LisPoeta – Krach mit Gitarren (22. Oktober 2016)

Reiterstatue auf der Praca da Figueira im Abendlicht

Reiterstatue auf der Praca da Figueira im Abendlicht

Verstohlen fische ich in meiner löchrigen Hosentasche nach einem Taschentuch. Es ist gebraucht, aber das ist mir egal. Mein Blick bleibt eisern auf die beiden Männer mit den E-Gitarren auf der Bühne gerichtet. Kann ich wirklich? frage ich mich. Oder wird es jemand bemerken und mich für einen kunstunverständigen Banausen halten?

Neben mir sitzt J., meine Mitbewohnerin, und ich wage nicht wirklich zu ihr hinüberzusehen. Krach mit Gitarren war ihre Beschreibung, als sie mich fragte, ob ich an jenem Abend mit ins Desterro, eine Bar mit Kellerbühne bei uns ums Eck, gehen wolle. Natürlich sagte ich zu. Nicht dass ich E-Gitarren besonders mögen würde – Rock war von klein auf nicht meine Musik (und ich möchte jetzt keine Schmähreden über Whitney Houston hören) – was ich aber mag, ist, versteckte Insider-Orte in Lisboa zu entdecken. Dabei ist es mir ziemlich gleich, ob mir die Musik gefällt oder nicht.

Dachte ich.

Bis ich herausfand, wie wörtlich Krach mit Gitarren zu verstehen war. Sehr wörtlich nämlich. Nach drei Minuten fragte ich mich, wie viele Dezibel mich vom Trommelfellriss trennten. Viele waren es nicht. Nach weiteren fünf Minuten zerpflückte ich mein Taschentuch und schob mir unauffällig oben bereits erwähnte Stöpsel in die Ohren. Eine wahre Wohltat. Ich fühlte mich wieder sicher(er). Zugleich musste ich schmunzeln. Ich war mein Lebtag in Clubs aller Art, auf Konzerten etc. Doch das war eine Premiere. Normalerweise belächle ich die Weicheier, die sich in Clubs Stöpsel in die Ohren stecken.

Largo do Intendente bei Nacht

Largo do Intendente bei Nacht

Als das – zu meinem nicht allzu großen Bedauern – kurze Konzert nach einer Zugabe zu Ende war, ich meine self-made-Ohrenstöpsel dezent aus den Gehörgängen entfernt hatte, meine Kopfschmerzen im Abklingen begriffen waren und J. und ich oben an der Bar standen, war ich überrascht zu hören, dass sie es großartig fand. Ich fand es eigentlich hauptsächlich laut. Aber das ist wohl der Unterschied, wenn man sich im Studium und über Jahre danach mit moderner experimenteller Musik beschäftigt hat. Weiter als bis Björk und dergleichen hat es bei mir nie gereicht.

Ein wenig besorgt fragte J. mich, ob ich denn zukünftig nicht mehr auf solche Veranstaltungen mitkommen würde. Ich lachte nur.

Doch selbstverständlich! war meine Antwort. Denn – und das hat sich im Vergleich zu früher stark verändert – es ist mir schlicht nicht so wichtig, alles, was ich mir an Musik oder Kunst zu Gemüte führe, gut finden zu müssen. Das bedeutet nicht, dass ich mich deswegen beim nächsten Mal verweigern würde. Wenngleich ich zukünftig vermutlich vorher prüfe, ob ich Taschentücher einstecken habe.

Quiosque das Amoreiras - ich liebe die Kiosk-Kultur in Lisboa

Quiosque das Amoreiras – spätsommerliche Nachmittage im Freien. Ich liebe die Kiosk-Kultur in Lisboa

Druckabbau oder Drückeberger?

Auch ansonsten hat sich in meinem Leben einiges getan diese Woche.

Voller Enthusiasmus beschloss ich am Montag, mit dem Schreiben meines Romans weiterzumachen. Ich öffnete mein Skript, las das letzte Kapitel, setzte mich an den Schreibtisch – und starrte Löcher in die Luft.

Dann stellte ich mir einen Arbeitsplan auf. Gut durchstrukturiert, diszipliniert und alles. Nur leider vergeblich.

Es sollte noch ein ganzer Tag vergehen, ehe ich eine Lektion wieder gelernt hatte, die ich jedes Mal aufs Neue zu lernen habe, wenn ich mich mit dem kreativen Prozess auseinandersetze: Ich bin keine Maschine.

Was soll das heißen?

Nun, ganz einfach. Bereits im LisPoeta der vergangen Woche habe ich Dir erzählt, dass bezüglich des Schreibens im Internet vielerlei „Regelwerk“ dazu kursiert, was man wie zu machen habe. Wie man zu plotten, wie schnell man zu schreiben, wie man seine Figuren zu entwickeln habe etc.. Und jedes Mal aufs Neue falle ich auf diese manipulativen Pseudo-Ratgeber rein, bis ich feststelle: Nein, das funktioniert für mich nicht.

Im Bezug auf meinen aktuellen Roman heißt das schlicht Folgendes: um die Geschichte von Luk und Galiano weiterzuerzählen, brauche ich gerade zweierlei: Zum einen muss ich mir sehr konkret darüber Gedanken machen, wie ich die Persönlichkeiten der beiden so gestalte, dass ich sie mit der deutschen Geschichte der letzten 50 Jahre verweben kann, ohne ein historisches Lehrbuch zu schreiben (was ich nicht vorhabe.) Zum anderen werde ich erst dann konstruktiv an dieser Erzählung weiterarbeiten können, wenn ich mir zumindest die äußeren Rahmenpunkte für die einzelnen Kapitel gesetzt habe. Dieses Projekt erfordert einiges an Vorüberlegungen und Hintergrundwissen.  Manches davon fehlt mir schlicht noch.

Es gibt also nun zwei Möglichkeiten: Ich kann diese Erkenntnisse um eines abstrusen Plans willen ignorieren, bis zu einem bestimmten Zeitpunkt eine bestimmte Anzahl an Wörter produziert haben zu müssen – oder ich nehme die Tatsache an, dass meine Aufgabe in diesem Augenblick eben nicht im Schreiben besteht, sondern darin, mir die nötigen Hintergrund-Informationen zu besorgen und die Geschichte so zu planen, dass ich weiterschreiben kann, wenn der rechte Moment da ist.

Das fühlt sich nicht unbedingt gut an. Schließlich bin auch ich in einer Gesellschaft aufgewachsen, in der Leistung alles ist. Und Leistung muss messbar sein. 1000 Wörter pro Tag zu schreiben eignet sich dafür hervorragend. Sich 1000 Gedanken gemacht zu haben nicht.

Andererseits habe ich es in den vergangenen Tagen dennoch geschafft, mich ein Stück weit von diesem hausgemachten Druck zu lösen. Das hat damit zu tun, dass ich mir vergegenwärtigt habe, was es für mich bedeutet, ein Schreiber zu sein. Vielleicht taugt hier eine Definition ex negativo: Worauf ich keinerlei Lust habe, ist die vom Gros geforderte Fließbandarbeit abzuliefern. Für die mag sich festgelegte Plotstruktur und Maximalschreibzeit auszahlen (nicht länger als drei Monate für die Erstfassung laut Stephen King).

Aber, und das halte ich mir gerade vor Augen, mein Ziel ist es, den besten mir in diesem Augenblick möglichen Roman zu schreiben. Und das möge – mit Verlaub – so viel Zeit und Denken in Anspruch nehmen, wie es eben brauche, um dieses Ziel zu erreichen.

Lisboa - goldene Stadt

Lisboa – goldene Stadt

In den schnelllebigen Zeiten der Genre-Literatur ist es nicht das erste Mal, dass ich mir als Schriftsteller – quasi vor mir selbst – das Recht ausbedingen muss, zu denken.

Wenn ich mir dessen bewusst werde, frage ich mich immer, wie weit unser Schreiben sich eigentlich von dem entfernt hat, was Schreiben und jegliche Art von Kunst für mich bedeuten: nämlich sich mit dem Menschsein auseinanderzusetzen und eine geeignete Ausdrucksform dafür zu finden, die meinen Mitmenschen mein subjektives Weltverständnis näherbringt.

Schon, dass ich diese Art von Rechtfertigung stets aufs Neue suchen und finden muss, macht mich wütend. Mir Zeit zum Denken einzuräumen, sollte als Schriftsteller für mich eine Selbstverständlichkeit sein und keinerlei Rechtfertigung bedürfen.

Lisboeta

Portugiesische Anmeldebescheinigung für EU-Bürger

Portugiesische Anmeldebescheinigung für EU-Bürger

Von diesen innerlichen Auseinandersetzungen einmal abgesehen, habe ich diese Woche endlich die Hürden der portguiesischen Bürokratie genommen. Gestern verbrachte ich den halben Tag auf diversen Ämter, um mich anzumelden und meine Steuernummer zu beantragen. Die Frau auf dem Einwohnermeldeamt war so nett, dass wir direkt ins Plaudern kamen und ich schließlich mit einem breiten Lächeln und meiner Registrierung in der Hand am Ende wieder auf die Straße trat.

Auf dem Finanzamt musste ich zwar mit knurrendem Magen eine Stunde warten, aber auch der Finanzbeamte behandelte mich ausgesprochen liebenswürdig. Das ist ohnehin meine generelle Erfahrung mit den Portugiesen – beinahe alle Menschen, denen ich hier begegne sind unglaublich nett. Das bedeutet nicht, dass es einfach wäre, Freundschaften zu schließen, aber es erleichtert mir das tägliche Leben doch ungemein.

Mein letzter und kompliziertester Schritt war der Gang zur Telefongesellschaft. Ich erspare Dir die Details. Letztlich habe ich jetzt einen portugiesischen Handy-Vertrag und nein, es wird mich nicht, wie zwischenzeitlich verheißen, 2,45 Euro pro Minute kosten, im Ausland zu telefonieren.

Nun fehlt mir nur noch ein Bankkonto und dann habe ich das Gröbste überstanden!

Doch davon beim nächsten Mal mehr!

Gehab Dich wohl,

Dein LisPoeta

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