Joey Goebel – Freaks. Ein Nachklang

Joey Goebels zweiter, 2003 erschienener Roman    Freaks  ist trotz seines geringen Umfangs (gerade mal 190 Seiten) ein wahres Lesevergnügen.

Goebel erzählt die Geschichte einer Gruppe schräger Außenseiter in einer Kleinstadt in Kentucky. Von der Auswahl der Figuren lebt denn auch die Geschichte, die mich ein ums andere Mal herzlich zum Lachen brachte.

Zuerst wäre da Opal, eine 80-jährige Frau, die die Nase gestrichen davon voll hat, dass ihre Nichten und ihr Therapeut sie in eine Irrenanstalt einweisen lassen wollen, und beschließt, auf ihre alten Tage all das nachzuholen, was sie in ihrer Jugend verpasst hat – auf kurze Schlagworte gebracht sind das: Sex, Drugs and Rock’n’Roll. Seit sie die 8-jährige Ember kennen gelernt hat, deren Eltern und Lehrer im Begriff stehen, die Geduld mit dem aufsässigen Mädchen zu verlieren, kümmert sie sich vorgeblich als Babysitterin um die Kleine. Ember hasst die Welt und ihr hinreißendes Äußeres bringt sie zur Weißglut, denn wenn sie eines nicht ist, dann süß.

Mit von der Partie ist auch Luster, ein junger Afroamerikaner, der ständig philosophische Selbstgespräche führt und sein Umfeld ebenso verachtet wie Ember dies tut. Seine Mitmenschen bezeichnet er als Humanoide, für Luster sind sie kaum mehr als verkleidete Affen. Er selbst stammt aus einem Elternhaus, in dem er zusammen mit seinen zwölf Brüdern lebt, die bezeichnenderweise alle den Namen Jerome tragen und mit Drogen dealen. Dennoch glaubt Luster an seinen großen Durchbruch als Rockstar.

Bleiben noch zwei weitere Figuren: einmal Aurora, eine an den Rollstuhl gefesselte Pfarrerstochter im Teenager-Alter, die bekennende Satanistin ist und deren gutes Aussehen den Männern ringsumher das Blut in die Körpermitte treibt – und schließlich Ray, ein Iraker, den alle für schwul halten, obschon er doch eigentlich nur auf der Suche nach dem Amerikaner ist, dem er im Golfkrieg in den Allerwertesten geschossen hat – was bliebe ihm auch, als den in Frage kommenden Amerikanern die Hose runterzuziehen und nachzusehen? Er will sich doch nur entschuldigen!

Diese Gruppe von Freunden wird im Ambiente einer amerikanischen Kleinstadt verständlicherweise mit einigem Argwohn betrachtet. Nichtsdestotrotz rückt der Traum vom großen Durchbruch näher, als die fünf nach wochenlangen Proben einen ersten Auftritt mit ihrer Pop-New-Wave-Heavy-Metal-Punk-Rock-Band haben sollen.

Sicherlich wurden in der Literatur bereits viele Geschichten über Außenseiter erzählt. Ein ausgesprochen kluger Schachzug, der Joey Goebels Roman indes von anderen Büchern abhebt, ist die Wahl der Perspektiven. Der Autor berichtet eben nicht nur aus der Sicht der schrägen Protagonisten, sondern stellt ihr immer wieder die Perspektive von Nebenfiguren gegenüber, die das Auftreten der Freaks aus ihrer ureigenen Sicht spiegeln. In dieser Brechung liegt ein Großteil der komischen Wirkung des Romans begründet.

Freaks ist ein Roman wider Gleichförmigkeit und Angepasstheit. Wie schwierig es ist, sich dem Zwang zur Konformität zu entziehen, wird im Laufe der Lektüre auf traurige Weise klar. Oft bleibt einem das Lachen im Halse stecken. Oder, um mit Lusters bezeichnenden Worten zu sprechen: „Es muß so sein, wie (der Polizist) sich das vorstellt. Er hat seine Meinung, und die Uniform macht daraus Wahrheit.“

 

Elyseo da Silva,

Köln, 21. Februar 2013

 

„Freaks“, Diogenes Verlag, 2007 (Taschenbuchausgabe, 9,90 €)

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