Juli Zeh – Unterleuten. Ein Nachklang.

Mit ihrem neuen Roman Unterleuten ist Juli Zeh ein großer Wurf gelungen. Er ist nicht nur fesselnd bis zur letzten Seite (und darüber hinaus), sondern beweist ein tiefes Verständnis für gesellschaftliche Perspektiven und die daraus erwachsenden Verstrickungen.

Juli Zeh, Unterleuten, Roman LuchterhandUnterleuten ist der Name eines kleinen Dorfes, unweit von Berlin, und Schauplatz des Romans. Zwischen den alteingesessenen Dorfbewohnern, deren Konflikte teils noch bis weit in die Zeit der DDR zurückreichen, tummeln sich Städter, die dem Trubel Berlins auf der Suche nach Entschleunigung zu entkommen suchen oder auch ein wohlhabender Unternehmer aus Bayern, der mehr per Zufall einige Hektar Land in der Umgebung zum Spottpreis ersteigert hat.

Gerade den Zugezogenen wird schnell klar, dass das Dorfleben anders abläuft, als sie das gewohnt sind oder sich womöglich erhofft haben. In Unterleuten regelte man die Probleme unter sich – und das auf nicht immer konventionelle Weise. Das erfahren der ehemalige Universitätsdozent und jetzige Vogelschützer Fließ samt Frau, um nur ein Beispiel herauszugreifen, als der obskure Nachbar Schaller auf Anweisung eines Dorfbewohners, dem er noch einen Gefallen schuldet, beginnt, an der Grundstücksgrenze Autoreifen zu verbrennen, um das Paar mit dem penetranten Gestank auszuräuchern.

Zum Eklat kommt es im Dorf allerdings erst, als der Bürgermeister eines Tages mit einem geschniegelt-gewissenlosen Unternehmerjüngling an seiner Seite ankündigt, die Energiefirma VentoDirect plane, Windräder in der Nähe des Dorfes zu errichten. Von einem Tag auf den anderen bricht der seit Jahrzehnten schwelende Konflikt zwischen dem Alt-Kommunisten Kron und dem Unternehmer Gombrowski wieder auf und in dem beschaulichen Dorf bilden sich verschiedenste Fronten und Allianzen. Keiner der Beteiligten ist bereit zurückzustecken und der Streit zwischen den Partikularinteressen von Vogelschützern, Pferdenarren, Grundstückseignern, Unternehmern und Altkommunisten schaukelt sich unaufhaltsam hoch, bis es schließlich zur Entscheidung kommt.

Meisterhaft versteht es Juli Zeh, sich die Perspektiven der höchst unterschiedlichen Figuren zu eigen zu machen. Aus Innensicht schildert sie, kapitelweise, die Sicht der unterschiedlichen Akteure. Schnell entwickelt sich so ein von Zeh umgekrempeltes Goethe-Zitat zum Leitmotiv des Romans, beschreibt es doch adäquat die Motivation einer jeden Figur, ich möchte gar weiter gehen und behaupten eines jeden Menschen: Das Teuflische des Menschen (liegt) zweifellos in jener Kraft, die stets das Gute will und dann das Böse schafft. Denn wer könnte von sich selbst wohl behaupten, nicht das Gute zu wollen – ohne dass dieser Begriff damit in irgendeiner Form bereits definiert sei?

Juli Zeh gelingt es dabei, einen spannenden Querschnitt durch die Bewusstseinslage der Nation zu schaffen, spannend vor allem, weil jede der handelnden Figuren ambivalent bleibt: In jeder finden sich Identifikations- wie Ablehnungspotential. Jede möchte auf ihre eigene Weise eben nur das Gute. Mit bewunderswertem Einfühlungsvermögen schafft Zeh es, selbst solche Positionen vor dem Hintergrunde verschiedener Lebensgeschichten machen, die der Leser für gewöhnlich wohl ablehnen würde.

Darin liegt die Größe von Juli Zehs Roman. Es bleibt im kompletten Handlungsverlauf unmöglich, sich eine Identifikationsfigur zu wählen. Aspekte bieten alle – aber eben nur das. Der Leser ist folglich gezwungen, sich mit der Geisteshaltung und dem Verhalten der einzelnen Figuren auseinanderzusetzen anstatt ein vorgekautes Urteil auf dem Silbertablett präsentiert zu bekommen.

Ein anderer Aspekt, der in den vergangenen Wochen immer wieder für mediale Aufmerksamkeit sorgte – und nicht nur deshalb in meinen Augen ein Geniestreich -, ist, dass Juli Zeh ein ganzes virtuelles Universum um Unterleuten herum hat entstehen lassen.

Das beginnt bei der Website der Dorfkneipe Märkischer Landmann, deren Speisekarte zum Download bereit steht, geht über die Website des fiktiven Energieunternehmens VentoDirect, das im Kleingedruckten sogar auf den Vogelschutz hinweist (das dürfte Vogelschüter Fließ aus dem Roman kaum überzeugen), und gipfelt in der (fiktiven) Figur des Unternehmensberaters Manfred Gortz, dessen von absurdesten Thesen strotzendes Buch Dein Erfolg sowohl im Buchhandel erhältlich ist (Juli Zeh hat die kleine Fibel selbst geschrieben) als auch schon ähnlich viele Rezensionen wie mein eigener Roman aufweist (das finde ich als Autor selbstverständlich nicht frustrierend…).  Gortz‘ machiavellistische Thesen dienen in Unterleuten der Figur der Linda Franzen – ein Schelm, wer bei der Namensgebung an Starautor und Vogelliebhaber Jonathan Franzen denkt! – als Leitfaden des persönlichen Vorankommens. Unterdessen sorgt ein, meiner Meinung nach ausgesprochen lustiges, you-tube-Video von Manfred Gortz für eine rege feuilletonistische Diskussion über dessen Existenz. Das dürfte ganz in Juli Zehs Sinne sein.

Auch stilistisch hat sich Juli Zeh seit ihrem letzten Roman Nullzeit und erst recht im Vergleich zu dessen Vorgängern weiterentwickelt. Mochte ich bei Spieltrieb und Schilf noch deren metaphernreiche, bisweilen beinahe blumige Sprache, bewegte sich Zeh für meinen Geschmack doch immer im Grenzbereich, schoss ab und an über das Ziel hinaus.

Die neue, will fast sagen, nüchternere Juli Zeh schätze ich persönlich mehr. Unterleuten kommt ohne Schnörkel aus, ist passagenweise witzig und von Anfang bis Ende packend geschrieben. Für mich ist es eine besondere Freude, die Entwicklung in Juli Zehs Schaffen mitzuverfolgen – ihre Romane gefallen mir von Mal zu Mal besser. Davor ziehe ich meinen Hut!

Fazit:

Mit Unterleuten hat Juli Zeh einen komplexen, hochgradig differenzierten Gesellschaftsroman geschrieben, dessen große Stärke aber darin liegt, dass weder Komplexität noch Differenziertheit dazu führen, dass der schwer zu lesen wäre. Ganz im Gegenteil: Dieser Roman ist das pure Vergnügen. Es wird allerhöchste Zeit, dass auch in der deutschen Literatur endlich ankommt, was im angelsächsischen Raum schon seit vielen Jahren selbstverständlich ist: Gute Literatur muss nicht langweilig sein. Ich gehe als Schriftsteller sogar soweit, zu behaupten, sie darf es nicht. Denn dann hat sie meines Erachtens ihr Ziel verfehlt.

Unterleuten kann ich in diesem Sinne jedem nur wärmstens ans Herz legen!

Dieser Beitrag wurde gepostet in Bücher. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.