LisPoeta – Schimmelkaskaden und Haarausfall (30. April 2016)

Nach insgesamt acht Monaten in Lisboa dachte ich, mich könne so schnell nichts mehr überraschen, doch weit gefehlt. Ich bin nun seit gut einer Woche hier und habe etwas getan, was ich bei meinen letzten Aufenthalten noch nie für nötig befunden hatte: Ich habe tatsächlich mein Zimmer gewechselt.

Du kennst mich, ich bin wirklich ziemlich flexibel, aber dieses Mal ging es mir zu weit. Donnerstag kam ich in der über uniplaces gebuchten Wohnung an – anders als über eine solche Website, die noch dazu eine fette Kommission einstreicht, ist es aus der Ferne leider nicht möglich ein Zimmer zu finden. Die Vermieterin war super nett, wenngleich ein wenig verpeilt – damit, dass ich für die Wohnung auch einen Schlüssel bräuchte, hatte sie beispielsweise nicht gerechnet, die Beschaffung dauerte jedoch kaum 24 Stunden – allerdings war die Putzfrau gerade noch zu Gange – oder, wie ich umgehend herausfand, eigentlich nicht. Es sah nur so aus. Also, sie war durchaus anwesend, gleichsam nett, aber nachdem sie gegangen war, war ich gelinde gesagt erstaunt über den Zustand der Wohnung.

Gut, für die Schimmelkaskaden an den Badezimmer-Wänden konnte sie nichts. Was will man erwarten, wenn das Bad zwischen Korridor und Küche liegt, also kein Außenfenster hat – und das Fenster zur Küche aus selbst erklärenden Gründen weder beim Duschen noch beim Toilettengang geöffnet werden sollte. Dass sich im Abfluss jedoch auch nach ihrer Putz-Session (das Wort Orgie vermeide ich hier geflissentlich) noch mehr Haare befanden als auf Peter Altmaiers Kopf, fand ich dann doch irritierend.

Aber so leicht lasse ich mich nicht ins Bockshorn jagen. Aller Anfang ist schwer, dachte ich mir, und griff beherzt zum Toilettenpapier, um die Angelenheit im wahrsten Wortessinne beim Schopfe zu packen.

So weit, so gut. Die Küche aber hielt weitere Überraschungen bereit. Dass der Schrank von der Wand gefallen war und jetzt neben der Küchentür im Flur auf dem Boden stand, hatte die Vermieterin bereits erwähnt und auch, dass dafür gesorgt würde, dass er an seinen angestammten Platz zurückwandere. Amanhã heißt auf Portugiesisch übrigens morgen. Nützliches Wort.

Auch dass die Küche eine Gesamtgröße von etwa 8 Quadratmetern aufwies – gut, wir waren nur zu viert auf den etwa 60 Quadratmetern der Wohnung – fand ich hinnehmbar. Dass ich jedoch beinahe mit blossem Auge an der klebrig-öligen Wand ringsum den Herd hängen blieb, überforderte mich dann doch. Zum Glück öffnete ich den Kühlschrank erst am zweiten Tag.

Ich schluckte also, biss die Zähne zusammen und ließ mich auf mein Bett fallen, nur um festzustellen, dass jede einzelne der Bettfedern mir persönlich guten Tag sagen wollte. Na das konnte ja heiter werden.

Am besten erstmal direkt das Haus verlassen, um mit N., die aus der Algarve mit nach Lisboa gekommen war, einen Drink zu nehmen.

Ach so, aber da war ja was! Kein Schlüssel!

Die Vermieterin hatte mir gesagt, sie komme auf jeden Fall vor halb neun wieder, um mir den Schlüssel zu bringen. Um Viertel nach acht war die Putzfrau wieder da und sagte mir, es sei um diese Zeit gar nicht so einfach einen Schlüssel zu organisieren, weil die Geschäfte, in denen man Schlüssel nachmachen lassen konnte, bereits geschlossen hatten, aber ich solle ruhig gehen – die Vermieterin würde mir den Schlüssel später bringen.

Also doch endlich raus aus dem Loch und rein in mein geliebtes Lisboa. Zwar war ich skeptisch, aber ich dachte, wenn sie es sagt, wird sie es wohl machen.

Hatte sie auch vor. Sicherlich.

Aber es kam anders. Um halb elf klingelte mein Telefon. Die Vermieterin. Ja, also heute klappe das leider nicht mehr. Aber amanhã, da ganz bestimmt. Sie habe auch schon mit meinem Mitbewohner M. gesprochen, der sei sicher noch bis Mitternacht wach, ob das für mich ein Problem wäre.

Kein Problem, natürlich. Vor allem nicht, wo es doch zu Hause sowieso am schönsten ist.

M. war dann doch noch deutlich länger wach. Nicht, dass mich das was anginge, aber, ob ich wollte oder nicht, ich bekam es auf jeden Fall mit, da unsere Zimmer durch eine Tür verbunden waren (die man nicht öffnen konnte – nehme ich jetzt einfach mal an), über der sich allerdings ein Fenster befand, dass mit lichtfreundlichem weißem Papier abgeklebt war, sodass ich nicht nur jede seiner Bewegungen hören, sondern auch das Licht in seinem Zimmer sehen konnte.

Ich schlief trotzdem. Irgendwann.

Tags darauf war ich gegen Abend dann auch schon der stolze Besitzer eines Haustürschlüssels. Nun, er war jetzt nicht eben perfekt, ich musste ein wenig aufpassen, weil der Wohnungsschlüssel aus zwei Teilen bestand, die ich ineinanderstecken musste und von dessen einem ich immer befürchtete, dass er eines Tages im Schloss verbliebe, aber wer braucht schon einen perfekten Schlüssel. Es gibt wahrlich Wichtigeres im Leben.

Einen sauberen Kühlschrank zum Beispiel.

Aber so ein Fach im Kühlschrank ist ja auch schnell geputzt, sind wir mal ehrlich. Also, vorausgesetzt es gibt einen Lappen, der sich nicht bereits in seine einzelnen widerlichen Bestandteile auflöst. Aber so ein Lappen, nun, der ist ja schnell gekauft – ein paar Schwämme und Toilettenpapier dazu – schon kann eigentlich gar nichts mehr schief gehen.

Außer, dass die Mitbewohner bei Mama vielleicht noch nicht gelernt haben, dass man Teller und Töpfe nach dem Essen abspülen sollte. Nicht muss, natürlich, ist alles eine freie Entscheidung, oder?

Und natürlich kann man leere Sardinendosen und angetrocknete Thunfisch-Pasta einfach oben auf eine überquellende Plastiktüte im Mülleimer packen, das, seien wir vollkommen aufrichtig, steht einem als erwachsenem Menschen frei.

Du wirst es nicht glauben, aber trotz alledem habe ich eine Woche gebraucht, bis ich mich durchgerungen hatte, dass in diesem Falle meine persönliche Schmerzgrenze überschritten sei. Koste es, was es wolle – und Abmachung hin oder her.

Zum Glück hatte meine Vermieterin direkt ein Einsehen. Sie war nämlich wirklich sehr nett (und in Portugal gibt es durchaus auch andere Kaliber, nicht so, dass ich das noch nicht erlebt hätte). Sie konnte auch nachvollziehen, dass ich keinerlei Verlangen danach hatte, die Erziehung meiner Mitbewohner zu übernehmen. Dafür komme ich mir nämlich langsam zu alt vor. Also bekam ich alles, was ich über die ersten zwei Wochen hinaus bezahlt hatte (natürlich abzüglich der Kommission, die sie hatte bezahlen müssen), zurück und zog in die Wohnung zweier Freunde von N.

Seit ich hier bin – also seit zwei Nächten – fühle ich mich ungleich wohler. Das merke ich schon daran, dass ich mich endlich wieder an die Arbeit an meinem nächsten Roman gemacht habe. Zudem daran, dass ich nicht täglich nach dem Aufwachen das beinahe zwanghafte Gefühl habe, umgehend die Wohnung verlassen zu müssen.

Alles in allem aber – und daran konnte noch nicht einmal die miese Absteige zuvor etwas ändern – liebe ich es, wieder in Lisboa zu sein. Ich spüre sofort, wie etwas in mir aufblüht. Wahrscheinlich ist es schlicht das Gefühl von Heimat, das ich in dieser Stadt empfinde, seit ich vor vier Jahren zum ersten Mal hier war.

Gehab Dich wohl!

Dein LisPoeta

Ach, und natürlich bekommst du auch wieder ein Foto.

Straßenmusiker am Rossio, Lisboa

Straßenmusiker am Rossio, Lisboa

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