LisPoeta – Aufbruch in ein neues Leben (19. April 2016)

Ich bin heute Nacht aufgewacht, weil ich von Dir geträumt habe. Was blieb, war dieses dumpfe Gefühl der Leere. Mit diesen Zeilen will ich versuchen, sie zu füllen.

Du wirst Dich fragen, was ich hier mache, warum ich auf einmal in Portugal bin. Also will ich es Dir erklären.

Vor einem Jahr verbrachte ich zwei Monate in Kanada. Ich hatte mich riesig auf die Reise gefreut, schließlich war ich zwei Jahre zuvor schon einmal dort gewesen und hatte mit eisernem Willen und der Unterstützung meines Freundes J. den ersten Entwurf für das Mosaik der verlorenen Zeit zu Ende geschrieben. 160 Seiten in sechs Wochen – eine Mammutaufgabe, die mir sowohl körperlich als auch geistig viel abverlangte. Dementsprechend freute ich mich letzten Frühling auf Kanada, auf das Wiedersehen mit meinen Freunden dort und auf die Arbeit an meinem zweiten Roman.

Dann aber kam alles anders. Während ich dort war, schien nichts zu sein wie zuvor. J.s Vater starb während meines Aufenthalts nach Wochen des Leidens, J. hatte zeitgleich einen Umzug zu stemmen (ich zog natürlich mit, da ich bei ihm wohnte) und von Anfang an wollte mir das Schreiben nicht von der Hand gehen.

Zu viele Fragen schwirrten mir durch den Kopf. Ich marschierte strammen Schrittes auf die 40 zu – und was hatte ich schon vorzuweisen? Schriftsteller, klar, aber noch immer unveröffentlicht. Und zwei Jahre der Absagen bei circa 70 Agenturen und Verlagen, ohne je etwas anderes als Standardbriefe erhalten zu haben, das nagte an meinem Selbstvertrauen. Wenn denn je wenigstens jemand mein Manuskript hätte lesen wollen. Aber nein, selbst soweit war ich nicht gelangt. Hatte ich mich verkalkuliert? Eine Fehlentscheidung getroffen, als ich immer und immer wieder alles auf eine Karte setzte und mich für das Schreiben und gegen ein geordnetes Leben entschied? Und war der Zug jetzt nicht ohnehin abgefahren? Aber was sollte das bedeuten? Konnte ich, mit knapp vierzig, mein Leben als gescheitert verbuchen, als Experiment, dessen unglücklichen Ausgang ich eben hinnehmen musste? Sollte ich zu Kreuze kriechen und aufgeben? Aber selbst wenn, bei wem und wie?

Je länger diese Fragen mich beschäftigten, desto ferner schien jegliche Antwort zu rücken. Zugleich erlebte ich, wie meine Geschichte erstickte. Ich bekam kein Wort mehr aufs Papier, so Papier denn heute noch der adäquate Ausdruck ist, wo wir doch alle auf dem Computer schreiben. Alles, was ich zu tun vermochte, war die Recherche-Bücher und Romane aus den 60-ern zu lesen, die ich mir zu Hauf mitgebracht hatte. Also steckte ich meine Nase in Marcuse und Werfel, Steinbeck und Böll, Feuchtwanger und Timm.

Das zog sich über Wochen. Tagsüber raffte ich mich auf und ging am Strand spazieren, verbrachte auch zwei Wochen in Vancouver – doch erst ganz am Ende wurde mir klar, dass ich meine Gedanken permanent unter Hörbüchern oder Musik zudeckte. Vielleicht war ich schlicht nicht so weit, konnte nicht hinhören. Womöglich brauchte ich gar die Erfahrung des neuerlichen Scheiterns beim Schreiben selbst – nicht, dass mir diese Erfahrung aus meinen 20-ern nicht vertraut genug gewesen wäre.

Erst gen Ende jener zweimonatigen Reise kam mir ein Gedanke, der sich als folgenreich erweisen sollte.

Ich war zu Hause in J.s neuer Wohnung und wartete darauf, dass er von einem U2-Konzert in Vancouver zurückkäme. Eigentlich wollte er vormittags kommen, kam aber erst am späten Nachmittag. Günstiger hätte es nicht laufen können. Ich lag auf dem Bett und döste vor mich hin – einmal, ohne mich mit Musik oder Geschichten zuzudopen. Was dabei aus einer unbewussten Ebene hochschwappte, überraschte mich selbst wohl mehr als jeden anderen.

Ich lag also auf dem Bett und mit einem Mal wurde mir klar, ich wünschte mir eine Familie.

Eine Familie? fragst Du, berechtigterweise.

Und ich sage Dir: Ja. Eine Familie.

Nicht im klassischen Sinne von Kinder in die Welt setzen, Häuschen mit Gartenzaun drumherum errichten oder dergleichen. Aber eben doch eine Familie. Einen Ort, an dem ich mich niederlassen könnte, umgeben von Menschen, die ich liebe. Von mir aus auch Menschen unterschiedlicher Generationen, gar kein Problem. Nur die Blutsverwandtschaft, die meinte ich damit nicht.

Ich glaube, J. war nicht minder überrascht als ich, als ich ihm davon erzählte. Wir verbrachten eine lange Nacht an einem Feuer am Strand, mit einer Flasche Gin, die ich noch von zu Hause mitgebracht hatte.

J. freute sich über diese Eingebung, wie vorherzusehen war. Aber er freut sich über alles, was mit Liebe zu tun hat.

Nun, diese Erkenntnis allein war es nicht, die mich nach Portugal führen sollte.

Ein zweites ausschlaggebendes Moment war meine Reise nach Galiano-Island. Galiano ist eine kleine Hippie-Insel zwischen Vancouver und Vancouver-Island und meine erste Erfahrung dort hatte mich dazu verleitet, die Hauptfigur meines zweiten Romans Galiano zu nennen. Dabei ist es auch geblieben.

Meine Freundin L.A. nahm mich ebenso herzlich auf wie zwei Jahre zuvor und wieder war die Begegnung mit ihr intensiv und inspirierend. Vor allem wusch sie mir den Kopf, was die innere Verhärtung anging, die ich unterdessen mit dem Mosaik der verlorenen Zeit erfahren hatte. Wie ich so ungerecht zu meinem Buch sein könne, fragte sie mich. Ob ich denn nicht jede Menge Herzblut und die Erfahrung von vielen Jahren hineingesteckt habe.

Wie hätte ich das verneinen können?

Noch in L.A.s Haus begann ich das Schreiben wiederaufzunehmen – ich dachte, Galiano sei der rechte Ort, um Galiano wiederauferstehen zu lassen.

Erst einige Wochen später, als ich in Köln auf meinem Balkon in der Sonne saß, wurde mir klar, was diese beiden Erkenntnisse für mich bedeuteten. In all den Wochen hatte ich mir den Kopf zermartert, mich über Sinn, Zweck und Gelingen meines Lebens befragt und war doch zu keinem Ergebnis gekommen. Dann fiel es mir wie Schuppen von den Augen:

Ich musste weg aus Köln.

Warum?, magst Du Dich fragen.

Aber die Antwort ist einfach. Klar, ich hatte in Köln einen guten Job, fantastische Kollegen, tolle Schüler und eigentlich ließ mein Leben nichts zu wünschen übrig. Aber: war ich damit zufrieden? Nein. Es war okay in Köln. Dennoch hat mich die Stadt nie berührt. Jedes Mal, wenn ich nach oft mehrmonatigen Auslandsaufenthalten nach Köln zurückkam, empfand ich nichts. Die Stadt Köln lässt mich kalt. Ich finde es nicht schön dort. Ich aber möchte einen Ort, der mein Herz berührt.

Ob ich mich nicht hätte arrangieren können?

Doch, das hatte ich in diesen fünf Jahren getan. Aber mich zu arrangieren ist mir für mein Leben nicht genug.

Du magst das anders sehen.

Wenn ich einen Ort wollte, um mich niederzulassen, um diese Familie um mich zu scharen, dann konnte das auf gar keinen Fall ein Ort sein, an dem ich nicht bleiben wollte. Also war die Entscheidung klar: Ich musste weg.

Und wohin, wenn nicht nach Lisboa, in diese Stadt, in die ich mich von Mal zu Mal mehr verliebe?

So wird aus mir also nun ein LisPoeta.

Ab morgen bin ich, nach beinahe zwei Wochen Erholung im Hause meiner Freundin N. in der Algarve, schließlich in Lisboa.

Ich freue mich darauf. Bin aufgeregt und gespannt, wie mein neues Leben dort aussehen wird. Mehr Zeit fürs Schreiben werde ich haben, aufgrund meines Jobs als Tour-Director für EF-Tours. Zugleich werde ich meine Leidenschaft fürs Reisen mit meiner Arbeit verbinden. Das klingt alles sehr gut. Aber wie mein Alltag dort tatsächlich aussehen wird, werde ich wohl erst ab September herausfinden, wenn ich aus Köln zurück bin. Denn ein letztes Mal werde ich bei Tandem das Sommerkulturprogramm für die Schüler gestalten und zwei Monate lang unterrichten.

Natürlich blieb noch die Frage des Scheiterns.

Erst im Oktober war ich soweit, den Schritt des Selfpublishing überhaupt denken zu können. Eine Sache aber wurde mir noch in Kanada klar. Sie wirkte befreiend auf mich, wie sonst wohl kaum eine Erkenntnis in den vergangenen Jahren (und ich bitte Dich, sieh mir nach, sollte es arrogant klingen).

Wollte ich wirklich auf einer Welt leben, auf der es Menschen wie mich nicht gab?

Menschen, die abseits der Masse ihren Lachsweg gingen? Träumer, die ihrem Weg folgten, unbeeindruckt von dem, was das Umfeld ihnen einflüsterte? Menschen, die sich nicht von der allgegenwärtigen Angst ins Bockshorn jagen ließen, sondern sich lieber aufs Leben selbst konzentrierten?

Als ich darüber nachdachte, wurde mir mit einem Mal klar, dass mein kleines, persönliches Scheitern – so es denn erfolgen sollte – in diesem größeren Kontext schlicht keine Rolle spielte. Denn worin ich nicht gescheitert war, das war, an mich und meinen inneren Leitstern zu glauben. Das habe ich in den Augen so vieler Menschen gespiegelt gesehen, mit denen ich in den vergangenen Jahren gesprochen habe. Dafür könnte ich dieses kleine, persönliche Scheitern sogar in Kauf nehmen.

Und somit war die Antwort ein klares Nein.

Nein, auf einer solchen Welt wollte ich nicht leben – und welchen Preis auch immer ich dafür zu bezahlen hätte, ich wäre bereit dazu.

Über mein Leben und Schreiben in der portugiesischen Hauptstadt nun werde ich Dich hier auf dem Laufenden halten.

Vielleicht regelmäßig, vielleicht unregelmäßig. Vielleicht in langen Geschichten, vielleicht in kurzen Abrissen. Das wird sich zeigen.

Bis dahin jedenfalls freue ich mich darauf, von Dir zu hören.

Dein

LisPoeta Elyseo

Ach, und ich schicke Dir auch ein Foto mit. Aber nur eins.

Elyseo da Silva in einer Ruine in der Algarve

Elyseo da Silva in einer Ruine in der Algarve

4 Gedanken.

  1. Vertraue auf Dich selbst, Elyseo. Du hast den richtigen Weg gewählt, so denn richtig hier ein passendes Wort ist, wahrscheinlich trifft die Formulierung „Du hast den einzig möglichen Weg gewählt, um Dir selbst treu zu bleiben“ eher zu. Ich bewundere Dich dafür!

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Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
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