Mehr Freiheit leben?

Insofern: Wollen wir nicht das zum Motto unseres persönlichen Jahres 2017 machen? Die Freiheit zu zelebrieren, sie ein Stück mehr auszukosten als in den vergangenen Jahren noch und durch dieses Beispiel andere dazu anzuregen, sich ebenfalls nicht von fehlgeleiteten Fundamentalisten die Freude am Leben nehmen zu lassen? Vielleicht einmal mehr auf das scheißen, was die Nachbarn, Kollegen oder sonst wer denken mögen, und einfach das tun, wonach uns der Sinn steht?

Was denkst Du? Wollen wir das angehen?

Und was bedeutet Freiheit überhaupt für Dich? (Und ich meine tatsächlich Dich persönlich – keine generelle Definition der Freiheit an der sich die Philosophen seit Jahrtausenden versuchen.)

Für mich sind wichtige Kriterien der Freiheit, dass ich selbst darüber bestimmen kann, was ich in meinem Leben tue. Dass ich mich nicht nach Grenzen zu richten habe, die andere mir auferlegen. Dass ich unvernünftige Entscheidungen treffen darf – und vernünftige. Dass ich über die Stränge schlagen darf oder kuschelige Abende zu Hause im Bett verbringen. Dass ich lieben darf, wen ich will. Oder ablehnen. Dass ich niemandem gegenüber verantwortlich bin außer meinem Gewissen. Dass ich wählen kann, aber nicht muss.

Freue mich auf ein paar Anregungen zu diesem Thema! Wahrscheinlich liegen Deine Prioritäten wie so oft ganz anders als meine.

Anekdote

Während ich hier mit D. im Café sitze, läuft im Hintergrund gerade ein Bericht im Fernsehen. Zu sehen: Portugiesische Polizisten, die auf dem Land in verschiedenen Dörfern von Haus zu Haus laufen, bei jedem einzelnen an der Tür klingeln, um die Bewohner zu warnen, dass es in den kommenden Tagen sehr kalt werden soll und sie sich doch bitte darauf vorbereiten mögen. (Tageshöchstwerte 13° C, Tiefstwerte nachts 2-3° C)

Ja, ernsthaft. Läuft gerade im Fernsehen. Weiß gar nicht, ob ich lachen oder es nur unglaublich süß finden soll. D. lacht.

Neues Jahr – neues Zuhause

Nun aber zu etwas ganz anderem. Vor gut einem Monat habe ich Dir ja davon erzählt, dass ich umziehen muss. Natürlich gibt es auch hierzu ein Update:

Mein neues Zuhause, Außenansicht

Mein neues Zuhause, Außenansicht

Schon in der Woche nach meinem letzten Blogpost habe ich eine neue Bleibe gefunden. Ein Freund von mir aus Köln hat in Lisboa ein Haus gekauft, um es zu vermieten. Das fiel glücklicherweise genau in den Zeitraum, in dem ich auf Wohnungssuche war. Meine neue Wohnung liegt in Campolide, einem Stadtteil, der weiter vom Zentrum entfernt liegt als der, in dem ich zuvor gewohnt hatte (von hier bis zum Cais do Sodre sind es etwa 3,5 km).

Das war für mich tatsächlich ein Thema, mit dem ich mich einige Tage rumgeschlagen habe, weil ich es sehr mochte, so zentral zu wohnen – und vor allem auch Intendente, mein vorheriges Viertel, unglaublich mag. Allerdings erwies sich diese Wohnungssuche als außerordentlich schwierig und es gab verschiedene Gründe, weshalb ich mich schließlich dafür entschieden habe, in K.s Haus nach Campolide zu ziehen.

Der wichtigste davon ist sicherlich, dass ich mich in meinem neuen Zuhause stolzer Besitzer einer 40 Quadratmeter Dachterrasse nennen darf. Die Aussicht, aus diesem Platz mein persönliches Paradies unter freiem Himmel zu gestalten, wog letztlich alle Bedenken, was die Entfernung angeht, auf.

Zudem ist Campolide ein Viertel, dass von Touristen bislang beinahe vollkommen verschont geblieben ist. Das Häuschen, in dem ich lebe, liegt in einer ehemaligen Sozialbau-Siedlung, die vor hundert Jahren entstanden ist, und ist gewissermaßen ein Dorf inmitten der Stadt. Die Nachbarn grüßen sich auf der Straße, direkt gegenüber von meinem Haus gibt es bereits seit 33 Jahren das Dorf-Café Magalhães zu dem auch eine Mini-Mercado gehört, wo ich schnell ein paar Früchte erstehen oder ein Schwätzchen halten kann. Ich bin also sozusagen in einer portugiesischen Enklave inmitten der portugiesischen Hauptstadt gelandet – absurd eigentlich, aber bei dem kosmopolitschen Flair, das Lisboa unterdes anhaftet, nichtsdestotrotz erwähnenswert.

Autorenfrühstück mit Kaffee, Zigaretten und E-Book-Reader

Autorenfrühstück mit Kaffee, Zigaretten und E-Book-Reader

Eingezogen bin ich schon eine Woche bevor ich über den Jahreswechsel auf Familien- und Freundesbesuch nach Nürnberg geflogen bin. Derzeit bin ich der einzige Bewohner, das wird sich aller Voraussicht nach jedoch schnell ändern. Doch selbst ganz allein habe ich mich von Anfang an dort sehr wohl gefühlt. Ich habe wieder viel mehr das Gefühl, mein eigenes Reich zu haben, selbst gestalten zu können, und fühle mich nicht mehr so sehr als Eindringling wie in J.s Wohnung. Der Vorteil davon, etwas weiter ab vom Schuss zu wohnen, ist zudem, dass ich mehr Zeit zu Hause verbringe und dadurch ruhiger werde. Das kann einem umtriebigen Gesellen wie mir nie schaden (bereite mich mental schon auf meinen Rentenantrag vor – fürchte nur, da ist nicht viel zu holen).

Der LisPoeta-Geheimtipp der Woche

Jardim da Parada (Campo de Ourique)

Campo de Ourique ist ein Viertel, in das sich bislang nur wenige Touristen verirren – und wenn dann eher zufällig, falls sie mit der berühmt – und mittlerweile wohl auch – berüchtigten Straßenbahnlinie 28 zur Endhaltestelle, dem Friedhof Prazeres, fahren, dort aussteigen und tatsächlich ein wenig herumschlendern.

Pasteleria "O Meu Café" am Jardim da Parada

Pasteleria „O Meu Café“ am Jardim da Parada

Campo de Ourique ist bekannt für sein reichhaltiges Angebot an Gebäck und Süßwaren. Hier finden sich hier zahlreiche hervorragende Pastelerias, wo – neben den jederman bekannten Pasteis de Nata – noch allerlei andere Köstlichkeiten in den Auslagen liegen, die es zu probieren lohnt.

Jardim da Parada

Jardim da Parada

Mädchen im Baum, Jardim da Parada

Mädchen im Baum, Jardim da Parada

Typische blau gefließte Häuser am Rande des Parks

Typische blau gefließte Häuser am Rande des Parks

Inmitten der Straßen findest Du mit dem Jardim de Parada ein wahres Kleinod von einem Park. Um einen kleinen Teich herum tummeln sich die Menschen. Kinder spielen auf dem Spielplatz oder klettern auf Bäume, alte Männer halten einen Plausch auf Parkbänken, Frauen sitzen lesend in der Sonne. Ein zur Hamburgueria umfunktionierter Kiosk lädt ebenso zum Verbleib ein wie die Casa de Chocolate oder die Cafés, die den Park säumen. Zu verschiedenen Gelegenheiten bieten Stände örtliches Kunsthandwerk zum Verkauf an.

In der Sonne lässt es sich an einem Wintermittag auch draußen aushalten

In der Sonne lässt es sich an einem Wintermittag auch draußen aushalten

Wen der Hunger plagt, findet in der Hamburgueria (auch vegetarische) Abhilfe

Wen der Hunger plagt, findet in der Hamburgueria (auch vegetarische) Abhilfe

Rundum, dieser Park ist ein wunderbarer Ort, um die Lebensweise der Lisboetas in Reinform zu genießen.

Damit verabschiede ich mich für heute. Am Montag geht es für mich erstmal nach Marokko – bin schon sehr gespannt!

Wir lesen uns!

Dein LisPoeta

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