LisPoeta – Erstarrung (12. November 2016)

Zeit, die Sprachlosigkeit zu überwinden, die mich seit der US-Wahl Dienstagnacht erfasst hat. Aber keine Sorge: Ich will Dir keine weitere der unzähligen Analysen liefern, die seit Donald Trumps Wahl zum US-Präsidenten durchs Netz geistern. Vielmehr möchte ich mich selbst aus diesem Zustand der Erstarrung befreien, der mich seither lähmt – und Dich daran teilhaben lassen, wenn Du möchtest.

Bis um halb neun Uhr morgens verfolgte ich die Auszählung der Wählerstimmen in den Staaten Dienstagnacht – und verfiel im Laufe dieser Stunden mehr und mehr in einen Zustand absoluter Fassungslosigkeit, aus dem aufzutauchen mir seither nicht wirklich gelungen ist.

Doch woran mag das liegen? Was, fragte mich ein Online-Bekannter die Tage, habe das denn mit mir zu tun?

Das ist eine berechtigte Frage. Nichtsdestotrotz habe ich das Gefühl, dass ich keineswegs der einzige bin, dem es in den vergangenen Tagen so ergangen ist. Auch frage ich mich seit Tagen, was ich zu diesem Thema eigentlich zu sagen habe – auf einer Ebene, die nicht all das wiederkäut, was bereits gesagt wurde. Und ich habe beschlossen, mich von einer persönlichen Perspektive her anzunähern und daraus ein paar Gedanken abzuleiten.

Die Wahl Trumps verunsichert mich wie zuletzt 9/11 

Aber warum?

Ich vermute, das hat mit meinem ausgeprägten Gerechtigkeitsempfinden zu tun. Ich kann es nicht fassen, dass ein Mann Präsident des mächtigsten Landes der Erde wird, der in seinem Wahlkampf sämtliche Vorurteile bedient hat – der es okay findet, Frauen gegen deren Willen in den Schritt zu fassen, und sie als persönliches Besitztum empfindet, der eine Mauer zu Mexiko errichten will, da von dort nur Drogendealer und Vergewaltiger kämen, der den Klimawandel und die Zerstörung des Planeten als Farce empfindet – ach, wieso sollte ich das alles wiederholen…? Dir sind diese Äußerungen in den letzten Monaten wohl ebenso wenig erspart geblieben mir.

Schlimmer aber noch als Trumps übersteigertes Ego war es für mich, den Hass zu beobachten, der die Menschen auf seinen Wahlkampfveranstaltungen zusammenschweißte – und genau diese Menschen scheinen das Wahlergebnis nun als Freifahrtschein zu verstehen, ihren Aggressionen freien Lauf zu lassen. (Erste Erfahrungen von betroffenen Minderheiten am Tag 1 nach der Wahl findet ihr hier, wobei es ebenfalls Ausschreitungen gegen Trump-Wähler gegeben haben soll – nur um der Gerechtigkeit Genüge zu tun)

Ja, aber man kann doch nicht, man darf doch nicht…

Feststeht, dass Trump der nächste Präsident der USA sein wird. Das mag uns gefallen oder nicht. Ebenso steht fest, dass es noch immer im Bereich des Möglichen liegt, dass seine Taten besser als seine Worte sein werden. Das wird sich in den kommenden Monaten zeigen.

Doch selbst sollte dem nicht so sein, können wir Trumps Regierungszeit als Chance begreifen.

Nach dem Brexit hatte ich gehofft, dieser Weckruf müsse nun endlich laut genug sein – wenn es schon die allerorten erstarkenden rechtspopulistischen Bewegungen in Europa nicht gewesen waren. Das Votum der Briten müsse dazu führen, dass wir als Gesellschaft uns endlich dessen bewusst werden, dass wir in einer Demokratie nicht ignorieren können, wenn die Menschen sich nicht mehr vertreten fühlen.

Immer wieder fiel in den vergangenen Monaten die Frase, man müsse die Ängste der Menschen ernst nehmen – oft im Folgesatz dahingehend relativiert, dass diese Ängste irrational seien und man sie deshalb nicht ernst nehmen dürfe, könne, brauche.

Doch – ob diese Ängste aus meiner Perspektive nun berechtigt schein mögen oder nicht – von Anfang an stellte es keinen gangbaren Weg dar, sie zu ignorieren. Die Rechnung dafür, dass wir das als Gesellschaft dennoch getan haben, haben wir 2016 nicht nur einmal präsentiert bekommen. Ein System, das sich als repräsentative Demokratie bezeichnet, kommt ohne Repräsentation seiner Bürger nicht aus. Wenn der Bürger die von ihm gewählten Vertreter nicht mehr als seine Repräsentanten empfindet, wird Demokratie selbst zur hohlen Frase.

Was es mithin braucht, ist ein Weg, diese Bürger aus ihrer gefühlten Gegengesellschaft zurück ins gesamtgesellschaftliche Boot zu holen. Das gilt für die USA ebenso sehr wie für die Bundesrepublik. Wenn wir das nicht schaffen, werden Frau Merkel und ihre Regierung bei der Bundestagswahl im kommenden Herbst auch dafür die Quittung bekommen.

Die Zukunft ist immer nur eine Möglichkeit unter vielen – Angst wählt die Schlechteste und akzeptiert sie als Tatsache

Es wäre ein Irrtum zu glauben, dass die Ängste der Menschen aus dem Nichts heraus entstehen. Damit machte man es sich zu einfach. Ebenso verfehlt wäre es jedoch zu glauben, dass sie an konkreten Kausalketten festzumachen sind. Die Xenophobie und die niedrige Ausländerquote in den fremdenfeindlichsten Regionen belegen dies anschaulich.

Ängste sind eine negative Projektion auf die Zukunft (ich nehme die Angst vor akuten Gefahrensituationen hier aus) – wenn Dir nicht klar ist, was ich damit meine, sieh Dir Deine eigene Angst bezüglich der kommenden Präsidentschaft von Donald Trump an.

Was dabei übersehen wird: Die Zukunft ist immer nur eine Möglichkeit. Angst flüstert uns ein, dass diese Möglichkeit die Verwirklichung von etwas Schlechtem sein wird. Über die Zukunft an sich ist damit aber nichts gesagt. Niemand kennt sie. Und, das muss ich mir in diesem Moment selbst sagen, auch ich weiß nichts darüber, wie Trumps Präsidentschaft ablaufen wird. Meine Annahmen basieren auf Angst und aus Schlüssen, die ich aus seinen Worten in der Vergangenheit ziehe.

Zudem möchte ich die Angst als Phänomen an sich nicht verteufeln – es hätte ohnehin keinen Sinn. Sie ist sinnvolles Produkt der evolutionären Entwicklung des Menschen und hat ihm das Überleben ermöglicht.

Schlüsselmoment zum Verständnis des Populismus

Auch das Unbehagen, dass die Menschen, die sich selbst so gern als besorgte Bürger bezeichnen, in unserer Gesellschaft empfinden, hat seine Berechtigung. Viele von ihnen leben in prekären Verhältnissen, haben befristete Arbeitsverträge, praktisch keine Absicherung etc.. Es ist falsch auf diese Tatsachen mit simplem Unverständnis zu reagieren.

Hier liegt ein Schlüsselmoment zum Verständnis des Erfolgs der populistischen Bewegungen à la Trump oder AfD:

Während ich in den vergangenen Jahrzehnten ein ums andere Mal erlebt habe, dass die Regierenden die Wahrnehmung der Menschen als falsch bezeichnen – das beste Beispiel hierzu stellt für mich die angeblich praktisch inexistente Preissteigerung nach der Einführung des Euro dar, von der wir alle wussten, dass sie sehr wohl existierte – und zur Belegung ihrer Ausführungen so lange realitätsferne Zahlen oder Argumente bemühen, bis derjenige, der seine Wahrnehmung artikuliert hat, kapituliert, setzen die rechtspopulistischen Bewegungen an diesem Punkt an. Sie – und das muss man ihnen zugestehen – nehmen die Ängste der Menschen ernst, anstatt sie einfach zu ignorieren. Dass das, was sie an Schlussfolgerungen daraus ableiten, keine diskutablen Antworten bietet, da es jeglicher Argumente entbehrt und nach dem altbekannten Sündenbockprinzip funktioniert, steht auf einem anderen Blatt.

Das bedeutet allerdings keineswegs, dass die Sorgen der Menschen in einer sich rasant verändernden kapitalistischen Welt keine Berechtigung hätten. Wollen wir eine Rückkehr zu einer Lösung mithilfe eines starken Mannes verhindern, ist es der erste Schritt, dies anzuerkennen. Wo die Repräsentanten der Wähler sich selbst als ohnmächtig darstellen – denn was anderes ist die allzu gern deklamierte Alternativlosigkeit? – wie soll ein Wähler an die Möglichkeit eigener Einflussnahme glauben können? Den Glauben daran zu verlieren aber heißt, den Glauben an die Demokratie zu verlieren.

Sollen die Abertausenden von Beschwörungen und Analysen der letzten Tage also mehr als leeres Gerede bleiben, ist dies der Punkt, an dem eine Erneuerung ansetzen muss. Solange es den demokratischen Parteien nicht gelingt, dem Gefühl eines Repräsentationsdefizits innerhalb weiter Teile der Bevölkerung entgegenzuwirken, wankt unser System.

Die Postfaktizität der Social-Media-Gesellschaft allein festzustellen, genügt nicht. Stammtischthesen gehen heute binnen kürzester Zeit viral und potenzieren sich. Es ist an der Zeit, dem Rechnung zu tragen. In diesen Tagen sehen wir, wohin es uns führt, wenn wir das nicht tun.

Angstkultur

Auf einen weiteren Aspekt möchte ich abbheben, ich bezeichne ihn als Angstkultur.

Gestern habe ich in der Zeit Online einen Artikel über den Zusammenhang zwischen Medien und der Wahl Trumps zum US-Präsidenten gelesen. Darin fand ich folgenden aufschlussreichen Satz:

Fernsehmacher und Populisten sind durch ein gemeinsames Geschäftsinteresse miteinander verbunden.

Diese Erkenntnis scheint mir nicht vollkommen neu – sie so explizit formuliert zu lesen, freute mich dennoch. Denn die Medien jeglicher politischen Coloeur haben ihr Schärflein dazu beigetragen, in unserer Gesellschaft ein Klima der Angst gedeihen zu lassen, und die speichelleckerische Freude, mit der sie jeden widerlichen Brosamen zu Markte getragen haben, denen Trump ihnen in den vergangenen Monaten entgegenspie, spricht Bände.

Dem könntest Du jetzt entgegenhalten, dass dem schon immer so gewesen sei, aber ich denke, das entspricht nicht den Tatsachen. Die Konkurrenz innerhalb der Medien – und auch zwischen den Medien und alternativen Formen der Nachrichtenübermittlung wie Blogs, Youtube etc. – ist in den vergangenen 15 Jahren explodiert. Das Buhlen um die immer kürzer werdende Aufmerksamkeitsspanne der Leser des 21. Jahrhunderts hat dafür gesorgt, dass die Meldungen, die Klicks generieren, immer noch ein bisschen dramatischer, noch ein wenig schrecklicher, noch ein Quentchen abstoßender sein müssen als die der Konkurrenz.

Die Folge: Unabhängig davon, ob die Realität sich faktisch verschlechtert oder auch nur verändert hat, müssen die Menschen zumindest den Eindruck gewinnen, dass sie es habe.

Die Schlammschlacht der vergangenen Monate beweist auf eindrückliche Weise, wie indifferent die Menschen inzwischen auf gröbste Verstöße gegen Moralvorstellungen reagieren (ich erinnere nur an pussy grabbing und dergleichen Ausfälle mehr). Klassischer Abstumpfungseffekt.

Wie es möglich ist, dass Trump trotz all dieser Entgleisungen die Wahl gewinnen konnte?

Weil er die Ängste der Menschen anerkannt und seine Kampagne darauf aufgebaut hat. Ich verwende bewusst nicht ernstgenommen, da ich aufrichtig bezweifle, dass er das tut. Trump hat auf der Klaviatur der Angst, die die Medien in ihrem permanenten Wettkampf um Aufmerksamkeit begünstigt, wenn nicht gar geschaffen haben, gespielt wie kein Zweiter.

Ich will nicht mehr

Auf eine solche Art von Welt habe ich keine Lust mehr. Das habe ich in den vergangenen Tagen immer wieder gedacht. Meine amerikanischen Freunde hat diese Wahl natürlich noch tiefer getroffen als mich, doch auch ich verfiel angesichts der Wahl in einen Zustand von Lähmung und Hoffnungslosigkeit. Doch kann das die Antwort sein?

Nein. Und es wird auch nicht meine Antwort sein. Es ist Zeit, die alten Widerstandskräfte zu reaktivieren. Denn gerade in Zeiten wie diesen, wie könnte ich da schweigen? Ein Donald Trump wird mich nicht zum Verstummen bringen, genauso wenig wie eine Marine Le Pen, eine Frauke Petry, eine Beatrix von Storch.

Ihrem Hass werde ich Liebe entgegensetzen. Ihrer Vereinfachung, den Versuch, zu differenzieren. Ihrem Willen zu spalten, den Wunsch zu vereinen.

Make Love Great Again! by Barbara.

Make Love Great Again! by Barbara.

Ich hoffe, ich darf Dich dabei an meiner Seite wissen. Denn dafür brauche ich Dich. Jetzt mehr denn je.

Und verzeih, ich fürchte, dass war doch mehr Analyse, als ich zu Beginn erwartet hatte…

Dein LisPoeta

Für dieses wunderbare Foto danke ich Barbara.

10 Gedanken.

  1. Hi Elyseo,
    mich hat das Wahlergebnis auch zutiefst schockiert…. Aber ich bin mir nicht sicher, ob es wirklich die Angst ist, die die Menschen dazu gebracht haben, Trump zu wählen. Mit Sicherheit ein Aspekt, ja. Aber ich glaube auch, dass es eben Neid ist, Neid, Frustration, Orientierungslosigkeit. Habe ja neulich selbst geschrieben, dass ich das Gefühl habe, die Menschen suchen nach immer mehr, ohne zu realisieren, was sie haben. In der schnelllebigen Gesellschaft heutzutage ist es wohl auch sehr schwer geworden, den Kontakt zu sich selber zu finden. Achtsam zu sein. Das zu schätzen, was man hat. Vielleicht auch, weil wir mit 1000den von Informationen zugeballert werden jeden Tag, vielleicht, weil Bindungen heutzutage so extrem viel über Technik laufen und in meinen Augen keine „echten“ Bindungen mehr sind. Da verliert man das Gefühl von seinem Platz in der Gruppe, seinem Platz auf dieser Welt… Ja, und dann kommt ein Trump daher. Und macht Versprechungen. Und Aussagen, die so unter aller Sau sind, aber die auch wieder eines rüberbringen: Schuldige. Und klar, kann man wieder anderen die ganze Schuld an seiner Orientierungslosigkeit, an dem Loch, dass da in einem schwelt, geben. Ist hier mit der AFD ja genauso. Geht man auf Minderheiten los, dann wird alles besser. Dann ist die Welt wieder in Ordnung. Ja klar. Gar nichts ist in Ordnung in der heutigen Gesellschaft, in der der Mensch das Menschsein verlernt hat…
    Ich glaube wirklich, dass die Welt nur dann wieder ein wenig besser werden kann, wenn wir wieder anfangen, menschlich zu sein. Aufeinander zugehen. Kontakt spüren. Wenn wir merken, wie viel wir doch haben.
    Sorry, hoffe, ich bin jetzt nicht komplett am Thema vorbei… War mir nur ein Bedürfnis, das zu schreiben…

    • Liebe Kela,

      nein, Du bist natürlich nicht total am Thema vorbei – ganz im Gegenteil, es geht doch darum, verstehen zu wollen. Und der Artikel war mein Versuch dazu. Jeder bringt andere Aspekte mit – und ich glaube, dass in dieser von der virtuellen Welt mitverursachten zunehmenden Entfremdung ein wichtiger Verständnisansatz liegt.
      „in der der Mensch das Menschsein verlernt hat“ – ja, das ist ein Gedanke, den ich auch immer mal wieder habe. Andererseits weiß ich nicht, was heißt das denn Menschsein – und konnten wir es jemals? Gute Frage. Aber zugleich wiederum ein Symptom für diese Entfremdung, die weiterhin einfach zu ignorieren ich als brandgefährlich empfinde.
      Insofern: Danke für Deinen Beitrag!

  2. Hi Elyseo,
    „was heißt das denn Menschsein – und konnten wir es jemals? “
    Hm…. Nein, ich glaube nicht. Menschsein bedeutet für mich im Einklang mit den Mitmenschen trotz aller Unterschiede, und mit der Natur zu sein. Menschsein bedeutet für mich ein Füreinander-Dasein, Kontakte, in denen Gefühle erlaubt sein dürfen, bei denen man gemeinsam träumen kann, diskutieren kann, oder einfach auch mal schweigen kann. Menschsein bedeutet für mich auch, ein Rudeltier sein, das zusammenhält – nicht um andere zu vernichten, sondern um friedlich miteinander sein Leben gut gestalten zu können, und in dem man trotz allem Individualist bleiben darf. Vielfalt. Regenbögen 😉
    Aber das ist ein sehr idealistisches Bild. Die Menschen bringen viel zu unterschiedliche Anlagen mit – vom ängstlichen Mauerblümchen zum Psychopathen, alles dabei. Oft fehlt die Möglichkeit der Reflektion, der Horizont. Und das machen sich macht- und geldgierige Menschen zum Vorteil…
    Menschsein bedeutet für mich aber nicht, in einem Raum mit 50 Menschen zu sitzen, die nur gebannt in ihr Handy starren und irgendwelche Smileys verschicken…
    Konnten wir jemals Mensch sein? Die Geschichte lässt mich das bezweifeln. Heutzutage kann man fast alles nachlesen, wir sollten von dieser Geschichte LERNEN. Aber es berührt uns nicht mehr – zugeballert von täglicher Gewalt im Fernsehen, vielen Katastrophenmeldungen – wir werden immer immuner. Hauptsache wir kriegen das neueste I-Phone oder was weiß ich… Es ist traurig. Und dann meldet sich da innen irgendwas, was sagt, es läuft was schief, aber die wahren Ursachen zu erkennen, auch in sich selber, das gelingt nicht. Also wächst auch wieder der Hass… Ach, endloses Thema 🙁
    Ich für mich versuche einfach, das Menschsein zu leben. In der Hoffnung, dass sich andere anstecken lassen und das Mensch(lich)sein sich wie eine „positive Seuche“ verbreitet….

    • Liebe Kela,
      Deine Vorstellung vom Menschsein gefällt mir – auch wenn sie in der Tat idealisiert klingt und so wahrscheinlich nie existiert hat. Aber gerade in Zeiten wie den derzeitigen ist das Träumen umso wichtiger.
      Und ja, ein Beispiel sein ist besser als belehren – das steht vollkommen außer Frage!!

  3. Hey Elyseo 🙂
    Wie versprochen habe ich den wunderbaren und sehr nachdenklich machenden Beitrag heute gelesen und bin bei vielem sehr nah bei dir. Danke schon einmal für diese Worte, die mir aus dem Herzen sprechen. Diese Zeiten, in denen die Menschheit immer wieder beweist, dass es ihr schwer fällt, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen, zu leicht den Flötenlauten der Menschenfängern folgt, sind erschreckend und lassen mich mit dem Kopf schütteln, während ich gleichzeitig die Hoffnung verliere, dass es jemals wirklichen Frieden geben kann.
    Dennoch muss ich gestehen:
    Trump war für mich leider erwartbar — er als Mensch und als Wahlsieger. Er ist letztendlich der eingekochte Brei vieler Generationen von Fremdenhass und Vorurteilen, die es in ganz Amerika haufenweise gibt. Rassismus und Intoleranz ist eine der Grundzüge der amerikanischen Gesellschaft und deshalb bin ich nicht überrascht, dass ein populistischer Kandidat (der für uns widerlich ist) gewonnen hat.
    Ich selbst sah die Chance für seinen Sieg noch drei Tage vor der Wahl zwar “nur“ bei 45%, habe ihm damit aber rund 4-5x so viel eingeräumt, wie diese Möchtegernexperten von Nachrichtensendern, die Meinungen gerne bilden, aber nicht die Wahrheit darstellen wollen. Auch ich habe unterschätzt, wie groß der Hass gegen Clinton ist, den ich in jeder Faser meines Körpers nachvollziehen kann, nicht zuletzt durch die geleakten Emails.
    Dennoch ist Trump keine Alternative gewesen, die man ruhigen Herzens hätte wählen können — sage ich. Für Amerikaner aber war er es und das aus zwei Gründen: einerseits die Medien, die keine Nachrichten mehr präsentieren, sondern sie als angstverbreitendes Fest zelebrieren und damit ein Gefühl der dauerhaften Bedrohungslage inszenieren, um Einschaltquoten zu generieren. Durch dieses Gefühl von Angst fühlten die Amerikaner sich bei einem Hardliner, der gegen vermeintliche Quellen der Angst (Muslime & Mexikaner) vorgehen wollte, verstanden. Hierzu kann man sich gerne die GOP-Convention ansehen und wird auch da sehen, dass es eine der wichtigsten Taktiken zum Wählerfang war: Angst verbreiten.
    Andererseits trug die Verunsicherung als Zuschauer, den Fernseher anzuschalten und nicht die Wahrheit serviert zu bekommen, ihren Teil dazu bei, dass Trump gewählt wurde. Diese Wahl hat die Manipulation viele Fernsehsender gezeigt und anstatt eines journalistischen Anspruchs wurde auf plumpe Propaganda für bevorzugte Kandidaten gesetzt, sodass viele Menschen im Internet nach der Wahrheit suchten und dann leider auf Seiten wie Breitbart (.com) oder bei Alex Jones (YouTube) landeten.
    Beide Dinge plus wirtschaftliche Probleme und eine demokratische Partei, die kaum korrupter und wählerfeindlicher sein könnte, erlaubten Trump Sieg.

    Doch was heißt der Sieg für die Menschen?
    Wie du schon gesagt hast: die ersten Reaktionen sind ekelerregend unmenschlich. Rassisten und Toleranzfeinde fühlen sich bestätigt, lassen ihren Emotionen und Aktionen freien Lauf als hätte man ihnen (moralische) Fessel abgelegt. Noch dazu die politische Ebene, die durch die Siege der Republikaner im Senat und Repräsentantenhaus alles machen können, sogar Rassentrennung einführen, Abtreibung verbieten, LGBT-Recht beschneiden und die Welt mit Krieg überziehen. Auch der Klimawandel könnte ignoriert werden. Furchtbar — das wirkliche worst case Szenario. Und ich für meinen Teil halte vieles davon für realistisch und wenig für Hysterie.
    Trump selbst macht mir dabei nicht einmal so viele Sorgen, weil er durch die Bankrotte aller seiner Projekte zeigte, dass er inkompetent ist. Seine BeraterInnen aber können ihn lenken und die Richtung, die sie einschlagen werden, wird keine Gute für die Freiheit und eine liberale Entfaltung sein.
    Ich würde mir wünschen, dass Trump in Wirklichkeit ein wunderbarer Präsident wird, vielleicht sogar ein fortschrittlicher, aber es gibt keinen Grund, der mich das glauben lässt. Ich erwarte das Schlimmste und hoffe sehr, dass der angerichtete Schaden von einem großen Sieg der Progressiven im Jahr 2020 repariert werden kann.
    Es mag wirken, als sähe ich schwarz. Die Wahrheit ist: ich beschäftige mich seit zu vielen Jahren mit diesem Land, seiner politischen und sozialen Entwicklung und wenn Trumps Wahlsieg das Endergebnis der bisherigen kulturellen Entwicklung ist, dann graut es mir davor, mir Amerika in 4 Jahren vorzustellen.

    Deine Botschaft der Liebe ist allerdings extremst wichtig wie auch richtig, denn das ist das einzige Gegengewicht, das wir als vernünftig denkende, moralische Menschen besitzen. Toleranz, Freundlichkeit, Offenheit sind unsere Waffen gegen das trump’sche Amerika.
    Dennoch verspüre ich ein Ohnmachtsgefühl, weil es so unwirklich erscheint, wie leicht Amerikaner diese Wahl nicht nur in ihren Köpfen durchspielen, sondern aktiv realisieren konnten. Ihre Großeltern kämpften und ließen ihr Leben, weil sie gegen jemanden mit Trumps Wertvorstellungen kämpften und dann entehren sie deren Opfer, indem sie selbst einen Menschenfänger wählen…Es ist grotesk und tieftraurig zur gleichen Zeit.

    • Danke Dir, Wortmeister Sven!
      Deinen Beobachtungen habe ich wenig hinzuzufügen – auch ich hielt es von Anfang an für wahrscheinlicher, dass Trump gewählt würde, als alle uns glauben machen wollten, wobei ein Teil in mir sich beharrliche weigerte, diese Möglichkeit tatsächlich zu akzeptieren. Das ist der Teil, der gerade jammert und klagt.
      Ja, ich fürchte ebenfalls, dass es wohl vor allem seine Berater sein werden, die Trumps Politik in weiten Zügen steuern – und wenn ich mir die ersten Berichte über seine mögliche Auswahl ansehe, kann einem angst und bang werden, so viel steht fest.
      Daher ist diese Hoffnung auf eine bessere Zukunft gerade leider als ein verzweifeltes Mich-daran-klammern-Wollen – doch wenn das alles ist, was ich im Moment tun kann, werde ich eben das tun. Tatsächlich könnte eine Regierung Trump dazu führen, dass sich die fortschrittlichen Kräfte in den USA bündeln, denn die Bedrohlichkeit der Lage dürfte die Menschen vereinen.
      Wollen wir einfach darauf hoffen, dass er in diesen vier Jahren nicht so viel Schaden anrichtet, wie er es könnte! Denn eines dürfte sich doch bald erweisen, nämlich dass all seine angestrebten Lösungen nichts als Scheinlösungen sind. Eine Mauer zu Mexiko? Abschiebung von Immigranten?
      Das Lachen über diese Ansätze bleibt mir leider im Halse stecken…
      Herzliche Grüße aus Lisboa!
      Elyseo

      • Gerne :):)
        Und was seine Berater angeht, die jetzt bereits bestätigt oder halb-bestätigt sind…da möchte man nicht nur mit dem Kopf schütteln, sondern das gesamte amerikanische Volk packen, insbesondere die 46%, die nicht wählen gingen, und sie schreiend fragen, wie stolz sie auf dieses Land noch sein können. Einen white nationalist als Stabschef und den geisteskranken, in seiner völlig eigenen Welt voll Hass und Rassismus lebenden Giuliani als Außenminister. Man möchte sich die Haare raufen und sich für seine eigene frühere Ungläubigkeit, dass dies wirklich ein realistisches Zukunftsszenario ist, schämen.
        Die einzige Hoffnung, die ich gerade besitze ist zweigeteilt: die angestrebte Mauer ist im Interview auf einen teilweisen Zaun reduziert worden und ein Politikwissenschaftler, der die Wahl Trumps als einer der wenigen akkurat vorhergesagt hat mittels eines 13-Punkte-Plans, den er seit 30 Jahren nutzt um immer korrekt den Präsidenten vorhersagen zu können, rechnet mit einer Amtserhebung Trumps, sobald Trumps Skandale neu auftauchen oder er das amerikanische Volk gefährdet, was er zweifellos machen wird..
        Hoffen wir gemeinsam darauf, dass sich die 4 Jahre reduzieren auf ein halbes…
        Liebe Grüße auch an dich 🙂

        • Wenn das mit diesem Impeachment-Verfahren nur so einfach wäre! Gibt es einziges Beispiel in der US-Geschichte, wo es geklappt hat? Naja, hoffen darf man wohl – aber selbst wenn es zu einem solchen Verfahren käme, zieht es sich eher über Jahre als Monate…

  4. Lieber Elyseo,
    ich teile deine Analyse in vielen Punkten und wie du hoffe ich, dass alles irgendwie doch gut werden möge und am Ende die Hobbits den Ring im Schicksalsberg …
    Wenn es nur so einfach wäre. Denn natürlich gibt es keine Hobbits. Wir müssen den Scheiß schon selber wegmachen. Dein Ansatz, nicht immer nur auf den Hass zu reagieren, sondern statt dessen Liebe weiter zu geben, ist da schon mal ein guter Anfang. Kübra Gümüsays Vorschlag der organisierten Liebe geht in die gleiche Richtung (http://16.re-publica.de/16/session/organisierte-liebe).
    Ich halte diesen Ansatz gerade deshalb für gut, weil ich dir in einem Punkt deiner Analyse widersprechen möchte: Weder Trump, noch die AfD nehmen die Ängste oder Unbehagen der Bevölkerung ernst. Sie schüren sie, surfen darauf, aber im Grunde sind sie ihnen vollkommen egal. Ich habe das in Hamburg mit der Schill-Partei hautnah miterlebt (man muss sich nur mal angucken, wie Schill angefangen hat und wie er jetzt lebt). Mit der AfD ist es ähnlich. Das war am Anfang eine Bewegung gegen den Euro. Als sich Rassismus als bessere Projektionsfläche anbot, sind sie darauf umgeschwenkt. Sie brauchen ein starkes Feindbild, weil sie untereinander nur so lange einig sind, wie ein äußerer Feind bekämpft werden muss.
    Wenn wir Liebe verbreiten, statt den Hass zu bekämpfen, könnte das helfen, diese Illusion eines äußeren Feindes gar nicht erst entstehen zu lassen.
    Liebe Grüße
    Nike

    • Liebe Nike!

      Danke für Deine Worte! Zuallererst: Kübras Beitrag habe ich auch total gefeiert, eine der besten Reden der letzten Jahre für mich!
      Und Du verstehst mich falsch, wenn Du glaubst, ich nähme AfD, Trump und Konsorten ab, dass sie diese Ängste WIRKLICH ernst nehmen. Selbstverständlich tun sie das nicht. Ein Milliardär wie Trump hat in der Tat überhaupt keine Ahnung von dem, was in der Welt derer geschieht, die er vorgeblich vertritt.
      ABER: Sie tun so, als ob sie diese Ängste ernst nähmen. Leider genügt das offenbar, um Wahlerfolge zu erzielen. Schlimm genug.

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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