Landleben in Indien

Bisweilen habe ich das Gefühl, unsere Generation habe ihre Seele verloren.

Sie taumelt über den Planeten. Haltlos. Ohne begriffen zu haben, wonach sie eigentlich sucht.

Am Mittwoch, meinem vorletzten Tag in Bundi, unternahmen Margaret, Mirja und ich einen Ausflug aufs Land. Mohan, ein Freund von Vikas, brachte uns mit seiner Riksha in zwei nahe gelegene Dörfer.

Habe ich generell das Gefühl, Indien sei ein Land, das zwar mit den meisten technologischen „Errungenschaften“ unsrer Zeit ausgestattet, aber dennoch 50 Jahre hinten dran sei, so potenziert sich dieser Eindruck auf dem Land.

Ziege auf dem Dach

Ziege auf dem Dach

Die Ruhe ist überwältigend.

Damit meine ich nicht nicht die Abwesenheit von Lärm. Ich spreche von wahrer Ruhe.

In den Dörfern rund um Bundi gehen die Menschen verschiedenen Tätigkeiten nach. Die erste Familie, die wir besuchten, fertigte tönerne Wassergefäße. Diese traditionelle Art der Wasseraufbewahrung kommt in Zeiten von Kühlschrank und Plastikflaschen mehr und mehr außer Mode. Nichtsdestotrotz halten viele Familien an der Nutzung und Herstellung dieser Behältnisse fest. Sie halten nicht nur das Wasser kühl, sondern kühlen durch Verdunstung auch noch die Umgebung.

Aus einem Klumpen Lehm wird mit einem Klöppel und bloßen Händen binnen weniger Minuten ein bauchiges Gefäß geklopft, das dann einige Tage in der Sonne trocknet.

Herstellung von Wassergefäßen

Herstellung von Wassergefäßen

Danach wird es in einem Ofen gebrannt, im nächsten Schritt von Hand bemalt und schließlich auf überladenen LKWs in die Stadt transportiert.

Frau bemalt Wassergefäß

Frau bemalt Wassergefäß

Transport in die Stadt

Transport in die Stadt

Tag ein Tag aus die gleiche Beschäftigung.

Eine Tätigkeit, die ausschließlich mit den eigenen Händen erledigt wird und so gleichförmig abläuft, dass sie vielen von uns langweilig erschiene. Die Männer, die ich traf, aber wirkten ausgesprochen zufrieden. Mit geübtem Handgriff fertigten sie ein Behältnis ums andere. Ohne Unterlass.

Wohin die Gedanken der Männer in diesen Stunden wanderten, werde ich wohl nie erfahren. Ringsum springen derweil die Kinder umher, ab und an heißt es, eine Kuh aus dem Gemüsebeet zu verjagen, ansonsten geschieht nicht viel.

Wir zogen weiter. Gingen eine Runde durchs Dorf. Von überall her drang das dumpfe Klopfen der Arbeiter an unser Ohr. Großäugige Kinder blickten zu uns auf.

Hello! What name, Sir? Which country? – Country Name, Sir?

Abermals Hände schütteln, Kopf wiegen und immerzu Lächeln. Es fällt mir nicht schwer. Herzlichkeit zu erwidern, ist ein Kinderspiel.

Einige Straßen weiter wurden wir in ein anderes Haus gebeten. Dort durften wir zusehen, wie die modernere Variante der Töpferkunst ausgeübt wird: Auf dem Boden stand eine strombetriebene Drehscheibe. Wir setzten uns, während ein junger Mann im Garten den Lehm mit ein wenig Wasser mischte, bis er die erforderliche Konsistenz erreichte. Die Tochter des Hauses brachte uns Chai.

Chai bahut achi hai (der Chai ist sehr gut), dankte ich, nachdem ich gekostet hatte.

Der junge Mann nahm die Drehscheibe in Betrieb und ließ sich davor nieder. Der feuchte Klumpen Lehm lag in der Mitte.

Töpfern

Töpfern an der Drehscheibe

Arbeit an der Drehscheibe

Arbeit an der Drehscheibe

Innerhalb einer Minute entstanden eine Schüssel samt dazugehörigem Deckel, ein kleines Gefäß und eine Vase. Es sah aus wie ein Kinderspiel. Wir ahnten, das dem nicht so wäre. Margarete versuchte es. Mit Hilfe des jungen Mannes schuf sie etwas, das dieser im Nachhinein vermutlich wohlwollend recycelte. Ganz so leicht war es also nicht.

Wir verabschiedeten uns. Als nächstes besuchten wir einen alten Mann, der ebenfalls Wassergefäße fertigte, schossen Fotos und frühstückten eine Art hohles Gebäck, das mit einer scharfen Minzsuppe gefüllt wurde.

Alter Mann beim Herstellen eines Wassergefäßes

Alter Mann beim Herstellen eines Wassergefäßes

Frühstück an einem Stand

Frühstück an einem Stand

Über eine erstaunlich gute Landstraße fuhr uns Mohan weiter ins nächste Dorf.

Dort angekommen parkte er die Riksha neben einem Obststand. Ein Frau schenkte uns Weintrauben und machte auf Hindi ihre Scherze. Wie so oft lächelten wir semi-debil und nickten.

Marktstand

Marktstand

Ein paar Meter weiter gesellten wir uns zu vier Männern, die vor einem Haus auf dem Boden saßen. Ein Bastdach schützte uns vor der Nachmittagssonne. Auf einem kleinen Ofen braute einer der Männer uns einen Chai. Sie alle waren in die klassisch indische Tracht gehüllt.

Traditionelle Chai-Zubereitung

Traditionelle Chai-Zubereitung

Mann beim Chai-Trinken

Mann beim Chai-Trinken

Wie viel Zeit ihres Lebens mochten  sie wohl so dasitzend verbracht haben? Und wie lange wird, der Gedanke verursachte mir Gänsehaut, diese Lebensweise in einem Schwellenland wie Indien wohl noch ihre Berechtigung haben?

Über Generationen? Bloß wenige Jahre?

Wann wird der gefräßige Geist westlicher Zivilisation die letzten Ecken des Landes erreicht haben?

Wir saßen und rauchten. Tranken Chai. Chai, der über Feuer gebraut wird, schmeckt besser. Ansonsten gab es nichts zu tun.

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Sitzen. Schauen. Rauchen. Tee trinken. So wie es seit Hunderten von Jahren geschehen sein mag.

Im Mund des Ältesten verblieben nur wenige Zahnstümpfe. Wozu aber brauchte er in einem solchen Leben Zähne?

Diese Männer sind einfach.

Sein.

Nichts weiter.

Ich sah dem Alten in die Augen.

Was ich dort fand war Gelassenheit. Gleichmut.

Als ich den Tiefen seiner blanken Augen versank, kam mir der Verdacht, unsere Generation habe ihre Seele verloren.

Ruhe und nichts weiter als wir selbst – diese Kombination ist uns unerträglich.

Stets hat etwas zu geschehen. Stets müssen wir weiter, weiter, weiter. Folgen einem Ziel, von dem wir zumeist selbst weder wissen, wie es aussieht, noch, was wir dort wollen.

Wenn uns dann abends die Energie ausgeht, lassen wir uns berieseln: Fernsehen, Musik, Internet.

Wahllos. Manch einer, wie mir scheint, gar ohne Wahl.

Bloß niemals dieser inneren Ruhe ausgesetzt sein!

Sie beängstigt uns, wie es kein Fallschirmsprung aus 4000 Metern Höhe oder kein Tiefseetauchgang vermöchten.

Das schlichte Sein, wie es mir aus diesen Augen entgegenstrahlte, ist uns im Westen abhanden gekommen.

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Ist womöglich dies ein Grund für das Unglück unserer Generation? Eine Erklärung für all die Depressiven und Frustrierten, denen wir das Etikett Krankheit aufkleben, anstatt uns mit den Ursachen ihres Leidens auseinanderzusetzen?

Sein – als möglicher Ausgleich zu den Anforderungen des westlichen Alltags? Es scheint in Europa unmöglich. Wir haben verlernt zu sein.

Verbrächten wir auch nur einen Tag in dieser Stille, sitzend, ohne Ziel – uns drängten sich sofort Fragen auf:

Was nun? Wie geht es weiter?

Wozu das alles?

 Ohnehin ergeben sich kaum je derartige Gelegenheiten.

In einer Kultur permanenter Leistungserbringung ist das Gegenteil nicht zugleich lebbar. Der Widerspruch zerrisse uns. Das Paradoxon bleibt unaufgelöst, vielleicht unauflösbar. Nicht jedoch, ohne dass dies Konsequenzen hätte.

Auf dem Altar der Produktivität opfern wir unser Lebensglück.

Welpe gähnt

Welpe gähnt

Frühling allenthalben

Frühling allenthalben

Menschen, die diesen Widerspruch wahrnehmen, begeben sich auf die Suche.

Oftmals ist es kaum mehr als eine vage Ahnung, die sie antreibt. Ein unbestimmtes Das-kann-nicht-alles-(gewesen)-sein.

Das Tragische an dieser Suche ist, dass sie sich ihrer eigenen Bedingungen nicht bewusst wird. Anstatt mit dem naheliegenden ersten Schritt zu beginnen – der Suche nach den eigenen Wünschen, Träumen, Talenten – richtet sie sich nur allzu oft aufs Transzendentale.

Häufig folgt, nach einer Odysee durch das Wirrwarr kommerzieller Spiritualität, die Lehren heilsversprechender Scharlatane oder die Abgründe Bewusstseins verändernder Drogen, ein bitteres Erwachen.

Manch einem wünschte ich einen einzigen Blick in die Augen dieses zahnlosen Greisen.

Ist Zufriedenheit in unserer Gesellschaft des ewigen Immer-Weiter systembedrohend?

Sie führt zu Ruhe. Womöglich zu Bescheidenheit. Keines von beiden ist mit dem wahnhaften Konsumismus der westlichen Welt vereinbar.

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Menschen auf dem Lande

Mädchen beim Nasebohren

Mädchen beim Nasebohren

Wie sagte mein Freund Mario vor einigen Wochen so schön:

Was machen denn zufriedene Leute?

Sie sitzen da und lassen sich die Haare wachsen.

 

Gefährlich für die bestehenden Verhältnisse wird eine solche Suche indes nur, wenn sie in eine bestimmte Richtung geht.

Der integrative kapitalistische Markt hat dies schnell erkannt und sich die menschliche Suche nach Zufriedenheit einverleibt. Daraus geboren wurde eine Unzahl von Ratgebern zu Esoterik, Spiritualität und Sinnsuche. Reiki-Kurse, Meditationsseminare, Yoga-Übungen, Familienaufstellungen – nichts, was sich nicht vermarkten ließe. Allesamt sind sie nichts weiter als Ausdruck dieser diffusen Heils-Suche.

Vielerorts (allem voran in Europa) sind sie an Stelle der Religion getreten.

Die offensichtliche Sinnlosigkeit solcher Glück-in-30-Tagen-Programme wird zugunsten des Prinzips Hoffnung ignoriert:

Wenn ich ausreichend investiere, kann ich die Zufriedenheit herbeizwingen. Muss, muss, muss.

Das funktioniert jedoch nicht.

Derartige esoterisch-spirituelle Praktiken sind nichts anderes als Ablenkungsmanöver. Statt Menschen auf ihrer Suche voranzubringen, gaukeln sie Erlösung vor. In unserer Gesellschaft ist die Suche nach Transzendenz in den meisten Fällen nichts weiter als ein Fluchtversuch.

Nicht, dass ich diesen nicht verstehen könnte.

Was bleibt, ist dennoch ein schales Gefühl. Und der Wunsch, so mancher möge einen Blick in die Augen dieses Mannes werfen.

Ohnehin scheint mir die große westliche Sehnsucht nach Spiritualität und Transzendenz aus einem Missverständnis zu erstehen. Sie ist nichts als eine Neuauflage des klassisch-christlichen lacrimarum valle: alle Hoffnungen werden aufs Jenseits verschoben –  gelange man dorthin nach dem Tode (wie im Falle des Christentums) oder im Jetzt (wie bei den Suchenden nach Spiritualität).

Erst wenn es gelingt, den Vorhang zu zerreißen, hinter dem die Transzendenz den eigentlichen Kern der Suche verdunkelt, wird diese ihren wahren Sinn zurückerlangen. Sie ist nämlich nichts als Ausdruck einer Sehnsucht nach dem schlichten Sein.

Sein – jenseits von Anforderungen, aufgedrückten Selbstdefinitionen und gesellschaftlichen Sachzwängen.

Ohne dies begriffen zu haben, ist die Suche nach Transzendenz sinnfrei.

Solange nicht die erste Sprosse der Leiter erklommen ist, wird die Flucht in die Transzendenz nichts weiter als der zweiten Schritt vor dem ersten bleiben.

Dieser indische Mann hatte das verstanden.

Nicht, dass er mir das hätten sagen können.

Das war allerdings auch nicht von Bedeutung. Ich konnte es in seinen Augen lesen.

Auf unserem weiteren Weg durch jenes Dorf baten uns verschiedene Familien in ihre Häuser.

Haus im Dorf

Haus im Dorf

 

Kinder am Straßenrand

Kinder am Straßenrand

Ein ums andere Mal nahmen wir Platz, tranken Chai und sogen die Ruhe in uns auf, die jeder Quadratzentimeter dieses Ortes verströmte.

Für mich war sie wie ein Balsam.

Auch erinnerte sie mich daran, weshalb ich kein Sightseeing-Tourist bin.

Auf Reisen möchte ich Menschen erfahren, ihre Lebensweise kennen lernen, ihre Umgebung spüren. Ich will herausfinden, wie sie miteinander umgehen; mir darüber klar werden, was sie und ihre Welt von mir und der meinen unterscheidet.

Nichts dergleichen wird mir in zu Touristenattraktionen erklärten Bauwerken gelingen, solange diese vom Rest der Welt geschieden sind. Von ihrer ursprünglichen Lebendigkeit getrennt sind sie für mich kaum mehr als eine ästhetische Anhäufung alter Steine.

Meine Sinne bereichert es mehr, mit diesen alten Männern unter dem Bastdach im Schatten zu sitzen, die flirrende Nachmittagsluft zu atmen und Chai zu trinken.

Das Chai-Ritual

Das Chai-Ritual

Immer wieder Chai zu trinken – jenes Getränk, das für mich zum Symbol dieser Kultur der Gastfreundschaft geworden ist. Einer Kultur, die sich ihre Seele bislang in Teilen zu bewahren vermochte.

1 Gedanke.

  1. wenn wir zeit haben, überlegen wir sofort womit wir sie füllen können um dann wieder keine mehr zu haben…
    und schon entgeht uns die farbe des himmels….

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