LisPoeta – Umarme die Armut (04. März 2017)

Sonntagsspaziergang - geht auch ohne Geld

Sonntagsspaziergang – geht auch ohne Geld

Erinnerst Du Dich noch, wie ich vor fünfzehn Jahren gelebt habe? Arbeiten nur, wenn es unumgänglich war, dafür mit der Konsequenz leben, praktisch nichts zu haben außer jeder Menge Zeit? Was für ein großartiger Abschnitt in meinem Leben das war! Wie viele wunderbare Stunden ich damals – vollkommen losgelöst von allen Nöten – in Gesprächen mit meinen Freunden verbracht habe!

Deshalb war ich zunächst gespalten, als ich nach meiner Rückkehr aus Marokko Kassensturz machte (ich weiß, war unheimlich clever von mir, das erst nach meiner Reise zu tun) und feststellte, dass es bis zu meiner ersten Tour im März gelinde gesagt unglaublich knapp wird.

Denn, weshalb sollte ich nicht wieder ohne Geld leben können? War das mehr als eine weitere Herausforderung?

Als solche jedenfalls wollte ich es betrachten. Wahl blieb mir ohnehin keine – es sei denn, ich hätte eine der Grundfesten meines Lebens umgeworfen, nämlich die, niemals Schulden zu machen. Das wollte ich auf keinen Fall.

Oft hast Du mich gefragt: Wie machst Du das? Wie traust Du Dich, so ungebunden zu leben?

Nun, einen Teil der Antwort hast Du hier: Ich bin nur für mich selbst verantwortlich und mache mich nicht von anderen Menschen abhängig, indem ich mich verschulde. Das hat bisher immer funktioniert und war auch diesmal der Grund, weshalb ich jedes Angebot meiner Freunde und Familie, mir Geld zu leihen, abgelehnt habe. Wobei ich diese bedingungslose Bereitschaft von so vielen Menschen, mir finanzielle Hilfe anzubieten, wirklich zu schätzen wusste.

Historia do Gato e a Lua - die Geschichte von der Katze und dem Mond. Streetart

A Historia do Gato e a Lua – die Geschichte von der Katze und dem Mond. Streetart

So knapp wie diesmal war es jedoch nie zuvor, muss ich zugeben. Ab dem Moment, wo ich eine grobe Idee von meiner finanziellen Schieflage hatte, zog ich also mehrere Konsequenzen.

Die erste natürlich: nicht mehr weggehen. Denn das ist mit Abstand der größte Geldfresser in meinem Leben. Gin Tonic und ich haben eine viel zu intime Beziehung. Und ich bin sicher, es tat ihm ebenso weh wie mir, diese auf Eis zu legen.

Doch dabei konnte ich es nicht bewenden lassen. Ich musste weiter gehen. Im Pingo Doce (der hiesigen Supermarktkette) kaufte ich nur noch die Angebote im Gemüseregal. Allem voran die drei K: Kohl, Karotten und Kartoffeln. Dazu Orangen wegen des Vitamin-Haushalts. Schließlich wollte ich mir keinen Skorbut einfangen. Auf lange Frist rechnen sich schlicht die Zahnarzt-Kosten nicht.

Zu meiner Überraschung stellte ich fest, dass mir das viel schwerer fiel als erwartet. Nicht wegen der drei K. Mehr deswegen, weil ich plötzlich zu Hause festsaß – und mir hier bislang die Kreise fehlen, um mal einen Abend bei jemand anderem zu Hause zu verbringen.

Mit einem Mal fühlte ich mich abgeschnitten vom Leben in Lisboa, dass ich doch so sehr liebe. Klar unternahm ich noch immer Spaziergänge – doch auch dabei ertappte ich mich bei dem Hintergedanken, ob es jetzt wirklich okay sei, dieses Pastel de Nata zu essen oder einen Kaffee zu trinken. Sobald etwas mehr als 1,50 Euro kostete, war es definitiv raus.

Kunst ist, was Du draus machst: Licht durch Bauzaun.

Kunst ist, was Du draus machst: Licht durch Bauzaun.

Fado-Skulptur in Belem, Sonntagsspaziergang

Fado-Skulptur in Belem, Sonntagsspaziergang

Andererseits blieb mir nichts anderes übrig, als die Herausforderung anzunehmen – und, interessanter Nebeneffekt, kurz bevor ich für eine Woche zum Pre-Season-Meeting nach Lille fuhr, nahm ich die Arbeit an meinem Roman wieder auf. Ich schrieb nach einem halben Jahr Stillstand endlich ein weiteres Kapitel.

Warum aber war es so viel schwerer, auf die kleinen Annehmlichkeiten des Alltags zu verzichten als damals, als ich Mitte zwanzig war? Ist es die Gewöhnung? Schließlich muss ich mir normalerweise nichts mehr vom Mund absparen?

Bislang habe ich darauf keine Antwort.

Hat es mit dem Älterwerden zu tun? Und, sollte das so sein, was hat das für Konsequenzen für meine Zukunftsplanung? Du weißt ja, mein Augenmerk ist nicht eben auf die Rente gerichtet…

Zum Glück hatte ich meinen Freund K., der mich gleich mehrmals zum Essen ausführte, sodass mir nicht gänzlich die Decke auf den Kopf fiel. Und auch meine allsamstäglichen Treffen mit D. blieben bestehen. Die wollte ich um nichts in der Welt aufgeben, ist er doch der Mensch, der mir in dieser Stadt am vertrautesten ist. Was das für mich bedeutet, ist kaum in Worte zu fassen. Seine Freundschaft erspart mir das Gefühl zu vereinsamen. Du weißt, wie gern ich mich mit Menschen umgebe, zugleich aber kann ich gut allein sein. Durch die Treffen mit D. empfinde ich mein Alleinsein nicht als Einsamkeit. Mit ihm teile ich meine intimsten Gedanken und Gefühle und weiß, dass er kein Problem damit hat, mir den Kopf zurechtzurücken, wenn ich fehlgehe. Auch kommt er zu mir, wenn er Rat braucht. Das gibt mir das Gefühl, gebraucht zu werden, welches wiederum ich sehr brauche.

Außerdem – und das ist nicht das Unwichtigste – lachen wir viel zusammen. Das ist allein oft eher schwierig – nicht unmöglich, aber schwierig.

Amoreiras im Abendlicht

Amoreiras im Abendlicht

Die vorletzte Woche verbrachte ich dann in Lille. Diese fünf Tage mit meine fantastischen Kollegen waren Balsam, da ich zuvor so viel zu Hause gewesen war. Das ist einer der besten Aspekte dieses Jobs – wir sind eine Gruppe wirklich außergewöhnlicher Charaktere. Unter den 650 anwesenden Leuten fiel es mir unglaublich schwer, eine Auswahl zu treffen, mit wem ich am liebsten meine Zeit verbringen wollte. Gerade zu den Menschen, die gemeinsam mit mir letztes Jahr das Assessment-Centre absolviert hatten, habe ich inzwischen eine echte Bindung. Dazu kamen die vielen neuen Menschen, die ich kennen lernen durfte und mit denen ich wunderschöne Gespräche hatte. Das ließ sogar meinen schnarchenden rumänischen Mittfünfziger im Zimmer zur Nebensächlichkeit werden. Viel Schlaf allerdings sollte ich in den sechs Nächten nicht abbekommen. Meist kaum mehr als drei, vier Stunden im Sägewerk…

In der kommenden Woche geht es dann endlich mit meiner ersten Tour für dieses Jahr los und ich sage Dir – da ich jetzt fast ein halbes Jahr kaum etwas gemacht habe, freue ich mich richtig aufs Arbeiten. All meine Touren bis Mai beschäftigen sich mit dem ersten und dem zweiten Weltkrieg – insofern eher schwere Kost. Aber zugleich spannend für mich, weil ich viele Orte neu entdecken darf, die ich bislang nur aus den Geschichtsbüchern kenne.

Nun aber:

Der LisPoeta-Geheimtipp der Woche:

Rua Benformoso – Little India

Es gibt ganz in der Nähe des Largo de Intendente eine Straße, die anders ist als alle Straßen, die ich sonst in Lisboa kenne. Für mich nenne ich sie Little India – obwohl Little Bengal vielleicht angebrachter wäre. Du bist kaum ein paar Meter von einer der beiden großen Ausfallstraßen entfernt (Rua da Palma) und fühlst Dich doch, als wärst Du in einer anderen Welt. Eine Halal-Metzgerei reiht sich an die nächste, ein indisches Restaurant neben dem anderen – und dazwischen jede Menge kleiner Supermärkte, alles fest in bengalesischer Hand.

Little India: Rua do Benformoso

Little India: Rua do Benformoso

Rua do Benformoso Little India, Lisboa

Streetlife, Rua do Benformoso

Streetlife, Rua do Benformoso

Das Essen in diesen Restaurants ist nicht nur billig (so billig, dass ich mir so gar in den vergangenen Wochen der Armut dort einen Snack gönnte), sondern auch lecker. Es schmeckt tatsächlich so, wie ich es damals in Indien erlebt habe und nicht wie in vielen der anderen europäisierten indischen Restaurants, die Du überall in Lisboa findest. Portugiesisch spricht dort beinahe niemand – mit Englisch kommst Du aber gut durch.

Streetart in Little India

Streetart in Little India

Eine Erfahrung für sich ist ein Besuch bei meinem indischen Friseur. Seit Jahren lasse ich meine Haare immer im gleichen Salon schneiden: Preis: 5 Euro. Aus dem Fernseher dröhnt lautstark indische Musik, über den Spiegeln hängen Fotos des berühmten Shahrukh Khan und anderer indischer Filmstars, die als Frisurenmodelle dienen. Mitbringen musst Du allerdings ein wenig Geduld. Denn was in einem deutschen Friseur-Salon in 7 Minuten abgehandelt ist, dauert hier schnell mal eine Dreiviertel-Stunde. Da wird rasiert und rasiert und rasiert, dann geschnippelt und geschnappelt und noch ein wenig mehr hier und ein kleiner Härchen da.

Sollte jemand vor Dir dran sein – naja, wie gesagt, bring ein wenig Geduld mit. Entspanne dich einfach und suhle dich in einer der letzten verbliebenen Domänen reiner Männlichkeit. (Frauen müssen sich leider einen anderen Friseur suchen, aber gibt es ja genug…)

Als es tatsächlich einmal sehr lange dauerte, bekam ich dafür im Anschluss an meinen Haarschnitt noch eine 20-minütige Oberkörper-Massage gratis dazu. Auch die lohnt sich zweifelsohne und gibt es normal für 5 Euro extra.

Der Friseur-Salon meiner Wahl

Der Friseur-Salon meiner Wahl

Das war es für diese Woche!

Solltest Du Ideen zum Zusammenhang zwischen Älterwerden und steigendem Anspruchsdenken haben, teile sie gern mit mir! Ansonsten bis zum nächsten Mal – dann wohl schon nach meiner ersten Tour für dieses Jahr!

Dein LisPoeta

2 Gedanken.

  1. Ich finde, in fortgeschrittenem Alter ist es einfach, zu verzichten und lieber den Leidenschaften wie dem Schreiben zu frönen. Sofern Du keine Kinder hast, die sehnsüchtig gucken, wenn sie überteuerte Smoothies entdecken. Für mich selbst kann ich mich daran freuen, auf unnötigen Luxus zu verzichten und stattdessen freie Zeit zu haben. Auf der anderen Seite will ich im Schreibcoaching auch den Preis erzielen, den ich wert bin – und nicht schlechter als eine Kosmetikerin bei Dr. Hauschka bezahlt werden nach drei Studiengängen und diversen Ausbildungen zum Schreibtherapeuten et cetera.
    Die Konsequenz: Lieber nein sagen, wenn einer jault, er könne sich das Coaching nicht leisten, als ewig Sonderpreise zu geben. In der freien Zeit dann: An eigenen Buchprojekten schreiben! LG aus Berlin – Sudi

  2. Ich habe den Bericht gerade erst gelesen und fand ihn, wie alle Deine Berichte, sehr interessant und aufschlussreich. Und die Bilder sind einfach toll. Ich bekomme total Sehnsucht nach Lissabon!!!

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