LisPoeta – Intermezzo Ende (08. Oktober 2016)

Sonnenuntergang an der Lagoa da Vela

Sonnenuntergang an der Lagoa da Vela

Es ist geschafft! Die halbjährige Übergangsphase ist vorüber und ich bin letztlich in Lisboa angekommen. Angekommen, um endlich hier zu bleiben. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh ich darüber bin!

Das vergangene Jahr hatte es in sich. Es war wohl eines der produktivsten, doch zugleich anstrengendsten meines Lebens. Das meiste hast Du vermutlich mitbekommen, aber ich möchte es nicht zuletzt mir selbst noch einmal vor Augen führen: Ich habe meinen Roman veröffentlicht und mich dazu komplett in die komplexe Welt des Selfpublishings und später Marketings eingearbeitet. Zeitgleich habe ich mich um meinen neuen Job als Tour-Director bei EF-Tours gekümmert, dafür ein mehrtägiges Assessment-Centre im Januar hinter mich gebracht, im März ein Shadowing bei einer Kollegin und dann im Anschluss meine erste eigene Tour absolviert, während ich weiterhin Vollzeit als Deutschlehrer bei Tandem in Köln gearbeitet habe, so ich nicht unterwegs war.

Im April ging es dann zum ersten Mal dieses Jahr nach Portugal, und wenn Du meine Posts verfolgt hast, weißt Du, dass diese Zeit nicht eben einfach für mich war. Die Wohnsituation mit der Dauerbeschallung durch die Baustelle direkt nebenan war schwierig (nachdem ich der Schimmelhölle der ersten Woche entflohen war), ich fühlte mich einsam und hatte zudem zwei weitere Touren mit amerikanischen Highschool-Students – beide liefen super, stellten aber dennoch eine große Herausforderung für mich dar, da ich die Gruppen durch viele Städte zu führen hatte, die ich selbst nicht kannte, ohne dabei meine Souveränität einzubüßen.

Nun, es ist mir gelungen und so anstrengend diese Arbeit ist, liebe ich es doch, den jungen Menschen die europäische Geschichte und Kultur näherzubringen und sie, sei es auch nur für wenige Tage, auf ihrem Weg zu begleiten, um sie letztlich, von Eindrücken überflutet und mit leuchtenden Augen am Flughafen zu verabschieden. Auf eine veränderte Art bleibt mir dabei auch das Lehrer-Sein erhalten.

Nach meiner letzten Tour für dieses Jahr, die mich in 16 Tagen mit dem Reisebus und zwei Zügen von München quer durch Europa bis Lisboa führte, flog ich direkt im Anschluss zurück nach Köln, um zum sechsten und letzten Mal das Kulturprogramm für die Sommerkurse bei Tandem zu organisieren, Deutsch zu unterrichten und meinen Umzug zu organisieren.

Es war ein schöner letzter Sommer in Köln und ich war überrascht, wie schwer es mir am Ende fiel, mein Leben dort aufzugeben. Aber es ist klar, ich werde meine Arbeit dort vermissen, meine Schüler, meine Kollegen – die Stadt aber nicht, nein, nicht die Stadt.

Das ist letztlich einer der ausschlaggebenden Gründe, weshalb ich dort weggegangen bin. In den vergangenen fünf Jahren habe ich stets vier Monate pro Jahr im Ausland verbracht. Kein einziges Mal habe ich bei meiner Rückkehr nach Köln irgendeine positive Regung verspürt, ein Gefühl, gerne wieder an diesem Ort zu sein. Ich weiß, viele Menschen sehen das ganz anders, aber Köln lässt mich kalt.

Wie anders ist das in Lisboa! Jedes Mal, wenn ich hier ankomme, macht mein Herz einen Luftsprung. Ich bin jetzt seit vier Tagen wieder da und sofort ist dieses Gefühl von zu Hause sein zurück. Gestern lief ich von meiner neuen Wohnung am Intendente zum Príncipe Real – die Sonne war gerade untergegangen und, das ist sehr typisch für mein Leben hier – auf dem Weg musste ich mich eine Viertelstunde in den Jardim do Torel (einen Garten und einer der vielen Aussichtspunkte in dieser hügelreichen Stadt), um die Atmosphäre in mich aufzunehmen und mir den Wind um die Nase wehen zu lassen. Und da war es wieder – dieses Gefühl von Glück, dass mich hier so oft aus dem Nichts überkommt, ohne dass ich es erklären könnte, einfach nur, weil diese Stadt und ich füreinander gemacht sind.

Bis eine Woche vor Abfahrt hatte ich keine Ahnung, wo ich hier wohnen würde – doch hatte ich weder Zeit, mich zu kümmern noch mich zu sorgen. All die Freunde, die mich fragten, ob ich schon eine Wohnung hätte, sahen mich verwundert an, wenn ich verneinte. Und doch hatte ich ein gutes Gefühl – und zurecht, wie sich herausstellen sollte.

Die Wohnung, in der ich jetzt lebe, und vor allem J., meine neue Mitbewohnerin, sind das Beste, was mir diesbezüglich in all den Jahren, die ich hierherkomme, passiert ist. Die Wohnung ist hell und geräumig, hat einen wunderschönen Balkon und liegt in Intendente, meinem liebsten Viertel, da nehme ich gern in Kauf, dass mein Zimmer nur ein Fenster zum Schacht hat (warum nur muss ich immer an Hitchcock denken, wenn ich das sage oder schreibe?).

J. lebt schon seit sieben Jahren in Lisboa und arbeitet am Goethe-Institut, wo sie für Kultur zuständig ist – könnte es eine bessere Kombination geben? Den Kontakt zu ihr hat mir ein Freund meines Chefs bei Tandem vermittelt, der Bücher für Deutschlerner schreibt und die im August am hiesigen Goethe-Institut vorgestellt hatte. Nach einem Skype-Date mit J. war dann schnell klar, dass aus der wohnungslosen Situation wenige Tage vor Abreise keine Stress-Situation werden würde, was mir mehr als gelegen kam.

Natürlich wird sich mein Leben hier im Vergleich zu meinen bisherigen Zweimonats-Aufenthalten verändern. Vor allem will ich mehr in die Kulturszene der Stadt eintauchen und Menschen aus einem künstlerischen Umfeld kennen lernen, anstatt allabendlich im Bairro Alto zu versumpfen (wie meinte mein Bruder, auf die Frage, was das Bairro Alto sei, so schön: eine Mischung aus Ballermann und Bamberg!). Das war für kürzere Aufenthalte bisweilen okay, aber schon letztes Jahr merkte ich, dass ich diese Art zu feiern leid bin, zumal sich das Bairro Alto in den vergangenen Jahren verändert hat: Waren früher noch viele Portugiesen dort unterwegs, habe ich den Eindruck, dass die Touristenmassen sie unterdessen mehr und mehr in die Flucht geschlagen haben. Ich schließe mich dieser Fluchtbewegung an. Marodierende Pub-Crawls – nein Danke! Bei einem unserer ersten Gespräche auf dem Balkon meinte J., sie sei seit Jahren nicht im Bairro Alto gewesen – dafür hatte sie direkt allerhand Kennertipps parat, was es hier kulturell und kneipentechnisch zu entdecken gebe.

Noch wichtiger als diese äußeren Umstände aber ist, dass ich total Lust darauf habe, mit ihr zusammenzuwohnen. Schon direkt als wir zu viert hier ankamen – ich bin mit meinem Bruder und meinen Freunden J. und M. aus Nürnberg mit dem Auto von Köln nach Lisboa gefahren – und sie die Tür aufgemacht hat, wusste ich, dass das funktionieren würde. Du kennst das, oftmals braucht es eine Millisekunde, um zu wissen, ob man einen Draht zu jemandem hat. Aber als wir dann vier Mann hoch vier Tage in J.s Wohnung abstiegen, bevor wir einige Tage durch Portugal fuhren, und eine unglaublich lustige und entspannte Zeit mit ihr hatten, war mir klar, dass ich dieses Mal irrsinniges Glück mit meiner Wohnung haben würde.

Einsamer Strand bei Melides

Einsamer Strand bei Melides

Muschelsucher im Fluss bei Odeceixe

Muschelsucher im Fluss bei Odeceixe

Schlafplatz mit Meerblick bei Nazaré

Schlafplatz mit Meerblick bei Nazaré

Sonnenuntergang bei Nazaré

Sonnenuntergang bei Nazaré

 

Ein weiteres Zeichen dafür, dass ich vor mittlerweile 15 Monaten die richtige Entscheidung damit getroffen habe, das Wagnis Auswandern einzugehen. Alles, was ich seither angepackt habe, greift nahtlos ineinander.

Obwohl ich schon vor einem Monat mein Zimmer bezog, bin ich letztlich erst vergangenen Dienstag richtig angekommen. Davor verbrachten meine Freunde und ich ein paar wunderbare Tage im Alentejo und in der Nähe von Nazaré und Figuera da Foz. Einsame Strände, viel Ruhe und Natur – genau, wonach ich mich gesehnt hatte. Viel zu früh hieß es für mich jedoch, noch einmal nach Deutschland zurückkehren, um in Berlin ein Mitarbeiter-Treffen meiner neuen Firma zu besuchen und im Anschluss zur Geburtstagsfeier meiner Mutter nach Nürnberg zu fahren.

Daher komme ich erst jetzt wirklich in Portugal an – noch ist es spätsommerlich warm hier, doch Herbst und Winter stehen vor der Tür.

Im Moment kann ich Dir nicht sagen, ob es mir helfen wird, dass ich vor einigen Jahren bereits einen Winter in Spanien verbracht habe und der definitiv der schlimmste meines Lebens war (wen es Dich interessiert, kannst Du hier mehr darüber lesen) – zumindest bin ich jedenfalls nicht mehr so naiv zu glauben, dass ein Winter im Süden angenehmer sei als in Deutschland. Klar, draußen wird es nicht so kalt, dafür aber ist es drinnen kalt – und glaub mir, dass ist bei Weitem schlimmer.

Aus diesem Grund habe ich mir noch in Deutschland einen nepalesischen Thermopolar-Fleece-Pulli erstanden und mir geschworen, den während der Wintermonate im Haus nicht abzulegen. Naja, ich werde Dich auf dem Laufenden halten.

Erstmal aber genieße ich die Sonnentage hier und werde am Montag endlich beginnen, an meinem Roman weiterzuschreiben. Ich brenne darauf, die Geschichte von Luk und Galiano weiterzuerzählen!

Die Sommerpause auf Elyseos Welt ist also vorbei – soll heißen: Du hörst von mir! (Und das ist keine Drohung…)

Dein LisPoeta

Und noch ein paar Fotos aus unserem Urlaub, die ich besonders schön finde:

p1030238

Fluss bei Odeceixe

p1030265

Eines von M.s vielen Steinkunstwerken

p1030371

Sonnenuntergang an der Lagoa da Vela

p1030381

Morgennebel an der Lagoa da Vela

p1030386

Morgennebel an der Lagoa da Vela

p1030390

Taubedeckte Spinnennetze

p1030394

1 Gedanke.

  1. Wunderschöne Eindrücke. Ein wenig Fernweh. Ein paar klitzekleine Gedanken an den eigenen Ausbruch. Herzlichen Dank fürs Teilen! Ich verweile und träume noch ein wenig …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.