Juliane Hielscher – Vom Leben und Sterben der Pinguinfische. Ein Nachklang

Juliane Hielschers Roman “ Vom Leben und Sterben der Pinguinfische“   ist ein Werk, das unter die Haut geht.

Erzählt wird die Geschichte zweier Frauen – der 36-jährigen Helene und der 18-jährigen Leah – die sich beide unversehens im kleinen Dorf Punta del Cambio an der galicischen Atlantikküste wiederfinden.

Die Geschichte ist einen erzählerischen Rahmen gebettet, der sie als Rückblick aus einer mehrere Jahrzehnte entfernten Zukunft ausweist. Wie bedeutsam dies ist, zeigt sich erst am Ende des Romans. Mich jedenfalls brachte es dazu, das Buch hinten zu und vorne wieder aufzuschlagen, um mir Gewissheit zu verschaffen.

Helene gilt den Dorfbewohnern als eigentümliche Fremde. Tag für Tag rennt sie stundenlang am Strand entlang, bis sie völlig entkräftet in den Sand sinkt und leeren Blicks zum Horizont starrt. Anfangs kümmert sich Hermana Consuelo um sie, eine Frau mittleren Alters, die allein im Kloster des Dorfes lebt und sich um den dortigen Kräutergarten und die Zubereitung heilender Tinkturen kümmert.

Leah ist währenddes eine in sich selbst verlorene Pubertierende, die ihrer inneren Zerrissenheit durch schwarz geschminkte Lippen Ausdruck verleiht. Sie hat das Gefühl mit ihrem widersprüchlichen Innenleben mutterseelenallein auf der Welt zu stehen. Kann sie das Gefühl von Einsamkeit nicht mehr ertragen, schneidet sie sich kleine Hautstücke aus dem Handrücken, um sich selbst zu spüren. Von den überforderten Eltern abgeschoben lebt sie im Hause ihres Onkels, der eine Galicierin geheiratet hat. Doch auch dieser Onkel erscheint Leah als weiteres Sinnbild heuchlerischer Spießbürgerlichkeit.

Es ist Helenes eigenbrötlerisches Verhalten, das Leah auf unerklärliche Weise anzieht. Sie nimmt sich vor, das Geheimnis der mysteriösen Fremden zu ergründen und nimmt dabei auch Grenzübertritte in Kauf.

Der Roman ist nicht ohne Grund in dem kleinen Dorf Punta del Cambio angesiedelt.

Wie beiläufig wird die Geschichte des Ortes erzählt – eines Ortes, der sich dadurch auszeichnet, dass die Menschen Geschichten sammeln. In Punta del Cambio ist es Brauch, dass jeder Gast eine Gastgeschichte zu hören bekommt. So erfährt der Leser neben der Ortsgeschichte zugleich von der spirituellen Geschichte Galiciens, von den Glaubensvorstel­lungen der Bewohner, die seit jeher die dogma­tischen Glaubensverordnungen der jeweils Herrschenden zu unter­wandern wussten, indem sie ihre überlieferten Geschichten weitergaben und bewahrten.

Nicht zuletzt hallt auch die zu neuen Ehren gelangte Pilgerschaft in Vom Leben und Sterben der Pinguinfische wider. Pilgerschaft als Leben in der Fremde und als Fremder, allzeit angewiesen auf Hilfsbereitschaft und Großzügigkeit der Menschen am Wegesrand. Pilgerschaft als Entscheidung zu immerwährendem Aufbruch und Wandel.

Alles in allem ist die Geschichte von Helene und Leah die Geschichte einer Freundschaft unter widrigsten Bedingungen. Es ist ein Geschichte von Schmerz, Verlorenheit und Verlust – und doch zugleich eine Geschichte voller Hoffnung.

Bisweilen erscheinen die Wandlungen der Protagonisten ein wenig zu optimistisch, lassen an Tiefe vermissen, so beispielsweise als Leah sich ritzt und nach hohem Blutverlust Unterschlupf bei Hermana Consuelo im Kloster findet. Gewiss ist Consuelos Lösung, namentlich das gemeinsame Putzen des Klosters, ein Ansatz die Kopflastigkeit Leahs zu überwinden, die daraus hervorgehende Veränderung im Wesen Leahs scheint indes überzogen.

Nichtsdestotrotz ist das gelegentliche Vereinfachen verzeihbar, glänzt der Roman doch anderer­seits durch erstaunliche Tabulosigkeit.

Die Welt Punta del Cambios ist hier der Mikrokosmos, der das große Ganze spiegelt. Dieses große Ganze ist bisweilen hässlich, unvorstellbar und unerklärlich.

Dass Juliane Hielscher dies so stehen zu lassen vermag, ohne Erklärungsversuche zu liefern, ist ihr hoch anzurechnen.

Auch wartet die Geschichte bis zum Schluss immer wieder mit überraschenden Wendungen auf.

Nicht zuletzt dies macht den Roman lesenswert, wenngleich der Leser sicher gehen sollte, für die ein oder andere Stelle ein Päckchen Taschentücher in Reichweite aufzubewahren.

Elyseo da Silva, Köln, 14.Dezember 2012

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