John Irving – In einer Person. Ein Nachklang

Zugegebenermaßen bin ich John-Irving-Fan und habe in den vergangenen zwanzig Jahren beinahe all seine Romane gelesen. Begonnen hat meine persönliche Irving-Geschichte mit Garp und wie er die Welt sah – eine Buch, das ich las, als ich eben mal 17 war und das meinen weiteren Lebensweg entscheidend prägen sollte. Unversehens fand ich mich in eine Welt versetzt, in der es von Figuren nur so wimmelte, wie sie mir in meinem kleinbürgerlichen Fürther Schüleralltag bis dato schlichtweg nicht begegnet waren: Transsexuelle, Schwule, Lesben, Feministinnen und dergleichen Queer-Folk mehr.

In einer Person, Irvings neuer Roman, setzt sich wie keines seiner Bücher seit Garp mit dem Thema sexueller Diversität auseinandersetzt. In Irvings Romanwelt könnte der Leser den Eindruck gewinnen, dass Heterosexualität die Ausnahme ist, wimmelt es doch nur so von Transvestiten, Schwulen, Lesben und Jungs und Männern, die eigentlich lieber Frauen wären.

Erzählt wird die Geschichte aus der Sicht von William (Bill) Abbott, der als Ich-Erzähler Rückschau auf sein Leben hält. Ein Großteil des Romans ist denn auch Bills Aufwachsen gewidmet. Der Hauptschauplatz ist, wie stets in Irvings Romanen, Neuengland, in diesem Falle eine Kleinstadt in Vermont.

William, der vaterlos aufwächst, besucht die Favorite River Academy – ein Jungeninternat, dessen Schularzt seine angehenden Schüler mit den begrüßenden Worten empfängt, dass sie die in ihrem zarten Alter weitestverbreiteten Heimsuchungen mit der Wurzel auszurotten gedächten, namentlich sei dies ein unangebrachtes erotisches Hingezogensein zu anderen Jungen oder Männern. Derlei Beschwerden seien jedoch, so der Mediziner, heilbar.

Diese Ansage gibt den Kurs der Erzählung vor.

William, der früh bemerkt, dass er eine verhängnisvolle Neigung hat, sich in die falschen Menschen zu verlieben, versucht in dieser intoleranten Umgebung seine Identität zu finden – was durch seine Schwärmerei für Ringerstar Kittredge und die mysteriöse, Jahre ältere Bibliothekarin Miss Frost nicht eben einfacher wird. Hinzu kommen die Komplikationen innerhalb der eigenen Familie – sowohl Bills Mutter als auch seine Tante Muriel scheinen den Jungen aus nicht nachvollziehbaren Gründen zu verachten, Bills Großvater Harry jedoch, der einen unverkennbaren Hang zu Frauenrollen in den schulischen Theateraufführungen an den Tag legt, und Bills Stiefvater Richard unterstützen den Heranwachsenden in seiner Selbstfindung, soweit dies im reaktionären Umfeld der Kleinstadt überhaupt möglich ist.

Bills Internatszeit nimmt einen Großteil der geschilderten Zeit ein. Bisweilen durchbricht Irving die Chronologie und springt zu Ereignissen, die Jahre später stattfinden –weitere Handlungsort sind natürlich, wie so oft in Irvings Romanen, Wien, aber auch New York, San Francisco und Madrid.

Es dauert lange, bis es Bill gelingt, sich selbst als Bisexueller zu verorten. Bedauerlicherweise besitzt das von Irving dargestellte Zwischen-den-Stühlen-Stehen dieser Gruppe wohl bis heute Gültigkeit. Bill erlebt, dass Frauen ihm misstrauen, weil er sich auch zu Männern hingezogen fühlt, wohingegen die Schwulen ihm misstrauen, weil sie davon ausgehen, dass er sich seine eigene Homosexualität nicht einzugestehen vermag und sich sozusagen ein Hintertürchen offen halten will. Heterosexuellen sind seine Neigungen ohnehin verdächtig.

Die Erzählzeit nach Ende von Bills Internatsaufenthalt erscheint im Verhältnis zur Ausführlichkeit der Jugenderinnerungen stark gerafft. Ein zweiter Fokus des Romans liegt gegen Ende auf der ausbrechenden Aids-Epidemie der 80-er Jahre, die Irving eindringlich ins Gedächtnis zurückruft. Allenthalben sieht sich Bill mit dem Tod seiner Freunde und Wegbegleiter konfrontiert, ja, dass er selbst nicht erkrankt, führt bei ihm gar zu Gewissensbissen.

Es ist dem Roman zu Gute zu halten, dass Irving nicht der Versuchung erliegt, die unglücklichen Liebesgeschichten in Bills Leben zu einem romantischen Ende zu führen, wenngleich der Leser gewiss so manch ausbleibendes Wiedersehen herbeisehnt. Auch wartet Irvings In einer Person immer wieder mit überraschenden Wendungen auf.

Nichtsdestoweniger ziehen sich die letzten 100 Seiten, da die eigentliche Handlung bereits abgeschlossen ist. In mir erweckt das unweigerlich den Eindruck, dass Irving sich schwer tut, seine Figuren gehen zu lassen. Persönlich finde ich dies verzeihlich, ja nachvollziehbar, da ich mir als Leser gleichermaßen schwer tue, der Welt eines Irving-Romans den Rücken zu kehren und in die triste Realität zurückzufinden.

Denn, wenn John Irving eines meisterlich versteht, ist es, den Leser in jenen bunten Kosmos schräger Figuren abtauchen zu lassen. Am Ende schlage ich das Buch zu und habe das Gefühl, Freunde, Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind, zurückzulassen.

Dieser Beitrag wurde gepostet in Bücher. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.