LisPoeta – Rückschläge (10. Dezember 2016)

Torre de Belém, Lisboa

Torre de Belém, Lissabon

Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Leider steckt in diesen alten Volksweisheiten oft viel Wahrheit. War ich vor zwei Monaten noch fassungslos über das Glück, das mir bei meinem Umzug widerfuhr, sitze ich in diesem Augenblick hier und frage mich, auf welche Art und Weise ich Dir darüber schreiben soll, dass meine Mitbewohnerin mich aufgefordert hat, aus der Wohnung, die mir so perfekt erschien, auszuziehen. Wie Dir darüber schreiben, ohne unfair zu sein, weil – zwei Seelen schlagen ach in meiner Brust – ich einerseits verstehe, dass ihr Wunsch nichts mit mir persönlich zu tun hat und ich andererseits trotzdem seit Wochen mit dem Gefühl lebe, mich in dem, was im Augenblick noch immer mein zu Hause ist, nicht mehr willkommen zu fühlen?

Wahrscheinlich hat meine Schwierigkeit mich auszudrücken gerade damit zu tun, wie ich mich Dir und den anderen gegenüber gerne präsentiere. Die Generation Social Media mit ihrem ewig währendem Glück. Heute scheint es mir schwerer denn je, sich mit meinem persönlichen Scheitern auseinanderzusetzen, es nicht vor Dir zu verstecken. Denn danach fühlt die derzeitige Situation sich an: Scheitern.

Warum Scheitern?

Gute Frage, denn ich habe mir nichts vorzuwerfen. Vielleicht ist aber gerade das das Problem. Ich glaube J., dass ihr Wunsch, allein zu leben und lieber tageweise Menschen zu beherbergen, nicht gegen mich gerichtet ist. Dennoch fiele es mir möglicherweise leichter, die Situation zu ertragen, wenn ich die silbernen Löffel ihrer Großmutter verscherbelt hätte. Mag daran liegen, dass es uns Menschen generell leichter fällt, Kausalzusammenhänge zu akzeptieren. Und falls keine augenfälligen vorhanden sind, welche zu konstruieren. In dieser Hinsicht bewege ich mich quasi im luftleeren Raum.

Hinzu kommt, dass mir der Ansatzpunkt für die Wohnungssuche in Lisboa fehlt. Es gibt zwar Internetportale, allerdings habe ich mit denen eher schlechte Erfahrungen gemacht (LisPoeta – Schimmelkaskaden und Haarausfall). Das Problem ist, dass es bei uniplaces beispielsweise nicht die Möglichkeit gibt, sich die Wohnung zuvor anzusehen. Eine WG-Kultur, wie sie in Deutschland verbreitet ist, existiert in Portugal nicht. Für gewöhnlich gilt die Devise: wer bezahlen kann, bekommt das Zimmer. Das heißt, der Vermieter wählt aus, wer zusammenlebt. Für mich als Deutschen ein schwer nachvollziehbares Konzept, das zu mittelschönen Erlebnissen im Zusammenleben führt. So sehr mir als WG-Mitbewohner in Deutschland die sogenannten Mitbewohner-Castings verhasst waren, hatten sie doch zur Folge, dass wir am Ende stets zumindest eine grobe Vorstellung davon hatten, wen wir uns ins Haus holten. Klar, Garantien gab es auch dabei keine – und nicht jeder, der auf den ersten Blick wie ein Sonnenschein fürs WG-Klima wirkte, stellte sich im Nachhinein auch als solcher heraus.

Er wäre vermutlich ein Sonnenschein fürs WG-Klima

Er wäre vermutlich ein Sonnenschein fürs WG-Klima

Hund am Strand von Belém

Insofern versuche ich gerade, ein Zimmer über die Kontakte zu finden, die ich hier habe – und auch J. unterstützt mich dabei mit ihren Kontakten. Einfach ist es dennoch nicht. Nenn mich anspruchsvoll, aber ich habe nicht vor, auf acht fensterlosen Quadratmetern unter Neonröhren zu leben. Auch in eine Wohnung ohne Küche werde ich nicht einziehen, selbst wenn die Vermieterin mir vorschlägt, ich dürfe jederzeit eine kaufen oder könne mir ja eine Mikrowelle anschaffen.

Letztlich weiß ich natürlich nicht, was das Ganze bringen wird und im Nachhinein mag sich der Umzug gar als positiv herausstellen. Angst, und die bringt den Verlust der Wohnung mit sich, ist immer eine negative Projektion auf die Zukunft. Das hatten wir schon – ich weiß – und ich versuche es mir hin und wieder ins Gedächtnis zurückzurufen. Kurzfristig schaffe ich es damit, mich zu beruhigen. Langfristig überwiegen gerade Unruhe und Sorge. Es hat doch weitreichende Konsequenzen, wenn eine der fünf Säulen der Identität ins Wanken gerät.

Besuch aus Nürnberg - hier im Panoramico de Monsanto

Besuch aus Nürnberg – hier im Panoramico de Monsanto

Erstaunlich finde ich trotzdem, wie gut es mir hier zugleich dennoch geht. Sobald ich durch die Straßen der Stadt laufe, abends durch die Kneipen ziehe oder kleine Ausflüge in die Umgebung mache, empfinde ich noch immer das unbändige Glücksgefühl und bin mir sicher, die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Glücklicherweise hatte ich vergangene Woche noch dazu Besuch von zwei wunderbaren Freundinnen aus Nürnberg und ihre Anwesenheit ließ mich meine Sorgen ohnehin vergessen. In solchen Momenten wird mir manchmal klar, welch ein Geschenke es wäre, wieder einmal mit meinen engen Freunden in derselben Stadt zu wohnen. Zugleich freue ich mich dann darauf, hier mehr Menschen kennen zu lernen und neue Freundschaften zu knüpfen. Panoramico de Monsanto

Ohnehin habe ich ein Gefühl in diesen letzten Monaten nie empfunden – ganz im Gegenteil zu meiner Zeit hier im Frühjahr: Einsamkeit. Fast habe ich den Eindruck, dass ich hier mehr Zeit in Gegenwart von Menschen verbringe, als ich das in Köln getan habe. Und da war ich immerhin fünfeinhalb Jahre lang. Klar, bei den Menschen, mit denen ich hier Zeit verbringe, handelt es sich oftmals um kurzzeitige Bekanntschaften, Menschen, die ich nur einen Abend oder vielleicht ein paar Tage lang sehe und erlebe – das wiederum ist allerdings etwas, was ich mag, da es meinem hiesigen Leben den Charakter einer Reise verleiht.

Bei meinem Ausflug nach Setúbal beispielsweise wanderte ich durch den Parque de Arrábida.

Wunderbarer Ausblick vom Parque da Arrábida

Wunderbarer Ausblick vom Parque da Arrábida

Blick aus einer Windmühlen-Ruine im Parque da Arrábida

Blick aus einer Windmühlen-Ruine im Parque da Arrábida

Treppen in einer verfallenen Windmühle, Parque da Arrábida

Treppen in einer verfallenen Windmühle, Parque da Arrábida

Als ich an einem Haus vorbeikam, rief mir eine alte Dame zu, ob ich nicht auf ihr Grundstück kommen und von dort aus ein Foto machen wolle, weil die Aussicht besser sei. Aus dieser Begegnung entwickelte sich ein halbstündiges Gespräch mit besagter Maria de Lourdes, die ihr ganzes Leben in dieser einsamen Hütte auf einem Hügel hinter Setúbal verbracht hatte und stark auf die achtzig zuging. Um uns herum streunten drei Hunde (einer davon gerade mal einen Monat alt) und zwei Katzen. Maria de Lourdes erzählte mir von den 30 Jahren ihres Lebens, die sie als Arbeiterin in einer Konservenfabrik für Sardinen verbracht hatte, bis diese ihre Pforten für immer schloss. Die Herzlichkeit und Offenheit, mit der mir die Menschen hier begegnen, beeindruckt mich jedes Mal aufs Neue. Maria de Lourdes bat mich, mir doch Orangen vom Baum mitzunehmen, nachdem sie meine Wasserflasche aufgefüllt hatte, bevor ich weiterziehen wollte. Ich solle doch mit meinen Freunden wiederkommen, um sie zu besuchen. Filho, nannte sie mich, als wir uns verabschiedeten, mein Sohn.

Maria de Lourdes mit einmontigem Welpen

Maria de Lourdes mit einmontigem Welpen

Maria de Lourdes, fotografiert, während sie mir ihre Geschichte erzählt.

Maria de Lourdes, fotografiert, während sie mir ihre Geschichte erzählt.

Neu beim LisPoeta – nur für Dich:

Der LisPoeta-Geheimtipp der Woche:

Da ich diese Stadt nun doch schon ein Weilchen kenne, will ich Dir hier einige sehenswerte Orte vorstellen. Diese Woche beginne ich mit dem:

Panorâmico de Monsanto

Ein alter Aussichtspunkt in der Ruine eines geschlossenen Restaurants auf dem neben Lisboa gelegenen Monsanto-Hügel ist auf jeden Fall einen Besuch wert, wenn Du keine Angst hast, durch Glasscherben zu stapfen und Ruinen zu erkunden.

Innenleben des ehemaligen Restaurants - heute voller Graffiti

Innenleben des ehemaligen Restaurants – heute voller Graffiti

Was Dich erwartet:

Eine großartige Aussicht über die ganze Stadt, die Ponte-25-de-Abril-Brücke und die Cristo-Rei-Statue auf der anderen Seite des Flusses bis hinaus auf den atlantischen Ozean hinter Cascais. Empfehlenswert ist es, zu bedenken, dass es auf dem Miradouro sehr windig werden kann. Außerdem heißt es, die Ruine mit ein bisschen Vorsicht zu erkunden. Dennoch: einer der besten Orte, die ich hier bislang entdeckt habe!

Panorâmico de Monsanto, Außenansicht

Panorâmico de Monsanto, Außenansicht

Panorâmico de Monsanto

Aussicht über Lisboa vom Panorâmico de Monsanto, im Vordergrund der Aquädukt

Panorâmico de Monsanto

Panorâmico de Monsanto: Blick auf Cristo Rei und Ponte 25 de Abril

Panorâmica de Monsanto: Aussicht in Richtung Atlantik

Panorâmica de Monsanto: Aussicht in Richtung Atlantik

Dorthin gelangt man am besten über eine kleine Wanderung den Monsanto hinauf. Ein guter Anfangspunkt, ist die Bahnlinie und die Autobahn am Bahnhof Campolide zu überqueren und dann den Treppen den Berg hinauf zum Beginn des Aquädukts zu folgen. Hinein kommst Du schließlich durch ein Loch im Zaun, direkt neben der verschlossenen Einfahrt. Bei google-maps steht, dass der Aussichtspunkt permanent geschlossen ist – das stimmt, oder auch nicht, je nachdem, wie man es betrachtet. Lass Dich davon also nicht abhalten.

So, für heute verabschiede ich mich von Dir, allerdings nicht ohne mich noch einmal für den fantastischen 16. Platz beim Lovelybooks-Leserpreis zu bedanken. Das Mosaik der verlorenen Zeit war als eines der ganzen wenigen Selfpublishing-Bücher dort auf die Shortlist gekommen und schlug sich wacker neben so bekannten Autoren wie Jeffrey Archer. Ohne Deine Hilfe wäre das nicht möglich gewesen!

Sétubal

Sétubal

Sétubal - Sonnenuntergang am Meer

Sétubal – Sonnenuntergang am Meer

Zum Schluss möchte ich Dir noch ein paar Links ans Herz legen, da in den vergangenen Wochen viel über mich und das Mosaik der verlorenen Zeit geschrieben wurde.

Solltest Du also einen Blick darauf werfen wollen, hier, bitte schön:

Diabooks 78 Eine Rezension über das Mosaik, die mein Autorherz höher schlagen ließ!

Vom ewigen Suchen – ein Interview, das Eva-Maria Obermann auf ihrem Blog Schreibtrieb mit mir geführt hat – und das mir jede Menge Spaß gemacht hat.

Der Blogbuster-Preis, Elyseo da Silva und ich – ein wunderbar lustiger Beitrag von Katharina Hermann zu meiner Bewerbung beim Blogbuster-Preis.

Das Jahr der verlorenen Zeit – ein Blogbeitrag von meinem bislang ausschließlich virtuellen Freund JMVolckmann von den BartBroAuthors.

Ich jedenfalls habe mich über jeden einzelnen dieser Texte sehr gefreut!!

Dein LisPoeta

 

4 Gedanken.

  1. Hallo Elyseo,

    ein interessanter, nachdenklicher und doch trotz aller Schwierigkeiten auch positiver Text. Danke dafür, ich habe ihn gern gelesen. Und deine Fotos gefallen mir auch sehr gut, da bekomme ich gleich Fernweh 🙂
    Dir viel Erfolg bei der Wohnungssuche und frohe Weihnachten!

    Beste Grüße
    Peter von 100woerter.de

    • Vielen lieben Dank, Peter! Bin unterdessen schon umgezogen – das Update kommt auf jeden Fall nach Weihnachten! Dir ebenfalls frohe Feiertage und auf bald!

      Elyseo

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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