LisPoeta – Bezahlsex und Geldraub (01. April 2017)

„Ich bin Escort.“

„Oh. Dann vielen Dank.“

Tags darauf im Online-Chat klicke ich ohne Absicht wieder auf dasselbe Profil.

„Ich weiß, dass Du Escort bist. Aber anscheinend spricht mich Dein Profil an, weil ich schon wieder hier gelandet bin.“

„Hahaha. Danke.“

„Naja, Fakt offenbar.“

„Ich würde mich ja mit Dir treffen. Aber die Umstände erlauben es mir nicht.“

„Die Umstände? Welche Umstände? Klingt irgendwie nicht gut.“

„Nein. Ist es auch nicht. Mir wurde all mein Geld im Hostel geklaut. Ich habe nichts mehr.“

„Krass.“

Ich sitze im Jardim das Amoreiras und trinke Kaffee.

„Also Geld kann ich Dir keines geben. Sorry – aber ich habe selbst nichts. Zum Essen kann ich Dich aber einladen, wenn Du magst. Ob ich für einen oder zwei koche, macht keinen Unterschied.“

„Wirklich?“

„Klar. Willst du?“

„Jaaaaaa.“

„Vielleicht ist, was Du in dieser Situation brauchst, eher ein Freund.“

„Stimmt.“

Als ich ihm eine halbe Stunde später gegenüberstehe, ist es abends um fünf. A. hat das Hostel an diesem Tag noch nicht verlassen, noch nichts gegessen. Also lade ich ihn auf ein Sandwich und einen Kaffee ein. Danach gehen wir gemeinsam zum Miradouro de Adamastor, setzen uns in die Sonne und trinken eine Flasche Wein, die ich auf dem Weg beim Minimercado geholt habe. Er ist Kolumbianer und reist durch Europa, weil sein Vater ihn zu Hause rausgeschmissen hat. Ein Freund hat ihn bei den Eltern zwangsgeoutet. Ein ehemaliger Freund sollte ich wohl sagen.

Diese Sache aber will mir nicht aus dem Kopf.

„Warum machst Du das?“ frage ich ihn, als wir uns in der Sonne gegenübersitzen.

Er sieht mich an.

„Was soll ich sonst machen? Ich war nur kurz duschen. Als ich ins Zimmer zurück kam, war mein ganzes Geld weg. Die Typen, die vorher da waren, auch.“

„Wie viel war es denn?“

„3700 Euro.“

„Warum in Gottes Namen hast Du 3700 Euro in bar dabei? Hast Du keine Kreditkarte?“

„Nein. Da gab’s Probleme, also hab ich sie gekündigt.“

„Aber Escort?“

Er nickt. „Ich weiß nicht, was ich sonst tun sollte.“ Er schaut zu Boden. „Gestern hat mir jemand 10 Euro angeboten.“

„10 Euro? Für einen Fick?“

Wieder nickt er. „Lass uns nicht darüber reden, okay?“

10 Euro. Ich kann es nicht glauben. Aber ich verstehe, dass er nicht darüber sprechen will.

Eine Stunde später brechen wir zu mir nach Hause auf. Wir müssen noch am Supermarkt vorbei, weil mein Kühlschrank leer ist. Zu Hause kochen wir gemeinsam. Eigentlich kocht A. und ich helfe ihm.

„Und wie machst Du das im Hostel gerade?“

Er zuckt mit den Achseln. „Ich kann es nicht zahlen.“

Ich schaue ihn an. Zweitausend Zweifel ziehen durch meinen Kopf. Aber ich kann ihn das nicht weitermachen lassen, oder?

„Morgen früh holst Du Deine Sachen und kommst hierher. Ich bin nur bis nächsten Mittwoch da, aber solange kannst Du hier bleiben.“

Ob das ein Fehler ist?

Sag’s Du mir.

An Liebe fehlt es nicht, es fehlt daran, zu lieben.

An Liebe fehlt es nicht, es fehlt daran, zu lieben.

Irgendwie habe ich keine Wahl. Ich will nicht in einer Welt leben, die aus Gleichgültigkeit besteht. Ich will darauf hoffen, dass jemand für mich dasselbe täte, wenn ich in A.s Lage wäre.

Das war wann? Dienstag? Glaube ich.

Seitdem teilen wir mein winziges Zimmer, das Bett, das Wenige, was ich habe. Dieses Wenige ist ein Teil des Problems. Ich bin noch immer so unglaublich pleite, dass ich mich frage, wie verrückt ich eigentlich sein muss, auch noch die Verantwortung für einen anderen zu übernehmen.

Irgendwie wird es gehen. Tut es ja immer. Ich weiß nur noch nicht so recht wie.

Auf eine Art stresst mich das. Es stresst mich, dass ich theoretisch Geld habe – es aber noch nicht habe. Auch diese Enge zu zweit stresst mich. Ich bereite gerade meine nächste Tour vor und schreibe praktisch den ganzen Tag E-Mails. Das kann ich nie leiden – ich bin unausgeglichen, wenn ich den ganzen Tag vor dem Rechner sitzen und eine Mail nach der anderen schreiben muss.

A. ist sehr zuvorkommend – auch das macht es mir nicht unbedingt einfacher. Er kocht für mich, bemüht sich sehr, putzt, ist der ideale Gast. Aber ich fühle mich ein Stück weit in meiner Entscheidung gefangen – und das macht mich passiv-aggressiv. Ein Zustand, den ich hasse. Ich kann mich selbst nicht leiden, wenn ich so bin und kann es zugleich nicht kontrollieren. Ich versuche, es ihm zu erklären, entschuldige mich, er sagt, dass das alles doch gar kein Problem sei – aber für mich ist es das, weil es mein Selbstbild berührt und ich das Gefühl habe, nicht dagegen anzukommen.

Ich bin menschen-overdosed – nach der Tour, nach der Buchmesse vergangene Woche. Eigentlich brauche ich Ruhe und Raum.

Auch habe ich keine Ahnung, was A. machen wird, wenn ich Mittwoch weg bin. Bleiben kann er nicht. Aber was wird er dann tun? Klar ist das eigentlich nicht meine Angelegenheit – aber wie könnte es das nicht sein, andererseits?

Gestern Abend habe ich mich mit L. und L. getroffen, zwei Freunden aus der Schweiz. A. wollte nicht mitkommen – und ich war hin- und hergerissen, wie ich das finden sollte. Einerseits sehnte ich mich danach, aus dieser Zweierspirale auszubrechen, andererseits wollte ich ihm nicht das Gefühl geben, dass er nicht mitkommen könne, ich will ihm vielmehr das Gefühl geben, Teil sein zu dürfen.

Als ich letztlich allein zum Principe Real lief, passierte mir etwas Komisches. Ein Kopffilm setzte ein, den ich nicht unter Kontrolle bringen konnte. Was, wenn ich nach Hause komme und er ist nicht mehr da? Hat meine Sachen mitgenommen? Wenn alles nur ein ausgeklügelter Plan war?

Ich ekelte mich vor meinem Misstrauen, vor mir selbst, weil ich es nicht stoppen konnte. Fragte mich, ob es anders wäre, wenn nicht ein Diebstahl in meiner derzeitigen Situation einem Todesstoß gleichkäme, weil mir schlicht die Mittel fehlen, irgendetwas zu ersetzen. Wäre es anders? Ich denke schon – aber ich weiß es letztlich nicht. Aber Misstrauen meine Gedanken diktieren zu lassen, war mir zuwider.

Dennoch stehe ich nach den letzten Monaten am Rande meiner Fähigkeit, es weiter mit Existenzängsten aufzunehmen. Dabei ist in einem Monat davon vermutlich noch nicht einmal mehr etwas übrig, weil ich im April zwei Touren machen werde und das Geld für die erste ja auch noch aussteht. Doch in einem Monat hilft mir in diesem Augenblick leider auch nicht.

Während ich da also so laufe, auf dem Weg in die Stadt, versuche ich mir in Gedanken zu rufen, dass es nichts gibt, was mein Misstrauen rechtfertigt, dass ich vertrauen will, dass ich insofern die richtige Entscheidung getroffen habe, als sie die Welt ein Stück mehr zu dem Ort macht, von dem ich mir wünsche, dass sie sie sei – und dass ich im schlimmsten Falle eben auch mit den Konsequenzen dafür zu leben hätte, eine solche Entscheidung getroffen zu haben, wenn sie ausgenutzt würde. Auch dann ginge es weiter – und es bringt rein gar nichts, mich zu fürchten.

Der Abend mit L. und L. tat mir dann gut. Eine Außenperspektive zu bekommen, beruhigte mich. Aus der permanenten Zweisamkeit von Null auf Hundert auszubrechen, beruhigte mich ebenfalls.

Die Nervosität flackerte erst wieder auf, als ich nachts nach Hause lief. Wäre er noch da? Alles andere wäre undenkbar – aber doch nicht unmöglich.

Als ich ins Zimmer kam, saß A. vor meinem Rechner und sah mich erwartungsvoll an. Er hatte auf mich gewartet. Hatte Filme angeschaut und einen Horrorfilm ausgemacht, weil er sich allein gefürchtet hatte. Wir legten uns hin und löschten das Licht. Ich erzählte ihm von meinem Misstrauen. Er sagte nichts dazu. Aber ich fühlte mich schlecht, weil diese Gedanken überhaupt dagewesen waren. Warum ist Vertrauen bisweilen so schwer? Er hat sich diese Situation ja ebenso wenig ausgesucht.

Manchmal schreibt das Leben Geschichten, wie ich sie mir schräger nicht ausdenken könnte. So auch in diesem Falle. Deshalb wollte ich Dir davon erzählen.

Habe ich richtig gehandelt? Oder war die Entscheidung, ihn bei mir aufzunehmen, dumm? Was hättest Du an meiner Stelle getan? Das interessiert mich sehr, ehrlich gesagt. Insofern freue ich mich besonders auf Deine Antwort.

Ansonsten gibt es erst beim nächsten Mal wieder einen Geheimtipp des LisPoetas. Gerade schaffe ich es nicht, mich darauf konzentrieren.

Sei umarmt,

Dein LisPoeta

4 Gedanken.

  1. Ich finde, du hast richtig gehandelt. Wenngleich ich auch schon einmal ähnliches erlebt habe und dann beraubt wurde und ehrlich gesagt nicht weiß, ob ich das auch machen würde.
    Wobei… Nein, ich würde die Person nicht bei mir aufnehmen.

    • Danke für Deine Einschätzung, Kia. Nach der Freitag-Nacht habe ich mein Misstrauen abgelegt – und jetzt leben wir eben mit der Situation – und machen es gar nicht schlecht, alles in allem.

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