Juli Zeh – Nullzeit. Ein Nachklang

Juli Zeh als Krimiautorin zu bezeichnen, empfände ich als verfehlt – und das, obwohl die Schriftstellerin mit Nullzeit einen weiteren Roman vorgelegt hat, der dem Genre zuzuordnen ist. Dennoch dringt sie, für das als eher oberflächlich verrufene Genre, in untypische Sphären vor, was ihre Bücher für mich eher zu Gesellschaftsromanen macht.

Die Abgründe der menschlichen Seele und zwischenmenschlicher Beziehungen sind Juli Zehs Metier. Bestechend sind hierbei stets aufs Neue ihre differenzierte Beobachtungsgabe und die punktgenaue Metaphorik.

Nullzeit unterscheidet sich diesbezüglich von den Vorgängern.

Erzählt wird eine Geschichte aus zwei Perspektiven: Zum einen aus Sicht des Ich-Erzählers Sven, eines Tauchlehrers und ehemaligen Juristen, der Deutschland den Rücken gekehrt hat und nach Lanzarote ausgewandert ist, zum anderen aus Sicht der Soap-Opera Darstellerin Jolante von der Pahlen, einer jungen Frau, Typus Femme fatale, die sich von Sven auf die Rolle der Tauchpionierin Lotte Hass vorbereiten lassen will. Jolas Aufzeichnungen konterkarieren Svens Erlebnisse in Form von Tagebucheinträgen.

Für die Handlung bedeutsam ist zudem Jolas Lebensgefährte, der verbitterte Schriftsteller Theodor Hast, der Jola auf dieser Reise begleitet.

Sind die Einträge in Jolas Tagebuch anfangs noch deckungsgleich mit den von Sven geschilderten Ereignissen, zeichnet sich doch schnell ab, dass nur eine der erzählten Geschichten Wahrheitsgehalt für sich beanspruchen kann.

Binnen Kurzem entspinnt sich ein verworrenes Beziehungsgeflecht zwischen Sven, Jola und Theo. Theo reklamiert Besitzansprüche auf Jola, Jola versucht Sven zu verführen und Sven gerät in einen inneren Zwiespalt, gibt es doch schnell kaum jemanden auf der Insel, der nicht davon überzeugt ist, dass er seine Freundin Antje mit Jola betrügt. Zunehmend gewinnt der Leser den Eindruck, als balancierten sämtliche Figuren am Rande eines Abgrunds.

Der Unterschied zu Juli Zehs Vorgängerwerken liegt für mich allem voran in der Sprache begründet. Aufgrund der Perspektivwahl ist die Erzählsprache zwangsläufig nüchterner, weniger ausgeklügelt als beispielsweise in Spieltrieb. Eben durch die Nüchternheit der Sprache entsteht allerdings eine Unmittelbarkeit, die den Leser auf geradezu magische Art in seinen Bann schlägt und Nullzeit womöglich zu Juli Zehs bislang spannendstem Buch macht.

Dabei verliert der Roman keineswegs an Tiefe.

Mit zielsicherem Blick deckt die Autorin die Beziehungsstrukturen der Hassliebe zwischen Theo und Jola auf. Die beiden stehen in einer eigentümlichen Co-Abhängigkeit zueinander. Manchem Leser mag dies aus dem eigenen sozialen Umfeld vertraut sein, sind solche Beziehungen doch keine Seltenheit. Nichtsdestoweniger ist es selbst im Roman für den Beobachter schwer nachzuvollziehen, was es eigentlich ist, das Menschen, die derart brutal und hasserfüllt miteinander umgehen, aneinander bindet.

Hinzu kommt die ureigene Struktur des Romans, die es dem Leser, je weiter die erzählten Geschehnisse perspektivisch auseinanderklaffen, zunehmend schwerer macht, sich eine klare Meinung zu bilden.

Hierin spiegelt sich im selben Moment eines der Leitmotive, wenn nicht das Leitmotiv des Romans. Denn eben diese Gesellschaft, in der alles und jeder beständig auf den Prüfstand gestellt und unbarmherziger Beurteilung unterzogen worden muss, war Svens Anlass dafür, Deutschland zu entfliehen. Die Konsequenz, die der Protagonist für sich daraus ableitet, ist eine Art Nichteinmischungs-Pakt – mit sich selbst, aber schlechterdings auch dem Leben gegenüber.

Dies reflektiert eine weitere Facette mitteleuropäischer Gesellschafts-Befindlichkeit: zwar gilt es einerseits, alles zu beschauen und bewerten, andererseits jedoch scheint im selben Moment ein freiheitsethisches Edikt zu bestehen, dass Einmischung gemeinhin untersagt, da sie die Persönlichkeitsrechte des Einzelnen beschränken könnte.

Dieses Spannungsfeld bildet den Hintergrund, vor dem Sven keine andere Wahl bleibt, als seine eigene Entscheidung zu hinterfragen und in Zweifel zu ziehen. Ebenso wenig bleibt es ihm erspart herauszufinden, dass die Insel-Gesellschaft kaum anders tickt als diejenige, der er zu entkommen gesucht hatte.

Juli Zehs Nullzeit löst ein Gefühl von Beklemmung aus. Die widersprüchlichen Schilderungen der Begebenheiten gepaart mit dunklen Vorverweisen entwickeln einen unwiderstehlichen Sog, der den Leser das Buch nicht mehr aus der Hand legen lässt, bis er die letzte Seite verschlungen hat.

Danach bleibt er dann mit seinen Gedanken allein – naja, womöglich abgesehen von Theo, Sven und Jola, die ihn noch eine Weile begleiten werden.

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