LisPoeta – Marokko I (04. Februar 2017)

Katze im Blumentopf, Marrakesch

Katze im Blumentopf, Marrakesch

Vor knapp vier Wochen kam mein ehemaliger Schüler A. nach Lisboa, um mich zu besuchen. Als wir am zweiten Morgen seines Besuchs auf meiner Dachterrasse frühstückten, überlegten wir uns, dass wir eigentlich nach Marokko fahren könnten.

Gesagt, getan. Am Montag darauf ging es los: Lissabon – Marrakesch.

Doch in dieser Woche zuerst:

Der LisPoeta Geheimtipp der Woche

Quatro ao Rato
Quatro ao Rato

Quatro ao Rato

Wer kennt es nicht, das Bedürfnis, sich einfach mal in Ruhe in ein Café zu setzen, einen Kaffee zu trinken, vielleicht eine Kleinigkeit zu essen und dazu in aller Ruhe ein Buch zu lesen. Wenn Du Dich gerade irgendwo in der Nähe des Bairro Alto, Príncipe Real oder des Jardim da Estrela aufhältst, möchte ich Dir dieses Café ans Herz legen. Direkt an der Metro-Station Rato (Endstation der gelben Metrolinie) gelegen, ist das Quatro ao Rato ein Ort, an den ich immer wieder gern zurückkehre, seit ich ihn entdeckt habe. Obwohl der Largo do Rato nicht gerade ein ruhiges Fleckchen in der Stadt ist, sitze ich dennoch gern draußen an den wenigen Tischen vor dem Café und beobachte das Treiben auf der Straße.

Ist es zu windig oder zu kalt, ist es drinnen gemütlicher. Ein Sofa und mehrere Tische und Stehtische laden zum Verweilen ein. In der Kuchenvitrine findet sich von leckerem Schokoladenkuchen über Pasteis de Nata bis hin zu Salgados (das ist herzhaftes Gebäck) alles, was das Herz begehrt. Zudem gibt es täglich drei Tagesgerichte: eins mit Fleisch, eins mit Fisch – und, man halte sich fest: eins für Vegetarier! Das ist in Lisboa bislang leider noch immer eher die Ausnahme.

Langjährige Geschichte als Café: Quarto ao Rato

Langjährige Geschichte als Café: Quarto ao Rato

Langjährige Geschichte als Café: Quarto ao RatoEin großes Plus ist das Personal. Schon beim zweiten Mal wurde ich wiedererkannt – und hatte das Gefühl, besonders herzlich begrüßt zu werden. Mag meine persönliche Einbildung sein, aber, sind wir mal ehrlich, selbst wenn sie es bei jedem so machen: es funktioniert!

Ich fühle mich willkommen und zu Hause. Was mehr kann ich von einem Café verlangen? Ach so, ja, vielleicht Live-Jazz jeden Donnerstag-Abend ab sechs – den gibt es hier nämlich auch!

Also ganz einfach: probier es selber aus!

So, nun aber zurück zu meiner Reise nach Marokko.

E-Dreams (besser vielleicht: e-Nightmares), kostenpflichtige Hilfeleistung und Marrakesch

Nicht unbedingt ein einfacher Start. Wir fuhren zum Flughafen und stellten dort fest, das A.s Buchung über e-Dreams leider nicht im System der TAP (portugiesische Fluggesellschaft) verzeichnet war, obwohl das Geld abgebucht worden war. Im Gegensatz zu uns schien die Dame am TAP-Schalter wenig überrascht. Das passiert mit e-Dreams ständig, meinte sie. Bislang lehnt e-Dreams allerdings ab, die Verantwortung dafür zu übernehmen und weigert sich, dass Ticket zu bezahlen, dass A. am Flughafen für einen überhöhten Preis erstehen musste. Also: lass am besten die Finger von e-Dreams – kann ich Dir nur raten. Das Ganze wird schnell zum e-Nightmare.

Das Problem, auf diesen Standpunkt stellte sich die Firma, die noch nicht einmal einen telefonischen Kontakt ermöglicht, liege bei TAP, man könne leider nichts tun. Keine weitere Antwort.

Auf den letzten Drücker schafften wir es dennoch ins Flugzeug und langten eine gute Stunde später in Marrakesch an. Die nächste Überraschung erwartete uns an der Passkontrolle. Ohne Hotelbuchung kämen wir nicht durch hieß es. Also buchten wir online ein Hostel – erst dann wurden wir eingelassen.

Minaret de la Koutoubia, Marrakesch

Minaret de la Koutoubia, Marrakesch

Gewürze auf dem Markt in Marrakesch

Gewürze auf dem Markt in Marrakesch

Straßenleben in Marrakesch

Straßenleben in Marrakesch

Schon am Flughafen begannen die ersten harten Verhandlungen, die unseren Alltag für die folgenden zwei Wochen prägen sollten: Was kostet ein Taxi ins Zentrum?

LonelyPlanet meinte, nicht mehr als 100 Dirham dürfe es kosten – allerdings müsse man auch den Taxifahrer davon überzeugen. Das schafften wir – bezahlten unser Lehrgeld aber auf andere Weise. Da wir uns nicht auskannten, stiegen wir an einem Ort aus, wo der Taxifahrer meinte, es seien noch 20 Meter zu unserem Hostel. Die erste von vielen, vielen Lügen.

Drei hilfreiche junge Marokkaner boten an, uns den Weg zu zeigen und führten uns durch tausend dunkle Gassen des örtlichen Souks (Markt), ohne dass wir je das Tageslicht gesehen hätten. Zwanzig Minuten (nicht Meter) später kamen wir an – und stellten fest, dass diese Hilfe, die uns so freimütig zu Teil geworden war, nichts anderes war, als ein Geschäftsmodell.

200 Dirham! schrien die jungen Männer uns an (das entspricht etwa 20 Euro). Nun, wir waren beide bereits in Indien gewesen und keineswegs bereit, diesen Preis zu bezahlen. Das führte zu heftigen Diskussionen. Schließlich seien sie drei erwachsene Männer und keine Jungs von fünf Jahren! – Dass wir keineswegs auf diese Drei-Mann hohe Eskorte bestanden hatten, stand dabei leider nicht zur Diskussion.

Schließlich gaben wir ihnen 20 Dirham, ließen weitere Beschimpfungen und Verwünschungen über uns ergehen und betraten das Hostel. Es sollte nicht die einzige Begenung dieser Art bleiben.

Marrakesch, Souk, Süßigkeitenstand

Marrakesch, Souk, Süßigkeitenstand

Schmiede bei der Arbeit in der Medina

Schmiede bei der Arbeit in der Medina

Noch immer häufig genutztes Lasttier: der Esel

Noch immer häufig genutztes Lasttier: der Esel

Das empfand ich an der marokkanischen Kultur als extrem anstrengend, so anstrengend, dass es mir ein wenig die Zeit dort vermieste: In den zwei Wochen dort traf ich kaum jemanden, der nicht Hintergedanken gehabt hätte, wenn er sich auf ein Gespräch einließ oder seine Hilfe anbot. Gerade letzteres war für mich als Europäer schwer zu ertragen – es kam mir schlicht so unglaublich unhöflich und unaufrichtig vor. Wahrscheinlich kannst Du das nachvollziehen. Und dann all das Aggressionspotential: Da wurde ich als Hurensohn beschimpft, als Wichser und was weiß ich noch alles. Und das selbst in Fällen, wo ich mehrfach darauf hingewiesen hatte, dass ich keine Hilfe bräuchte und nichts bezahlen würde.

Die witzigste dieser Begebenheiten passierte uns bei einem Spaziergang am ersten Nachmittag: ein Mann stand an der Stadtmauer gelehnt und sagte Bon jour. Wir grüßten zurück und er erwiderte: 100 Dirham.

Wir schüttelten beide nur den Kopf. Ohne Worte.

Verziertes Portal in Marrakesch

Verziertes Portal in Marrakesch

Jemaa el-Fna, Hauptplatz der Medina

Jemaa el-Fna, Hauptplatz der Medina

Jemaa el-Fna, Abendstimmung

Jemaa el-Fna, Abendstimmung

Marrakesch selbst – allem voran die Medina (als solche wird die meist von einer Stadtmauer umgebene Altstadt bezeichnet, die oftmals größtenteils aus einem riesigen Marktareal besteht) – war mir zu viel. Die Stadt, so kam es mir vor, lebte nur davon, Touristen auszunehmen. Und damit meine ich nicht, dass ich nicht bereit bin, Dinge zu kaufen oder Menschen zu unterstützen. Aber nicht auf diese Weise. Nicht aufgrund von Lügen und Beleidigungen.

Es gab auch andere Fälle dort, sie blieben indes die Ausnahme. Eine Mützenverkäuferin beispielsweise, komplett verschleiert, die mich durch ihren Witz und ihre klugen Argumente überzeugte, sodass ich letztlich etwas kaufte – und das mit einem guten Gefühl. Viel zu oft aber dominierte – wie in Indien – der Eindruck, nichts als ein Walking Wallet zu sein, ein wandelnder Geldbeutel. Das würde mich schon nerven wenn ich Geld hätte – in meiner Situation aber ist es der blanke Hohn.

Arbeiter in einer Gerberei in Marrakesch

Arbeiter in einer Gerberei in Marrakesch

Skulptur im modernen Teil Marrakeschs

Skulptur im modernen Teil Marrakeschs

Marrokanische Fahnen im Wind

Marrokanische Fahnen im Wind

Aït-Ben-Haddou, Atlas und die Sahara

Von Marrakesch aus machten wir einen Drei-Tagesausflug. Ziel: die Sahara.

Doch auch die Reise dorthin machte diesen Trip bereits zu einem Erlebnis, obwohl einiges in mir aufbegehrt, wenn ich mehr oder minder gezwungen bin, nur in den touristischsten Restaurants zu essen und an den meist besuchten Orten anzuhalten. Foto-Stop, Foto-Stop – fünf Minuten, Du kennst mich – das ist nicht mein Reisekonzept.

Aït-Ben-Haddou aber, ein befestigtes Städtchen am Fuße des Atlasgebirges, war durchaus einen Besuch wert, auch wenn Tourguide Imad privat keineswegs im historischen Berber-Outfit herumliefe, wie er mir auf meine Nachfragen hin gestand. Das Örtchen war Schauplatz zahlloser Filmkulissen – von Lawrence of Arabia über Gladiator und Prince of Persia bis zu Game of Thrones – und entsprechend schön anzusehen.

Aït-Ben-Haddou, Kulisse für zahllose Filme

Aït-Ben-Haddou, Kulisse für zahllose Filme

Auf zu neuen Horizonten

Auf zu neuen Horizonten

Unsere Übernachtung in einem kleinen Hotel inmitten des Atlasgebirges, nahe Tinghir, gehörte wohl zu den härtesten Kälteerfahrungen meines Lebens. Draußen hatte es minus sieben Grad – und selbstverständlich gab es keine Heizung, dafür aber Steinboden. A. und ich begannen in dieser Nacht in einem Bett zu schlafen, wir hatten insgesamt fünf Decken zu Verfügung und froren trotzdem. Überhaupt war diese ganze Drei-Tages-Tour eine Drei-Tage-Kalte-Füße-Tour: mit Ausnahme von wenigen Mittagsminuten hatte ich permanent Eisfüße. Am schlimmsten war dies auf den vielstündigen Fahrten im Minibus. Es wurde einfach nie warm.

Bereit für die Sahara

Bereit für die Sahara

Die Sahara selbst – und der zugehörige Kamelritt, vor dem ich mich zugegebenermaßen gefürchtet hatte (ich hatte bislang noch nicht einmal ein Pferd geritten und Du weißt, dass mir große Tiere eher suspekt sind, vor allem in der Praxis!), so sehr sogar, dass ich eine Zeitlang überlegte, eine Kamelallergie vorzutäuschen, damit mir der Ritt erspart bliebe – die Sahara selbst also war ein einzigartiges Erlebnis. Kaum auf dem Kamel begann ich die Erfahrung zu lieben – und das Tier gleich mit. Diese Sanftmut, diese Wimpern und die herrlichen Geräusche, die es von sich gibt! Allerdings heißt es, sich gut festzuhalten, vor allem, wenn es eine Düne hinuntergeht. Dann nämlich schwankt das Wüstenschiff ganz gehörig!

Kamelritt von Merzouga aus

Kamelritt von Merzouga aus

Unsere kleine Karawane

Unsere kleine Karawane

"Mein" Kamel

„Mein“ Kamel

Faszinierend, wie dieses Sandmeer, diese unglaubliche Anhäufung von Dünen, Dünen, Dünen einfach aus dem Nichts heraus beginnt. Wir gelangten nach Merzouga – und da lag sie, die Wüste, die Magische, was der Name auf Arabisch bedeutet, wie uns einer unserer Berber-Führer erklärte.

Abendstimmung in der Sahara

Abendstimmung in der Sahara

Abenstimmung in der Sahara bei Merzouga Abendstimmung in der Sahara bei Merzouga

Hassan,unser Kamelführer

Hassan, unser Kamelführer

Unsere kleine Kamel-Karavane zog also los, hinein in die Dünen. Hassan und Mohamed, die uns auf dieser Tour begleiteten, führten uns zu unserem Zeltlager unter dem beeindruckendsten Sternenhimmel meines Lebens. Wir kamen gerade rechtzeitig zum Sonnenuntergang an und versammelten uns später am Lagerfeuer, nachdem wir im Zelt ein von unseren Berberführern zubereitetes Tajine (marokkanische Spezialität, die im Tontopf zubereitet wird) gegessen hatten. Dennoch stand mir der Sinn mehr danach, für mich zu sein und diese Erfahrung in mich aufzunehmen. Wahrlich beeindruckend war, dass um mich her, kaum dass ich eine der Dünen erklommen und unsere Lagerstatt fünfzig Meter hinter mir gelassen hatte, die absolute Stille herrschte. Das war vermutlich das Größte an diesem Ort: die Stille. Die Dünen schluckten jeden Laut. Und über mir ein Himmel, wie ich ihn nie zuvor gesehen hatte. So dunkel. So klar, dass selbst die Venus einen Hof hatte. Vor ein paar Hundert Jahren, dachte ich, war es wohl überall auf der Welt so – als es noch kein elektrisches Licht gab und die Städte nicht den Nachthimmel erleuchteten.

Wir blieben nur eine Nacht, mussten um halb sechs aufstehen, noch weit vor Sonnenaufgang, um wieder auf unsere Kamel zu steigen und bei bitterer Kälte zurückzureiten. Nachts hatte es minus vier Grad, ich schlief in all meinen Klamotten und – Überraschung, überlebte. Fror noch nicht einmal wirklich. Erst auf meinem Dromedar am Morgen.

Sahara bei Merzouga, Abendstimmung

Sahara bei Merzouga, Abendstimmung

Sahara bei Merzouga, Abendstimmung

Dreigestirn am Abendhimmel: meine beiden Reisebgleiter Alex und Bree

Dreigestirn am Abendhimmel: meine beiden Reisebegleiter Alex und Bree

Trommeln am nächtlichen Feuer

Trommeln am nächtlichen Feuer

Sonnenaufgang in Merzouga

Sonnenaufgang in Merzouga

Überlege, mir auch ein Kamel anzuschaffen. Schon allein wegen der nächtlichen Geräusche.

Überlege, mir auch ein Kamel anzuschaffen. Schon allein wegen der nächtlichen Geräusche.

Was blieb von der Sahara?

Zum einen das Leitmotiv unserer Reise: C’est froid.

Zum anderen das Wissen, dass ich diese Erfahrung richtig machen möchte. Dass ich auf jeden Fall wiederkehren möchte, womöglich um eine längere Reise durch diese Wüste zu erleben. Diese menschenfeindliche Welt stellt ein Faszinosum dar, über das ich gern mehr erfahren möchte.

Auf dem Rückweg nach Marrakesch mussten wir abermals das Atlas-Gebirge überqueren und unser sonst so gelassener Fahrer Hassan begann gegen Mittag ordentlich aufs Gas zu drücken. Ich erwachte, weil ich in einer Serpentinenkurve beinahe von der Sitzbank gepurzelt wäre und fragte mich, was wohl los sei. Kein Pinkelpausen mehr – und als wir nachmittags um drei endlich anhielten, um zu Mittag zu essen, sah er finster auf seine Uhr und sagte: halbe Stunde!

Ich fragte ihn, was denn los sei und er legte die Stirn in Falten und sah zum Himmel hinauf. Schnee. Wenn wir Pech hätten, würde die Straße gesperrt, wie schon tags zuvor.

Und dann?, fragte ich arglos.

Schlafen wir im Bus. Oder in einem Restaurant.

Schluck. Noch eine Eisesnacht? Danach stand mir wahrlich nicht der Sinn. Aber Hassan sollte Recht behalten. Alsbald gerieten wir in wildes Schneegestöber und bewegten uns mit circa 5 Stundenkilometern vorwärts. Bibbernd saßen wir hinten im Bus und drückten die Daumen, dass wir durch wären, bevor die Straße gesperrt würde.

Schneegestöber im Hohen Atlas

Schneegestöber im Hohen Atlas

Hoher Atlas

Hoher Atlas

Hoher Atlas

Hoher Atlas

Doch mehr erzähle ich Dir im zweiten Teil. Nur so viel vorweg: ich sitze hier und schreibe – lebe also noch…

 

Dein LisPoeta

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