Jeffrey Eugenides – Middlesex. Ein Nachklang

Middlesex ist nicht nur die Geschichte einer Identitätsfindung im Zwischenraum der Geschlechter, nein, vielmehr erschafft Jeffrey Eugenides das Panoptikum einer dem Untergang geweihten Welt. Es handelt sich um die Welt der Flüchtlinge und Immigranten, die den schmalen Grat zwischen Anpassung und Wahrung der Traditionen in der Fremde zu beschreiten haben – ein Balanceakt, der im Melting-Pot der Vereinigten Staaten letzten Endes nur Verlierer zu kennen scheint.

Die Geschichte beginnt mit einer ungewöhnlichen Liebesbeziehung zwischen Bruder und Schwester – Lefty und Desdemonia – in einem abgelegenen, seinerzeit noch griechischen Dorf in der Nähe von Bursa.

Hätte nicht just zur selben Zeit die türkische Eroberung Bursas stattgefunden, so wäre, legt die Erzählung nahe, vermutlich nie etwas Außergewöhnliches geschehen. Die Eroberung allerdings findet statt und ihretwegen sind Lefty und Desdemonia gezwungen zu fliehen. Lefty, der seit Jahr und Tag in seine Schwester verliebt ist, nutzt die Gelegenheit, ihr das Versprechen abzuringen, ihn zu heiraten, so sie heil aus der Sache entkämen – die Chancen dafür stehen in diesem Augenblick gelinde gesagt schlecht.

Nichtsdestoweniger finden die beiden sich wenig später auf einem Schiff nach New York wieder und lassen ihre geschwisterliche Vergangenheit hinter sich, um sich als Liebespaar neu zu erfinden.

Dieses erste Motiv soll für den Rest des Buches der Grund für Desdemonas unbesiegbare Schuldgefühle bleiben. So einfach ist es offenbar nicht, wie sich von Generation zu Generation bestätigen wird, gegen grundlegende Tabus des gesellschaftlichen Konsens zu verstoßen.

Die beiden landen schlussendlich in Chicago und bauen sich dort eine neue Existenz auf. Sie bekommen zwei Kinder, deren erstes, Milton, Vater der späteren Hauptfigur Cal sein wird.

Erst Cals Geschichte jedoch vermochte mich wirklich zu fesseln. Ein Grund dafür ist, dass Cal von Anfang an immer wieder als kommentierender Erzähler eingreift und die Geschichte dergestalt in einen Rahmen bettet – dieser Rahmen aber ist mir persönlich zu schwach motiviert. Über hunderte von Seiten erzählt Eugenides die Geschichte zweier Generationen zur Vorbereitung einer Mutation des 5α-Reduktase-Gens, der die Hauptfigur später zu dem machen wird, was sie ist – ein Hermaphrodit, Mensch zwischen zwei Geschlechtern.

Das macht die Geschichte nicht schlecht, aber für mich persönlich bringt diese schwache Handlungsbegründung eine Disharmonie in den Roman. Die Einbettung in die Rahmenhandlung wirkt willkürlich, der Rückbezug allzu oft gesetzt.

Dennoch ist Eugenides Middlesex zugleich als Streifzug durch die entscheidenden Ereignisse der amerikanischen Geschichte des 20. Jahrhunderts lesbar. Vom Boom der Automobilindustrie in den 20-er Jahren über die Prohibitionszeit, die diversen Kriege bis hin zur Flower-Power-Bewegung und schließlich der Ölkrise finden sich alle bedeutsamen Ereignisse im Roman wieder.

All dies historische Geschehen beschreibt Eugenides vor dem durchaus interessanten Hintergrund der Erfahrungen einer Einwandererfamilie, die stets zwischen Assimilation und Wahrung der eigenen Tradition schwankt. Dieser Konflikt verlagert sich allerdings von einem anfänglich innerfigürlichen hin zu einem Konflikt zwischen den Generationen – als Sinnbild hierfür dienen Miltons Griechisch-Kenntnisse; Cal, so darf vermutet werden, spricht kein Griechisch mehr.

Ausgesprochen einfühlsam erzählt der Roman schließlich Cals, ursprünglich Calliopes, Coming-of-Age-Geschichte, auf der der eigentliche Fokus liegt. Dieses Wandeln zwischen mehreren Welten (und ich sage bewusst nicht zwei, da wohl jeder Pubertierende auch ohne Cals spezifische Problematik zwischen zwei Welten wandelt) offenbart eine tiefe Traurigkeit. Der Leser leidet mit und fürchtet um Cal(liope). Ein ums andere Mal wünschte er, ihr/ ihm von den Bürden abnehmen zu können, die das Leben zu tragen ihr/ ihm auferlegt hat. Nur Bruchteile von Cals Entwicklung fallen aus dem Rahmen dessen, was die allermeisten wohl selbst in ihrem Heranwachsen durchlebt haben. Dies ist es, was – jenseits aller Klischees – ein Verständnis für die Hauptfigur erst ermöglicht.

Letzten Endes, so die versöhnliche Botschaft, findet Cal einen Platz in dieser Welt. Das verheißt Hoffnung für alle, die sich selbst als singulär oder andersartig wahrnehmen. Es lohnt sich, den Kampf wider eine gesellschaftlich vorgegebene Normalität aufzunehmen!

Eugenides - Middlesex

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