LisPoeta – Der Freiheit scharfe Schneide (29. Oktober 2016)

Social Media - Das Leben ist schön

Social Media – Das Leben ist schön

Du kennst das vielleicht – all die glücklichen Menschen, die Tag für Tag die aufregendsten Dinge erleben, die neben ihren Vollzeit-Jobs noch zehn weitere produktive Stunden mit Schreiben verbringen (sei es im Bus, Zug oder auf der Toilette), während sie perfekte Beziehungen führen und zugleich die schönsten Orte der Welt besuchen.

Natürlich lassen sie Dich in ihren Posts auf diversen Social-Media-Kanälen an ihrem nie enden wollenden Glück teilhaben. Nein, Du brauchst es nicht auszusprechen, ich kann Dein Wie naiv bist du eigentlich? auch so hören. Und selbstverständlich ist auch mir klar, dass die Social-Media-Bombardements, denen ich mich alltäglich aussetze (ich formuliere bewusst nicht ausgesetzt bin, denn diese Entscheidung treffe ich ja selbst), nicht die Realität widerspiegeln. Theoretisch.

Theoretisch jedenfalls ist es mir klar. Und dennoch – ich weiß nicht, ob es Dir da anders geht – haben sie einen Effekt auf mich.

Nun geht es mir nicht darum, dass mein Leben im Vergleich zum Leben anderer Menschen langweilig wäre – dieses Gefühl habe ich nicht. Vielmehr ist es ein anderer Aspekt, mit dem ich mich gerade auseinanderzusetzen habe: Es ist die Gratwanderung auf der scharfen Schneide der Freiheit.

Was ich damit meine?

Ganz einfach. Im Augenblick lebe ich hier in Lisboa und habe, da ich vor nächstem Frühjahr keine Tour in meinem neuen Brotjob zu leiten brauche, die absolute Freiheit, zu entscheiden, was ich mit meiner Zeit anstellen möchte. Geil, magst Du jetzt denken, doch so einfach ist es leider nicht.

Warum die Freiheit ein schwieriges Kapitel ist und was das mit dem Kapitalismus zu tun hat

Als ich hierherkam, sprudelte ich über von gloriosen Plänen. Bis zum Frühjahr wollte ich meinen zweiten Roman fertig schreiben! Das würde zwar stressig werden, aber Stress? – Kein Problem, das war ich nach den vergangenen Monaten gewohnt. Drei Monate – ich hatte es schon mal erwähnt – sollten nach Altmeister Stephen King ohnehin genügen, um jedweden Erstentwurf für einen Roman fertigzustellen (Stephen King, On writing) – und ich, ich hatte ja sogar schon 200 Seiten! Was konnte da noch schiefgehen?

Es hieß also nur: Arschbacken zusammenkneifen und los geht’s!

Aber dann – du kennst das – kam mir die Realität in die Quere. Hintergrundfragen bezüglich des Romans um Luk und Galiano, die ich noch nicht beantworten konnte, Kritik von außen, die mich ins Wanken brachte, strukturelle Unsicherheit, was den von mir gewählten Aufbau der Geschichte angeht – und schon sitze ich hier im wundervollen Lisboa und tue alles außer einem: Schreiben.

Aus dieser Situation kann ich nun mehrere mögliche Konsequenzen ziehen – ich schildere mal die beiden einander gegenüberstehenden Pole:

Zum einen kann ich mich zwingen, mich solange an den Schreibtisch zu setzen, bis es eben funktioniert, jeden Tag 1000 Wörter schreiben, koste es, was es wolle – beim Erstentwurf, so viele Schreibtheoretiker, sei Qualität ohnehin egal, Hauptsache man rotze irgendetwas aufs sprichwörtliche Papier, überarbeiten könne man schließlich im Nachhinein immer noch. Wo aber nichts stehe, könne man auch nichts überarbeiten. (In ihrer eigenen Logik ist diese Aussage unschlagbar.) Für den November, wo ich mir vorgenommen hatte, am NaNoWriMo (National Novel Writing Month) teilzunehmen, würde ich die mir abgetrotzte Wortanzahl auf 1700 pro Tag erhöhen und im Februar wäre ich dann fertig. Irgendwie.

Zum anderen gibt es eine Stimme in mir, die mir sagt: Das funktioniert nicht. Du bist keine Maschine. Du bist erschöpft. Das Schreiben ist ein kreativer Prozess. Dabei geht es nicht darum, in kürzestmöglicher Zeit so viel wie irgendmöglich zu produzieren – vielmehr geht es um Kontemplation, Verarbeitung, Tiefe. Es geht um Ruhe und Zeit.

Diese Stimme widerspricht allerdings sämtlichen Ratschlägen der Schreibratgeber, die mir in meiner bisherigen Laufbahn als Schreiber untergekommen sind. Denn für die ist Schreiben nichts anderes als sich hinsetzen und beginnen. So etwas wie die richtige Stimmung dafür sei eine Illusion, heißt es, und partiell stimme ich dem sogar zu.

Was aber beinahe schlimmer ist: diese Stimme widerspricht dem Selbstverständnis der Welt, in der ich aufgewachsen bin.

In dieser Welt nämlich grenzt es ohnehin an Frechheit, sich in Kunst versuchen zu wollen. Denn was ist Kunst anderes als ein brotloser Zeitvertreib für Narren?

So Du diese Frechheit aber besitzt, unterwirf Dich bitte zumindest dem Diktat der Produktivität. Soll heißen – das, was Du tust, muss sichtbar, zählbar, messbar sein.

Das ist natürlich blanker Unsinn und dennoch ist es die Zwickmühle, in der ich mich seit Wochen gefangen wähne. Nun bin ich mir dessen zwar bewusst, das genügt aber leider bislang nicht, um mich daraus zu befreien.

Schlimmer noch – mit dem ständigen Anspruch, etwas leisten zu müssen, im Nacken, will sich auch wirkliche Entspannung nicht einstellen.

Wie auch? Schließlich unterwerfe ich mich permanent dem Gefühl des Scheiterns. Was am Ende des Tages bleibt, ist das nagende Gefühl von Unzufriedenheit mit dem eigenen Sein.

Dem Kreislauf zwanghafter Produktivität entfliehen

Was also tun?

Nun. Zunächst heißt es wohl, eine Entscheidung zu treffen. Das war mir bis gestern nicht gelungen. Allerdings habe ich mit meiner Berliner Freundin K. gesprochen und sie bestätigte mich darin, dass es in der Tat das Schlimmste sei, zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Dabei bin ich oft selbst derjenige, der Freunden den Rat gibt, Entscheidungen nicht zu überdramatisieren. Denn was geschieht schon, wenn ich eine Entscheidung treffe? Die Welt wird nicht davon untergehen, dass ich mich für A anstatt B entscheide.

Letztlich war es vor einigen Minuten D., mein portugiesischer Freund, mit dem ich mich Samstag morgens treffe, um gemeinsam zu arbeiten, der mir den entscheidenden Rat gab. Ich solle mir ein Datum setzen und bis dahin entscheiden, nichts zu tun. Also wirklich nichts, was mit dem Roman zu tun habe.

Dieser Rat aus seinem Munde erstaunte mich sehr, definiert er sich doch – wesentlich mehr als ich – über die eigene Produktivität.

Ich dachte kurz darüber nach und veränderte die Vorgabe ein wenig. Um mich wirklich freizumachen, ist es zwar gut, mir ein Datum zu setzen, allerdings ein Datum, an dem ich neu entscheiden werde, nicht eines, bei dem ich bereits vorher festlege, was danach zu geschehen hat. An sich einen Rahmen zu haben, wird mich freier machen, allerdings nur, wenn dieser Rahmen offen bleibt.

Kein Problem mit dem Nichtstun

Kein Problem mit dem Nichtstun

Selbstidentifikation und Vertrauen

Warum aber ist es so schwer einfach nichts zu tun?

Ich denke, ein entscheidender Aspekt bei der Beantwortung dieser Frage hat mit Vertrauen zu tun. Wenn ich mich Problemen mit dem Schreiben gegenübersehe und das Gefühl habe, mich dazu zwingen zu müssen, bedeutet das, wenn ich es auf eine andere Ebene übersetze, dass ich eigentlich fürchte, ein fauler Strick zu sein, der in ewiger Unproduktivität versinkt, wenn nicht die Peitsche über seinem Rücken knallt – und für dieses Knallen sorge ich am besten natürlich selbst (beim Angestellten übernimmt das der Chef).

Woher dieses Gefühl kommt, weiß ich nicht.

Da es ein Gefühl ist, habe ich leider kaum Einfluss darauf. Es widerspricht zudem meiner verstandesmäßigen Erwartung. Ich bin nämlich davon überzeugt, dass Kreativität und der Wille, etwas zu schaffen, eine Grundstruktur menschlichen Seins darstellen. Ewige Faulheit widerspricht dem menschlichen Naturell. Vielleicht taucht in Deinem Kopf gerade das Bild des Bier trinkenden Hartz-IV-Empfängers vor der Glotze auf, auf das unsere Vorstellungskraft so sehr getrimmt ist – und vermutlich ist es dieses Bild, was auch mich selbst dazu bringt, mich vor dem eigenen Versacken in den Sümpfen des Nichstuns zu fürchten.

Der Hartz-IV-ler ist aber bereits ein Opfer der vorgegebenen Identifikation-durch-Leistungs-Spirale – er wird den äußeren Ansprüchen an ein sinnvolles Leben nicht mehr gerecht und scheitert deshalb. Er zerbricht unter dem Druck – und ergibt sich nicht dem eigenen Wunsch nach Faulheit.

Eine der Schwierigkeiten der Freiheit ist es, dieses Vertrauen in die natürlich Schaffenskraft wiederzufinden. Das ist auch der Hauptgrund, weshalb ich mich dagegen entschieden habe, den ebenfalls gangbaren Weg unter dem Diktat der Produktivitätspeitsche einzuschlagen. Eine solche Art von neurotisch-zwanghaftem Schreiber möchte ich nicht sein. Dafür also heißt es, den Weg zu bereiten und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gerade heißt diese Entscheidung also loslassen und nichts tun.

Es würde mich sehr interessieren, welche Erfahrungen Du mit diesem Thema gemacht hast!

Kennst Du die Angst davor, als verkommener Nichtsnutz zu enden, wenn Du Dich nicht ständig antreibst?

Hast auch Du schon erlebt, dass es schwieriger ist, Dich selbst zu strukturieren und dass die Freiheit, die Dir eine Zeit ohne vorgegebenen Rahmen bietet, zugleich eine Bürde darstellen kann?

Hast Du einen Weg gefunden, wie Du damit umgehst?

Wäre toll, wenn Du mich an Deinen Erfahrungen zum Thema teilhaben ließest!

Bis zum nächsten Mal!

Dein LisPoeta

4 Gedanken.

  1. Ja, ich kenne das Thema. Ist wie bei Jobs: Viel Arbeit ist schlimm, noch schlimmer aber ist, wenn gar nichts zu tun ist. Für mich als Autorin heißt das:
    Wenn keine Deadline wartet, wird es mitunter schwierig.

    Im Gegensatz tauchen aber gerade die besten Ideen auf, wenn die Sache arbeiten darf wie ein rastender Teig.

    Und ansonsten stehe ich dazu, dass der Mensch nicht zur Nützlichkeit geboren ist, sondern zur Freude. 😉 Hej, wir stammen von Affen ab, die machen auch nichts außer Futter suchen und Spaß haben. :-))

    • Danke, Anni!
      Das ist ein Gedanke, über den ich auch oft nachdenke – diese willkürliche Trennung zwischen Mensch und Tier in allem, was das Leben an sich angeht. Insofern werde ich es jetzt erst einmal halten wie die Affen!

  2. Sehr schön in Worte gefasst, was auch mich in den Phasen der Freiheit so umtreibt. Ich habe gerade das Phänomen der Ruhelosigkeit, der Angst vor dem Versumpfen, während ich produktiv gar nichts zustande bringe, selbst erlebt, als ich ein Jahr arbeitslos war. Und auch jetzt, in freien Wochen und z.T. extra fürs Schreiben geblockten Zeiten sucht mich oft das Misstrauen in die eigene Schaffenskraft heim. Es ist schwierig, Außenstehenden zu erklären, dass ein – zumindest nicht jeder – Autor seine Texte einfach „abarbeiten“ kann. Ich zähle da (wie Du offenbar auch) zu denen, die durchaus ein richtiges „Gefühl“ zum Schreiben brauchen. Dass das selbstverständlich nicht für jeden Teil des Projektes gilt, versteht sich von selbst; doch es gibt Gründe, weshalb ich in manchen Nächten bis fünf Uhr früh wach bin – und dann zehn Seiten geschrieben habe. Die in der Regel auch besser sind als die erzwungene halbe Seite vom Vortag.
    Mag die Freiheit auch bisweilen eine Bürde sein – mir liegt sie dennoch mehr am Herzen als das sture Diktat der Leistungsspirale. In diesem Sinne: Vielen Dank für Deine treffenden Worte!
    Auf die Freiheit! 🙂

    • Danke für Deine Worte, Julia! Ist schön zu sehen, dass es auch anderen ähnlich ergeht. Und zehn Seiten in einer Nacht? Das ist ja der Hammer – ich glaube, das habe ich bislang nur einmal geschafft!
      Auf die Freiheit!!

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