LisPoeta – Eine Darmgrippe vom Idealgewicht (16. Oktober 2016)

Du kennst ihn, den klassischen Montagmorgen. Du stehst auf, checkst Deine E-Mails und liest eine Kritik über Deine Arbeit, die einem frühmorgendlichen Fausthieb in den Magen gleichkommt, versuchst Dich zu sammeln, legst den Plan, mit dem Schreiben zu beginnen ad acta, weil Du in diesem Zustand sowieso keinen vernünftigen Satz zustande bringst, und entscheidest Dich, spazieren zu gehen.

Draußen scheint die Sonne. Aber Du fühlst Dich angegriffen und plötzlich kommt Dir das T-Shirt, das Du für diesen Spaziergang ausgesucht hast, viel zu eng vor, Du kannst nicht umhin, in jedem Schaufenster, an dem Du vorbeikommst, einen Seitenblick auf Dein Spiegelbild zu werden und Dir zu denken: Ich bin fett.

Du versuchst, Dir klarzumachen, dass diese Gedanken wohl mehr als mit objektiver Faktenlage damit zu tun haben, dass die Kritik, die Du an Deinem neuen Roman bekommen hast, Dich verletzt hat – und dennoch bleibt dieses schmächliche Gefühl, nicht zu genügen, alles im Leben falsch zu machen und noch nicht einmal den hehren Erwartungen zu entsprechen, die die Gesellschaft an Dein Aussehen stellt, von der körperfixierten Gay-Szene mal ganz zu schweigen.

So begann meine Woche.

Auf dem Nachhauseweg von besagtem Spaziergang zur berühmten LX-Factory, der noch dazu müßig war, da, was ich vorher nicht wusste, die allermeisten kleinen Designer-Läden, die es dort zu sehen gibt, montags geschlossen haben, war mir plötzlich übel. Zeit, etwas zu essen, dachte ich, da es wohl sechs Stunden her war, dass ich zuletzt gegessen hatte. Keine gute Idee, wie sich herausstellte.

Vom Cais do Sodré bis zu mir nach Hause sind es wohl gute 20 Minuten zu Fuß, doch als ich das kleine Restaurant verließ, wo ich eine Suppe gegessen hatte, fühlte sich diese Strecke wie ein unüberwindbares Hindernis an. Ich fühlte mich schwach und das Essen hatte es mitnichten besser gemacht.

Also entschied ich, die U-Bahn zu nehmen. Ebenfalls mittelgute Idee. Es war heiß und stickig und das Ruckeln ließ mich zweifeln, ob ich die vier Stationen wohl überstehen würde, ohne in den überfüllten Wagon zu speien.

Ich überstand sie. Schaffte es auch noch nach Hause. Und während ich kotzend über der Klo-Schüssel hing, dachte ich nur: wie passend. Hatte ich mich nicht Stunden zuvor noch über meinen Bauch beschwert?

Du kennst solche Nächte – sie sind ein Alptraum. Mit erstaunlicher Regelmäßigkeit fand ich mich alle anderthalb Stunden auf dem Badezimmerboden wieder und versuchte, durch kalte Fließen meinen Kreislauf zu stabilisieren. Erst um fünf Uhr morgens gelang es mir schließlich, halb im Sitzen ein paar Stunden Schlaf zu finden.

Den Rest der Woche lag ich flach, was ich aber aus verschiedenen Gründen gar nicht schlecht fand. Zum einen war ich gezwungen, endlich mal zur Ruhe zu kommen – das war mir in den Monaten zuvor nie gelungen, selbst im Urlaub nicht, da ich stets von Menschen umgeben war und Alleinsein eine andere Qualität darstellt, was zur Ruhe kommen angeht. Zugleich hatte ich die Gelegenheit, mich tatsächlich in meinem neuen Zuhause einzuleben, da es mir schlicht nicht möglich war, eben dieses neue Zuhause zu verlassen.

Zum anderen konnte ich die Zeit nutzen, um über die Kritik nachzudenken, die von zwei Seiten an mich herangetragen worden war.

Das Thema Kritik ist oftmals ein zweischneidiges Schwert. Viele Autoren geben einem den Rat, nichts dessen, was noch in Entstehung begriffen ist, irgendjemandem zu lesen zu geben (berühmtester Vertreter dieser Haltung ist wohl Stephen King). Der erste Entwurf sei nicht für fremde Augen bestimmt, argumentieren sie – und wie bei so vielen Themen, die im Netz behandelt werden und mit dem Schreiben zu tun haben, sind die Verfechter dieser Meinung in ihrem Auftreten ausgesprochen resolut: Eine andere Meinung als die ihre habe keine Berechtigung, so scheint es mir oft. Das empfinde ich in all diesen Fällen – nicht nur beim Thema Kritik – als problematisch. Dogmatismus widerstrebt mir immer, egal, welches Dogma gerade vertreten wird.

Ich selbst sehe es anders – ich hole mir Kritik auch während des Entstehens meiner Bücher ein. Ähnlich wie im Alltag halte ich Austausch für produktiv und gewinnbringend.

Allerdings mache ich mich natürlich zugleich angreifbar in einer Phase, wo mir selbst klar ist, dass nicht alles bis in die Endfassung genau so stehen bleiben wird.

Und dann kommt es natürlich auch immer darauf an, wie Menschen Kritik anbringen. Ich halte mich diesbezüglich keineswegs für übersensibel – aber als Schreiber, der Stund um Stund in manche Kapitel steckt, kommt es mir auch bei der Kritik oftmals sehr auf den Tonfall an. Selbst wenn mir theoretisch bewusst ist, dass die Kritik wohlwollend gemeint ist (denn so dumm bin selbst ich nicht, meine unausgegorenen Werke denjeningen anzuvertrauen, die es nicht wohl mit mir meinen), dauert es oft Tage, bis ich auch nur die Worthülse durchdrungen habe, um mich mit dem eigentlichen Inhalt auseinanderzusetzen. Um so schlimmer, wenn ich mich aufgrund der Art, wie Kritik verpackt ist, direkt in Verteidigungshaltung gezwungen sehe.

Diese Woche dauerte es ein paar Tage, bis ich selbst zu dem Gefühl zurückgelangte, dass die Arbeit, die ich leiste, sinn- und wertvoll ist. Gerade, da ich einige Monate vor mir habe, in denen ich mich auf das Schreiben konzentrieren will – ich will versuchen, den ersten Entwurf meines Romans bis zum Frühjahr fertigzustellen – fühlten sich diese Zweifel wie ein herber Rückschlag an. Ich stellte alles in Frage, ja, ging selbst so weit, mich wieder einmal zu fragen, ob das ganze Schreiben denn überhaupt Sinn mache (Danke, Bastian Sick, ich korrigiere:) habe – oder ob ich es nicht vielleicht einfach lassen solle. Zwingt mich ja niemand. Würde ich das nächste halbe Jahr vor der Glotze verbringen oder mir jeden Abend die Hucke vollsaufen, würde sich ebenso wenig jemand beschweren.

Eher zufällig las ich irgendwann wieder einmal die Kritiken, die das Mosaik der verlorenen Zeit bislang auf amazon bekommen hat. Vielleicht war das der Moment, der mich umdenken ließ.

Warum besitzen kritische Meinungen in der persönlichen Gewichtung einen so viel höheren Stellenwert als positive?

Wenn ich lese, was meine Leser über meinen Debütroman schreiben, sollte es das sein, was mich interessiert. Trotzdem fällt es mir extrem schwer, mich nicht auf die gelegentlich vorgetragenen Schwächen und Mängel zu konzentrieren, die mir selbst durchaus bewusst sind.

Aber ist es nicht wichtiger, dass die Menschen, die das Buch bisher gelesen haben, es lieben?

Natürlich ist es immer möglich, ein besseres Buch zu schreiben. Es wird nie anders sein. Wenn ich aber anschaue, was in meinem eigenen Empfinden zu meinem Roman passiert, merke ich, dass ich eigentlich nur ernstnehmen kann, was mich kritisiert, was mir meine Schwächen aufzeigt, was mir meine Unzulänglichkeit spiegelt. Es ist ein wenig wie der Blick in den Spiegel der Schaufenster.

Das ist schade. Auch wenn es zugleich wohl dafür sorgt, dass ich stets an die Grenze des Leistbaren gehen werde, um alles aus mir herauszuholen. Bisweilen aber frage ich mich, wie lange so etwas möglich ist.

Mit diesen Gedanken verlasse ich Dich für heute.

Alles in allem war die vergangene Woche für mich dennoch eine gute. Ich werde weiter an mir arbeiten, werde weiter versuchen, ein besserer Autor zu werden, weiter in die Tiefe zu gehen, meine Schwächen auszumerzen, um aus dem nächsten Roman den besten mir möglichen zu machen.

Und doch weiß ich zugleich, dass auch das für manche Menschen nicht genug sein wird. Und dass deren Meinung wieder ein überdimensional großes Gewicht in meiner eigenen Bewertung einnehmen wird. So ist das eben. Letztlich wohl ein Ansporn.

Gehab Dich wohl und auf bald!

Dein LisPoeta

(der vermutlich nur unwesentlich weniger wiegt als vor der Darmgrippe)

Wenn Du selbst schreibst, würde ich mich sehr dafür interessieren, was Du zum Thema Kritik und dem ganzen Umfeld denkst. Ergeht es Dir ähnlich, dass Kritik einen höheren Stellenwert einnimmt als Lob? Hinterlass doch einen Kommentar!

Foto der Woche:

Verfallendes Haus in Baixa, einem Stadtteil mitten im Zentrum. Da hier noch die Unterwäsche vor dem Fenster zerfällt, fragt sich, was mit dem Bewohner dieser Wohnung geschehen ist.

Verfallendes Haus in Baixa, einem Stadtteil mitten im Zentrum. Da hier noch die Unterwäsche vor dem Fenster zerfällt, fragt sich, was mit dem Bewohner dieser Wohnung geschehen ist.

8 Gedanken.

  1. Hey Elyseo,
    ich schicke dir erstmal eine Umärmelung! Und wünsche natürlich gute Besserung!
    Dazu:
    „Ich werde weiter an mir arbeiten, werde weiter versuchen, ein besserer Autor zu werden, weiter in die Tiefe zu gehen, meine Schwächen auszumerzen, um aus dem nächsten Roman den besten mir möglichen zu machen.

    Und doch weiß ich zugleich, dass auch das für manche Menschen nicht genug sein wird. “
    Erlaubst Du Dir, dass es gut genug für DICH ist? Ich finde Dich jetzt schon einen verdammt guten Autor, denn Dein Buch hat mich gefesselt und ich fand es für einen Debutroman extrem gut. Ist es wichtig, dass das Geschriebene allen gefällt? Ist es wichtig, dass es in allen Bereichen „perfekt“ ist? Bilden manche Schwächen nicht oft den Charakter? Vielleicht ist es wichtig, dass Du Dir wieder erlauben darfst, Dir selbst Wertschätzung entgegen zu bringen? Und DAS zu sehen, was Du in den letzten Jahren alles erreicht hast, denn das ist in meinen Augen sehr sehr viel!
    Ich schicke Dir ganz liebe Grüße aus dem herbstlichen Schwabach!

    • Das ist eine verdammt gute Frage – damit triffst Du wahrscheinlich den Kern. Erlaube ich mir, dass es gut genug für mich ist? Hm. Wahrscheinlich ist das der Spagat zwischen Zufriedenheit und dem ewigen Vorwärtsstreben – der Spagat zwischen der fernöstlichen Kultur und dem Pursuit of Happiness, das uns allzeit voran treibt.
      Auf jeden Fall war es gut, mich zu all dem zu positionieren, was das in mir ausgelöst hat. Das ist ja zugleich ein wichtiger Prozess, der allerlei andere Themen mit ins Boot holt, letztlich das eigene Selbstverständnis. Das bisweilen zu hinterfragen, halte ich für unumgänglich und insofern ist wahrscheinlich auch der Auslöser letzten Endes egal.
      Danke auf jeden Fall für Deine Worte! Manchmal ist so eine Außenperspektive echt hilfreich im Bezug auf das, was man selbst so tut und leistet. Eine dicke Umarmung zurück!

  2. Ich kenne das mit der Kritik auch. Ich habe mal eine App entwickelt und diese für 1,99 € angeboten. Als Laie war es für mich sehr viel Aufwand und ich habe sehr viel Zeit und auch Geld in das Projekt rein gesteckt. Tja und wie fallen die Rezessionen aus? Schlecht gemacht, lieblos, könnte jeder Anfänger besser, bla Blabla. Man kann es einfach nicht allen recht machen. Deuter warten eben für 1,99 € ein komplettes Office System. Dass dieses allerdings deutlich mehr kosten würde spielt keine Rolle, denn unter dem Deckmantel der Anonymität im Internet kann man ja schreiben was man will, Man muss sich ja nicht rechtfertigen. Ich habe gelernt damit zu leben und manche Punkte auch zu ignorieren. Manche Kritik ist auf jeden Fall gut und wichtig aber noch lange nicht jede! versuche mal zu gucken was unter den positiven Rezensionen für dich dabei ist. ich sage mal so lange die Mehrheit positiv ist, braucht man sich eigentlich keine Gedanken machen beziehungsweise man macht sich zu viele Gedanken die man sich sparen könnte und in sinnvollere Aktivitäten investieren könnte. Man wird niemals jeden zufrieden stellen können und das ist vielleicht auch gut so 🙂

    • Hallo mein Lieber!
      Danke dafür, dass Du Deine Erfahrung hier teilst! Ich kann mir vorstellen, dass das frustrierend für Dich war mit der App damals.
      Allerdings muss ich in meinem Fall gerade ergänzen, dass es ja nicht um eine Rezension ging, sondern tatsächlich um die wohlmeinende Kritik einer Freundin, um die ich sogar gebeten hatte.
      Ich werde mir daraus auch Positives ziehen, denn wie meinte ein Freund heute zu mir: „Elyseo, schon allein, dass sich jemand die Zeit nimmt und die Mühe macht, sich hinzusetzen und etwas zu Deinem Text zu schreiben – und vor allem nicht nur: ist alles super, beweist, dass es ein Freund ist.“
      Damit hat er sicherlich Recht.
      Insofern geht es mir auch um diesen subjektiven Zwiespalt zwischen Kritik annehmen wollen und Kritik annehmen können, weil sie einen nichtsdestotrotz verletzt.
      Aber ja, vielleicht ist es letztlich gut, nicht alle zufriedenstellen zu können. In dieser Hinsicht komme ich mir manchmal vor wie ein naives kleines Kind. Vielleicht bin ich das auch.

  3. Mein lieber Elyseo,
    ich hoffe, dass Du wieder auf den Beinen bist – zum einen im körperlichen Sinne, zum andern im Selbstbewusstseins Seins.
    Du sprichst viele wichtige Dinge an: Da ist einmal die gesamte Kritik-Geschichte, auf die ich gleich zu sprechen komme. Erstmal aber deine wahren Worte, dass es häufig in der Netzgemeinde keine Grautöne gibt. Entweder man ist für eine Sache oder gegen eine Sache. Das ist übrigens eine ganz hervorragende, wenn auch nicht sonderlich nachhaltige oder reife Strategie, um mit Kritik umzugehen: man lässt sie einfach nicht und erklärt sie als unbegründet, weil sie der eigenen Weltanschauung widerspricht.
    Ich persönlich habe Schwierigkeiten, meine Arbeiten in einem Vorabstadium jemandem zu zeigen. Das liegt aber zum einen hauptsächlich daran, dass ich mein eigener strengster Kritiker bin. Zum anderen, dass ich nicht genug Leute in meinem engeren Bekanntenkreis habe, auf deren Meinung ich in dieser Arbeitsphase setzen würde. Autoren nämlich. Bei writing excuses wurde einmal der weise Ratschlag gegeben, Vorabversionen nur Leuten zu geben, die etwas vom kreativen Prozess eines Autoren verstehen und die Denk- und Arbeitsweise nachvollziehen können. Man soll das Werk verstehen als einen ungeschliffenen Diamanten, der vielleicht nicht einmal glänzt. Wer es in diesem Zustand lesen soll, der soll ein Auge für das Potenzial der Geschichte haben. Kritik soll sich nicht darauf basieren, was das Werk aktuell ist, sondern darauf, was es sein kann! Vielleicht bietet unsere schöne Autorengemeinschaft dafür ja die Möglichkeit, dass wir auf dieser Basis miteinander arbeiten können, denn vorher hatte ich zu anderen Autoren überhaupt keinen Kontakt.

    Wie ich persönlich mit Kritik umgehe? Kommt immer darauf an, wie lange ich weine
    Ich finde, du hast den Faustschlag in den Magen ganz passend beschrieben. Wir erhoffen uns Kritik als eine objektive Sicht auf unser Werk, dabei ist sie genauso subjektiv, wie unsere eigene Sicht. Es gibt ja diese Weisheit, dass Kritik wie eine Geschenk ist, das man auf jeden Fall annehmen sollte. Man muss aber tatsächlich auch mal damit rechnen, dass in das Geschenkpapier echt hässliche selbstgestrickte Socken eingewickelt sind, die nicht nur kratzig sind, sondern auch Stinkefüße verursachen. Manchmal kann man darauf einfach nichts Sinnvolles machen. Naja, außer vielleicht gruselige und nach Käsekuß riechende Handsockenpuppen.
    Wenn du auch nach einer erzwungenen Pause immer noch nichts mit der Kritik anfangen kannst, dann hast du wahrscheinlich solche Socken erwischt.
    Ich höre in solchen Situationen lieber auf mein Bauchgefühl (okay, Assoziationen zur Darmgrippe liegen nahe) und akzeptiere es, dass nicht jede Kritik für mich produktiv sein muss. Wenn sich die Inhalte dieser Kritik jedoch von mehreren Seiten wiederholen, dann muss vielleicht ein bisschen mehr Abstand her. Vielleicht mal etwas anderes schreiben oder zwei Monate lange Badminton spielen gehen und nicht schreiben.

    So viel von meiner Seite. Und jetzt gehe ich duschen und lese dann die letzten Seiten vom Mosaik.

    Liebe Grüße von der Nordsee.
    Jens

    • Lieber Jens,

      Du hast mich mit Deinen Bildern gerade herzlich zum Lachen gebracht! Das tat schon mal sehr gut – um genau zu sein, lache ich noch immer, während ich das schreibe! Selbst gestrickte hässliche Wollsocken die Stinkefüße verursachen – großartig.
      Insgesamt bin ich, glaube ich, ganz gut damit, Kritik anzunehmen. Auch in diesem Falle ist es nicht so, dass ich mich komplett verweigert hätte, im Gegenteil, in manchen Belangen hat die Kritikerin vollkommen Recht. Das ist dann zwar nicht angenehm zu hören, aber es ist ja das Ziel, wenn ich mir eine solche Kritik einhole, dass sie mich weiterbringen soll.
      Auf der anderen Seite bin ich schon vor langer Zeit zu dem Schluss gelangt, dass ich nicht jede Kritik annehmen muss. Das nämlich empfinde ich als Manko in unserer oftmals Kritik-hörigen Gesellschaft, dass Kritik (egal ob Stinkefuß oder nicht) als Wert an sich gesetzt ist. Davon distanziere ich mich. Als Künstler – oder schlicht auch als Mensch – habe ich das Recht, Kritik als unzutreffend abzulehnen. In dem beschriebenen Fall war das so einfach aber nicht – eben weil es eher die Art war, die mir meinen Umgang damit erschwert hat als jeder einzelne Punkt. (Natürlich bleibt es auch hier so, dass ich nicht alles annehme, weil ich manche Dinge einfach anders sehe.)
      Sollte übrigens das Wort Käsekuß ein Verschreiber gewesen sein, so war es einer der besten, die mir seit Langem untergekommen sind!!

      Mir geht es übrigens ähnlich wie Dir, dass ich vor den BartBroAuthors keinerlei Kontakt zu anderen Schreibern hatte – deswegen schätze ich unsere Gemeinschaft und ihren wunderbaren Umgang miteinander auch so sehr! Und ja, ich glaube, wenn wir es schaffen, einander tatsächlich so weit zu vertrauen (trotz dieser rein virtuellen Gemeinschaftsform), dass wir im positiven Sinne auf das Schreiben des Anderen einwirken können, wäre das eines der tollsten Dinge, die wir innerhalb dieser Gruppe erreichen können! Aber mein Bauchgefühl zeigt sich diesbezüglich sehr zuversichtlich!
      So, ich hoffe Du genießt die Herbsttage an der See! Ich freue mich drauf, bald wieder von Dir zu lesen!

  4. Lieber Elyseo

    Für mich, selbst ein angehender Schreiberling, ist es gerade jetzt zu Beginn meines Studiums im literarischen Schreiben, ein guter Moment, mir über den Umgang mit Postkritiktiefs Gedanken zu machen. Schon sehr bald kommen die ersten Abgabetermine und ich kann den Hagelsturm heranziehen sehen. An starken Tagen freue ich mich auf den Sturm – auf all die Möglichkeiten, auf das Weiterkommen, EPs sammeln und ein Level aufsteigen.
    Und an schlechten Tagen: Wie konnte ich nur jemals glauben ich könne schreiben? Was sind die Alternativen? Oder etwa doch noch Jus studieren ;)?

    Die beste Medizin gegen die Entscheidung für ein Jusstudium sind Blogeinträge wie der deine bzw. zu sehen, dass Vorbilder, die viel mehr Erfahrung als ich haben, scheitern – oder anders gesagt, dass sie AUCH scheitern und kämpfen. Es mag an passiven Sadismus grenzen, doch es hilft mir gegen Selbstmitleid und den Chor deiner Kritiker, der wie ein Tinitus in meinem Ohr surrt. Es ist ein Tinitus, der uns verstummen lassen kann. Ist er laut genug, schafft es kaum ein begonnener Satz über die ersten paar Wörter hinaus.
    Eine andere, pragmatische Lösung, die ich vor ein paar Tagen für mich gefunden habe, ist die Schreibmaschine. Anfangs habe ich mich noch über Tippfehler oder verkackte Satzanfänge aufgeregt – was nix brachte, löschen konnte ich sowieso nicht. Und so bleiben Ideen stehen, die es sonst nie über die ersten paar Wörter hinaus geschafft hätten. Klar, manche wären besser abgetrieben worden, aber es hilft mir über ein Tief hinweg, selbst den kleinsten Ideen noch eine Chance zu geben.
    Netter Nebeneffekt: Der Tinitus mag gerade Laut sein, aber eine Schreibmaschine hackt beim so laut, ich kann ihn nicht hören.

    Danke für deine Offenheit 🙂
    Alles Liebe und bis bald
    Benji

    • Hallo Benj,

      oh Mann, das kann ich mir vorstellen, dass Du davor ein wenig Bammel hast. Ich bin wirklich sehr gespannt wie Deine ersten Feedbacks in der Runde aussehen werden. Andererseits – und in Deinem Fall habe ich ja immer genau die Gegenposition, also die des Kritikers eingenommen – bist Du von mir bereits einiges gewöhnt. Insofern könnte es gut sein, dass es Dir gar nicht so schlimm vorkommen wird.
      Und immerhin – vergiss das nie – hast Du es geschafft als einer von 15 Kandidaten aus der ganzen Schweiz an dieser Uni aufgenommen zu werden. Das spricht schon für sich.
      Schreibmaschine, meine Güte, darauf habe ich noch zu schreiben gelernt früher, als ich in der 5. Klasse war. Obwohl ich den Schreibmaschinenkurs damals gehast habe, bin ich heute doch dafür dankbar. Interessant, dass auf diese Art Ideen stehen bleiben, die sonst der eigenen Zensur zum Opfer fallen würden.
      Auf dass der Tinitus uns nicht verstummen lassen möge, mein Freund!
      Bis bald!

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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