Joey Goebel – Vincent. Ein Nachklang

Joey Goebels Debut-Roman  Vincent aus dem Jahre 2004 zu besprechen, fällt mir schwer. Dabei vermag ich noch nicht einmal recht zu sagen, weshalb. Es mag daran liegen, dass sich meine Gefühle zum Roman im Verlaufe der vierhundert Seiten veränderten und ich mir unsicher bin, ob das an mir selbst oder am Buch lag. Denn, machen wir uns nichts vor, eine Buchbesprechung kann sich kaum von den Empfindungen des Rezensenten lösen – mögen diese nun mit dem Buch zu tun haben oder auch nicht.

Eines steht indes außer Frage: Joey Goebel verfolgt in diesem Buch ein Konzept. Dies tut er ausgesprochen konsequent. Seltsamerweise ist es eben diese Konsequenz, die den Leser mitunter überrascht.

 

Die Grundidee des Romans ist einfach, jedoch wirkungsvoll: Vincent, ein kleiner Junge aus dem amerikanischen Nirgendwo, Sohn einer Mutter, die ein politoxikomanes Flittchen ist, das bedauerlicherweise nie etwas von Verhütung gehört hat, gerät in die Fänge amerikanischer Medienmagnaten. Als Vincent sieben Jahre alt ist, unterschreibt seine Mutter einen Vertrag mit Harlan Eiffler, dem Erzähler des Romans. Harlan arbeitet für New Renaissance, eine Firma, die es sich zum Ziel gesetzt, das Niveau der amerikanischen Unterhaltungsbranche zu heben. Zu diesem Zwecke gedenkt das Unternehmen, die ultimative Idee umzusetzen: Künstler quälen. Denn, so versprechen sich die Manager von New Renaissance, nur leidende Künstler schaffen Werke für die Ewigkeit. Deshalb haben sie ein Internat gegründet, das die angehenden Künstler von Kindesbeinen an in ihrem Sinne indoktriniert.

So beginnen denn auch Vincents Karriere und Martyrium mit seiner Internatszeit: Sein Hund stirbt einen grausamen Tod, seine Mutter setzt sich ab, sein Geburtshaus sinkt in Schutt und Asche darnieder und jedes Mädchen, das gewillt wäre, Vincents Einsamkeit zu lindern, wird von Harlan bestochen und verschwindet auf Nimmerwiedersehen.

Für Vincent, der nichts von den Machenschaften in seinem Umfeld ahnt, ist Harlan Manager, Mentor und zugleich einzige Bezugsperson.

Gegen Ende von Vincents Pubertät scheint der Plan von New Renaissance aufzugehen: Vincents Produktivität nimmt, nicht zuletzt dank des anhaltenden Leidens, beständig zu. Seine außerordentlichen Werke – Lieder, Fernsehserien, Spielfilme – lassen sich bestens verkaufen und machen zahllose bedeutungslose Künstler weltberühmt. Schließlich ist es ein weiterer Eckpfeiler der New-Renaissance-Philosophie, dass der wahre Urheber der Werke im Hintergrund zu bleiben hat.

Dennoch haben sich die Leiter von New Renaissance verkalkuliert. Sie haben sich ein winziges, wenngleich maßgebliches Versäumnis zuschulden kommen lassen – die Berücksichtigung des Faktors Mensch.

 

Möglicherweise ist es die Abgebrühtheit, mit der Joey Goebel seinen Helden ins Verderben laufen lässt, die ich mitunter als kalt empfand und die mich bei Vincent zeitweise abschreckte. Nicht zwingend ist es notwendig, sich mit Romanfiguren zu identifizieren, unabdingbar ist für meinen Geschmack jedoch die Möglichkeit emotionaler Anteilnahme. Je mehr sich der Roman allerdings dann dem Finale nähert, desto stärker wird der Sog, den er auf den Leser ausübt. Joey Goebel baut eine subtile psychologische Spannung auf, der ich mich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr entziehen konnte. Zudem fühlte ich mich den Figuren gegen Ende der Geschichte näher.

Als inspirierend empfand ich, wie bereits angedeutet, Goebels Fähigkeit, in all seiner Beharrlichkeit und Konsequenz eine überraschende Wende herbeizuführen, die mich kurzzeitig an meiner eigenen Befähigung zum kritischen Hinterfragen während der Lektüre zweifeln ließ.

Alles in allem ist Joey Goebel mit Vincent ein erstaunliches Debut gelungen, in dem er zielsicher die Wirklichkeit des amerikanischen Medienbetriebs aufs Korn nimmt und implizit die so unbeliebte Frage nach Moral und Sinnhaftigkeit aufwirft.

Mich jedenfalls macht Vincent vor allem eins: neugierig auf mehr!

 

Elyseo da Silva

Köln, 22. Januar 2013

Dieser Beitrag wurde gepostet in Bücher. Setze ein Lesezeichen zum permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Elyseo da Silvas Debüt-Roman: Mosaik der verlorenen Zeit. Zur Website →
Hello. Add your message here.